Ein gut durchdachtes Innovationsmanagement kann helfen, dabei Zeit zu sparen – und Fehlversuche bei der Produktentwicklung zu vermeiden.

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Im globalen Wettbewerb müssen Unternehmer ihre Produkte immer weiterentwickeln, manchmal sogar ganz neu erfinden. Ein gut durchdachtes Innovationsmanagement kann helfen, dabei Zeit zu sparen – und Fehlversuche zu vermeiden.

Vor etwas mehr als hundert Jahren in Wien hatten Kutschenbauer ein lukratives Einkommen und keine Konkurrenz. Sie boten ihren Kunden das schnellste Fortbewegungsmittel, das es gab, und wähnten sich in Sicherheit. Dann kamen Daimler, Maybach und Porsche und machten die „Kutsche mit Verbrennungsmotor“ zum Automobil, das von Jahr zu Jahr leistungsstärker, zuverlässiger und komfortabler wurde.

Den Bedarf erkennen

Als Unternehmer innovativ zu sein, war vor über 100 Jahren lebenswichtig – und ist es heute mehr denn je. Im globalen Wettbewerb sehen nicht nur große Unternehmen, sondern auch KMU die Notwendigkeit, ihre Produkte zu verbessern, an die Bedürfnisse der Kunden anzupassen oder ganz neu zu entwickeln. Der Bedarf ist groß, denn gerade der Standort Deutschland kämpft mit wachsender Konkurrenz. Die Städte mit den meisten Forschungs- und Entwicklungszentren befinden sich heute nicht mehr in Europa oder den USA – sondern in Asien. Größere Unternehmen reagieren darauf mit ganzen Abteilungen, die sich um das sogenannte Innovationsmanagement kümmern. Doch auch kleine und mittelständische Unternehmen, die über geringere finanzielle und zeitliche Ressourcen verfügen, können viel tun, um sich den Weg in eine erfolgreiche Zukunft zu bahnen.

Systematisch vorgehen

„Wenn Sie etwas verändern wollen, müssen Sie das strukturiert tun, von der Ideenfindung bis hin zum fertigen Produkt“, sagt Nadine Teusler von der Beratungsagentur innos-Sperlich. Das Team, in dem die 35-Jährige arbeitet, unterstützt Unternehmen auf dem Weg von der Grundlagenforschung über die Erstellung von Prototypen bis hin zur Markteinführung. Wo stehe ich als Unternehmer, wer ist meine Zielgruppe, was muss mein Produkt heute leisten, um attraktiv zu bleiben, und welche Prozesse muss ich durchlaufen, um meine Idee umzusetzen – all diese Fragen sollte man festhalten, bevor man den ersten Schritt geht. „Auf dieser Grundlage kann man einen detaillierten Vorgehensplan entwickeln“, sagt die Wirtschaftsingenieurin.

Klingt einfach. Aber gerade kleine Unternehmen scheuen den Aufwand, jeden einzelnen Schritt festzuhalten. Sie fürchten, dass es ihre Firma zeitlich, personell und finanziell überfordern würde. „Ein Trugschluss“, erklärt Teusler. „Anfangs ist der planerische und dokumentarische Aufwand größer, weil Erfahrungswerte fehlen – dafür hat man aber nach einem Durchlauf einen selbst entwickelten Leitfaden, der meistens auch auf Folgeprojekte zugeschnitten werden kann.“ Zudem gebe es finanzielle Hilfen, die Innovationen gerade kleiner Unternehmen umsetzbar machen. Doch die meisten wüssten kaum etwas von den vielen Fördermöglichkeiten.

Nadine Teusler, Wirtschaftsingenieurin bei innos Sperlich GmbH
© privat

Nadine Teusler

Zur Person

Nadine Teusler

Dr. Nadine Teusler, 35, ist Wirtschaftsingenieurin und leitet das Geschäftsfeld Netzwerk- und Clustermanagement der innos–Sperlich. Seit 2008 berät sie Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft bei der Umsetzung unterschiedlicher Kooperationsarten.

