Flexible Arbeitsgestaltung bei der Wieland-Gruppe: Wenn viel zu tun ist, macht die Belegschaft Überstunden, wenn wenig los ist, bummelt sie ab. Als Dank können Mitarbeitende früher in den Ruhestand gehen oder eine lange Auszeit nehmen.

Fall­stu­die Ar­beits­zeit­kon­ten

Ein Kon­to vol­ler Zeit

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Die Ulmer Wieland-Gruppe bietet ihren Beschäftigten schon seit 1993 Lebensarbeitszeitkonten an und gehört damit zu den Pionieren in Deutschland. Ebenfalls im Angebot sind flexible Arbeitszeiten und zahlreiche Teilzeitmodelle.

Viel zu tun gibt es derzeit für die Ulmer Wieland-Gruppe. Das Metall verarbeitende Unternehmen verzeichnete in den ersten sechs Monaten dieses Jahres ein deutliches Auftragsplus gegenüber dem Vorjahr. Das bedeutet Produktion im Dreischichtbetrieb und lange Arbeitstage auch in der Verwaltung. Doch die Mehrarbeit kommt vielen der Beschäftigten gerade recht. Denn bei Wieland verfallen Überstunden nicht am Monatsende, sondern fließen auf persönliche Zeitkonten, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für längere Auszeiten nutzen können.

Seit 1993 bietet die Wieland-Gruppe ihren rund 3.600 Tarifmitarbeiterinnen und -mitarbeitern ein ausgeklügeltes Lebensarbeitszeitmodell an. „Wir sind ein Schwermetallbetrieb mit harter körperlicher Arbeit“, sagt Christine Schossig, Leiterin der Personalentwicklung bei Wieland. „Deshalb sollten die Beschäftigten die Möglichkeit zum vorzeitigen Ruhestand oder zu längeren Pausen vom Berufsalltag erhalten.“ Etwa für eine lange Reise, eine außerbetriebliche Fortbildung oder den Bau eines Eigenheims.

Die Akzeptanz im Betrieb ist hoch. Inzwischen sammeln 75 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Überstunden auf einem Langzeitkonto. Auch Sergej Majer. In der großen Werkshalle neben der Wieland-Hauptverwaltung schneidet der 41-jährige Produktionsmitarbeiter Kupferrohre zu und füllt sein Zeitkonto durch Extraeinsatz. „Bisher habe ich 160 Stunden angespart“, berichtet Majer. Das entspricht mehr als einem Monat bezahlten Urlaubs, reicht aber noch nicht ganz aus, um mit dem geplanten Hausbau zu beginnen.

„Wir sind ein Schwermetallbetrieb mit harter körperlicher Arbeit. Deshalb sollten die Beschäftigten die Möglichkeit zu längeren Pausen vom Berufsalltag erhalten.“

Christine Schossig, Leiterin Personalentwicklung

Ausgetüftelt wurde das Lebensarbeitszeitmodell in enger Zusammenarbeit von Firmenleitung und Arbeitnehmervertretung. Der Betriebsratsvorsitzende Ludwig Daikeler war schon bei den Verhandlungen dabei und überwacht seither die Umsetzung. Er hatte die Langzeitkonten von Anfang an befürwortet. „Aber dass es so gut funktioniert, hätte bei der Einführung niemand gedacht“, sagt er. Insgesamt 600 längere Freistellungen gab es bei Wieland in den vergangenen 18 Jahren. Daikeler selbst nahm sich 2008 acht Wochen frei, um mit dem Fahrrad 2.600 Kilometer zum Wallfahrtsort Santiago de Compostela zu radeln.

