Und wovon lassen Sie sich im Home Office ablenken?

Arbeiten im Home Office

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Arbeiten in den eigenen vier Wänden? Für viele ein verlockender Gedanke. Drei Arbeitnehmer erzählen - über den großen Segen und den kleinen Fluch der Heimarbeit.

„Aus dem Home Office habe ich eine andere Perspektive“

Claudia Ritter, 42, Grafikerin bei KOMSA, einem Großhändler für IT- und Telekommunikationsprodukte in Sachsen

„Immer wenn ich vom Festland aus auf die Insel Rügen fahre, atme ich durch. Dort lebe und arbeite ich als Grafikerin im Home Office und das schon seit vier Jahren. Ich habe einen Schreibtisch, einen Rechner, zwei Bildschirme, ein Handy und ein Festnetz und erstelle Firmenauftritte und Logos, betreue grafisch aber auch das Corporate Design, Veranstaltungen und Events unserer Firma. Ab 8 Uhr morgens bin ich erreichbar, mittags gehe ich meistens mit dem Hund raus, gegen 18 Uhr ist Feierabend – in Hochzeiten geht’s auch mal länger. Für mich ist das ein optimales Arbeiten, aber es braucht das Selbstvertrauen, es auch wirklich so anzunehmen: ohne den ständigen direkten Austausch mit Kollegen, ohne Meetings, Besprechungen und die sonst üblichen Rückmeldungen. Das Prinzip Home Office habe ich schon vor vielen Jahren in anderen Städten gelebt. Anfangs hatte ich die Sorge, dass ich in der Firma nicht mithalten kann, wenn ich nicht vor Ort bin. Dass mir das Fach- und Firmenwissen abhanden kommt und ich immer weniger Teil des Unternehmens bin.

Aber mit den Jahren wuchs das Selbstvertrauen. Ich sehe, welche Leistungen ich für das Unternehmen bringe, bin effektiv, motiviert und wachse seit 18 Jahren an meinen Aufgaben. So lange arbeite ich schon für meinen Arbeitgeber – und das gern. In den Anfangsjahren arbeitete ich direkt am Firmensitz. Das war im Nachgang betrachtet wichtig. Dadurch kenne ich die Strukturen, die Abläufe, Gesichter und Charaktere. Ganz ohne direkten Austausch bin ich aber auch in meiner jetzigen Situation nicht. Einmal im Monat komme ich für jeweils eine Woche ins Unternehmen nach Hartmannsdorf. Dort wird mir oft gespiegelt, was es für das Team bringt, wenn jemand einen anderen Blick auf die Dinge wirft. Wenn man nicht Teil der Gruppendynamik geworden ist, jeder schon ganz tief im Projekt und in der ständigen Taktung eines Großraumbüros steckt. Die Entscheidung, im Home Office auf Rügen zu arbeiten, kam zustande, weil mein Freund auf der Insel einen Job gefunden hat. Ich lebte mitten in der Großstadt, und plötzlich kam ich auf eine wunderschöne Urlaubsinsel mit Bewohnern, die eine ganz andere Zeitrechnung haben. Das war ein neues Leben. Ganz anders als in der Stadt, wo es auch toll ist, ich aber ständig vielen Einflüssen ausgesetzt bin. Auf der Insel habe ich nun ganz anderen Raum, eigene Ideen zu entwickeln.

Es ist nicht so: einmal Home Office, alles gut. Das Unternehmen hat große Erwartungen an mich. Erbringe ich gute Leistungen? Fühle ich mich wohl so fern vom Austausch? Ich muss mich das auch immer selbst fragen, als Mensch ist man ja kein unveränderlicher Stein. Im Gespräch mit meinen Leitern und Kollegen erkenne ich meistens sehr gut, wenn es irgendwo hakt. Darüber sprechen wir dann. Ich verstehe, dass ein Unternehmen diese Rückmeldungen braucht – und finde gut, dass meine Firma hier viel Energie reinlegt. Sie müssen schließlich wissen, dass ich mich nicht schon längst innerlich verabschiedet habe oder ob ich Unstimmigkeiten mit mir herumtrage. Und legen parallel auch Wert darauf, mich in dem zu bestätigen, was ich tue. Solche Gespräche sind für beide Seiten sehr wichtig. Sie schaffen ganz viel Vertrauen.“

Claudia Ritter arbeitet seit vier Jahren aus dem Home Office von Rügen für ein Unternehmen in Sachsen.
© Privat

Seit vier Jahren arbeitet Claudia Ritter im Home Office auf Rügen.

Claudia Ritter

Drei Fragen zum Home Office

Was ist die größte Herausforderung? Zu erkennen, ob man sich disziplinieren kann und ob man es schafft, sein Firmen- und Fachwissen immer auf den aktuellsten Stand zu bringen.

