Niemals radlos: Bike-Citizens-Erfinder Andreas Stückl in Berlin.

Er­fin­der der App "Bike Ci­ti­zens"

Der Rad-Rou­ten­pla­ner

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Navigation für Autos? Ein alter Hut. Den vielen Millionen Radlern in den Städten der Welt hilft Andreas Stückl mit seiner App "Bike Citizens" schnellstmöglich ans Ziel. Der Ex-Radkurier führt jetzt ein Team von Individualisten – mit einem ­besonderen Arbeitszeitmodell.

Andreas Stückl kommt auf die Minute pünktlich zum Interview in Berlin-Kreuzberg. Unmittelbar zuvor hatte er einen Termin im Stadtteil Wedding. 25 Minuten hatte der 33-Jährige auf dem Rad für die 8,5 Kilometer lange Strecke quer durch die Stadt gebraucht. Bike Citizens, eine Navigations-App für urbane Fahrradfahrer, hat ihm diese zuvor genau berechnet. Stückl weiß, dass er sich auf die Angaben verlassen kann. Schließlich hat der ehemalige Fahrradkurier die mehrfach ausgezeichnete Applikation selbst mitentwickelt. Vor fünf Jahren gründete er in Graz mit zwei Freunden und einem Startkapital von 1500 Euro das Start-up BikeCityGuide, das heute Bike Citizens heißt. Mittlerweile arbeiten 25 Menschen in Österreich und Deutschland für das junge Unternehmen. In diesem Jahr peilen die „Fahrradbürger“ einen Umsatz von 1,6 Millionen Euro an und wollen weitere Mitarbeiter einstellen.

„In 130 Meter rechts auf Fahrradweg abbiegen.“ „Straße überqueren.“ „In 100 Meter weiter auf Fahrradstreifen.“ Mit präzisen Angaben leitet die blechern klingende Bike-Citizens-Stimme mittlerweile rund 300.000 Fahrradfahrer in über 35 Ländern sicher durch den Großstadtverkehr. Egal ob man schnell oder gemütlich, mit dem Rennrad oder dem Mountainbike, auf verkehrsberuhigten Nebenstraßen oder auf der schnellsten Verbindung unterwegs sein möchte – Bike Citizens findet die optimale Route. Und damit man beide Hände frei hat, liefert das Start-up die Hardware in Form der weichen Silikonschlinge „Finn“ gleich mit. So wird jedes Smartphone in Sekundenschnelle an jedem Fahrradlenker befestigt. Die App für iPhones und Android-Geräte ist kostenlos. Ein Städtepaket kostet 4,99 Euro, eine Flatrate für alle verfügbaren Städte 19,96 Euro.

Die Lücke bei Navis für Radler schließen

Vor fünf Jahren nahm Andreas Stückl an einer Fahrradkurier-Meisterschaft in Budapest teil. Dabei merkte er, dass er zwar in seiner Stadt jeden Schleichweg kennt, in fremden Städten jedoch ziemlich aufgeschmissen ist. Navigationssysteme für Autos waren damals schon weit verbreitet, ein Navi, das speziell auf die Bedürfnisse von Fahrradfahrern eingeht, war hingegen noch Mangelware.

Zusammen mit dem Mitbewohner einer Freundin programmierte er die erste Version ihrer Navigations-App für Fahrradfahrer. Mittlerweile ist der Informatikstudent aus der WG einer von fünf Gesellschaftern von Bike Citizens, die von ihm programmierte App wurde weltweit 350.000-mal heruntergeladen. „Wir wollten von Anfang an keine Eier legende Wollmilchsau programmieren. Wir wollten keine App, die auch von Fußgängern und Autofahrern genutzt wird. Wir wollten einfach das beste Produkt für unsere Zielgruppe, die urbanen Radfahrer, schaffen“, sagt Andreas Stückl.

„Wir wollten einfach das beste Produkt für unsere Zielgruppe, die urbanen Radfahrer, schaffen.“

Andreas Stückl, Erfinder der Bike-Citizens-App

Das ist ihnen nach Ansicht vieler ­begeisterter User gelungen. Zunächst wandte die App sich vor allem an Fahrradkuriere. 2015 wurde das Unternehmen in Bike Citizens umbenannt. Mit dem neuen Namen kam auch eine neue Unternehmenskultur. „Früher waren wir härter. Da haben wir vor allem testosterongesteuerte Männer aus der Radkurier-Szene angesprochen. Jetzt sind wir mainstreamiger und für den Hardcore Kurier genauso wie für die Mama, die mit ihrem Kind im Fahrradsitz unterwegs ist“, sagt Stückl. Die Erweiterung der Zielgruppe hat sich ausgezahlt. Seit dem Rebranding wächst die Firma noch einmal deutlich schneller.

