Dennis Buchmann in seinem Lager: Er hat mit meinekleinefarm.org eine erfolgreiche Online-Metzgerei gegründet, die Fleischesser obendrein zum Nachdenken anregt.

In­no­va­ti­ve Ge­schäfts­ide­en

mei­ne­klei­ne­farm.org

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Eine Metzgerei im Internet, kann das funktionieren? Mit einem Webshop hat Dennis Buchmann eine tierische Idee zur Innovation veredelt. Seine Kunden sind Fleischesser, die Schweine lieben, aber Massentierhaltung ablehnen. Das Unternehmen wächst täglich.

Schwein 40 guckt in die Kamera, Dennis Buchmann drückt ab. Das Tier hat erdige Borsten, lange blonde Härchen am Ohr und grunzt zufrieden. Übers Feld weht ein strenger Winterwind in Gömnigk, eine Autostunde außerhalb von Berlin. Hier lebt Schwein 40 seit seiner Geburt bei Bauer Bernd Schulz auf einem 35 Hektar großen Acker. Was das Tier nicht weiß: Das Foto besiegelt sein Schicksal.

Nur wenige Stunden später endet das Leben von Schwein 40, 125 Kilogramm schwer, in einer nahegelegenen Schlachterei. Nach neun Monaten bei Bauer Schulz wird das Tier Teil einer unternehmerischen Bilanz, sorgfältig notiert von Dennis Buchmann. 250 Gläser Wurst, 50 Schlackwürste, 40 Mettringe, dazu Räucherschinken: Das war Schwein 40.

Buchmann ist im vergangenen Jahr Unternehmer geworden, und schon jetzt, zwölf Monate nach der Gründung, kann er von seiner Idee leben. Was sie abwirft, reicht für Büromiete, Lager, Firmenwagen, vier Mitgesellschafter und fünf Aushilfen. „Es bleibt was übrig“, sagt Buchmann.

Vielleicht ist der 35-Jährige so erfolgreich, weil er das Schicksal nicht herausgefordert hat. Als Biologe hatte er berufliche Alternativen. Aber Flexibilität und Erfindungsreichtum ziehen sich durch seine Karriere, erst als Student, dann als Chefredakteur eines eigenen Magazins und schließlich als Unternehmer. „Die Dinge haben mich immer gefunden“, sagt Buchmann.

Ihre Meinung: Jetzt kommentieren!
Kommentare

Teilen Sie Ihre Meinung zum Thema und Erfahrungen aus Ihrem Unternehmen mit anderen Nutzern! Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Innovative Konkurrenz von unten

Das Geschäft mit den Schweinen ist wieder so ein Ding, das klein und ein bisschen nebenbei begann und gerade rasant wächst. Buchmann ist ein bescheidener Typ, der bequeme Jeans trägt und die Frisur so, wie die roten Haare es wollen. Doch was er macht, ist höchst innovativ, sein Geschäft maximal effizient. Ein Wirtschaftsmagazin wählte ihn unter die 50 „kreativsten Macher“ der Republik. Buchmann sagt: „Ich mag´s, wenn Ideen einfach funktionieren.“

Sein Geschäftsprinzip ist einfach wie die meisten Ideen mit Zukunft: Buchmann überzeugte zunächst den Brandenburger Landwirt Bernd Schulz davon, ihm Schweine nach Bedarf zu verkaufen. Einzeln fotografierte er die Tiere und stellte die Bilder auf die Seite meinekleinefarm.org. Dort können Fleischesser aus ganz Deutschland die Wurst eines ganz bestimmten Schweins bestellen. Buchmann programmierte einen einfachen Webshop und wartete auf den ersten Auftrag.

Sein Unternehmen zeigt, dass der Mittelstand sich in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren auf Konkurrenz von unten wird einstellen müssen: Kleine Unternehmen wie meinekleinefarm.org können zu ernsthaften Wettbewerbern für sie werden. Sie sind in Unternehmensführung, Arbeitsorganisation, Produktentwicklung und Service schlank aufgestellt. Ihre Wendigkeit verschafft ihnen in einer beschleunigten Wirtschaft enorme Vorteile. Mit niedrigen Fixkosten können sie aufwendige Geschäfte rentabel abwickeln oder kleine Stückzahlen produzieren.

