Tischkicker bei Walter Lauk Transporte in Hamburg

Ge­sund­heit im Be­trieb

Ge­sun­de Mit­ar­bei­ter, er­folg­rei­ches Un­ter­neh­men

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Wie wichtig die Gesundheit und innere Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter ist, haben Unternehmer lange Zeit unterschätzt. Containerspediteur Walter Lauk führte trotz geringer Mittel ein Betriebliches Gesundheitsmanagement ein, das auch Nachwuchskräfte überzeugt.

Serverausfall in der Containerspedition Walter Lauk. Eben saßen die Disponenten noch geschäftig an ihren Flatscreens, jetzt steht alles still. Fieberhaft sucht ein IT-Experte nach dem Fehler im System. Ein Super-GAU für den 30-Mann-Betrieb im Hamburger Freihafen, denn die Morgenstunden sind ausschlaggebend für den Umsatz: Die meisten Touren für die Lkw-Fahrer werden online gebucht, die Disponenten organisieren die Aufträge und lotsen die Fahrer – doch wenn keine Anweisungen kommen, gehen die Fahrten an andere Unternehmen. Über sein Handy versucht Marcel Grupe Kunden zu erreichen. Seine Wangen sind gerötet, beim Telefonieren zieht er die Stirn in Falten.

Wie in vielen Unternehmen ist auch bei Walter Lauk der Leistungsdruck enorm gestiegen. Grupe liebt seinen Job, er leitet ein Team von drei Mitarbeitern und hat schon seine Ausbildung als Speditionskaufmann hier absolviert. Doch obwohl es zur Routine gehört und er es sich nicht anmerken lässt – in solchen Momenten steht er stark unter Strom. „Das ist Stress pur“, sagt der 26-Jährige. In seiner Freizeit versucht er die Anspannung durch ein bisschen Fußballspielen abzubauen. Aber das reicht nicht.

Wenn er nicht aufpasst, droht ihm Überforderung am Arbeitsplatz, und die ist keine Seltenheit mehr. Der Anteil krankgeschriebener Pflichtmitglieder der AOK etwa ist von 3,25 Prozent 2007 auf fast fünf Prozent Anfang 2017 gestiegen. Das ist alarmierend – nicht nur weil Arbeitnehmer öfter, sondern auch länger krank sind. Während es 2007 im Schnitt 16,4 Tage waren, sind es 2016 schon 19,5 Tage. Schlafstörungen, Rückenschmerzen und Depressionen nehmen bei Arbeitnehmern zu. Stress ist eines der größten Probleme am Arbeitsplatz.

Von Entspannungstechniken bis zu Ernährungsfragen

Viele Mittelständler haben bereits darauf reagiert und bieten ihren Mitarbeitern Fitnesskurse, Massagen oder Vorträge über gesunde Ernährung an. Manche gehen ganzheitlicher vor und entwickeln ein richtiges Betriebliches Gesundheitsmanagement. Der Marzipan-Spezialist Niederegger in Lübeck etwa hat herausgefunden, dass die meisten Ursachen für Krankmeldungen im Hause auf Herz-Kreislauf- und Atemwegsprobleme zurückzuführen sind, oft auch auf Bewegungsmangel. Das Unternehmen reagierte und beriet die Mitarbeiter über Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bot Schnupperkurse für Entspannungstechniken und Sport, schulte in Ernährungsfragen. Mit Erfolg. Die Mitarbeiter sind zufriedener, selbst die Atemwegserkrankungen haben durch ein spezielles Nichtraucherprogramm abgenommen. Was die Zufriedenheit aber vor allem ausmacht, ist die Tatsache, dass das Unternehmen sich um sie kümmert. Das motiviert und trägt enorm zur Identifikation mit dem Arbeitgeber bei.

Leider bleibt es oft bei Einzelmaßnahmen, wenn Unternehmer etwas für die Belegschaft tun wollen. Jörn Lauk, Mitglied der Geschäftsleitung bei Walter Lauk, stellte vor ein paar Jahren Fitnessgeräte in einen Nebenraum der Firma. Irgendwann bildeten sich erste Staubschichten auf Hanteln und Crosstrainern. „Es reicht nicht, einfach nur etwas hinzustellen und zu denken: Macht mal!“, erkannte der 57-Jährige. Die Mitarbeiter mieden den Raum wie Schüler ihre Hausaufgaben. Lauk musste mehr über sie erfahren.

