Der Senior hatte noch kleine Allgäuer Häuschen mit Sprossenfenstern im Programm. Dagmar Fritz-Kramer will dagegen ein breites Publikum ansprechen. Für ihre Ideen wurde die Unternehmerin mehrfach ausgezeichnet.

Gro­ßes Er­be

Ei­ne Un­ter­neh­me­rin auf dem Holz­weg

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Mein Faktor A

Dagmar Fritz-Kramer leitet die Öko-Baufirma Baufritz in vierter Generation. Die Familienunternehmerin verpasste den Holzhäusern einen modernen Anstrich. Faktor A erzählte sie, wie sie auf dem zweiten Bildungsweg an die Firmenspitze fand.

Frau Fritz-Kramer, für eine Unternehmerin sind Sie ungewöhnlich gestartet: Sie haben zwei Jahre die Hauptschule, dann die Realschule besucht. Waren Sie eine schlechte Schülerin?
Fritz-Kramer: Ich glaube, meine Noten hätten mehr hergegeben. Aber früher waren Eltern wahrscheinlich nicht so ehrgeizig, was die Wahl der Schule anging. Mein Vater hat nie Wert auf eine hohe Schulbildung gelegt. Er war selbst von der Realschule geflogen. Für ihn hatte das Talent, ein Unternehmen zu führen, nicht unbedingt etwas mit Schulbildung zu tun. Sein Credo lautete: Finde einen Beruf, der dir Spaß macht.

Sie waren Schaufensterdekorateurin, haben Ihr Abitur nachgeholt, Innenarchitektur studiert und anschließend Wirtschaftsingenieurswesen. Konnten Sie sich nicht entscheiden, was Sie wollten?
Fritz-Kramer: Ich wollte immer einen kreativen Beruf. Aber wenn man als Schaufensterdekorateurin arbeitet, treffen die Auftraggeber alle kreativen Entscheidungen vorab. Das hat mir nicht gepasst. Für Innenarchitektur habe ich mich deshalb entschieden, weil ich im Betrieb großgeworden bin und das Thema Bauen gut kannte. Gleichzeitig konnte ich meine kreative Seite ausleben.

Warum haben Sie dann noch zum Wirtschaftsingenieurswesen gewechselt?
Fritz-Kramer: Nachdem ich 1999 Anteile an der Firma geerbt hatte, musste ich mich in der Gesellschafterversammlung mit betriebswirtschaftlichen Fragen auseinandersetzen. Ich konnte aber nicht einmal eine Bilanz lesen. Mein Ziel war damals, zumindest zu verstehen, was im Unternehmen vor sich geht.

Zur Person

Dagmar Fritz-Kramer

Dagmar Fritz-Kramer wurde am 11.09.1971 in Memmingen geboren. Nach dem Besuch von Haupt- und Realschule machte sie eine Ausbildung zur Schauwerbegestalterin und arbeitete anschließend in dem Beruf selbständig. Mit 22 Jahren holte sie ihr Abitur nach und studierte in Rosenheim Innenarchitektur. Nach dem Abschluss stieg sie als Mitarbeiterin und Gesellschafterin in den elterlichen Betrieb ein. Neben ihrer Arbeit in der Architekturabteilung des Unternehmens absolvierte sie an der Fachhochschule Biberach das Aufbaustudium Wirtschaftsingenieurwesen. Anschließend übernahm sie bei Baufritz den Planungs-Bereich. 2004 löste sie ihren Vater als geschäftsführende Gesellschafterin ab. Fritz-Kramer ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Heute sind Sie als Geschäftsführerin sehr erfolgreich. Doch mal ehrlich: Ohne die Tochter des Chefs gewesen zu sein, wären Sie mit Ihrer ungewöhnlichen Vita wohl nie in eine solche Führungsposition gelangt. Sprich: Eine andere hätte nie die Chance bekommen, die Sie so eindrucksvoll genutzt haben.
Fritz-Kramer: Da gebe ich Ihnen durchaus recht. Bei der Besetzung von Stellen ist die Vita ein wichtiges Kriterium. Aber gerade im Mittelstand ist ein schnurgerader Lebenslauf nicht alles. Wenn es um Führungspositionen geht, zählt das persönliche Gespräch.

Angesichts der aktuellen Reformen an Schulen und Hochschulen wirkt Ihre Ausbildungszeit, als hätten Sie sich einen Luxus gegönnt. Was halten Sie vom Trend, Schul- und Studienzeiten zu verkürzen?
Fritz-Kramer: Absolut nichts! Für die menschliche Entwicklung ist gerade das schnelle Reinpressen von Wissen eine Katastrophe. Um sein Talent zu finden, braucht man Luft. Stattdessen hat sich der Druck durch die kürzeren Schulzeiten noch erhöht. Da ist es kein Wunder, wenn die Abiturienten heute erst einmal eine Weltreise machen, um sich zu orientieren.

Angeblich war es nie Ihr Ziel, Chefin von Baufritz zu werden. Warum sitzen Sie heute hier?
Fritz-Kramer: Ich bin nie zu etwas gedrängt worden und konnte meinen eigenen Weg gehen. Erst nach und nach habe ich gemerkt, dass ich mich in den Betrieb einbringen will. Und zwar nicht nur als einfache Mitarbeiterin. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, die Zukunft des Unternehmens einem Fremden, einem Geschäftsführer von außerhalb, anzuvertrauen.

Ihr Bruder hätte den Betrieb doch auch übernehmen können.
Fritz-Kramer: Mein Bruder hat sehr früh klargemacht, dass er die Geschäftsführung nicht übernehmen will. Er ist ein Familienmensch, hat vier Kinder. Und er nimmt alles sehr persönlich. Da bin ich selbst mit einem dickeren Fell geboren worden.

