Carolin Schneider (l.) leitet das "Institut für Pflanzenkultur" im Wendland. Gemeinsam mit ihrer Stellvertreterin Imke Hutter produziert sie dort Pflanzen, in dem sie Klone von ihnen herstellt.

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Die Biologin Carolin Schneider züchtet Pflanzen – auf einem alten Bauernhof mitten im Wendland. Mitarbeiter findet sie trotzdem genug. Woran das liegt? Ein Hausbesuch.

Auf den ersten Blick wirkt der alte Resthof im Wendland wie ein ganz normales Bauernhaus. „Anno 1833“ steht auf dem blauen Türbogen über dem Eingang, an der Hauswand mit dem Fachwerk rankt Efeu empor, der Hund bellt. hinter den Fenstern des alten Gebäudes sitzen Menschen in weißen Kitteln an Labortischen und arbeiten konzentriert.

Carolin Schneider öffnet die Eingangstür des Bauernhauses, in dem sich das „Institut für Pflanzenkultur“ befindet – ein mittelständisches Unternehmen, das Pflanzen produziert, in dem es Klone von ihnen herstellt. Schneider ist die Chefin des Instituts. Sie betritt einen Raum, in dem einige hohe Blechregale voller Weckgläser stehen. „Dies ist der Kulturraum, in dem wir In-vitro-Kulturen anlegen – zum Beispiel von dieser Säuleneiche“, sagt Schneider und zeigt auf ein kleines Pflänzchen mit gezackten Blättern. Auch Kirschen, Birken und Robinien gedeihen hier.

Schneider stammt aus Frankfurt, hat in Hamburg Biologie studiert und während des Studiums gemeinsam mit ihrem damaligen Mann den alten Resthof im Wendland gekauft. „Ich hatte schon immer einen Pferdefimmel und träumte davon, auf dem Land zu leben“, sagt sie. Als sie 1995 mit Studium und Promotion fertig war, vermittelte ihr Professor ihr einen Auftrag, bei dem eine Gründung möglich war.

Wie aus 20.000 Pflanzen 200.000 wurden

„Es ging um eine Heilpflanze namens Baptisia tinctoria, die für Erkältungsmittel verwendet wird“, erzählt Schneider. Die Pflanze sollte vermehrt, im Gewächshaus abgehärtet und dann auf dem Feld angebaut werden. Schneider, die damals von der kaufmännischen Seite der Selbstständigkeit wenig Ahnung hatte, erstellte ein Angebot – und bekam die Zusage. Das Startkapital für den Kauf der gebrauchten Laborgeräte bekam sie von ihren Eltern.  Im Jahr 1995 gründete sie gemeinsam mit ihrer ehemaligen Kommilitonin Imke Hutter das „Institut für Pflanzenkultur“.

Am Anfang haben wir uns einen Laptop und zwei Ordner geteilt – darüber lachen wir heute noch“, erzählt Schneider. Doch schnell wurden aus den 20.000 Pflanzen, die sie damals vermehren sollten, Aufträge für 200.000 Pflanzen pro Art. Heute beschäftigen die beiden 40 feste Mitarbeiter. „Im Sommer, wenn es auf den Feldern und in den Gewächshäusern viel zu tun gibt, arbeiten über 60 Leute für uns“, sagt Schneider.

Längst ist die Pflanzenvermehrung nicht mehr der einzige Geschäftszweig der beiden Biologinnen: 2001 gründeten sie eine zweite Firma namens INOQ, die sich mit Bodenpilzen beschäftigt. „Manchen Auftraggebern helfen wir bei der Begrünung von Skipisten“, sagt Schneider. Die Bodenpilze aus dem Wendland sorgen dann dafür, dass der Rasen sich besser im Untergrund hält, schneller wächst und Trockenheit vertragen kann. Im Jahr 2009 gründete Schneider gemeinsam mit einer Unternehmerin aus Stuttgart noch eine dritte Firma, die sich mit dem Anbau von Hölzern beschäftigt.

