Einzelbüro oder Großraumlösung

Groß­raum­bü­ros

Zu mir oder zu uns?

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Einzelbüros oder Großraumlösung? Diese Frage stellt sich Unternehmern spätestens dann, wenn ein Umzug in neue Räumlich­keiten ansteht. Zwei Unternehmer berichten über ihre Erfahrungen.

Pro Einzelbüro: Stefan Rizor, Osborne Clarke

Ein eigenes, schönes ­Arbeitszimmer ist Ausdruck der Wertschätzung des Unternehmens gegenüber seinem Mit­arbeiter. Er soll sich wohlfühlen und konzentrieren können – und nicht den sozialen Zwängen eines Großraum­büros ausgesetzt sein. Das klassische Einzelbüro ist in vielen Punkten überlegen, deshalb haben wir uns 2001, als wir unsere Räume hier in Köln ­bezogen, für Einzelbüros für Anwälte und Steuerberater, für Doppelbüros für die Mitarbeiter entschieden. Und das, obwohl unser Mutterhaus in England auf Großraumbüros setzt.

Alle Zimmer sind gleich groß, messen 14 Quadratmeter beim Einzelplatz und 25 Quadratmeter im Zweierzimmer, ausnahmslos. Wir zeigen so jedem Anwalt, dass er wichtig ist für den Erfolg unserer Kanzlei, vom Junganwalt bis zum Senior Partner. Und gleichzeitig blenden wir die Hierarchie aus, wenn es um die Raumverteilung geht. Das erleichtert Umzüge im Haus, ­und wir können unsere Mitarbeiter so gruppieren, dass Anwälte eines Rechtsgebietes zusammensitzen. Damit der Gesprächsfluss im Team gefördert wird, haben wir eine „Politik der offenen Tür“ zur Regel ­gemacht – außer man möchte ungestört telefonieren, empfängt Mandanten oder liest Akten.

„Das klassische ­Einzelbüro ist dem Großraum in vielen Punkten überlegen.“

Stefan Rizor, Senior Partner bei Osborne Clarke Köln
Stefan Rizor, 54, Senior Partner bei Osborne Clarke am Standort Köln.
© PR

Stefan Rizor

Von den Verfechtern neuer Bürostrukturen werden immer drei Argumente für das Großraumbüro genannt: Es sei günstiger, weil der Raum effektiver genutzt werde, die Kommunikation werde gefördert, und ein gemeinsamer Raum schaffe Gemeinschaft. Daran glaube ich nicht. Günstiger ist das Modell Großraum nur auf den ersten Blick. Auch wenn sich vielleicht Raumkosten sparen lassen, geschieht dies oft auf Kosten der Motivation der Mitarbeiter. Die Kommunikation verschlechtert sich in Wahrheit: Wenn Mitarbeiter unterschiedlicher Hierarchiestufen in einem Raum zusammensitzen, wächst die wechselseitige Rücksichtnahme. Niemand möchte seinen Chef stören, und niemand wird es wagen, im ­Beisein des Vorgesetzten dessen Strategien infrage zu stellen oder über ­alternative Lösungen zu diskutieren. Die Folge: Es werden deutlich mehr Mails geschrieben, weniger offen geredet. Und wie sieht es mit der bes­seren Gemeinschaft aus? Durch ein Großraumbüro schaffe ich zunächst einmal mehr Kontrolle. Wir aber ­wünschen uns eigenmotivierte Mit­arbeiter, die wissen, was sie wollen, und die keine Aufpasser brauchen.

Pro Großraum: Alexander Wirth, TSCNET Services

Großraumbüro klingt zunächst einmal nach Platzsparen. Das aber war nicht unsere Intention – und ich glaube auch nicht, dass ein Unternehmen ­Erfolg hat, wenn es möglichst viele Mitarbeiter auf kleinem Raum zusammenpfercht. Wir wollen den Platz, den wir haben, effektiv nutzen. Deshalb haben wir uns für eine Open Business Lounge entschieden: Flächen für offenes Zusammensitzen, Besprechungsräume und Zimmer für die Abgeschiedenheit, sogenannte Thinktanks. Dort kann man zum Beispiel ungestört telefonieren. Im Mittelpunkt steht also die Idee, unsere Bürofläche zweckorientiert zu nutzen.

Dass es keine festen Arbeitsplätze mehr gibt, hat einen entscheidenden Vorteil: Wir verhindern leer stehende Räume, und so hat insgesamt jeder Mitarbeiter mehr Platz. Ich selbst zum Beispiel bin den halben Arbeitstag unterwegs oder sitze in Meetings. Wozu brauche ich da ein eigenes Büro? ­Zum Repräsentieren? Das wäre doch ­meinen Mitarbeitern gegenüber nicht fair. Also komme auch ich als Geschäftsführer ins Büro und suche mir jeden Tag meinen Arbeitsplatz.

„Die offene Bürostruktur schafft mehr Transparenz und Kommunikation.“

Alexander Wirth, Geschäfts­führer TSCNET Services
Alexander Wirth
© PR

Alexander Wirth

Wer eine solch offene Bürostruktur schafft, muss auf die Rückzugsmöglichkeiten für die Angestellten achten. Neben den Thinktanks bieten wir unseren Mitarbeitern deshalb auch die Möglichkeit, von zu Hause arbeiten zu können, wenn sie Ruhe brauchen. Aber das nutzen wenige Mitarbeiter – was uns wiederum zeigt, dass unser Bürokonzept gut ­angenommen wird und unsere Angestellten darin offenbar einen Mehrwert sehen. Insgesamt schafft die offene Bürostruktur mehr Transparenz und Kommunikation – und wir ­kommen dem papierlosen Büro einen großen Schritt näher: Dadurch, dass niemand von uns einen eigenen Schreibtisch besitzt, haben wir keinen Raum, um Papier anzuhäufen. Wichtige Dokumente werden digitalisiert, unwichtige landen im Müll.

Ein Büro ohne feste Arbeitsplätze braucht allerdings eine darauf angepasste Unternehmenskultur. Unsere Mitarbeiter haben zehn Punkte erarbeitet, die das Zusammenarbeiten ­erleichtern: Telefonate dort führen, wo niemand gestört wird, den Schreibtisch jeden Abend aufräumen und aus hygienischen Gründen nicht am Arbeitsplatz essen, zum Beispiel. Und das Wichtigste: reden, wenn es Konflikte gibt.

Die Unternehmen

Osborne Clarke

Die Kanzlei Osborne Clarke am Standort Köln ist auf Wirtschafts- und Steuerrecht spezialisiert. Weltweit arbeiten mehr als 800 Berater aus 19 Büros, in Deutschland 133 Berater aus Büros in Berlin, Hamburg, Köln und München.

TSCNET Services

Das Büro von TSCNET Services, einem Dienstleister für Europas Stromübertragungsnetzbetreiber, bietet 31 Mitarbeitern Platz, davon arbeiten sieben abwechselnd rund um die Uhr und zwei in Teilzeit.

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Ich brauche zum Arbeiten die Ruhe, die mir nur ein Einzelbüro bieten kann.
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Gute Kommunikation und Transparenz erreicht man in einem Großraumbüro.

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aktualisiert am 20. Juni 2016
Matthias Thiele
Titelfoto: © Thomas Kappes