Zukunftsstarter Christian Roth und sein Chef Matthias Tafelmeyer

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Die Initiative „Zukunftsstarter“ unterstützt junge Erwachsene dabei, einen Berufsabschluss nachzuholen. Einer von jenen, die diese zweite Chance genutzt haben, ist Christian Roth.

Was will der denn hier? Am ersten Tag in der Berufsschule Fürth werfen die Schüler sich fragende Blicke zu. Zwischen den Teenagern sitzt ein Mann, der deutlich älter ist. 31 Jahre alt, um genau zu sein. Christian Roth geht wieder zur Schule. Um Fertigungsmechaniker zu werden.

Vor zwei Jahren kannte er diesen Beruf nicht einmal. „Das ist mir in den Schoß gefallen“, sagt Roth trocken. Er hatte mitangepackt, als der Chef seiner Frau überraschend ein neues Firmenlager im fränkischen Roßtal einrichten musste, und sich dabei ausgesprochen geschickt angestellt. Und später, bei einer Tour mit dem Chef, zeigt sich, dass er auch mit sensiblen Geräten wie den Pflegebetten in Krankenhäusern umzugehen weiß.

Elkoba heißt die Firma dieses Chefs, sie handelt mit elektronischen Stromversorgungen für Klinikbetten, sie prüft und wartet diese Betten auch. Den Servicebereich will Elkoba ausbauen, dafür braucht Firmenboss Matthias Tafelmeyer handwerklich begabte Mitarbeiter. Deshalb nimmt er Roth probeweise mit auf die Tour: Tafelmeyer will sehen, wie der sich anstellt. Er ist angetan von dem „versierten Praktiker mit schneller Auffassungsgabe“ und denkt: Das könnte passen.

Dass Roth gerade arbeitslos ist, stört Tafelmeyer nicht. Was zählt ist die Ausbildung, die jetzt noch fehlt. „Er muss ein Gerät komplett zerlegen und wieder zusammensetzen können sowie seine Arbeit dem Kunden in Wort und Schrift dokumentieren können.“ Deshalb macht er Roth ein Angebot: zwei Jahre Umschulung, dann Übernahme. Roth schlägt sofort ein. Er weiß, das ist seine zweite Chance. Eine Lehre zum Schreiner hat er abgebrochen, in der Fabrik hat er sich zum Schichtführer hochgearbeitet, dann kommt die – unverschuldete – Kündigung. Noch mal von vorne anfangen? Das macht niemand gern, doch Roth sträubt sich nicht. Ziehen wir das durch?, fragt er seine Frau, und die nickt.

Matthias Tafelmeyer ist Geschäftsführer von Elkopa.
© Simeon Johnke

Matthias Tafelmeyer: „Christian Roth hat mich durch seine Leistung überzeugt und ich sehe, dass er verpasste Chancen aufholen will.“

Die etwas anderen Auszubildenden

Arbeitgeber und Auszubildende profitieren enorm davon, wenn Leute wie Christian Roth es noch einmal versuchen. 1,5 Millionen Menschen zwischen 25- und 35 Jahren gibt es in Deutschland, die keinen formellen Berufsabschluss in ihrem angestrebten Metier haben. Dabei wächst der Bedarf an qualifizierten Fachkräften in Zeiten von globalisierten Märkten und technologischem Fortschritt. Die Bundesagentur für Arbeit sensibilisiert Arbeitgeber deshalb für die etwas anderen Auszubildenden. Für Menschen, die eine zweite Ausbildung angehen wollen, weil es keine Perspektiven mehr gibt in ihrem alten Beruf. Und für Menschen, die jahrelang nur gejobbt haben, weil sie schon früh eine Familie ernähren mussten. In vielen Biografien lässt sich erkennen: Die können auch anders – nämlich viel besser.

Die Voraussetzungen sind bald erfüllt. In den vergangenen drei Jahren haben 100.000 junge Erwachsene ab 25 Jahren mit Hilfe der BA im Rahmen der Initiative „Zukunftsstarter“ ihren ersten Berufsabschluss in Angriff genommen. „Weg von der Bestenauslese, hin zur Geeignetensuche“, diesen Ansatz hätten viele Arbeitgeber als besten Weg zur Rekrutierung von Fachkräften entdeckt, sagt Peter Clever, Vorsitzender des BA-Verwaltungsrats. Es gebe viele junge Erwachsene, „die ihre neue Chance anpacken und nicht zuletzt aus dieser Motivation und Überzeugung heraus für eine Tätigkeit die Idealbesetzung sind.“

In den kommenden vier Jahren sollen weitere 120.000 junge Erwachsene auf den Weg zum Berufsabschluss gesschickt werden. Menschen wie Christian Roth.