Nach Fördermitteln schauen

Wer sich intensiver mit den Kosten seiner Innovation bis hin zur Marktreife beschäftigt, kann von  Fördertöpfen profitieren. Der Bund unterstützt kleine Unternehmen zum Beispiel, wenn sie sich professionell beraten lassen, und erstattet bis zu 50 Prozent der Beratungskosten. Das gilt auch für Aufträge an Dritte, etwa im Rahmen von Forschungsprojekten. „Stehen beispielsweise Materialtests oder Simulationen an, die nicht durch das Unternehmen realisiert werden können, kann man mit Universitäten und Forschungsinstituten kooperieren“, sagt Teusler. Auch Patentanmeldungen werden teilweise durch Fördergelder des Bundes querfinanziert, manchmal sogar die Markteinführung. Vielen sei zudem nicht klar, von welchen Arten der Zusammenarbeit man im Rahmen des Innovationsmanagements profitieren kann. „Die meist inhabergeführten KMU sind es gewohnt, als „Alleinkämpfer“ zu agieren, ihnen fehlt oft der Raum, die vielschichtigen Mehrwerte von Kooperationen oder Unternehmensnetzwerken auszuloten“, sagt Teusler.

Mitarbeiter einbinden

Die Ideen der Mitarbeiter sind auf dem Weg zum neuen Produkt genauso wichtig wie die Überlegung, für welche Zielgruppe es relevant sein könnte. Doch wie sammelt man gute Einfälle? „Ein Briefkasten reicht nicht“, sagt Nadine Teusler. Besser sei es, auf den Einzelnen zuzugehen, in ungezwungener Atmosphäre in der Teeküche oder Werkstatt ins Plaudern zu kommen. „Hast Du eine Idee, wie diese Maschine besser funktionieren könnte?“ Es gehe dabei nicht in erster Linie darum, nach großen Innovationen zu fahnden. Die Mitarbeiter liefern aber wichtige Impulse auf dem Weg dorthin. Einige trauen sich aber nicht, die Verantwortung für ihre Vorschläge zu übernehmen. „Es ist wichtig, den Mitarbeitern die Angst vor Konsequenzen zu nehmen, falls eine Idee aufgegriffen wurde und sich als nicht umsetzbar erweist“, sagt Teusler.

Ängste verlieren

Teusler kennt die Hemmungen vieler Unternehmer, bekannte Pfade zu verlassen und Neues auszuprobieren. Gerade die inhabergeführten KMU seien zwar mit ganzem Herzen bei ihren Innovationen, doch sie scheuten die geordneten Prozesse auf dem Weg dorthin, weil sie glauben, dass diese ihnen die Spontaneität rauben. „Ein Tischler schickt seine Mitarbeiter beispielsweise lieber in die Werkstatt und lässt sie herumprobieren“, sagt Teusler. Auch auf diese Weise erhält man eine Lösung. Doch wer nach einem Ablaufplan vorgehe, spare Zeit, denn „oft ist bei einem guten Resultat gar nicht mehr nachvollziehbar, wie es genau dazu gekommen ist“.

Potenziale erkennen

Ein Spielzeughersteller warb mit der Idee eines neuen Puppenwagens. Teusler stellte ihm zahlreiche scheinbar lapidare Fragen: „Was ist der eigentliche innovative Kern daran?“ Nicht selten fühlen sich Unternehmer anfangs von zahlreichen tiefgehenden Fragen in ihrem Ideenfluss gehemmt. Am Ende gebe es aber ein Aha-Erlebnis. „Unternehmer müssen die eigentliche Innovation stärker in den Fokus nehmen – sei es bei der Suche nach Partnern, Fördergeldern oder Kunden“, sagt Teusler. Im Falle des Herstellers war es ein besonderes Verbindungselement, das zusätzliche Funktionen erlaubte. Auch war ihm nicht klar, dass sich seine ziemlich innovative Idee auch gut in der Automobil- oder Möbelindustrie nutzen ließe. „So konnte er noch vor der Markteinführung mit weit mehr Zielgruppen rechnen, als er ursprünglich dachte.“

Aus Fehlern lernen

Was hätten die Kutschenbauer in Wien besser machen können? Die Geschwindigkeit hätten sie durch Pferdezucht und leichtere Karosserien erhöhen, niemals aber an das Automobil heranbringen können. Vielleicht hätte die innovierte Kutsche aber innerhalb der geschwindigkeitsbegrenzten Städte eine Alternative zum Taxi darstellen können – vielleicht bis heute. Eine hübsche und umweltfreundliche dazu.