An das Wohl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu denken hat Tradition bei Wieland. „Schon vor 150 Jahren veranstaltete Philipp Jakob Wieland einen Arbeiterball“, berichtet Schossig. Das seit bald zwanzig Jahren existierende Modell des Langzeitkontos bietet den Beschäftigten Gestaltungsraum, aber auch dem Unternehmen handfeste wirtschaftliche Vorteile. Denn weil sich Wieland den Zugriff auf einen Teil der angesammelten Überstunden vorbehält (siehe Kasten S. 14), können Auftragsschwankungen leichter abgefedert werden: „Wenn für ein Werk einmal mehr oder weniger Aufträge vorliegen, können wir nach Rücksprache mit dem Betriebsrat die Arbeitszeit an die Beschäftigungslage anpassen und Zeitguthaben auf- oder abbauen“, berichtet Michael Renz, der bei Wieland für die Personalarbeit verantwortlich ist. Neben dem Einsatz von Kurzarbeit und ergebnisabhängiger Entlohnung half das betriebseigene Zeitmodell Wieland über die zurückliegende Wirtschaftskrise. „Trotz eines Auftragseinbruchs von zeitweise mehr als 40 Prozent mussten wir keine Entlassungen tätigen“, sagt Renz. Nennenswerte Mehrkosten verursacht die Führung der verschiedenen Zeitkonten Renz zufolge nicht. In vielen Unternehmen erhalten Tarifmitarbeiterinnen und -mitarbeiter monatlich eine Aufstellung ihrer Arbeitszeiten. Wieland erstellt darüber hinaus lediglich einen Überblick über die Zeitkonten. Der Personalaufwand habe sich ebenfalls nicht erhöht, beteuert Renz. Längere Freistellungszeiten einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden mit dem vorhandenen Personal abgedeckt. Dabei helfe eine langfristige Planung. „Organisatorisch ist es viel problematischer, wenn jemand ungeplant tageweise frei nimmt, als wenn er eine Langzeitfreistellung beantragt“, betont Renz.

Die Möglichkeit, längere, bezahlte Auszeiten nehmen zu können, erhöhe die Motivation der Mitarbeiter, berichtet die Personalentwicklerin Schossig. Das spiegle sich in der Fluktuationsrate wider, die pro Jahr nur zwischen zwei und drei Prozent betrage. Für eine verbesserte Balance zwischen Arbeit und Freizeit tragen jedoch nicht nur die Lebensarbeitszeitkonten bei, sondern auch flexible Arbeitszeiten. So gibt es statt einer Kernarbeitszeit eine so genannte Funktionsarbeitszeit: Die Beschäftigten in der Verwaltung können ihrer Tätigkeit zwischen sieben und 18 Uhr nachgehen. Zusätzlich bietet Wieland zahlreiche Teilzeitmodelle.

Allerdings hat die Wahlfreiheit ihre Grenzen. So arbeiten von den rund 2.600 gewerblichen Beschäftigten in den deutschen Produktionsstätten nur 36 in Teilzeit. Zum einen, weil das Interesse seitens der Beschäftigten gering ist. Zum anderen, weil aufgrund des Dreischichtbetriebs jeder Arbeitsplatz ohnehin schon dreifach besetzt und eine weitere Aufteilung organisatorisch schwer zu bewerkstelligen ist. In der Verwaltung ist das einfacher. Voraussetzung ist jedoch, dass die täglichen Arbeitszeiten mit Vorgesetzten und Kolleginnen und Kollegen abgestimmt werden, um Engpässe zu verhindern.

Die Personalentwicklerin Schossig praktiziert das selbst jeden Tag. Die Prokuristin hat eine 50-Prozent-Stelle, drei ihrer fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten ebenfalls in Teilzeit. Nötige Besprechungen hält Schossig vormittags ab. Müssen Aufgaben im Team bearbeitet werden, findet die Kommunikation häufig per E-Mail statt. „Das Büro muss immer besetzt sein, deshalb wechseln wir uns mit den freien Tagen ab“, berichtet Schossig. Die Sachbearbeiterin Azra Redzo unterstützt sie dabei: „Eigentlich bleibe ich freitags zu Hause, aber ein Tausch ist kein Problem“, sagt Redzo. Ihre zehnjährigen Zwillinge werden in einer Ganztagsschule betreut. In Notfällen springt die Oma ein.

Zahlen und Fakten

Wielands Zeitkonten

Von weltweit 6.300 Beschäftigten arbeiten 3.600 nach deutschem Tarif. Im Rahmen der Arbeitszeitmodelle können sie pro Arbeitstag bis zu 0,6 Stunden aufbauen. Darüber hinausgehende Mehrarbeit muss vom Vorgesetzten genehmigt werden.

Die Mitarbeitenden können entscheiden, ob die Mehrarbeit ausbezahlt oder auf einem Zeitkonto (Flexi-Konto) angespart werden soll. Hier können bis zu 150 Überstunden angesammelt werden. Erst wenn dieses Konto voll ist, fließen weitere Stunden auf ein Langzeitkonto. Hierauf haben nur die Mitarbeitenden selbst Zugriff. Sie können es für Auszeiten von mindestens acht Wochen nutzen. Auf das Flexi-Konto kann auch die Firma für kürzere Freistellungen zugreifen.

