Viele Hände für den Erfolg: Inklusion bedeutet nicht nur, Menschen mit Behinderung eine Chance zu geben, sondern gemeinsam an Aufgaben zu wachsen.

Kom­men­tar von Ma­lu Drey­er

Weil In­klu­si­on sich lohnt

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

„Arbeitgeber sollten stärker erkennen, dass Menschen mit Behinderung verlässliche Partner sind“, schreibt Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, in ihrem exklusiven Kommentar.

Die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung ist für einen Betrieb ein Gewinn. Das sage ich, weil es mir Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in meinen vielen Jahren als  Sozialministerin und jetzt als Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz immer wieder bestätigt haben. Ich sage es aber auch, weil unabhängige Studien zum gleichen Ergebnis kommen: Die Leistungsfähigkeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Behinderung steht nicht hinter der von Menschen ohne Behinderung zurück.

Ganz im Gegenteil: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Behinderung sind meist hoch motiviert und engagiert, weisen eine hohe Fach- und Sozialkompetenz auf. Das ist häufig das Ergebnis eines Alltags, der ein hohes Maß an Organisiertheit und Vertrauen erfordert. Im Berufsleben zahlen sich diese Kompetenzen dann deutlich wahrnehmbar aus.

Engagement für die Inklusion ist vor allem ein Engagement gegen Vorurteile. Denn der überwiegende Teil der Beschäftigten mit Behinderung benötigt wenig bis überhaupt keine Extrahilfe. Wo es dann wirklich einmal nötig wird und gute Organisation allein nicht mehr hilft, leisten die Integrationsämter Unterstützung im Rahmen der Hilfe zur Teilhabe am Arbeitsleben.

Unterm Strich lohnt es sich also für einen Betrieb, Menschen mit Behinderung einzustellen. Erst recht in einer Zeit, in der viele Unternehmen – gerade aus dem Mittelstand – für die nähere Zukunft einen Fachkräftemangel befürchten oder bereits dagegen ansteuern müssen.

Unternehmerische Verantwortung bei der Inklusion

Ich wünsche mir von den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern in unserem Land, dass sie ihre unternehmerische Verantwortung wahrnehmen und diesen harten Fakten gegenüber aufgeschlossen sind. Menschen mit Behinderung sind verlässliche Partnerinnen und Partner im Arbeitsleben. Sie tragen ihren Teil zum Geschäftserfolg bei.

Es ist übrigens auch betriebswirtschaftlich gesehen mehr als sinnvoll, motivierte Menschen einzustellen, statt zum Beispiel die Ausgleichsabgabe zu zahlen, die anfällt, wenn ein Unternehmen keine oder nicht die gesetzlich geforderte Zahl von Menschen mit Schwerbehinderung einstellt. Dazu kommt, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Behinderung ihren Kollegen ohne Behinderung Einblick in ihre Welt gewähren: Das ganze Team kann von diesem Perspektivwechsel profitieren, er fördert Empathie und eine Kultur des Zuhörens und Aufeinandereingehens. Am Ende profitieren so auch Kolleginnen und Kollegen ohne Behinderung.

Unternehmen sollten deshalb prüfen, ob es für ihre spezielle Situation in ihrem Bundesland nicht entsprechende Förderprogramme zur Eingliederung von Menschen mit Behinderung gibt. Die Integrationsämter sind bereit, die individuellen Leistungen noch zielgenauer einzusetzen. Denn es ist – auch volkswirtschaftlich gesehen – viel sinnvoller, Mittel der Ausgleichsabgabe einzusetzen, um eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen oder aufrechtzuerhalten, als die Arbeitslosigkeit eines Menschen zu bezuschussen.