Checklist

So wird Innovationsmanagement zum Erfolg

  • Eine Strategie entwickeln
    Konkrete Innovationsziele erfasst man am besten mit Fragen: Wie soll das Unternehmen in fünf Jahren aussehen? Mit welchen Produkten oder Technologien soll es erfolgreich sein? Welches Budget steht dafür zur Verfügung? Kommt ein neues Produkt auf den Markt, oder soll ein bestehendes verändert werden? Auch der Zeitpunkt, wann es auf den Markt kommt, ist entscheidend. Gibt es Kooperationspartner? Können Forschungseinrichtungen helfen? Auf Grundlage dieser Fragen entwickelt man eine Strategie oder ein neues Leitbild des Unternehmens, das man schriftlich festhält. Diese Ideen sollten zumindest in den wichtigsten Punkten mit den Mitarbeitern kommuniziert werden. Nur wenn die Belegschaft das neue Leitbild kennt und akzeptiert, ist sie motiviert genug, um die Innovation  umzusetzen.
  • Rollen verteilen, Regelwerk erstellen
    Hier setzen sich Abteilungen zusammen, die sonst wenig miteinander zu tun haben, etwa Marketing und Vertrieb, Forschung und Entwicklung sowie Führungskräfte in der Produktion. In diesen interdisziplinären Teams geht es darum auszumachen, wer für welche Aufgaben verantwortlich ist und nach welchen Kriterien entschieden wird, ob das Projekt fortgesetzt oder abgebrochen wird.
  • Prozesse kontrollieren
    Über alle Phasen des Innovationsprozesses hinweg braucht man einen genauen Überblick über den aktuellen Stand der Dinge. Nur wer die einzelnen Schritte dokumentiert, sieht auch, ob Zwischenziele erreicht wurden und wo Probleme auftraten. Auf dieser Grundlage können Personal und Budget möglichst passgenau für weitere Schritte eingesetzt werden. Innovationsvorhaben scheitern oft daran, dass zu viele Projekte gleichzeitig betrieben werden – aber keines konsequent.
  • Mitarbeiter fördern
    Ideen und Anregungen der Mitarbeiter sammeln. Nicht nur solche, die direkt eine Innovation betreffen, sondern auch Vorschläge, die der eine oder andere schon immer mal loswerden wollte: Auffordern, Ideen zu finden! Dabei sollten sie möglichst dazu animiert werden, Neues und Ungewöhnliches zu wagen. Das muss ihnen dann aber auch vorgelebt werden! Die Mitarbeiter dürfen auf keinen Fall Angst vor beruflichen oder sozialen Konsequenzen haben, wenn ihre Ideen nicht Erfolg versprechend sind oder die Projekte scheitern. Nur wenn sich Mitarbeiter frei fühlen, entwickeln sie ein kreatives Potenzial, das sich auf Grundlage ihrer beruflichen Expertise und ihrer Identifikation mit der Arbeitsumgebung entfalten kann – der daraus entstehende Pool an Ideen ist von unschätzbarem Wert für ein Unternehmen!
  • Den Markt beobachten
    Kunden müssen vom Nutzen eines Produkts überzeugt sein, damit sie es kaufen. Wer von Beginn des Innovationsprozesses an die Bedürfnisse der potenziellen Kunden in seine Entwicklung mit einbezieht, hat gute und wichtige Orientierungspfeiler auf dem Weg zur Marktreife. Einen guten Querschnitt der „Bedürfnisse“ erkennt man zum Beispiel durch Kundenbefragungen. Mit solchen Marktforschungsdaten ist auch sichtbar, ob die Markteinführung zu einem bestimmten Zeitpunkt überhaupt erfolgreich sein kann. Manchmal spielt auch die Region, in der das Produkt eingeführt wird, eine Rolle oder auch die Jahreszeit.

In Kürze

Die fünf wichtigsten Fakten zum Innovationsmanagement

  • Damit der gesamte Prozess strukturiert verläuft, machen Sie sich am Anfang Gedanken über das Unternehmen, den Kunden und das Produkt. Halten Sie diese Gedanken schriftlich fest.
  • Beim Erarbeiten von Innovationen können Sie zahlreiche nationale wie internationale Fördertöpfe in Anspruch nehmen.
  • Suchen Sie sich Partner: Die Zusammenarbeit mit Universitäten oder anderen Forschungseinrichtungen ist für beide Seiten gewinnbringend.
  • Für gute Ideen bedarf es einer ungezwungenen Atmosphäre. Zudem sollten Unternehmer. Mitarbeitern die Angst vor negativen Konsequenzen nehmen, falls eine Idee sich nicht als umsetzbar erweist.
  • Gutes und gezieltes Innovationsmanagement ist kein Spontaneitäts- und Ideenkiller.
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Esther Werderinghaus
Titelfoto: © Karsten Petrat