„Es reicht nicht, einfach Fitnessgeräte hinzustellen und zu denken: Macht mal!“

Jörn Lauk, Geschäftsleitung

Den Anstoß dazu gab ihm seine Tochter Melina. Sie arbeitet als Controllerin im Betrieb ihres Vaters und hat Ökotrophologie studiert. Schon immer interessierte sie sich dafür, wie man Arbeit und Gesundheit besser miteinander vereinbaren kann. Also ließ sie Fragebögen von der Belegschaft ausfüllen: Was braucht ihr, wie fühlt ihr euch, was können wir verbessern? „Da kamen wichtige und unerwartete Antworten“, sagt die 26-Jährige. Manche brauchten eine Ernährungsberatung, andere einen separaten Raum zum Mittagessen, wieder andere ein gezieltes Rückentraining. Das spornte die sportliche Unternehmerstochter zu einem ganz neuen Konzept an, das sie schließlich ihrem Vater vorschlug: Sport- und Beratungskurse sowie gemeinsames Kochen mit der Belegschaft sollten eingeführt – und das gesamte Souterrain der Firma in einen Erholungsbereich für Mitarbeiter verwandelt werden.

Ganzheitliches Gesundheitsmanagement bei Walter Lauk

Wer die Räume heute betritt, fühlt sich wie bei Freunden zu Hause. Deckenstrahler tauchen die Zimmer in warmes Licht. Eine große Lounge mit Sofanischen und Essecken lädt zum Ausruhen ein. Bilder vom Hafen zieren die Wände, Pflanzenkübel verschönern den Raum. Im Zentrum sorgen Tischkicker und Billardtisch für Stressabbau. Alles wirkt gemütlich, privat. Genau wie die moderne Küche mit den Kirschholzflächen und dem Küchenblock in der Mitte. Einmal im Monat finden hier Kochkurse statt. Geht man den Flur hinunter, gelangt man in eine Umkleidekabine mit Dusche. Hier macht sich die Laufgruppe mittags bereit für das halbstündige Intervalltraining.

Es weht ein neuer Wind im Unternehmen. „Man muss nicht massig viel investieren, um Mitarbeitern etwa Gutes zu tun“, sagt Melina Lauk, „Es reicht, wenn man Räume schafft, die nur ihrem Wohl dienen, eine einfache Küche reicht, eine gebrauchte Couch, hübsche Kissen, ein paar Bilder – aber mit Liebe zusammengestellt.“ All das sei nur ein Teil der Maßnahmen. Lauks Tochter geht es um mehr: Durch die Informationen der Mitarbeiter wurde viel klarer, was sie brauchen. Die Kochschulung, das Ernährungscoaching, das Rückentraining, gemeinsame regelmäßige Mittagessen, die nebenbei das Teamgefühl stärken – und eine Laufgruppe. Mittlerweile nimmt sie unter dem Firmennamen Lauk am Staffeltriathlon teil.

Burn-out in der Geschäftsleitung

Wäre seine Tochter nicht die treibende Kraft gewesen, würde Jörn Lauk das Souterrain heute wohl immer noch als Firmenarchiv nutzen. Schon sein Vater, der das Unternehmen gegründet hat, saß bis zum Ruhestand „an einem Schreibtisch mit Telefon, Schreibmaschine und starkem Kaffee“. Mittags aß er nebenbei. Und die Tradition setzte sich fort. Obwohl Jörn Lauk immer sportlich war, verschlang er am Schreibtisch Pasta aus der Mikrowelle, Burger oder Pizza. 17-Stunden-Tage waren keine Seltenheit. Lauk erinnert sich an Phasen, in denen man sich auch mal gegenseitig anbrüllte. „Dann dachte ich, der Sturm zieht vorbei, sobald das Projekt beendet ist.“ Aushalten. Weitermachen. Auf Dauer tat das nicht gut. Irgendwann war der Erfolgsdruck für den leidenschaftlichen Marathonläufer so hoch, dass er selbst an Burn-out zu erkranken drohte.

