Wieviel Startkapital brauchen gute Ideen, damit sie zur Innovation werden?

Pro und Con­tra

In­no­va­tiv sein – geht das oh­ne frem­de Hil­fe?

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Der eine führt ein kleines Unternehmen mit einer großen Idee – auf sich gestellt und erfolgreich. „Heute sind wir niemandem etwas schuldig“, sagt er. Der andere berät Unternehmer und Gründer: „Ohne fremdes Geld und Beratung schafft man es heutzutage nicht.“ Zwei konträre Positionen zum Thema Innovation.

Faktor A: Wie schwer ist es in Deutschland für Unternehmer, aus einer Geschäftsidee eine marktfähige Innovation zu machen?

Michael Kuckartz: Erfinder, die sich mit ihrer Idee selbstständig machen wollen, müssen auf Kapitalgeber hoffen. Will der Erfinder Privatperson bleiben, also nicht das Risiko einer Unternehmensgründung auf sich nehmen, wird eine Unterstützung eher schwierig. Mittelständische Un­ternehmen haben gute Chancen. Wenn sie ihre Ideen mit eigenen Mit­teln allein nicht umsetzen können, können sie eines der zahlreichen Förderprogramme für Forschung und Entwicklung auf Bundes- oder Länderebene nutzen.

Steffen Kepper: Mit Kiwabo (kurz für Kinderwagenbox) haben wir das Gegenteil erlebt. Am Anfang stand eine Idee, die dem Firmengründer nachts beim Füttern seines Kindes kam. Wenn es Garagen für Autos gibt, wieso sollten Kinderwagen nicht auch geschützt geparkt werden? Für die folgende Produktentwicklung brauchten wir keine Hilfe, wollten uns auch nicht abhängig machen von fremdem Geld. Wer eine Geschäftsidee hat, will sie doch nicht gleich wieder teilen müssen.

„Erfinder, die sich selbstständig machen wollen, müssen auf Kapitalgeber hoffen.“

Michael Kuckartz, Handelskammer Hamburg

Welchen Stellenwert hat nach Ihrem Eindruck hierzulande das Thema Innovation in den Unternehmen?

Kuckartz: Deutschland ist ein sehr innovatives Land, wir haben 2010 so viel Geld in Forschung und Entwicklung investiert wie noch nie: 70 Milliarden Euro. Deutschland ist das Land in Europa, das am meisten für Forschung und Entwicklung ausgibt und die meisten Patente in Europa hat. Die Rahmenbedingungen sind sehr gut. Gründer sind bei uns gut aufgehoben.

Kepper: Die 70 Milliarden, von denen sie sprechen, fließen doch zum Großteil in längst etablierte Unternehmen. Die jungen Unternehmen, die ich kenne, stemmen die Entwicklungsarbeit nebenbei, ohne eigenen Etat. Da greift man auf die Expertise aus dem Netzwerk zurück. Der Innovationsprozess findet stufenlos statt, die Hierarchien sind flach, dafür darf jeder alles denken.

Michael Kuckartz unterstützt Unternehmen bei der Umsetzung ihrer meist technischen Innovationen
© Enver Hirsch

Zur Person

Michael Kuckartz

Michael Kuckartz, 55, ist stellvertretender Geschäftsführer, Leiter der Abteilung Innovation, Technologie, Hochschulen der Handelskammer Hamburg. Er unterstützt Unternehmen bei der Umsetzung ihrer meist technischen Innovationen.

Welcher ist der beste Weg, um aus einer Idee eine Innovation zu machen, die sich auszahlt?

Kuckartz: Wenn die Idee so gut ist, dass sie marktfähig ist, kann eine Unternehmensgründung der beste Weg sein. Die Handelskammern der Städte verfügen über ein großes Serviceangebot, um Existenzgründer auf die richtigen Schienen zu setzen. Darüber hinaus existieren einige staatliche Institutionen, die bei der Finanzierung der Entwicklungsphase helfen – wenn das Konzept schlüssig ist. Um zu prüfen, ob eine Idee wirklich marktfähig ist, sollte man sich unbedingt extern beraten lassen.

Kepper: Wenn wir uns hätten beraten lassen, hätten wir Kiwabo vermutlich nie gegründet. Niemand, auch kein Berater, konnte ernsthaft abschätzen, wie sich der Markt für die Kinderwagenbox entwickeln würde. Unsere Chancen auf Finanzierungshilfen waren gleich null. Sogar befreundete Experten rieten eher ab. Heute ist die Auftragslage besser denn je, wir sind in der glücklichen Lage, beständig zu expandieren.

„Wir wollten uns nicht abhängig machen von fremdem Geld.“

Steffen Kepper

Wo hakt es heute noch, etwa wenn In­novationen ein mit­telstän­disches Unternehmen vo­ran­bringen sollen?

Kuckartz: Gerade Gründungen, die auf technische Innovationen setzen, haben in der Regel einen hohen Finanzierungsbedarf. Hier fehlt es an Beteiligungskapital. Dafür müssten in Deutschland zum Beispiel dem Investor weniger steuerliche Hürden in den Weg gelegt werden, um ihm so ein Investment in junge und innovative Unternehmen schmackhafter zu machen.

Kepper: Wer eine gewisse Flughöhe erreicht hat, kommt problemlos an Geld, weil er Sicherheiten bieten kann. Es mangelt aber an Chancen, die einen erst mal abheben lassen. Was uns genutzt hätte, ist bedingungslos gewährtes Gründungskapital von Investoren, mit dem wir flexibel hätten wirtschaften können. Nur gut, dass wir es nicht gebraucht haben.

Steffen Kepper
© foto di matti

Zur Person

Steffen Kepper

Steffen Kepper, 37, ist Geschäftsführer von Kiwabo. In Berlin lässt das Unternehmen seit drei Jahren aus Birkenholz, Blech und Edelstahl Kinderwagengaragen fertigen. Die Montage haben Mitarbeiter einer Behindertenwerkstatt übernommen, Bauteile liefern Familienbetriebe aus der Region. Zu den Kunden gehören vor allem Wohnungsbaugesellschaften aus ganz Deutschland und den Nachbarländern. Die Kinderwagengarage ermöglicht es Familien, die sperrigen Wagen im Hof oder vor dem Haus zu parken und vor Regen und Diebstahl zu schützen.

Was machen Länder wie die Innovationshochburg USA besser als wir?

Kuckartz: Das Wissenschaftssystem und die unternehmerische Denke in den USA sind anders. Mark Zuckerberg etwa wollte mit Facebook die ganze Welt erobern. In Deutschland wird oft in anderen Dimensionen gedacht. Wir scheuen vielfach das Risiko und suchen die Sicherheit. Da will der Existenzgründer von seiner Idee leben können und ein kleines Unternehmen aufbauen.

Kepper: Haben es Unternehmer in den USA wirklich besser? Richtig ist: Firmengründungen funktionieren unbürokratischer. Aber die Zahl derer, die nach zwei Jahren aufgeben müssen, ist wesentlich höher als in Deutschland. Da schätze ich manchmal die deutsche Bürokratie für ihre Verlässlichkeit.

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Als etablierter Mittelständler kann man das stemmen

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Christine Dohler