Aktuell bildet Devugees 20 Flüchtlinge zu Webentwicklern aus.

De­vu­gees

In­itia­ti­ve macht Flücht­lin­ge zu Webent­wick­lern

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Es muss nicht ewig dauern, bis ein Flüchtling reif für den hiesigen Arbeitsmarkt ist. Die Initiative Devugees bildet Zugewanderte innerhalb eines Jahres zu Webentwicklern aus. Damit sind die Absolventen schlagartig einsetzbar.

Eigentlich gibt es im Leben von Stephan Bayer nichts, das ihn besonders aufregt. „Dass Flüchtlinge vielerorts immer noch so abgelehnt werden“, sagt der 34-Jährige, „das bringt mich auf die Palme.“

Vor zwei Jahren beschäftigte ihn das Thema so sehr, dass er sich mit seinem Team zusammensetzte und überlegte, wie man helfen kann. Der Unternehmer organisierte Geld- und Kleiderspenden, vermittelte Wohnungen und Deutschkurse – doch viel wichtiger war es ihm, Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, eine handfeste Ausbildung zu ermöglichen. Eine, die sie in kürzester Zeit reif für den Arbeitsmarkt machen würde. Eine, bei der sie sämtliche Ausbildungsschritte überspringen und sich innerhalb eines Jahres zu Webentwicklern qualifizieren würden. Unmöglich, sagten die einen. Genial, sagten Bayers Unterstützer.

Sofatutor: Pionier der Online-Nachhilfe

Als Internetunternehmer hat sich Stephan Bayer schon mit einer anderen Form von Hilfe einen Namen gemacht. Die von ihm entwickelte Online-Lernplattform sofatutor.com bietet Lerninhalte ab der ersten Klasse: Interaktive Übungen, Hausaufgaben-Chats mit Experten und wöchentliche Online-Nachhilfestunden mit Lehrern ersetzen bei einer geringen Grundgebühr den weitaus kostenintensiveren Nachhilfelehrer. Bayers Motto: Bau ein Produkt, das dir selbst helfen kann.

„Es bringt mich auf die Palme, dass Flüchtlinge immer noch so abgelehnt werden.“

Stephan Bayer, Initiator Devugees

Und genau das möchte er nun auch Flüchtlingen ermöglichen und hat sich dazu den Gründer von care.com und aktuellen Geschäftsführer von Kununu, Steffen Zoller, ins Boot geholt, ebenso wie den Geschäftsführer des Instituts für berufliche Fortbildung, Angelo Juric. Mit Devugees – eine Wortverbindung aus Refugees und Developer – haben sie ein Fort- und Weiterbildungsprogramm entwickelt, das es Zugewanderten ermöglicht, eine berufliche Qualifikation zu erwerben und sich auf dieser Grundlage eigeninitiativ weiterzubilden. Der größte Pluspunkt: Mit dem Abschluss sind die Absolventen sofort in sämtlichen digitalen Bereichen der Unternehmen einsetzbar.

Fachkräftebedarf der Internetbranche

Diese Grundqualifikation, sagt Bayer, würde so dringend gebraucht wie eine Regenzeit bei Dürre. In der Internetbranche herrsche ein so starker Fachkräftemangel, dass sich Unternehmen schon gegenseitig die Programmierer und Webentwickler abwerben.

Damals setzten Bayer und sein Team sich mit Vertretern von Berliner Internetunternehmen zusammen. Wo genau hatten sie Bedarf und welche Fähigkeiten seien für den Einsatz nötig, fragten sie. Auf der Grundlage ihrer Bedürfnisse entwickelten sie einen Lehrplan, der die neuesten Kenntnisse und Methoden der Webentwicklung enthält. „Die Technologien, die wir nutzen und unterrichten, sind aktueller als die an den Universitäten“, sagt der Berliner Unternehmer. Ein Hochschulabschluss sei für den Kurs nicht notwendig. Viele Geflüchtete hätten das Potenzial für diese Aufgabe, weil sie schon lange digitale Kommunikationsmittel nutzen und sich mit dem Netz bestens auskennen würden.

Vom Literaturstudenten zum Webentwickler

Die Schüler aus Afghanistan, Syrien, Pakistan und Nordafrika lernen in den Räumen des Gründerhauses Adlershof in Berlin. Auch der Syrer Manaf P., 30, ist unter ihnen. Er arbeitet an seiner eigenen Website, färbt sie ein, lässt sich erklären, wie man die Texte darauf formuliert, lernt neue Fachbegriffe in Business-Englisch und -Deutsch. Er ist hoch konzentriert. Eigentlich kommt er aus einer ganz anderen Fachrichtung. Vor sechs Jahren hat er in Aleppo sein Studium in englischer Literatur begonnen, zwei Jahre später wurde die Uni jedoch von Raketen angegriffen. Viele Studierende starben. Als Manaf seinen Master absolvieren wollte, wurde es so gefährlich, dass er fliehen musste.