Die Chefin und ihre Stellvertreterin Imke Hutter sind hervorragende Netzwerkerinnen. Die beiden versuchen bei jeder Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen, sie sind auf Messen vertreten und machen Verbandsarbeit. Carolin Schneider sitzt einem Arbeitskreis für In-vitro-Kultur in Deutschland vor, ist außerdem Vorsitzende eines EU-Projekts, bei dem Betriebe sich vernetzen sollen. Dadurch hat sie Kontakt zu 200 Wissenschaftlern aus Europa, Neuseeland, Australien, Südafrika und Brasilien. Und kommt auch auf diesem Weg immer wieder an neue Aufträge.

 

Familiäres Betriebsklima lockt in die Provinz

Carolin Schneider läuft über den mit Kopfsteinpflaster befestigten Innenhof des alten Bauernhofes und öffnet die Tür eines Nebengebäudes, in dem sich das molekularbiologische Labor befindet. Hier arbeiten die neu eingestellten Biologen Jens Jurgeleit, 26, und Viola Vorwald, 34. Werben musste Schneider um die Nachwuchswissenschaftler nicht, beide haben sich initiativ von auswärts beworben. Obwohl das „Institut für Pflanzenkultur“  in Solkau liegt, einem Dorf 100 Kilometer nordöstlich von Braunschweig, haben die beiden Chefinnen keine Probleme, neue Mitarbeiter zu finden. „Wir sind ein großer Arbeitgeber in der Region. Die Leute von hier können nicht zwischen fünf verschiedenen Jobs wählen“, sagt Schneider.

Alle paar Jahre veranstalten sie einen Tag der offenen Tür und führen Interessierte herum. Außerdem empfehlen die Mitarbeiter den Betrieb ganz von selbst an Freunde und Bekannte weiter und loben dabei das hervorragende Betriebsklima. „Obwohl ich frisch von der Uni komme, kann ich hier sehr eigenständig arbeiten“, sagt Jurgeleit.  Er genießt es, dass die Chefinnen ihm Vertrauen entgegenbringen – und dass alles sehr familiär zugeht. Die Hierarchien sind flach, alle Mitarbeiter werden gleich behandelt. Einmal in der Woche kochen alle gemeinsam in der Küche des alten Bauernhauses. So bekommen die Chefinnen mit, wie es ihren Mitarbeitern geht. Jeder soll sich in der Firma verwirklichen können. „Ich habe keine Angst davor, dass jemand etwas besser kann als ich“, sagt Schneider. Sie ist nicht der Typ Chef, der seine Mitarbeiter klein hält, um selbst zu glänzen. Lieber nutzt sie deren Fähigkeiten – und kommt so selbst auf neue Ideen. Eine Fehlerkultur ist ihr wichtig: Wenn etwas schiefgeht, wird Schneider fast nie laut. Ihre Mitarbeiter können einfach zu ihr kommen. „Es braucht genau zwei Sekunden, dann überlege ich mir eine Lösung.“

Die Strategie scheint zu funktionieren: Alle drei Firmen wachsen stetig, der Platz im alten Bauernhaus wird langsam knapp. Deshalb planen die Chefinnen den Umzug in einen Neubau. „Im Sommer 2014 möchten wir bauen“, sagt Schneider. Das Land, das Imke Hutter und sie sich dafür ausgeguckt haben, ist nur einen Kilometer vom jetzigen Standort entfernt.

Leer stehen wird der schöne Resthof im Wendland dann trotzdem nicht. Carolin Schneider und Imke Hutter wohnen gemeinsam mit ihren Männern in einer Wohngemeinschaft direkt unter dem Dach. Und ihre drei Pferde grasen auf einer Koppel gleich hinter dem Haus.


Anja Peters
Titelfoto: © Christian Burkert