Wie gehen Sie mit Ablenkung um? Diesen Impuls empfinde ich so gar nicht. Sicher, wer jedes Mal, wenn er nicht weiterkommt, den Impuls hat staubzusaugen oder an den Strand zu gehen, schafft nicht viel. Das ist aber kein Unterschied zum Großraumbüro in der Firmenzentrale. Dort fangen die Kollegen auch nicht das Stricken an, wenn ihnen mal die Ideen fehlen. Mir reicht es, bei Blockaden einen Kaffee zu kochen, mal kurz aus dem Fenster zu schauen oder an einer anderen Sache weiterzuarbeiten.

Welchen Rat geben Sie? Zunächst: Im Grunde spielt es keine Rolle, wo man arbeitet, denn das Wichtigste, was man dazu braucht, trägt man bei sich: seinen Kopf. Home Office kann eine sehr gute Lösung sein, am besten, man bespricht mit seinem Arbeitgeber, es zunächst einmal nur auszuprobieren. Es gibt verschiedene Gründe, sich ein Home Office zu wünschen: Man muss sich um Kinder oder Angehörige kümmern, ändert seinen Wohnort, oder man möchte eine andere berufliche Perspektive einnehmen. Ein gemeinsames Gespräch klärt vielleicht sogar, ob das Home Office nur eine Übergangslösung ist. Oder eben dauerhaft optimal für beide Seiten.

„Geht es um konzentriertes Arbeiten, bin ich im Home Office effizienter“

Stefan Vollmer, 40, IT-Mitarbeiter bei Hansgrohe, einem Hersteller sanitärtechnischer Produkte in Baden-Württemberg

Vor zwei Jahren kam mein Sohn zur Welt, und da war mir klar: Ich möchte mindestens einen Tag die Woche von zu Hause aus arbeiten. Meine Firma liegt 65 Kilometer entfernt von meinem Wohnort, und ich brauche über eine Stunde von Tür zu Tür. Morgens würde ich mein Kind nie sehen, wenn ich nicht einmal die Woche später als um fünf Uhr früh aufstehen würde. Ich bin Technischer Consultant bei Hansgrohe und betreue dort das Produktinformationsmanagement-System. Das ist ein toller Job, und ich arbeite schon seit 20 Jahren in dem Unternehmen. Innerhalb unseres Teams dürfen wir uns donnerstags und freitags aussuchen, ob wir in der Firma oder zu Hause arbeiten wollen. Das war nicht immer so, und ich finde, das ist eine sehr gute Lösung, um Familie, Beruf und einen entfernteren Wohnort unter einen Hut zu bekommen.

Jeden Donnerstag schaue ich von meinem Büro auf dem Dachboden meines Hauses auf den Schwarzwald. Manchmal sehe ich die schneebedeckten Berge. Ich blicke in die Ferne und komme dabei schneller zur Ruhe als im Büro. Wenn es um konzentriertes Arbeiten, wie etwa an einem neuen Tool oder an einer Projektidee geht, bin ich hier effizienter als in der Firma, wo ich ständig wichtige Gespräche führe, Meetings besuche, kleinteilige Aufgaben erledige. Es herrscht immer eine gewisse Geräuschkulisse. Technisch fehlt mir zu Hause nichts. Ich habe eine flotte Internetverbindung, zwei Schreibtische, ein Notebook der Firma, über das ich auch telefonieren kann, und Zugang zum Intranet.

An meine Grenzen stoße ich nur, wenn ich am Home-Office-Tag mal eine größere Telefonkonferenz habe oder jemandem etwas ausführlicher erklären will. Das fällt mir im direkten Gespräch leichter. Ich sehe dann die Gestik und Mimik meines Gegenübers und erkenne schneller, ob er mich versteht. Auch die Gespräche mit meinen Kollegen, von denen viele inzwischen Freunde geworden sind, würden mir fehlen, wenn ich nur noch im Home-Office säße. Man bekommt einfach weniger mit.

Um in einem Home Office zu arbeiten, muss man sich organisieren können. Egal, ob man nur einmal die Woche oder jeden Tag zu Hause ist. Manche meiner Kollegen nutzen die Möglichkeit bewusst nicht. Sie sind einfach lieber in der Firma. Ich finde das völlig okay.

Von seinem Fenster im Home Office aus kann Stefan Vollmer den Schwarzwald sehen.
© Privat

Von seinem Fenster im Home Office aus kann Stefan Vollmer den Schwarzwald sehen.

Stefan Vollmer

Drei Fragen zum Home Office

Was ist die größte Herausforderung? Ein Bewusstsein für das Arbeitspensum zu entwickeln. Wenn ich die Arbeit unterbreche, weil ich mit meinem Sohn spielen will, muss ich sie abends fortsetzen. Sonst erreiche ich meine Jahresziele nicht und ich bin nicht aufrichtig meinem Vorgesetzten gegenüber, der mir ja auch Vertrauen entgegenbringt.

Wie gehen Sie mit Ablenkung um? Die hat man doch auch in der Firma. Auch da mache ich mal eine Pause, wenn ich nicht weiterkomme. Zu Hause räume ich dann eben die Spülmaschine aus. Das finde ich gar nicht schlimm. Ablenkung ist nicht nur schlecht, man kommt auch auf andere Gedanken. Es darf nur nicht überhandnehmen.

