Für Autisten eignen sich Jobs gut, die etwas mit der Prüfung von Systemen und Logik zu tun haben.

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Als erstes deutsches Unternehmen beschäftigt die Software­firma Auticon ausschließlich Menschen mit Asperger-Syndrom. Gründer und Geschäftsführer Dirk Müller-Remus weiß als Vater eines autistischen Kindes, welche besonderen Fähigkeiten Menschen mit Asperger-Syndrom haben – und hatte die Idee, sie zu nutzen.

An die Sache mit den Rucksäcken kann Dirk Müller-Remus sich noch gut erinnern. Der Gründer der Softwarefirma Auticon wollte seinen Mitarbeitern eine Freude machen und schenkte ihnen schwarze, mit dem Firmenschriftzug bestickte Rucksäcke. „Normalerweise würde man erwarten, dass als Reaktion darauf etwas kommt wie ‚Toll, Dankeschön!‘“, sagt Dirk Müller-Remus und muss grinsen. „In dem Schriftzug ist ein Webfehler drin, der Reißverschluss schließt nicht richtig, sind total Schrott, die Dinger.“ Das sagten seine Mitarbeiter.

„Sie hatten ja recht“, sagt Müller-Remus, ein ausgeglichener Mann mit dunklen Haaren. Der 56-Jährige hat sich längst daran gewöhnt, dass seine Consultants, jeder von ihnen ein Autist mit dem Asperger-Syndrom, gnadenlos ehrlich sind. Er schätzt diese Eigenschaft. „Wir Nicht-Autisten haben es sonst häufig mit Leuten zu tun, die uns Dinge versprechen, die sie später nicht einhalten können“, sagt Müller-Remus. In der Zusammenarbeit mit Autisten passiere einem das nie.

Offenheit ist aber nicht der Hauptgrund, warum Müller-Remus im November 2011 die erste Firma in Deutschland gründete, die ausschließlich Autisten mit dem Asperger-Syndrom als Software-Tester einstellt. Seine Mitarbeiter haben noch viele andere Stärken, von denen das Unternehmen profitiert: Sie arbeiten sehr akribisch und konzentriert, können sich schnell in komplexe Sachverhalte einfinden und haben ein hohes analytisch-logisches Denkvermögen. Und manche von ihnen haben noch eine weitere faszinierende Fähigkeit: Wenn sie eine Zahlenreihe sehen, erkennen sie sofort das Muster und wissen auf einen Blick, wo der Fehler liegt. „Diese Mustererkennung ist das Einmalige“, sagt Müller-Remus. Sie ist das Alleinstellungsmerkmal seines Unternehmens, das Software, Speicherchips und Programmiercodes auf Funktionalität und Logik testet.

Autisten im Alltag untauglich? Von wegen!

2007 wurde bei seinem Sohn Autismus diagnostiziert und Müller-Remus fing an, sich genauer mit der Entwicklungsstörung zu beschäftigen. In welchem Spannungsfeld bewegte sich sein Sohn? Wie viele Asperger-Autisten hat auch Müller-Remus‘ Sohn Spezialinteressen, mit denen er 90 Prozent seiner Zeit verbringt. Er hat das absolute Gehör, ein totales Rhythmusgefühl und einen hohen IQ. Er liebt Musik und BMX-Fahrräder.  Für andere Dinge bleibt da wenig Raum. „Das führt zu einer kompletten Alltagsuntauglichkeit“, sagt Müller-Remus. Sein Sohn, 21 Jahre alt, hat kein Gefühl für Zeit und schafft es nicht, sich zu organisieren.

Es gab ein Schlüsselerlebnis, das Müller-Remus schließlich auf die Idee brachte, mit Autisten zusammenzuarbeiten: Er besuchte eine Selbsthilfegruppe, an der auch Angehörige teilnehmen konnten. 25 Autisten waren gekommen, alle zwischen Mitte und Ende zwanzig. Die meisten hatten Abitur und Studium, einen Beruf die wenigsten. Sie scheiterten am sozialen Verhalten. Er habe es „himmelschreiend ungerecht gefunden“, dass eine Gruppe von Menschen, die Wertvolles leistet, auf der Strecke bleibt, nur weil sie anders ist. Ein Unternehmen, das Autisten einstellt, das war fortan seine Idee.

