Der Ford 12 M aus dem Jahr 1955 war einst der Stolz seines Großvaters – jetzt pflegt ihn Martin Scheib – und fährt ihn jedes Jahr zum 50er-Jahre-Event.

Bar­rie­re­frei­heit

Die­ser Mann nimmt je­de Hür­de

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Ein gutes Auge fürs Detail braucht Martin Scheib bei seiner Arbeit. Er berät Betriebe dabei, Arbeitsstätten behindertengerecht einzurichten und so mehr Menschen mit körperlichen Einschränkungen ins Berufsleben zu integrieren.

Wenn Martin Scheib hinterm Steuer sitzt und durch die Hügel Mittelfrankens fährt, kommt ihm manchmal die Zeit nach seinem Unfall in den Sinn: Ein paar Wochen saß er im Rollstuhl, wusste nicht, ob er jemals wieder würde laufen können. Dabei ist er leidenschaftlicher Autofahrer, pflegt mit viel Herzblut den vom Großvater geerbten Ford 12 M, Baujahr 1955.

„Die Erfahrung, auf Hilfe angewiesen zu sein, hat mich geprägt“, sagt Martin Scheib, der heute wieder ganz normal laufen kann. Er arbeitet beim Technischen Beratungsdienst der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg. „Nicht alle Menschen haben nach einem Unfall so viel Glück. Privat engagiere ich mich aufgrund meiner eigenen Erfahrung für die Integration behinderter Menschen.“

Dabei hilft dem Familienvater seine berufliche Erfahrung: Seit neun Jahren berät er bei der BA etwa Arbeitgeber, die einen körperlich behinderten Menschen integrieren möchten. „Weil er seinen Job antritt oder nach einem Unfall zurückkehrt.“ Mit dem Arbeitgeber-Service prüft er, welche Hilfen benötigt werden, wo Umbaumaßnahmen oder neue Maschinen sinnvoll sind. Dabei hilft er auch, Fördermittel bei den richtigen Trägern zu beantragen.

Weil er sich vor Ort in den Betrieben ein Bild macht, ist Scheib viel unterwegs, in Nürnberg und Umgebung, Erlangen, Fürth, Herzogenaurach und Neustadt an der Aisch. Bundesweit unterhält die Arbeitsagentur den Technischen Beratungsdienst an 40 Standorten. „Wir beschäftigen uns mit Arbeitsplatzgestaltung und Ergonomie, optimieren Arbeitsabläufe, um Unfälle zu verhüten, und schauen hinter die Kulissen“, sagt Scheib, zu dessen größten Kunden der Flughafen und der Siemens-Standort Nürnberg zählen, aber auch viele mittelständische Unternehmen.

„Die Erfahrung, auf Hilfe angewiesen zu sein, hat mich geprägt“

Martin Scheib

Oft sind es nur Dinge wie zwei Treppenstufen, eine zu schmale Tür oder ein zu hoch angebrachter Steuerungsschalter, die den Zugang zum Arbeitsplatz erschweren. Am Ende der Beratung fasst Scheib die betrieblichen Begebenheiten und möglichen Integrationsmaßnahmen in einer Stellungnahme zusammen. Dieses Gutachten soll bei der Entscheidung über Fördermöglichkeiten unterstützen.

Bei der Förderung gehen Hilfsmittel wie Spezialstühle, Einhand-Computertasta­turen oder Hebehilfen in das Eigentum des Arbeitnehmers über, komplexere Maßnahmen werden meist über einen Zuschuss an den Arbeitgeber mitfinanziert. Nach Arbeitsunfällen arbeitet der Technische Beratungsdienst zudem eng mit den Gutachtern der Berufsgenossenschaft zusammen.

Eine weitere Aufgabe des Technischen Beratungsdiensts ist die Überprüfung von beruflichen Aus- und Weiterbildungsträgern. Dabei begegnen Scheib mitunter haarsträubende Zustände: Statt an einem Pflegebett werden angehende Altenpfleger an einfachen Holzbetten ausgebildet, Köche lernen ihr Handwerk in einer gewöhnlichen Haushaltsküche. „Das sind Einzelfälle“, sagt der Berater. „Aber sie zeigen, wie wichtig unsere Arbeit ist, um schwarze Schafe ausfindig zu machen.“

Schließlich ist Scheib auch dafür zuständig, in der Arbeitsagentur selbst ein behindertengerechtes Arbeitsumfeld zu schaffen – immerhin hat sie bundesweit rund 9.000 schwerbehinderte Beschäftigte und ist damit bundesweit einer der größten Arbeitgeber für Menschen mit Handicap.

Video

Barrierefrei im Job

Wie kommt der Rollstuhl in den zweiten Stock? Wer zahlt den großen Monitor für Menschen mit Sehschwäche? In Deutschland gehen über eine Million Menschen mit Schwerbehinderung ganz normal ihrer Arbeit nach. Die Bundesagentur für Arbeit hilft ihnen und ihren Arbeitgebern dabei, im Vorfeld Bedenken auszuräumen, Hürden zu überwinden und Fördermöglichkeiten auszuloten. Wie Unternehmer und Menschen mit Handicap zusammenfinden, zeigt dieses Video:

Um einschätzen zu können, wo die versteckten Fallen im Arbeitsalltag für Menschen mit körperlicher Behinderung lauern, braucht es viel Einfühlungsvermögen und Sachverstand.
© Julia Rebecca Rotter

Einfühlungsvermögen und ein gutes Auge fürs Detail braucht Martin Scheib bei seiner Arbeit.

Profil

Martin Scheib, Berater für Barrierefreiheit

Im Job
Um einschätzen zu können, wo die versteckten Fallen im Arbeitsalltag für Menschen mit körperlicher Behinderung lauern, braucht es viel Einfühlungsvermögen und Sachverstand. Martin Scheib bringt außerdem Erfahrungen aus der Wirtschaft mit: Als Automatisierungstechnik-Ingenieur arbeitete er vor seiner Zeit bei der Arbeitsagentur für börsennotierte Konzerne – zuerst in der Elektrosparte eines Technologiekonzerns, dann als After-Sales-Manager in der Automobilindustrie. „Dort war ich für die Betreuung von Käufern von Sonderfahrzeugen zuständig – unter anderem für behindertengerechte Transportfahrzeuge.“

Nach der Arbeit
Fast 40 Jahre war er der Stolz seines Großvaters – jetzt pflegt Martin Scheib den Ford 12 M aus dem Jahr 1955. „Trotz seines Alters hat er erst 104.000 Kilometer auf dem Tacho und ist noch im Originalzustand“, sagt Scheib. Als Vorsitzender eines ADAC-Ortsclubs in Nürnberg fährt er mit dem Familienerbstück jedes Jahr zum 50er-Jahre-Event und organisiert Ausfahrten. Beim jährlichen Oldtimer-Treffen donnern und knattern jedes Mal mehr als 70 alte Autos durchs Nürnberger Umland. Und wenn sein 12 M einmal liegen bleibt? „Dann kann ich ihn zum Glück meistens selbst reparieren, denn der kommt noch ohne Bordelektronik und Fahrassistenzsysteme aus.“

 

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Titelfoto: © Julia Rebecca Rotter

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