Noch rechtzeitig zog Lauk die Reißleine. Er nahm sich Ruhepausen und stellte seine Ernährung um. Er sprach vor seinen Mitarbeitern und forderte sie persönlich auf, beim Gesundheitsprogramm mitzumachen. Das spornte viele an. „Es wird noch nicht so angenommen, wie ich es mir vorgestellt habe“, sagt der ehrgeizige Leistungssportler.

Wie Gesundheitsmaßnahmen Fachkräfte anziehen

Dass selbst eine kleine Laufgruppe für mehr sorgt als nur ein Freizeitvergnügen, hat seine Tochter längst erkannt. „Beim Staffeltriathlon fiebert die Belegschaft regelrecht auf das Ergebnis ,ihrer‘ Mannschaft hin“, sagt sie, „das trägt unheimlich zum Teamgeist bei.“ Es hat etwas Zeit gebraucht, bis ihr Vater das verstanden hat. Mittlerweile ist er überzeugt davon, dass die Maßnahmen für die Mitarbeiter wichtig sind und dass sie auch Nachwuchskräfte überzeugen, sich für seine Firma zu entscheiden. Der neue Geist in seinem Hause gibt ihm recht. Viele Mitarbeiter bei Lauk sind unter 30 Jahren. Sitzen sie in der Lounge zusammen, könnte man den Raum mit einem Start-up verwechseln.

„Beim Staffeltriathlon fiebert die Belegschaft auf das Ergebnis ,ihrer‘ Mannschaft hin.“

Melina Lauk

Es ist zwölf Uhr, der Server im Großraumbüro funktioniert wieder. Die geladene Stimmung hat sich in ein gelöstes Miteinander verwandelt. Es wird gelacht, jemand ruft einen Witz durch den Raum. Auch heute hat sich ein Team für den Küchendienst bereit erklärt. Es gibt Salat, Nudeln mit selbst gemachter Tomatensauce und zum Dessert einen Fruchtmix. Marcel Grupe muss nach dem Schock noch etwas runterkommen und spielt mit Kollegen eine Runde Tischkicker. „Heute war keine Zeit für die Laufgruppe, aber morgen holen wir das nach“, sagt er. Man glaubt es ihm sofort.

Leitfaden

Wie gelingt ein gutes Betriebliches Gesundheitsmanagement (BG)?

Auch punktuell lassen sich Situationen im Betrieb ändern, ohne dass man großen Aufwand betreiben muss. Zwar gilt auch hier: Unternehmen müssen beim BG immer ganzheitlich denken. Doch für einige Situationen gibt es zumindest erste Lösungsansätze. Jirko Kampa ist Geschäftsführer von Wheasy, einem Dienstleister für Betriebliches Gesundheitsmanagement. Faktor A verrät er vier Lösungen.

  • Die Sitzfalle

Problem: Die Mitarbeiter sitzen acht Stunden am Tag vor dem Computer und bekommen kaum Bewegung.

Lösung: Solche Mitarbeiter sollte man konkret nach Beschwerden fragen: Haben sie Rücken- oder Nackenschmerzen, leiden sie unter Müdigkeit? Was kann ich als Arbeitgeber tun, damit du dich wohler fühlst? Oft wundert man sich, wie leicht sich Situationen verbessern lassen. Dann ist einfach der Schreibtisch zu niedrig eingestellt, der Bildschirm steht nicht mittig genug, oder es muss für ergonomisch bessere Stühle gesorgt werden. Wichtig ist, dass der Körper gut durchblutet ist und dass es zu keinen Fehlhaltungen kommt. Regelmäßiges Aufstehen wirkt oft Wunder. Es lohnt sich in jedem Fall, die Mitarbeiter darin zu fördern, öfter mal aufzustehen. Manchmal reicht es schon, wenn der Kopierraum nicht gleich neben dem Schreibtisch steht oder die Kaffee-Ecke einen kleinen Gang erfordert.

  • Körperliche Beschwerden

Problem: Ein Mitarbeiter hat ständig Magenbeschwerden und Darmprobleme.

