Keine Angst, baden zu gehen: Mit hohem persönlichen Einsatz und Risiko renoviert Barbara Jaeschke das historische Stadtbad Oderberger Straße. Nicht nur die internationalen Gäste ihrer benachbarten Sprachschule, sondern auch die Berliner Anwohner dürfen hier ihre Bahnen ziehen.

GLS-Gründerin

Barbara Jaeschke ist die Wortfreundin

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Als Englischlehrerin fand Barbara Jaeschke keinen Job, heute leitet sie die GLS-Sprachschule in Berlin mit fast 300 Mitarbeitern. Ihre Stärke: Mit Menschen sprechen und sie von ihren Werten und Ideen überzeugen.

Etwas ratlos steht Barbara Jaeschke vor einer verschlossenen Tür im Untergeschoss des Stadtbads Oderberger Straße. Wo geht es bloß zum Schwimmbecken? „Letzte Woche sah das hier noch ganz anders aus“, sagt sie und zeigt auf frische Durchbrüche und abgesperrte Gänge. 1986 wurde die historische Badeanstalt im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg wegen baulicher Mängel geschlossen, jetzt wird das über 100 Jahre alte Gebäude endlich saniert. Und zwar so schnell, dass Barbara Jaeschke, die Eigentümerin, schon mal den Hausmeister nach dem Weg fragen muss.

Die 58-jährige Unternehmerin hat das Bad in der Oderberger Straße Ende 2011 gekauft. Nebenan in der Kastanienallee betreibt sie schon erfolgreich die Sprachschule GLS (Global Language Services). Was also will sie mit einer maroden Schwimmhalle? Jaeschke sieht nicht Putz und Mörtel, sondern die Idee hinter dem Kauf. Für sie ist die Sanierung des Stadtbads naheliegend, unternehmerisch fast zwingend. Sie will expandieren, aber sie will es nicht um jeden Preis, nachhaltig soll es sein, werteorientiert.

Sprachschule mit einzigartigem Campus

Schon jetzt führt sie Berlins einzige Sprachschule mit eigenem Campus. Verteilt auf fünf historische Schulgebäude rund um einen gepflegten Garten finden sich moderne Seminar- und Tagungsräume, ein Hotel mit 50 Appartements, Restaurant, Cafeteria, Buchladen – und künftig eben auch noch ein Schwimmbad aus der Gründerzeit. Schulgebäude und angrenzendes Stadtbad stammen vom selben Architekten und bilden baulich eine Einheit. Das Schulgelände hat Barbara Jaeschke 2005 von der Stadt gekauft und ohne einen Cent Fördergelder komplett saniert, jetzt also die Schwimmhalle. Im Wettbewerb mit anderen Sprachschulen, davon 50 allein in Berlin, hat GLS mit seinem Campus ein Alleinstellungsmerkmal, in das die Unternehmensgründerin in den letzten Jahren viel Geld und Energie investiert hat – weil es ihrer persönlichen Überzeugung vom Sprachenlernen entspricht und auch bei den Kunden ankommt. Die müssen allerdings bereit sein, für die GLS-Kurse deutlich mehr zu zahlen als etwa für vergleichbare Angebote der Berliner Volkshochschulen.

Vom Geld zum Wert

Rund 6.000 Kursteilnehmer pro Jahr, davon 80 Prozent aus dem Ausland, bringt Barbara Jaeschke in Berlin unter. Mit dem Oderberger Stadtbad will sie die Bettenlücke schließen und Platz für weiteres Wachstum schaffen. Bis 2016 soll aus der ehemaligen Arbeiter-Badeanstalt ein Hotel mit 75 Zimmern und Pool werden, sodass künftig noch mehr GLS-Kunden direkt neben dem Klassenzimmer wohnen können. Über zehn Millionen Euro wird sie in ihr Wunschprojekt investieren, bei einem Jahresumsatz von 25 Millionen Euro kein unerhebliches Risiko für die persönlich haftende Einzelunternehmerin.

Den Kaufpreis darf sie offiziell nicht verraten, fest steht jedoch, dass andere Interessenten ein Vielfaches geboten haben. Dass trotz klammer Kassen am Ende nicht der dickste Scheck, sondern die lokale Mittelständlerin den Zuschlag von Denkmalschützern und Bezirksregierung bekam, hat nicht zuletzt mit persönlichen Werten zu tun.