Politisches Engagement für fahrradfreundliche Städte

Mittlerweile geht es den Gründern um mehr als nur darum, Radler schnell und sicher durch den Großstadtdschungel zu navigieren. Die Radler und Technikfreaks wollen einen modernen Lifestyle aus Radfahren, Urbanität und Digita­lisierung promoten. „Wir wollen nicht nur unsere App weiterentwickeln, wir wollen uns auch politisch zu Wort melden und dazu beitragen, dass Städte fahrradfreundlicher und lebenswerter werden“, sagt Stückl, der seinen alten VW-Bus vor einem Jahr verkauft hat und jedes Jahr mehrere Tausend Kilometer mit einem seiner beiden Räder unterwegs ist.

Wie Zehntausende andere Bike-Citizens-User auch zeichnet er dabei mithilfe der App die zurückgelegten Strecken auf und übermittelt die Daten freiwillig und anonymisiert an die Server seiner eigenen Firma. Aus diesen Informationen entwickelt Bike Citizens sogenannte Heat Maps. Unterschiedlich helle ­Linien zeigen auf den digitalen Stadtplänen an, welche Strecken wann von wie vielen Radfahrern mit welcher Geschwindigkeit befahren werden. An diesem Datenschatz haben mittlerweile Verkehrs­planer von Städten in Deutschland und Großbritannien Interesse, um damit die Fahrradinfrastruktur zu verbessern.

Im Sommer 2014 führte das Unternehmen die Vier-Tage-Woche ein. Seitdem arbeiten alle – vom Praktikanten bis zum Gesellschafter – nur noch von Montag bis Donnerstag, die Arbeitszeit wurde von 38,5 auf 36 Stunden reduziert. „Wir arbeiten in einer kreativen Branche. Wir werden nur weiterwachsen, wenn wir neue Ideen haben. Aber Kreativität braucht Freiräume“, sagt Stückl. Während in der Gründerszene viele über 70-Stunden-Wochen klagen, freut man sich bei Bike Citizens über die verbesserte Work-Life-Balance. ­„Natürlich schalte ich mein Gehirn nicht aus, wenn ich am Donnerstagabend meinen Computer ausschalte“, sagt Stückl, der in seiner Freizeit gerne fotografiert, klettert, Volleyball spielt, tanzen geht und – natürlich – Fahrrad fährt.

Seinen Mitarbeitern geht es ähnlich. Stückls Fazit: „Motivation lässt sich schlecht objektiv messen, aber seitdem wir die Vier-­Tage-Woche eingeführt haben, ist die Stimmung spürbar besser. Die Kennzahlen unseres Geschäftes hingegen lassen sich objektiv messen, und die sind seit der Einführung des Drei-Tage-Wochenendes nicht schlechter geworden. Im Gegenteil. Es gibt weniger Krankheitstage. Und produktiver sind wir auch.“

Fragebogen

Andreas Stückl über…

Geld
Uns geht es nicht nur um Umsatz und Gehalt, aber nicht nur. Wir sind auch Idealisten, die einen Beitrag dazu leisten wollen, dass das die Städte lebenswerter werden. Sollte ich damit irgendwann trotzdem reich werden, würde ich mein Geld gerne in andere zukunftsträchtige Start-Ups investieren.

Mentoren
Viele Gründer meinen, dass sie alles wissen müssen und verrennen sich, weil sie nicht auf erfahrene Mentoren hören. Dabei haben diese einen frischen Blick auf neue Projekte. Wir bei Bike Citizens haben die Weisheit nicht mit Löffeln gegessen und hören immer noch gerne auf Mentoren. Man hat nie ausgelernt.

Vertrauen
Früher haben wir Gesellschafter uns bei wichtigen Entscheidungen öfter gestritten. Das kommt jetzt seltener vor, wir sind professioneller geworden. Wenn eine Diskussion zu emotional wird, brechen wir ab und setzen später fort. Um das Konfliktpotential von vornherein zu reduzieren, ist es wichtig, dass die Aufgaben klar verteilt sind.

Schwächen
Es hat mir schon immer Spaß gemacht, neue Ideen zu entwickeln. Die harte Business-Seite hingegen, war mir anfangs fremd und auch ein bisschen unheimlich. Ich bin von Natur aus eher der gutmütige Kumpeltyp. Dass man im Business auch mal hart bleiben muss, musste ich erst lernen.

Stärken
Ich kann mich gut in andere Menschen rein versetzen und ihre Bedürfnisse verstehen. Egal, ob es die Mutter ist, die ihr Kind sicher mit dem Fahrrad zum Kindergarten bringen will, oder der Bürgermeister, der seine Stadt fahrradfreundlicher machen möchte.

Lob
Ich bin eher der direkte Typ. Wenn etwas schlecht läuft, sage ich das auch. Läuft etwas gut, geize ich allerdings auch nicht mit Lob. In unserem Büro wird mit der typischen Berliner Schnauze gesprochen.

Ehrgeiz
Mein Ehrgeiz wird durch ein gutes Team stimuliert. Wenn ich mit Top-Leuten zusammenarbeite, weiß ich, dass wir zusammen viel schaffen können. Das spornt mich an.

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Philipp Hedemann

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