Die richtige Idee zur richtigen Zeit

Dennis Buchmanns Geschäftsidee kam überdies zur richtigen Zeit. Mit meinekleinefarm.org bedient er die Sehnsucht nach verantwortungsvollem Konsum, die eine aufgeklärte Schicht äußert, die mit Vegetarismus nichts anzufangen weiß. Wenn Buchmann flapsig ein „neues Bewurstsein“ der Fleischliebhaber fordert, dann ermöglicht er seinen Käufern ökologischen Konsum ohne das Pathos der völligen Korrektheit. „Deutschland sucht das Superschwein“ nennt er die Abstimmung im Onlineshop, in den ein buntes Banner programmiert ist: „Wir geben der Wurst ein Gesicht“. Etwas versteckt hinter dem Humor trifft das Geschäft auch auf Buchmanns persönliche Überzeugung: „Ich wünsche mir, dass die Leute wieder einen Bezug zum Tier bekommen“, sagt er. „Das regt den Fleischesser vielleicht zum Nachdenken an.“

„Die Menschen sollen einen Bezug zum Tier entwickeln.“

Dennis Buchmann

27 Millionen Schweine leben in Deutschland, die größten Mastanlagen fassen 65.000 Tiere. Sie sind Nachschub für einen Markt, der auf Masse setzt. 200 Gramm Schinken kosten bei Buchmann 6,50 Euro. Im Supermarkt bekommen Verbraucher die gleiche Menge für weniger als die Hälfte. Gleichzeitig wollen die Verbraucher nicht daran erinnert werden, dass der Schinken einmal ein Lebewesen war. Marktforscher haben herausgefunden, dass der Verbraucher Fleisch umso abstoßender findet, je röter es aussieht.

meinekleinefarm.org ist ein Erfolg gegen den Trend. Ungeschönt sieht der Kunde die Ware, die er später konsumiert, zu einem teuren Preis und oft ausverkauft. Rabatte gibt es nicht. „Das wäre das falsche Signal.“ Im vergangenen Sommer gab es Momente, in denen der Unternehmer manchmal dem eigenen Erfolg nicht traute. Das Geschäft musste an den heißen Tagen pausieren, die Wurst drohte in den Verpackungen zu schmelzen. Buchmann hatte Sorge, die Kunden könnten sein Angebot vergessen. Er investierte in ein Kühlauto, besorgte hitzebeständige Verpackungen und fuhr in und um Berlin auf Bestellung Grillwurst aus.

Wie meinkleinfarm.org zum Selbstläufer wurde

Im Herbst dann zog die Nachfrage mit der ersten regulären Schlachtung sofort wieder an, hörte nicht auf zu wachsen und führte immer wieder zu Lieferengpässen. Im Spätherbst schließlich nahm das Projekt einen Kurs, den Dennis Buchmann Monate zuvor für ein Hirngespinst gehalten hätte: Es meldeten sich Bauern bei Buchmann, die bei ihm einsteigen wollten.

Das war der Moment seiner noch jungen Unternehmerkarriere, in dem er erkannte, dass der Job alleine nicht mehr zu stemmen war. Buchmann holte sich vier Gesellschafter mit ins Boot. In wenigen Wochen steht der erste Relaunch der Webseite an, eine GmbH ist in der Gründung, der erste Geschäftsbericht wird fällig, die Steuererklärung, die Aushilfen brauchen Verträge.

Die interessierten Schweinebauern verkaufen ihre Wurst inzwischen über Buchmanns Webshop. Die Akribie, mit der er die Verkaufsplattform von Anfang an pflegte, zahlt sich damit schon jetzt aus. Entstanden ist eine Art Franchise-Modell, an dem Buchmann mitverdient.

Aus dem Experiment „Meine kleine Farm“ ist in gerade mal zwölf Monaten eine Existenz geworden. Es gibt Tage, an denen Dennis Buchmann das immer noch nicht recht glauben kann. Er geht dann in sein Wurstbüro, durchschreitet das Warenlager, in dem sich immer nur ein paar Leberwurstgläser und Mettringe stapeln, weil die Nachfrage zu groß für einen ordentlichen Bestand ist. „Wenn wir ausverkauft sind, schreiben mir die Leute verzweifelte E-Mails“, sagt Buchmann, der erkannt hat, dass Kundenpflege zum Erfolg führt. „Manchen gebe ich dann etwas ab“, sagt er, „von meinem kleinen privaten Vorrat.“

Checkliste

Wie Firmen online Käufer binden

  • Mitarbeiter-Blog
    Wie: Kollegen aus allen Abteilungen berichten von ihrem Arbeitsalltag.
    Warum: Dokumentation des Herstellungsprozesses, Identifikation des Kunden mit dem Produkt.
  • Multimedia
    Wie: Slideshows, Filme, Bildergalerien: Die Qualität sollte gut, muss aber nicht professionell sein.
    Warum: Visuelle Reize sorgen für hohe Wiedererkennung, steigern nachweislich die Rückkehrquote des Kunden.
  • Communities
    Wie: Follower sind eine harte Währung bei Twitter und Facebook.
    Warum: Professionell gepflegt, können Debatten angestoßen und unmittelbar Feedback eingeholt werden.
  • Veranstaltungen
    Wie: Diskussionsrunde, Abendessen, Empfang: online beworben, offline abgehalten, Nachlese wieder online.
    Warum: Der Kunde trifft die Menschen hinter dem Produkt.
Ihre Meinung: Jetzt kommentieren!
Kommentare

Teilen Sie Ihre Meinung zum Thema und Erfahrungen aus Ihrem Unternehmen mit anderen Nutzern! Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.


Jochen Brenner
Titelfoto: © Enver Hirsch