Müller-Remus ist Reiseverkehrskaufmann und Wirtschaftsinformatiker, er hat lange bei Siemens als Softwareinformatiker gearbeitet, kennt sich mit den Themen Business-Reengeneering und Organisationsentwicklung aus. Er war Vorstandschef und später auch Geschäftsführer von unterschiedlichen Unternehmen, brachte also das nötige Wissen mit, um seine eigene Firma zu gründen.

Jobcoaches vermitteln zwischen Autisten und Kunden

In Dänemark stieß er auf das Unternehmen Specialisterne, das vor allem Asperger-Autisten beschäftigt. Die Idee, eine Filiale in Deutschland zu gründen, konnte Müller-Remus nicht umsetzen, unter anderem aus bürokratischen Gründen, wie er sagt. „Ich komme aus der freien Wirtschaft und bin eher so ein Typ, dem man einen Batzen Geld in die Hand gibt und ich mache was draus“, sagt er. Per Zufall bekam er Kontakt zum Social Venture Fund, der in soziale Unternehmen investiert. „Im Nachhinein war das mein großes Glück“, sagt Müller-Remus. Im November 2011 war es dann so weit: Der Social Venture Fund sicherte ihm ein Darlehen in Höhe von 500.000 Euro zu. Müller-Remus fing an, Kontakte mit der Agentur für Arbeit und dem Integrationsamt zu knüpfen und sprach erste Firmen an, ob sie an einer Zusammenarbeit interessiert seien. Er stellte IT-Manager ein und suchte Jobcoaches, die zwischen den Autisten und den Firmen, die Auticon beraten wollte, vermitteln sollten. So wollte Müller-Remus von Anfang an verhindern, dass die Consultants mit ihrem Verhalten anecken. Autisten sind tendenziell an Menschen nicht interessiert, sondern vor allem an Dingen. Häufig gibt es Kommunikationsprobleme, sie verstehen zum Beispiel keine Ironie und können nichts damit anfangen, wenn jemand im Konjunktiv mit ihnen spricht. „Wir akzeptieren ihre Schwächen und fokussieren uns ganz stark auf ihre Stärken“, sagt Müller-Remus.

Dann begann er mit dem Bewerbungsverfahren für die Autisten. Schon bald musste er feststellen, dass sein Rekrutierungssystem viel zu aufwendig war. Er hatte zunächst nach Leuten gesucht, bei denen er dachte, man könne sie später im IT-Bereich noch schulen. „Das war falsch, das klappt nicht“, weiß Müller-Remus inzwischen. Mittlerweile sucht er gezielt nach Bewerbern, die eine hohe Fachkompetenz haben und direkt einsetzbar sind. Sie sollen Programmiersprachen können, Betriebssysteme beherrschen und bereits mit Datenbanken gearbeitet haben. Und sie müssen zuverlässig, gewissenhaft und stressstabil sein.

Dirk Müller-Remus ist es wichtig, mit seinem Unternehmen wirtschaftlich zu arbeiten. Mittlerweile beschäftigt er 37 Menschen, 24 davon sind Autisten. Zu seinen Kunden gehören die Deutsche Telekom, Vodafone, die Deutsche Bahn, Infineon. Sie alle erwarten professionelle Leistung. Andere Software-Testing-Unternehmen sind ganz normale Konkurrenten.