Wer sich von Barbara Jaeschke über die Baustelle führen lässt, merkt schnell, dass hier keine Turbo-Kapitalistin am Werke ist, sondern eine standortverbundene Unternehmerin voller Herzblut. Mit elegantem Etuikleid, Seidenschal und Pumps gekleidet, führt Jaeschke über die Baustelle, fremd wirkt sie trotzdem nicht. Sie erzählt, wie sie GLS auf Nachhaltigkeit trimmt. Ein umweltfreundliches Blockheizkraftwerk soll künftig für mehr Energieeffizienz sorgen. Baulich möchte sie möglichst viel von der historischen Substanz erhalten.

Wie GLS nachhaltig wachsen will

Das ist Jaeschkes unternehmerisches Denken: Wachsen, aber im Einklang mit der natürlichen und sozialen Umwelt, etwa mit den Anwohnern. Die dürfen künftig auch in ihrem Schwimmbad ihre Bahnen ziehen. Nicht schnelles Umsatzwachstum oder die Aussicht auf leicht verdiente Spekulationsgewinne treiben sie an, sondern der Wunsch nach einer lebendigen Begegnungsstätte für den interkulturellen Austausch. „Sprachen lernt man nicht für den Lehrer und auch nicht allein aus dem Lehrbuch“, sagt die Gymnasiallehrerin. Seit sie als junge Kursleiterin erlebt hat, wie selbst mäßige Schüler beim Feriensprachkurs plötzlich aufblühten, setzt sie auf Begegnung und Kommunikation. Die Kunden merken das. Ebay, Siemens oder Vattenfall zählen inzwischen zu den Auftraggebern, ebenso wie viele kleinere Unternehmen mit internationalem Geschäft – und fremdsprachigem Kommunikationsbedarf.

Jaeschkes Konzept ist eigentlich simpel: Hotel, Schwimmbad und Restaurant im Stadtbad wird GLS in Eigenregie betreiben – genau wie sämtliche Einrichtungen auf dem Campus in der Kastanienallee. Mit eigenen Mitarbeitern lässt sich ihr Verständnis von Service und Qualität besser durchsetzen, ist die Chefin überzeugt. Ihr ist wichtig, dass alle sich als Teil des Ganzen begreifen: Ein potenzieller Neukunde, der zum Mittagessen in „Die Schule“ kommt, kann sich im Hausrestaurant zum Beispiel auch über Sprachkurse informieren oder nach Zimmerpreisen fragen – und umgekehrt. Offene, reibungslose Kommunikation ist Barbara Jaeschke auch intern ein wichtiges Anliegen, denn seit der Gründung vor 30 Jahren ist GLS stark gewachsen.

Führen heißt Verantwortung abgeben

Ihre ersten drei Mitarbeiter kannte Jaeschke persönlich. „Die wussten genau, wie ich ticke“, sagt sie. Heute beschäftigt sie 85 feste Mitarbeiter und knapp 200 Honorarkräfte. „Von denen kann ich nicht erwarten, dass sie meine Gedanken lesen“, gibt sie zu verstehen. Als wachsendes Unternehmen müsse man bereit sein, Strukturen einzuführen und funktionierende Kommunikationswege zu etablieren. Als Geschäftsführerin der GLS ist sie inzwischen vor allem für Marketing und Akquise zuständig und viel auf Reisen. Wenn sie nicht unterwegs ist, steht ihre Bürotür für die Mitarbeiter stets offen, ein Vorzimmer oder eine Sekretärin gibt es nicht. Ohnehin ist die kommunikative Chefin, die auf dem Campus viele Gäste empfängt, im ganzen Haus unterwegs und sammelt dabei auch selbst Papier vom Boden auf oder füllt den Prospektständer nach.

„Als Chefin darf man nicht nur Arbeit delegieren, sondern muss auch Verantwortung abgeben“

Barbara Jaeschke, Geschäftsführerin Global Language Services

Ein Kontrollfreak ist Barbara Jaeschke allerdings nicht: „Als Chefin darf man nicht nur Arbeit delegieren, sondern muss auch Verantwortung abgeben.“ Ihren Mitarbeitern lässt sie Freiraum für eigene Entscheidungen. Schul- und Abteilungsleiterinnen wählen ihre neuen Mitarbeiter selbstständig aus. Von allen wird erwartet, durch eigene Ideen die Unternehmensentwicklung weiter voranzutreiben. Wer ins Team kommt, hat gute Chancen, sich mit der wachsenden Firma weiterzuentwickeln. Neueinstellungen erfolgen überwiegend auf den unteren Ebenen, Führungspositionen werden dagegen aus den eigenen Reihen besetzt.