Sein künftiger Chef spricht mit der IHK Nürnberg und der Arbeitsagentur Fürth: Wie kriegen wir das hin? Die Initiative Zukunftsstarter passt perfekt. „Während der zweijährigen Umschulung zum Fertigungsmechaniker wird die praktische Kompetenz mit Theorie untermauert“, sagt Tafelmeyer. Zudem könne Roth über Ausbildungspartnerschaften in andere Betriebe hinein schauen und so seinen Horizont erweitern.

Christian Roth findet das gut, schließlich hatte er sich selbst schon nach Möglichkeiten für eine Umschulung erkundigt. So setzt er sich schließlich mit Matthias Tafelmeyer an einen Tisch. Der Deal: Roth wird für rund 60 Prozent der Arbeitszeit für die Berufsschule und die Ausbildung bei den Verbundpartnern freigestellt. Im Gegenzug muss er mit einem verminderten Gesellengehalt klar kommen – zugleich hilft und unterstützt die Arbeitsagentur Fürth.

Das Programm „Zukunftsstarter“ vermittelt Grundkompetenzen und fördert sprachliche oder mathmatische Fähigkeiten. Neuerdings erhalten Auszubildende Prämien für ihr Durchhaltevermögen und für erfolgreiche Zwischen- und Abschlussprüfungen.

„Das mit dem Fertigungsmechaniker ist mir geradezu in den Schoß gefallen – genau die Art von Arbeit, in der ich mein handwerkliches Geschick einbringen kann“, sagt Christian Roth.
© Simeon Johnke

„Das mit dem Fertigungsmechaniker ist mir geradezu in den Schoß gefallen – genau die Art von Arbeit, in der ich mein handwerkliches Geschick einbringen kann“, sagt Christian Roth.

Nach der Arbeit wird gebüffelt

Bei Christian Roth steht demnächst die Zwischenprüfung an. Im ersten Zeugnis hatte er einen „Dreier-Schnitt, und darüber war ich schon froh“. Mittlerweile hat er seine Anlaufschwierigkeiten überwunden, eine Zwei soll es jetzt werden. „Noten darf man nicht überbewerten“, sagt sein Chef und ergänzt: „Ich bin sicher, der nutzt seine Chance.“

Am handwerklichen Geschick mangelt es ohnehin nicht. Tafelmeyer freut sich darüber, dass sein Umschüler jetzt nebenbei auch wirtschaftliches Denken und Handeln lernt. Sogar seine Rechtschreibung verbessere sich erkennbar. „Auf so etwas achten die Kunden“, sagt Tafelmeyer. „Und die müssen für ordentliche Arbeit auch ordentliche Berichte und Dokumentationen erhalten.“

Also hängt Roth sich rein. Abends setzt er sich an den Küchentisch, um Stoff zu pauken. Was Haushalt und Familie angeht, hält ihm seine Frau den Rücken frei, „mit einem Lächeln im Gesicht, wenn ich wieder mal lernen muss“. Dabei muss die Familie, zu der auch der siebenjährige Andre zählt, sich noch bis zum nächsten Sommer finanziell einschränken. „Natürlich fordert es von einem 32-Jährigen Geduld und Durchhaltevermögen, wenn er neben einem 16-Jährigen auf der Schulbank sitzt“, sagt Detlef Scheele, BA-Vorstand Arbeitsmarkt. „Aber es lohnt sich.“ Auch finanziell: Bezogen auf das Lebenseinkommen beträgt der Unterschied mit und ohne Ausbildung rund 300.000 Euro. Das entspricht dem Wert eines Einfamilienhauses.

Roth freut sich bereits darauf, vom nächsten Sommer an für Elkoba Pflegebetten zwischen Schongau und Harz zu warten, zu prüfen und zu reparieren. „Das macht einfach Spaß“, sagt er. „Die Arbeit ist abwechslungsreich und steckt ständig voller neuer Herausforderungen.“ Genau diese Einstellung mag sein Chef. Auch Matthias Tafelmeyer will seinen Umschüler so bald wie möglich einsetzen: „Ich habe in der Zukunft noch einiges mit ihm vor.“

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Michael Prellberg