„Der Grünschnabel hat doch überhaupt keine Ahnung von Walzenproduktion.“ Hat er doch: Unternehmer David Uhlenbrock.

Jun­ge Chefs

Der Grün­schna­bel

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Der Walzenhersteller Bolz war reif für die Abwicklung. Dann kam David Uhlenbrock, Unternehmersohn auf der Suche nach Selbstverwirklichung. Zwei Jahre später schätzen ihn die Mitarbeiter, die Zahlen stimmen, der Neue schafft Jobs. Porträt eines Rastlosen

Mach das nicht, du arbeitest schon jetzt viel zu viel“, sagte die Oma. „Mach das nicht, der Markt ist kaputt“, sagte der Unternehmensberater. „Mach das nicht, damit kann man kein Geld verdienen“, sagte der Steuerberater. „Ich mach’ das, das ist eine Chance“, sagte David Uhlenbrock und nahm einen Kredit auf, um den insolventen Walzenhersteller Bolz im westfälischen Gronau zu kaufen. Damals hatte das Unter nehmen 85 Mitarbeiter und schrieb rote Zahlen. Eineinhalb Jahre später arbeiten 107 Männer und Frauen für Bolz Production und erwirtschafteten im Jahr 2014 einen Gewinn von 1,2 Millionen Euro.

Der Unternehmensberater und der Steuerberater haben inzwischen ihre Meinung geändert. Oma Toni nicht. Vielleicht, weil die 84­Jährige als Einzige recht behalten hat. „14 Kilo in eineinhalb Jahren“, sagt Uhlenbrock und klopft sich auf seinen Bauch. Bevor er den Walzenhersteller Bolz übernahm, hatte der damals 30­Jährige Zeit, joggen zu gehen. Jetzt ist es oft noch und dann schon wieder dunkel, wenn er das Firmengelände verlässt. Zwischendurch kommt er häufig nicht zum Essen. Wenn er dann nach einem 14-Stunden-Tag zu Hause ist, meldet sich der große Hunger.

Nicht mehr zu retten?

Uhlenbrock mag die kleine Wölbung über seinem Gürtel nicht. Aber für das, was er in den letzten 21 Monaten erreicht hat, nimmt er sie gerne in Kauf. „Als ich diesen Betrieb das erste Mal sah, dachte ich: Den Laden kannst du nicht mehr retten“, gibt der Wirtschaftsingenieur zu. Doch der Ehrgeiz verdrängte die Zweifel. „Ich wollte allen beweisen, dass ich es schaffen kann. Und ich wollte die Arbeitsplätze in unserer Region retten“, sagt er.

Fünf weitere Investoren machten ein Angebot für den Betrieb, der Walzen für die Druck­ und Verpackungsindustrie herstellt. Der Insolvenzverwalter und die Gläubiger – Sparkassen und Volksbanken aus der Region – entschieden sich für Uhlenbrock. „Ich habe sicher nicht am meisten Geld geboten, aber ich wollte alle Arbeitsplätze erhalten“, sagt der junge Unternehmer.

Dennoch schlug ihm zunächst Misstrauen entgegen. Manche Mitarbeiter hatten bereits mehr Jahre bei Bolz gearbeitet, als der neue Eigentümer alt war. „Der Grünschnabel hat doch überhaupt keine Ahnung von Walzenproduktion. Und der will den Karren jetzt aus dem Dreck ziehen?“, raunten sie, als Uhlenbrock im August 2013 das erste Mal vor die versammelte Belegschaft trat. Als Verstärkung hatte er unter anderem seinen Vater und seine Oma mitgebracht. Der Auftritt sollte demonstrieren: „Ich komme selbst aus einem Familienbetrieb. Mitarbeiter sind für mich Menschen, nicht Kostenfaktoren. Wenn es irgend geht, werde ich niemandem kündigen.“

Schnelles Geld – oder Treue

Bislang konnte Uhlenbrock seinem Vorsatz treu bleiben. „Natürlich hätte ich den Laden auch abwickeln und schnelles Geld machen können. Aber ich habe immer an die Mitarbeiter und an die Firma geglaubt“, sagt Uhlenbrock. Als kleiner Junge hatte er mitbekommen, wie sein Großvater, der Gründer einer Maschinenbaufirma mit mittlerweile 45 Angestellten, einem Mitarbeiter kündigen musste. „Das möchte ich niemals machen müssen.“