Auch Wieland-Ingenieur Markus Scheib bemüht sich um Flexibilität. Zwar hat der alleinerziehende Vater eines 12-jährigen Sohnes seine Arbeitszeit vor einem Jahr auf 80 Prozent reduziert. Doch je nach Bedarf arbeitet er in manchen Wochen voll und holt seine freien Nachmittage nach, wenn im Betrieb weniger los ist. „Ich habe früher Aufgaben übernommen, die ich mit 80 Prozent nicht hätte stemmen können“, sagt Scheib. Erst seitdem er den Aufgabenbereich wechselte, kann er seinen Sprössling häufiger nach der Schule bei den Hausaufgaben unterstützen.

„Wir kommen unseren Mitarbeitern bei den Arbeitszeiten soweit wie möglich entgegen“, fasst Renz, der Personalleiter, zusammen. „Aber die betrieblichen Belange dürfen dabei nicht zu kurz kommen.“ Den Aufwand für die Ausgestaltung der unterschiedlichen Teilzeitmodelle, für die Überprüfung der Anwesenheitszeiten sowie für die Berechnung der Urlaubsansprüche kalkuliert Wieland mit einer Vollzeitarbeitsstelle von etwa 30.000 Euro Jahresgehalt. Demgegenüber steht ein Nutzen, der laut Renz deutlich höher wiegt: „Unsere Mitarbeiter sind da, wenn wir sie brauchen.“

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Interview

„Arbeitszeitkonten liegen im Trend“

EUGEN SPITZNAGEL, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)
© Iris Friedrich

EUGEN SPITZNAGEL, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

Faktor-A: Flexible Beschäftigungsformen sind im Aufwind. Wer profitiert davon?

Eugen Spitznagel: Im besten Fall alle Beteiligten: Arbeitgeber, Mitarbeiter und die Wirtschaft insgesamt. Arbeitnehmer können die Arbeit an ihre jeweiligen Bedürfnisse und Lebensabschnitte anpassen, die Arbeitgeber stärken ihre Kundenorientierung und die deutsche Wirtschaft gewinnt an Wettbewerbskraft und sichert Arbeitsplätze.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Das hat die jüngste Wirtschaftskrise gezeigt. Kurzarbeit und andere Arbeitszeitmodelle haben geholfen, einen Großteil des konjunkturellen Schocks abzufedern und damit die Beschäftigung zu stabilisieren.

Kurzarbeit ist momentan nur noch ein Randphänomen. Welche Arbeitszeitmodelle sind derzeit gefragt?

Arbeitszeitkonten. Für rund die Hälfte aller Arbeitnehmer quer durch alle Branchen werden solche Konten geführt. Sie helfen, Arbeitszeiten zu erfassen und zu steuern, wenn die Anforderungen aus konjunkturellen oder saisonalen Gründen kurzfristig schwanken. Weitere interessante Beschäftigungsformen sind Zeitarbeit und Minijobs, und immer mehr Menschen haben Nebenjobs.

Dachdecker können schlecht im Home-Office arbeiten. Haben kleine Firmen generell weniger Möglichkeiten, flexible Modelle anzubieten?

Nein, im Gegenteil. Viele Kleinunternehmer sind extrem innovativ. Da der Chef seine Angestellten persönlich kennt, kann er besser auf ihre Bedürfnisse und Wünsche eingehen. Vieles läuft informell und weniger systematisch als in Großbetrieben.

Bei so viel Flexibilität drängt sich die Frage auf: Ist die 08/15-Vollzeitstelle ein Auslaufmodell?

Definitiv nicht. Aus demografischen Gründen sinkt das Arbeitskräfteangebot in Deutschland. Ich erwarte, dass es in der Zukunft sogar mehr Vollzeitstellen gibt als heute. Damit wird aber auch eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit einhergehen.

Wie das?

Der Trend geht in Richtung vollzeitnahe Beschäftigung. Schon heute würden viele Frauen in Teilzeit gern ihre Arbeitszeit aufstocken. Die Herausforderung besteht darin, dieses Potenzial zu heben, zum Beispiel mit noch mehr Telearbeit oder Vier-Tage-Wochen, Weiterbildung, besserer Kinderbetreuung und mehr Ganztagsschulen.

Führt der verstärkte Fachkräftemangel dazu, dass Beschäftigte künftig den Betrieben ihre Arbeitszeit diktieren können?

Sicher setzt der demografische Wandel die Unternehmen verstärkt unter Druck. Trotz Zuwanderung wird es langfristig nötig sein, auch hierzulande die Erwerbsbeteiligung weiter zu erhöhen. Mit flexiblen Beschäftigungsmodellen ist das möglich.

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Birga Teske