Checklist

Asperger Syndrom

Autismus ist eine angeborene, tief greifende Entwicklungsstörung, die im Kindesalter beginnt und die Kommunikationsfähigkeit beeinträchtigt. Es werden vor allem drei Formen unterschieden: Atypischer Autismus, Frühkindlicher Autismus und das Asperger-Syndrom. Oft wird die Diagnose Asperger-Syndrom erst im Jugend- oder Erwachsenenalter gestellt. Beim Asperger-Autismus verfügen die Betroffenen in der Regel über eine normale Sprachentwicklung und hohe bis sehr hohe kognitive Fähigkeiten. Ihre Schwächen liegen in der sozialen Kommunikation. Small Talk und eine unruhige Arbeitsumgebung stellen für viele eine extreme Stresssituation dar. Aus diesen Gründen sind viele Menschen mit Asperger-Autismus arbeitslos oder haben große Schwierigkeiten im Berufsleben.

Drei Tipps, die Dirk Müller-Remus Unternehmern gibt, die Autisten einstellen möchten:

  • Die meisten Autisten haben ein oder mehrere Spezialinteressen. Um welche es sich handelt, sollte man unbedingt als Erstes herausfinden – und prüfen, ob dieses Interesse zu der Aufgabe passt, die der Bewerber in der Firma übernehmen soll.
  • Der Job, den man im Angebot hat, sollte etwas mit Qualitätssicherung, also mit der Prüfung von Systemen, und mit Logik zu tun haben. „Die Kombination Spezialinteresse mit Qualitätsmanagement ist immer gut“, so Müller-Remus.
  • Außerdem empfiehlt er die Zusammenarbeit mit einem Jobcoach. Ob dieser von außen dazu kommt oder in der Firma tätig ist, hängt vom Unternehmen selbst ab.

Kontakt vor allem per E-Mail

„Im ersten Jahr, 2012, habe ich vor allem Lernerfahrungen gesammelt“, sagt Müller-Remus. 2013 machte Auticon zum ersten Mal Umsatz. Zunächst, im Januar 2013, waren das zwar nur 1000 Euro – doch von da an ging es Schritt für Schritt bergauf. Für das Jahr 2014 erwartet Müller-Remus zum ersten Mal ein positives Ergebnis.

Diesen schnellen Erfolg kann er vor allem deshalb feiern, weil er sein Geschäftskonzept ständig verändert hat. Zum Beispiel entschloss sich der 56-Jährige schon kurz nach der Firmengründung, weitere Standorte in München und Düsseldorf zu eröffnen. Er hatte festgestellt, dass in Berlin zwar viele IT-Firmen sitzen, die Beratungsbedarf haben, es sich aber häufig um Start-ups handelt, die nur niedrige Stundensätze zahlen können. Davon hätte seine Firma auf die Dauer nicht über die Runden kommen können. Inzwischen gibt es Auticon in Düsseldorf, München, Nürnberg, Stuttgart, Hamburg, Berlin und Frankfurt. An jedem Standort gibt es Jobcoaches. Denn Müller-Remus weiß genau: Ohne sie funktioniert es nicht.

Jobcoach Christian Quincke, 53, arbeitet seit acht Monaten bei Auticon in Berlin und begreift sich als „Schnittstelle zwischen den Unternehmen, die Auticon berät, und den Autisten“. Er bereitet die Kunden auf die Zusammenarbeit mit den Consultants vor und hält später zu beiden Seiten Kontakt. Vor allem per Mail und über Skype – denn Autisten telefonieren nicht gerne.

„Wir akzeptieren ihre Schwächen und fokussieren uns ganz auf ihre Stärken“

Dirk Müller-Remus, Gründer Auticon GmbH

In diesem Angebot hat Martin Drucks, der seit einem Jahr als Software-Tester bei Auticon beschäftigt ist, schon Gebrauch gemacht. „Es gab mal die Situation, dass die Kunden ein größeres Feedback haben wollten und ich wusste nicht, wie man das schreibt“, erzählt der 45-Jährige, bei dem bereits als Kind eine Autismus-Diagnose gestellt wurde. Was ihm bei Auticon außerdem gefällt, ist die Zusammenarbeit mit den anderen Autisten. „Die Probleme, die es in anderen Firmen gab, tauchen hier nicht auf“, sagt er. Früher sei er häufig nicht verstanden worden.