Flexibilität für weibliche Beschäftigte

Angesichts einer Frauenquote von fast 90 Prozent gibt es im GLS-Team natürlich auch reichlich Nachwuchs. Barbara Jaeschke, selbst dreifache Mutter, trägt es mit Fassung: „Kinder reifen mit einer berufstätigen Mutter“, sagt sie und rät Frauen davon ab, vorschnell auf Beruf oder Familie zu verzichten. Weil die verschiedenen Geschäftsbereiche starken saisonalen Schwankungen unterworfen sind, gibt es umgekehrt auch stets gute Möglichkeiten, Arbeitszeiten flexibel zu gestalten und Zeitpolster für längere Auszeiten zu sammeln. Die kann man für die Familie nutzen, aber auch für eine Weiterbildung. Sprachkurse und Sprachreisen dürfen die eigenen Mitarbeiter gratis oder zum Selbstkostenpreis absolvieren. Aber auch IT- oder Managementkurse werden gesponsert.

Vielleicht wäre Barbara Jaeschke auch eine gute Pädagogin geworden. Stattdessen gründete die Lehrerin, die keinen Job fand, ihre Schule einfach selbst. Großes entsteht eben mitunter aus der Ablehnung: Im Juni kam Barbara Jaeschke bei der Wahl zur „Berliner Unternehmerin des Jahres 2012/13“ auf den zweiten Platz.

Anmerkung der Redaktion: Am 17. Oktober 2016 wurde das Schwimmbad in der Oderberger Straße neu eröffnet.

Das Unternehmen

Der Erfolg der GLS Sprachschulen und -reisen

Barbara Jaeschke (Jahrgang 1955) gehört, wie sie selbst sagt, zur „Generation der arbeitslosen Lehrer“. In Heidelberg und Göttingen studierte sie Anglistik und Slawistik auf Lehramt, fand danach aber keine passende Stelle. Statt Taxi zu fahren, organisierte sie auf eigene Faust Schülersprachreisen und entdeckte dabei, wie stark das Lernen im Ausland motiviert. 1983 gründete sie im heimischen Wohnzimmer GLS – ursprünglich als Göttinger Language School. Mit dem Umzug nach Berlin wurde daraus fünf Jahre später Global Language Services.

Jaeschkes Geschäftsmodell steht heute auf drei Beinen: GLS Sprachreisen vermittelt jährlich rund 5.000 lernwillige Deutsche an Sprachschulen ins Ausland. Neben Schülern und Studenten nutzen heute auch Berufstätige und Senioren das umfangreiche Angebot. Auf dem GLS-Campus in Berlin bieten dagegen rund 200 Dozenten Einzel- oder Firmenkurse in fast jeder gewünschten Fremdsprache an, außerdem lernen hier rund 6.000 internationale Sprachschüler pro Jahr Deutsch. Für zusätzliche Einnahmen und für mehr Leben auf dem Campus sorgen ein eigenes Hotel, ein Restaurant und ein Buchladen, außerdem vermietet Jaeschke ihre Räumlichkeiten für Firmenveranstaltungen und private Feiern. Heute ist sie froh, Unternehmerin zu sein und nicht Lehrerin. Über die schlechte Arbeitsmarktlage vor 30 Jahren sagt sie rückblickend: „Das war das Beste, was mir passieren konnte. Ich war gezwungen, mich umzusehen.“

Unternehmerporträts

Die geheimen Stars der deutschen Wirtschaft

Was hat Barbara Jaeschke mit Westwing-Gründerin Delia Fischer oder dem „Bike-Citizen“ Andreas Stückl gemeinsam? Sie alle haben den mutigen Weg in die Selbständigkeit gewählt. Noch mehr inspirierende Porträts von Existenzgründern finden Sie im Bereich „Mehr zum Thema“. Übrigens: Neuigkeiten von Faktor A gibt es alle zwei Wochen bequem und kostenlos per E-Mail, melden Sie sich gleich zu unserem Infodienst an!

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aktualisiert am 14. November 2016
Kirstin von Elm