Lösung: Meistens liegt es an der Art, wie er isst – gern am Schreibtisch neben dem Telefon. Er kaut dann auch nicht 27-mal, sondern schlingt. Unser Magen-Darm-System reagiert sehr empfindlich auf Stress. Die Verdauung steht dann still. Ursprünglich diente das dem Fluchtinstinkt, aber wir sind ja keine Neandertaler mehr. Wer darauf achtet, dass die Mitarbeiter nicht am Platz essen, hat viel gewonnen. Gemeinsame Mittagessen einplanen. Toll wäre es auch, Obstkörbe zur Verfügung zu stellen und Schokoboxen nicht zu verbannen, aber zumindest in die hinterste Ecke zu verlagern. Doch viel wichtiger ist es, einen Raum zum Essen zu schaffen, an dem nicht gearbeitet werden darf. Die halbe Stunde am Tisch unterschätzen viele Unternehmer. Danach arbeiten die Leute effizienter weiter als ohne.

  • Die Vielkommunizierer

Problem: Die Mitarbeiter müssen in ihrem Berufsalltag viel kommunizieren. Das ist auf Dauer ermüdend.

Lösung: In Asien gibt es Ruheräume mit richtigen Schlafliegen in der Firma. Powernapping ist dort erwünscht, da manche Firmen dort sehr an die kreative Kraft der Erholungsphasen glauben. So weit ist der Westen leider noch nicht. Aber man kann in jedem Unternehmen Räume schaffen, die nur der Erholung dienen. Sofaecken, gemütliche Sitzsäcke, auf denen man kurz abschalten und etwas anderes machen kann. Eine Investition in eine gute Kaffeemaschine kann manche Mitarbeiter regelrecht euphorisieren. Oder eine schön gestaltete Teeküche, in der man mal einen Plausch halten kann. Diese Räume sind oft nur funktional, und der Mitarbeiter hat das Gefühl, es sei nicht erwünscht, dass er sich darin aufhält.

  • Die Unsportlichen

Problem: Die modernen technologisierten Arbeitsformen fördern unsportliches Verhalten.

Lösung: Es ist nicht einfach, Mitarbeiter von etwas zu überzeugen, das sie für eine zusätzliche Anstrengung halten. Das ist ein umfangreicher Prozess, der am Ende aber umfangreichen Nutzen hat. Es reicht nicht, einfach nur Hanteln zur Verfügung zu stellen. Damit der Mitarbeiter aus eigener Überzeugung etwas unternimmt, braucht er Vorbilder. Meistens geht Sportlichkeit von der Führungsebene aus. Wenn die nur dick vorm Computer sitzt, überzeugt sie keinen Mitarbeiter. Wenn ein Unternehmer Sportsgeist besitzt, sollte er den auch in der Firma leben: Mitarbeiter fördern, die Sportgruppen bilden wollen, gemeinsame – freiwillige – Firmennachmittage im Kletterpark organisieren, gesunde Ernährung fördern. Alles ohne Zwang. Das ist dann schon Schleichwerbung genug.

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Kommentare

Wir sind ein kleiner Handwerksbetrieb, wir stellen fest unsere 2 Rumänische Mitarbeiter und ein französchiser Mitarbeitersind überhaupt nicht Krank sind. Junge Mitarbeiter ,Azubis (Deutsche )mit hohem Krankenstand, Liegts am Betrieb? ist einfach gesagt, Liegt es an zufiel Freizeit ? oder an der Kenntniss
Betieb bezahlt ja sowieso 6 Wochen bekomme dazu noch 3 Urlaustage geschenkt.!! Denke auch Ausgleich muß sein aber alles soll im Betrieb stattfinden ? finde ich nicht der richtige Ansatz . In der Freizeit haut man sich dann die Hucke voll.( Freizeit Stress ) kommt am Montag gereitzt zur Arbeit .Bin älterer Jahrgang
im 53 Berufsjahr sehe daher auch noch vieles anders.
Kleines Beispiel : eine Bundesregierung hatt vor Jahren fertiggebracht bei einer Woche Krank fällt ein Urlaubstag weg ,siehe da seltene Kranktage .ein Jahr Später wurde die Regelung aufgehoben ,Schwupp
Ende Februar war der Krankenstand vom Vorjahr wieder erreicht ??? woran liegts ? Sicher muß man auch sehen ein Handwerksbetieb und ein Industriebetieb sind auch sehr Unterschiedlich in den Strukturen

Mit freundlichen Grüßen
Edgar Seidler

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Esther Werderinghaus