In Berlin erhielt er eine Aufenthaltsgenehmigung und einen achtmonatigen Sprachkurs. 2015 wurde er dann auf Devugees aufmerksam. Manaf hat durch seine Aufgabe und seine berufliche Perspektive neuen Lebensmut geschöpft. Das bestätigt auch Bayer: „Das Schlimmste, was man tun kann, ist, Menschen nicht arbeiten zu lassen.“

Manaf hat mit seinem Abschluss die Möglichkeit, nach Syrien zu gehen, wenn sich die Situation beruhigt hat. Doch er weiß nicht, ob das jemals der Fall sein wird. Erst mal möchte er in Deutschland bleiben, vielleicht einmal sein eigenes Start-up gründen. „Hier ist so viel möglich“, sagt er.

Qualifikation und Integration

„Flüchtlinge zwischen Anfang 20 und Ende 30 wurden um die Chance auf eine Ausbildung betrogen“, sagt Bayer, „aber sie sind ehrgeizig, sonst hätten sie es nicht bis hierher geschafft.“ Zudem stünden sie unter einem enormen Druck. Um ihre Familie in der Heimat zu unterstützen, müssen sie Geld verdienen. Damit das schneller geht, arbeiten sie als Taxifahrer, Maler, Hilfsarbeiter. „Mit Internetjobs können sie aber schon nach einem Jahr 2500 bis 3000 Euro brutto verdienen.“

„Das Schlimmste, was man tun kann, ist, Menschen nicht arbeiten zu lassen.“

Stephan Bayer

Manaf und seine Mitschüler werden im Rahmen der Devugees-Qualifikation aber nicht nur gut ausgebildet, sondern auch in die Gesellschaft integriert. Jeden Mittwoch geht jeder von ihnen mit einem bereits ausgebildeten Programmierer mittagessen. Dort reden sie nicht nur über den Job, sondern auch über Privates, über die Kultur im Land, gemeinsame Interessen oder Familiäres. So entstehen Freundschaften. Bei den sogenannten Networking-Events besuchen sie wiederum Firmen, bei denen sie sich später bewerben können. Dabei lernen sie gleich die jeweiligen Geschäftsführer kennen.

Stephan Bayer wünscht sich, dass noch mehr Unternehmer ihren Bedarf an Fachkräften für den digitalen Bereich anmelden und sich bei seiner Initiative melden. „Das hätte im besten Fall eine Kettenreaktion zur Folge: Es würde mehr Bildungsgutscheine vom Jobcenter für diese Leute geben, mehr Genehmigungen für Maßnahmen wie Devugees – dann auch in anderen Regionen.“

Bisher können 20 Auszubildende pro Jahr einen Kurs absolvieren, doch die Bewerberzahl ist ungleich höher. Mittlerweile fragen ihn selbst Geistes- und Sozialwissenschaftler aus Deutschland, ob sie den Kurs absolvieren können, um ihren prekären Verhältnissen zu entkommen. „Der Bedarf ist immens“, sagt Stephan Bayer, „und das wird sich so schnell nicht ändern.“

Devugees sucht Unternehmen

Unterstützer werden, Fachkräfte sichern

Wer die Initiative Devugees als Unternehmer unterstützt, kann nicht nur einen Beitrag zur Integration leisten, sondern auch Kontakte zu zukünftigen Fachkräften knüpfen. Aktuell sucht die Initiative nach Gründern und Unternehmern im Großraum Berlin, die den Kursteilnehmern Berufsbild und Arbeitsalltag von Webentwicklern näherbringen. Auf regelmäßigen Veranstaltungen informiert das Team hinter Devugees über die Möglichkeiten, die die Initiative für Start-ups und Unternehmen birgt. Mehr auf devugees.org

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Kommentare

Der Herr Zoller und Herr Bayer können nachts bestimmt besonders gut schlafen...

Welchen prekären Verhältnissen wollen denn Geistes- und Sozialwissenschaftler entkommen? Gibt es dazu Quellen und Statistiken? Diese Aussage verhöhnt ziemlich viele Studenten und Absolventen und ist einfach eine Frechheit.

Zumal es fernab von vielen anderen Berufszweigen auch "Internetjobs" gibt, die für diese Berufsgruppe weitaus besser geeignet sind, als für Programmierer oder Web-Entwickler.

Ich finde die Initiative Devugee klasse! Nur so kann es gehen, nur so können die Menschen, die in ihrer Heimat alles zurücklassen mussten, hier rasch in den Arbeitsmarkt integriert werden, können sich einbringen.

Mir imponiert das umso mehr, nachdem ich unlängst die Autobiografie eines Flüchtlings aus Eritrea gelesen habe. Fluchtzeitpunkt war in den "Nuller" Jahren. Es hat 9 (!) Jahre, teils unkonventionelle Unterstützung und auch eine große Portion Glück gebraucht, bis derjenige hier "frei" leben durfte. Vorher gab es, nach lebensgefährlicher Flucht unter entsetzlichen Umständen nur Flüchtlingsunterkünfte, Ungewissheit, weitergeschoben werden. Arbeiten war verboten, Ausgangszeiten waren reguliert. Wie man unter solchen Umständen überleben kann, grenzt für mich an ein Wunder.

Den Initiatoren wünsche ich ganz viel Erfolg mit ihrem Devugee-Programm!

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Esther Werderinghaus