Unentdeckte Fähigkeiten aufspüren

Für Jobcoach Christian Quincke war der Umgang mit den Autisten zunächst eine Umstellung. „Man muss lernen, sich in Gesprächen auf fachliche Dinge zu konzentrieren, was viel schwerer ist, als man so denkt“, sagt er. Mit Small Talk über das Wetter ernte man nur irritierte Blicke. Doch inzwischen hat Quincke sich daran gewöhnt und sucht sich immer ein bestimmtes Thema, über das er sprechen will – und legt ohne Umschweife los. „Auch wir Nicht-Autisten achten inzwischen sehr darauf, in Gesprächen bei der Sache zu bleiben. Das ist sehr effektiv“, sagt Dirk Müller-Remus. Trotzdem werde in der Firma auch gelacht. Die Zusammenarbeit zwischen Autisten und Nicht-Autisten laufe gut.

Die Talente, nach denen der Auticon-Chef sucht, sind selten. Gerade einmal 15 von 100 Menschen mit einem Asperger-Syndrom interessieren sich überhaupt für Computer und Software. Diese gilt es zu finden. Müller-Remus legt Wert darauf, dass jeder, der sich bei Auticon bewirbt, auch die Chance bekommt, sich vorzustellen. Zum einen möchte er nicht, dass seine Firma ein weiteres Glied in der „Kette der Frustration“ ist. „Wir wollen jedem, der zu uns kommt, auch seriös und offen begegnen“, sagt er. Zum anderen gibt es in den Interviews immer wieder Überraschungen. Plötzlich kommt etwa heraus, dass jemand sieben Sprachen spricht oder Texte so akribisch lesen kann, dass er auch dann noch Rechtschreibfehler findet, wenn der Verlag längst behauptet hat, das Buch sei fehlerfrei. All diese Fähigkeiten behält Müller-Remus im Hinterkopf. Vielleicht wird er eines Tages darauf zurückgreifen – und mit Auticon über das Software-Testen hinaus weitere Dienstleistungen anbieten.

Am liebsten würde er eine Auticon-Academy gründen, mit deren Hilfe Schüler mit Autismus-Diagnose bei der Berufswahl begleitet werden können. Die Academy soll sie bei der Aus- und Weiterbildung unterstützen und ihnen Praktikumsplätze vermitteln. „Davon träume ich“, sagt Müller-Remus. Denn genau so eine Begleitung hätte er sich auch für seinen Sohn sehr gewünscht.

Auticon expandiert nach Großbritannien

Zu Beginn des Jahres 2016 hat Auticon nach Großbritannien und Frankreich expandiert. Die Tochtergesellschaften mit Sitz in London und Paris bauen ebenfalls auf das Modell, ausschließlich autistische IT-Consultants zu beschäftigen. Für den britischen Ableger konnte das Unternehmen einen namhaften Investor von seiner Idee begeistern: Virgin-Gründer Richard Branson. „Die niedrigen Beschäftigungsraten bei Erwachsenen im Autismus-Spektrum sind eine Herausforderung für die britische und die globale Gesellschaft. Es ist entscheidend, Unternehmen und Mitarbeiter bei der Bewältigung dieser Hürden zu unterstützen. Nur so können wir es autistischen Menschen ermöglichen, ihre einzigartigen Stärken erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt zu nutzen.“ erklärte Branson nach erfolgreichem Abschluss der Gespräche.

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Kommentare

Es klingt fast utopisch !
Leider viele unter uns wissen selbst nicht ´,dass sie Asperger- Syndrom haben, und das Personal ist nicht qualifiziert um es zu erkennen, solche Menschen(mit A.S) bleiben ausgeschlossen im Berufsleben für immer,
oder bleiben ideale Mobbing Opfer, weil sie anders sind !
Wie wird ein Mensch mit A.S identifiziert ? Wie kann man diese Menschen helfen?

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aktualisiert am 14. November 2016
Anja Peters
Titelfoto: © Bettina von Kamele