„Noch gilt für mich: Erst die Firma, dann ich.“

David Uhlenbrock

22 neue Mitarbeiter hat er bislang eingestellt, und nicht nur die Neuen nehmen dem jungen Chef mittlerweile ab, dass es ihm um das langfristige Wohl der Firma geht. „Na, David, zurück aus dem Urlaub“, begrüßen die Mitarbeiter Uhlenbrock, als er seinen täglichen Rundgang durch die Produktionshallen macht. Er gratuliert einem Arbeiter nachträglich zum Geburtstag, begrüßt einen Mitarbeiter, der nach längerer Krankheit wieder im Dienst ist, schüttelt Dutzende Hände und klopft auf viele Schultern. Uhlenbrock macht das nicht, weil er es in einem Buch über Personalführung gelesen hat. „Meine Mitarbeiter und ich verbringen hier viel Zeit zusammen. Da ist es doch besser, wenn die Arbeit Spaß bringt und die Stimmung gut ist“, sagt er.

Von Tuten und Blasen keine Ahnung

Der Chef, der nur Anzug trägt, wenn er Kundentermine hat, und sich in der lauten Produktionshalle genauso wohl fühlt wie in seinem bescheidenen Büro, ist mit fast allen Mitarbeitern per Du. „Als David den Laden übernahm, hatte er von Tuten und Blasen keine Ahnung. Aber er hat sich schnell eingearbeitet und auf unsere Erfahrung gesetzt. Aber ein ‚Weiter so. Das haben wir immer so gemacht‘ gibt es mit ihm nicht. Das ist manchmal anstrengend, aber alternativlos“, sagt Christian Simon, der seit 17 Jahren im Betrieb ist.

Es war schließlich dieses „Weiter so“, das den 1975 gegründeten Walzenhersteller 2013 in die Insolvenz trieb. Die Digitalisierung ließ die Nachfrage nach Druckwalzen schrumpfen, die Produktion wurde in Billiglohnländer verlegt. „Mein Vorgänger hat dem alten Geschäft hinterhergetrauert, anstatt auf die neue Marktsituation zu reagieren“, sagt Uhlenbrock. Er reagierte mit Investitionen in moderne Maschinen, einer stärkeren Kundenorientierung und  dem Ausbau des Spezialwalzenbaus.

So konnten verloren gegangene Kunden zurückgewonnen und neue Auftraggeber akquiriert werden. David Uhlenbrock müsste sich den Stress nicht machen. Im familieneigenen Betrieb war er schnell zum geschäftsführenden Gesellschafter aufgestiegen, hätte ihn in dritter Generation leiten können. Doch er wollte etwas Eigenes. Ob auch David Uhlenbrocks „Baby“ eines Tages in dritter Generation bestehen wird, ist noch unklar – er ist Single. Auf seinem Handy hat er keine Fotos von Frau und Baby, sondern Bilder von Mitarbeitern und Maschinen. „Noch gilt für mich: erst die Firma, dann ich.“

Fragebogen

David Uhlenbrock über …

Geduld
Habe ich nicht. Finde das auch nicht so schlimm. Geduld würde mich nur bremsen.

Zusammenhalt
Mein Opa hat in mir den Unternehmergeist geweckt. Meine Oma macht mir jeden Tag um sieben Uhr Frühstück. Mein Vater ist mein wichtigster Berater. Und von meiner portugiesischen Mutter habe ich gelernt, dass die Lebensfreude auch trotz viel Arbeit nicht zu kurz kommen darf.

Vertrauen
Ich muss mich auf meine Leute verlassen können und sie sich auf mich. Punkt.

Kommunikation
Interne und externe Kommunikation kommt in vielen Betrieben zu kurz. Ich möchte meine Mitarbeiter dazu bringen, direkt mit unseren Kunden zu kommunizieren. Das erhöht ihre Identifikation mit der Firma und spornt jeden Einzelnen an, noch besser zu werden.

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Philipp Hedemann

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