Auch wenn größtmögliche wirtschaftliche Autonomie das Ziel vieler Unternehmerinnen und Unternehmer ist, können clevere Kooperationen von Fördereinrichtungen und Privatwirtschaft zu einem Gewinn für Arbeitgeber und Arbeit­nehmer werden. Der Auf- und Ausbau von Integrationsfirmen ist ein gutes Instrument, um Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu beschäftigen. Die Finanzierung durch Mittel der Ausgleichsabgabe in Verbindung mit originären Landesmitteln reicht allerdings nicht aus, sie brauchen weitere Finanzierungsoptionen, etwa durch Mittel der Agentur für Arbeit und der Jobcenter bei der Einstellung von Bewerbern. Dass in diesen Integrationsfirmen auch Menschen ohne Behinderung arbeiten, ist für eine gelingende Inklusion sehr wichtig. Auch die Integrationsfachdienste haben im Hinblick auf Vermittlung und Berufsbegleitung eine sehr wichtige Funktion.

Echte Optionen für Menschen mit Behinderung

Besonderen Schutz und individuelle Förderung haben aber vor allem die Menschen mit Behinderung verdient, die aufgrund ihrer Beeinträchtigung die Voraussetzungen für den allgemeinen Arbeitsmarkt noch nicht erfüllen und deshalb in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten.

Die Werkstätten leisten gute Arbeit bei der Aufgabe, Menschen mit Behinderung aus der Werkstatt in Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes zu vermitteln. Dabei brauchen sie jedoch die Unterstützung der Wirtschaft. Hier setze ich auf das Selbstverständnis der Firmen- und Personalchefs. Gerade der Mittelstand trägt mit glänzenden Zahlen zur Exportstärke Deutschlands bei.

Im Innern können die Verantwortlichen diesen Erfolg noch steigern, indem sie sich vorurteilslos auf Menschen mit Behinderung einlassen. Und auch hier fördert etwa Rheinland-Pfalz mit dem Budget für Arbeit Unternehmen, die bereit sind, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Teilhabe verwirklichen, Gleichstellung durchsetzen und Selbstbestimmung ermöglichen – darum muss es bei der Inklusion in erster Linie gehen. Die Teilhabe am Arbeitsleben spielt eine immens wichtige Rolle. Hier sind wir alle – nicht zuletzt im eigenen Interesse – gefordert, Menschen mit Behinderung echte Optionen zu ermöglichen.

Malu Dreyer

Eine Frau an der Spitze

Malu Dreyer ist seit Januar 2013 Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und die erste Frau an der Spitze des Bundeslandes. Zuvor hatte sie über zehn Jahre lang der rheinland-pfälzischen Landesregierung als Ministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie angehört.

Malu Dreyer
© laif

Dreyer war zunächst Staatsanwältin in Bad Kreuznach, ehe sie dort Bürgermeisterin wurde und im Anschluss als Sozialreferentin nach Mainz wechselte.

Dreyer lebt mit ihrem Ehemann in einem inkludierenden und generationenübergreifenden Wohnprojekt nahe der Benediktinerabtei St. Matthias in Trier. Seit Mitte der Neunzigerjahre ist Dreyer an der entzündlichen Nervenerkrankung Multiple Sklerose erkrankt, weshalb sie auf längeren Wegstrecken auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Dreyer ist unter anderem Schirmherrin von TAG Trier, einem Projekt von Multiple Sklerose-Betroffenen.

Über ihre eigene Behinderung schweigt sich Dreyer nicht aus, redet aber auch nicht allzu oft darüber. „Warum soll ich mein Leben damit verbringen, täglich darüber nachzudenken, was meine Krankheit übermorgen macht“, sagte sie in einem Interview.

Kollegen mit Behinderung

Die Fallstricke im Büroalltag

Wenn ein Kollege mit Behinderung neu ins Team kommt, wissen viele nicht, wie sie sich verhalten sollen. Raúl Krauthausen engagiert sich mit seinem Verein Sozialhelden e.V. für gelebte Inklusion und kennt die Schwierigkeiten im Büroalltag. Im Interview erklärt er, warum Kritik und Lob nichts mit Behinderung zu tun haben.

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Malu Dreyer
Titelfoto: © Niklas Briner