Gab es denn keine Eifersucht zwischen Ihnen?
Fritz-Kramer: Überhaupt nicht. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Ihm ist es genauso wichtig, dass die Firma in der Hand der Familie bleibt – auch längerfristig. Er hat vier Kinder und ich zwei. Eines der sechs wird sich ja vielleicht später einmal für die Leitung der Firma interessieren.

Gab es eigentlich altgediente Beschäftigte, bei denen Sie den Eindruck hatten, dass sie immer in Ihrem Vater den Chef sehen und nicht in Ihnen?
Fritz-Kramer: Natürlich gab es einzelne Stimmen, die mit dem Wechsel den Weltuntergang haben kommen sehen. Aber die Übergabe war auf zehn Jahre angelegt, da bleibt genug Zeit, sich an einen neuen Führungsstil zu gewöhnen.

Wie funktionierte die Zusammenarbeit, als Ihr Vater noch im Betrieb war?
Fritz-Kramer: Wir haben uns schon gerieben. Die größte Uneinigkeit herrschte in der Frage, welche Produkte wir an den Markt bringen und wie wir sie präsentieren. Mein Vater hatte kleine Allgäuer Häuschen mit Sprossenfenstern im Programm. Mir ging es darum, ein breiteres Publikum zu erreichen. Mit Häusern, die dem heutigen Zeitgeist entsprechen.

Offenbar haben Sie sich durchgesetzt.
Fritz-Kramer: Ich hatte ja einen leichten Stand. Es war klar, dass ich die Firma übernehme. Mein Vater wollte das schließlich auch. Geholfen hat uns der offene Dialog. Ich finde, der fällt einem in der Familie leichter. Er hat aber den Nachteil, dass man jeden Streit mit ins Privatleben nimmt.

Wie haben Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überzeugt, in einem seit 1896 bestehenden Unternehmen modernes Design einzuführen?
Fritz-Kramer: Das war eigentlich kein Thema. Sie waren an ständige Veränderungen gewöhnt, weil mein Vater immer an irgendwelchen technischen Details getüftelt hat. Insofern hatte ich kein Problem mit verkrusteten Strukturen. Außerdem liegt unser Durchschnittsalter bei 35 Jahren, weil wir so schnell gewachsen sind. Viele der Beschäftigten haben zeitgleich mit mir angefangen.

Sie leiten Ihr Unternehmen gemeinsam mit einem technischen Geschäftsführer. Wie funktioniert das Tandem?
Fritz-Kramer: Wir gehen sämtliche strategische Entscheidungen in einem sehr engen Dialog an. Auch mal kritisch und völlig konträr. Aber ich glaube, eine gute Führung zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine Doppelspitze hat – und zwar eine echte. Im einsamen Kämmerlein treffen Sie nicht die richtigen Entscheidungen. Sie brauchen eine größere Perspektive auf das Problem.

„Gerade im Mittelstand ist ein schnurgerader Lebenslauf nicht alles.“

Sie sind Mutter von zwei kleinen Kindern. Wie bringen Sie Firma und Familie unter einen Hut?
Fritz-Kramer: Wir haben 2005 eine Kindertagesstätte gegründet. Davon profitiere ich. Gleichzeitig habe ich einen sehr emanzipierten Partner. Er ist mittwochs bis freitags zu Hause und stemmt dann den Haushalt. Ich selbst bleibe montagnachmittags und dienstags zu Hause. Die Baubranche ist nicht als Frauendomäne bekannt.

Wie viele Mitarbeiterinnen beschäftigen Sie?
Fritz-Kramer: Unser Frauenanteil liegt bei 33 Prozent. Das ist für die Baubranche enorm viel. Wir haben jede Menge Heimarbeitsplätze, auch für Führungskräfte. Meine Chefbuchhalterin arbeitet von zu Hause aus und auch meine Vertriebsleiterin für Deutschland teilweise.

Und die Männer?
Fritz-Kramer: Die sollten öfter in Teilzeit oder im Home-Office arbeiten, dann würden sie vielleicht strukturierter an ihre Arbeit herangehen. Ich persönlich schaffe viel mehr, wenn ich zu Hause arbeite. Wenn ich im Betrieb bin, kommt garantiert ein Mitarbeiter in mein Büro, nach dem Motto: „Wir haben im Keller was gefunden, was sollen wir damit machen?“ Statt sich vorher Gedanken dazu zu machen, was man mit dem alten Ding anstellen kann, und mir eine Lösung vorzuschlagen. Das passiert mir nur mit Vollzeit-Männern“ (lacht).

Das Unternehmen

Die Baufritz GmbH

  • Die Baufritz GmbH entwirft und baut Fertighäuser in ökologischer Bauweise. Der 1896 gegründete Familienbetrieb hat 250 Beschäftigte und verkauft pro Jahr gut 200 Ein-, Zwei- und Mehrfamilienhäuser. Auch Aufträge für ganze Siedlungen, Kindergärten, Schulen und Hotelanlagen hat das Unternehmen bereits umgesetzt.
  • Neben dem deutschen Markt beliefert Baufritz auch Kunden im europäischen Ausland. Die gesamte Fertigung findet am Stammsitz in Erkheim statt. Statt auf Laminatböden, Kunststofffenster, Kleber oder Glaswolle setzt das Unternehmen auf heimisches Holz, auf emissionsfreie Materialien und Elektrosmogschutz für das ganze Gebäude.
  • Der Erfolg gibt den Allgäuern recht: Seit Mitte der 1990er Jahre ist der Umsatz pro Jahr um rund 20 Prozent gestiegen, auf 52 Millionen Euro im Jahr 2010. 60 Millionen sind für 2011 bereits verplant.
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Birga Teske

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