Welchen Rat geben Sie? Für den Home-Office-Tag sollte man sich unbedingt eine konkrete Aufgabe vornehmen. Nicht erst am Tag selbst nach Prioritäten suchen. Meistens arbeite ich dann so fokussiert, dass ich auch nicht gleich jede Mail beantworte. Das mache ich an meinen Bürotagen.

„Zu Hause arbeiten geht nur mit klaren Alltagsstrukturen“

Antje Schneider, 42, Personalrecruiterin beim Textil-Dienstleister MEWA im Vertrieb in Wiesbaden.

Bevor ich selbst im Home Office gearbeitet habe, war ich Teamleiterin bei MEWA. In der Funktion habe ich Mitarbeiter geschult, die von zu Hause aus arbeiten wollten, und lernte verschiedene Home-Office-Typen kennen: solche, die perfekt dafür gemacht waren, Chaoten, denen die Struktur fehlte, Pingelige, die alles ordentlich haben wollten. Schon damals konnte ich mir einen Überblick über die Vor- und Nachteile verschaffen. Seit eineinhalb Jahren arbeite ich nun fast ausschließlich von zu Hause aus. Wir leben bei Landshut in einer ländlichen Region, und so sehe ich meine 16-jährigen Zwillinge und meinen Mann, der im Schichtdienst arbeitet, viel mehr.

Heute rekrutiere ich von meinem Arbeitszimmer aus Personal für den Innen- und Außendienst des Unternehmens. Das Schwierigste ist, sich klare Strukturen im Alltag zu verschaffen und auszublenden, dass man daheim ist. Ich mache Frühstück für die Kinder, gehe mit dem Hund raus, danach arbeite ich. In der Zeit mache ich keine Wäsche, halte keinen Nachbarschaftsplausch, sonst schaffe ich mein Pensum nicht. Home Office passt zu mir. Gleichzeitig ist der Alltag wie ein zweischneidiges Schwert: Da ich in einer leistungsorientierten Vertriebsorganisation arbeite, vergesse ich zu Hochphasen auch schon mal, Pausen einzulegen.

Ich fühle mich nicht einsam. Wenn ich Personal rekrutiere, telefoniere ich viel, danach halte ich Videokonferenzen mit vielversprechenden Kandidaten. Täglich chatte ich auch mit anderen MEWA-Recruitern. Das ist wichtig, weil ich sonst nur allein im stillen Kämmerchen sitze und Erfolge oder Misserfolge mit niemandem teilen kann. Neulich hat ein toller Bewerber abgesagt und kurzerhand woanders unterschrieben. Auch wenn das eher selten passiert: Das frustriert mich.

Grundsätzlich halte ich Telefonate und Videokonferenzen mit Bewerbern für vorteilhafter als Gespräche von Angesicht zu Angesicht. Der Bewerber sitzt in seiner heimischen Komfortzone, vergisst irgendwann die Kamera und gibt sich authentischer. Manchmal höre ich, wie er einen Schluck Kaffee trinkt oder ein Kind zur Tür hereinkommt. Wie reagiert er? Wie gibt er sich? Das sagt viel über ihn aus. In meinem jetzigen Beruf muss ich mich sehr auf die Stimme verlassen. Und die täuscht mich auch mal. Eine angenehme Stimme passt manchmal partout nicht zum Äußeren des Kandidaten, zu dessen Gestik und Mimik.
Besonders stolz macht es mich, dass sich meine auditive Wahrnehmung so immens verbessert hat durch meine Tätigkeit. Ich habe keine Scheu vor jeglicher Art der Kommunikation. Auch nicht vorm Schlichten oder vor starken Emotionen. Uns Recruiter diskutiert keiner so schnell unter den Tisch.

Antje Schneider rekrutiert aus dem Home Office per Telefon und Videochat neue Mitarbeiter für die MEWA AG.
© Privat

Antje Schneider rekrutiert aus dem Home Office neue Mitarbeiter - per Telefon und Videochat.

Antje Schneider

Drei Fragen zum Home Office

Was ist die größte Herausforderung? Nicht immer zu denken, dass man zu wenig tut, nur weil man zu Hause ist. Das ist meistens ein Trugschluss. Home-Office-Mitarbeiter machen oft wesentlich mehr als Büroarbeiter.

Wie gehe ich mit Ablenkung um? Manchmal ist die sogar nötig. Sie schärft den Blick fürs Wesentliche, dennoch muss man Grenzen setzen. Wenn meine Tür zu ist, darf niemand reinkommen. Auch die Familie muss das respektieren.

Welchen Rat geben Sie? Der Raum, in dem man arbeitet, darf nicht die Abstellkammer oder der Keller sein. Man braucht sein Reich, in dem man sich wohlfühlt. Optimal sind zwei verschiedene Arbeitsplätze: ein privater und ein Firmenarbeitsplatz. Sonst bringen die Kinder Unterlagen durcheinander. Außerdem erkenne ich schneller, welches Telefon gerade klingelt.

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Esther Werderinghaus