Kind und Karriere besser vereinbar machen

Chan­cen­gleich­heit

Kind und Kar­rie­re bes­ser ver­ein­bar ma­chen

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Karriere plus Familie: Arbeitsmarktexpertin Christina Ramb über unternehmerische Ansätze, das berufliche Potenzial von Frauen mit Kindern und Kinderwunsch besser zu fördern und zu nutzen.

Faktor A: Drei Viertel der deutschen Frauen sind heute erwerbstätig, damit liegt Deutschland im EU-Vergleich im oberen Drittel. Sehen Sie hier noch Steigerungspotenzial?

Christina Ramb: Ja, auch wenn die Erwerbstätigkeit von Frauen in den letzten Jahren erfreulicherweise stark gestiegen ist, liegen hier nach wie vor wichtige Fachkräftepotenziale. Das wird schnell deutlich, wenn man das Arbeitsvolumen betrachtet: Rund die Hälfte der erwerbstätigen Frauen hierzulande ist in Teilzeit beschäftigt, und zwar mit einer im EU-Vergleich sehr geringen Wochenstundenzahl.

Brauchen wir eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland?

Ja, viele Mütter würden gerne mehr arbeiten. Hier können zum einen die Unternehmen mit einer familienfreundlichen Unternehmenskultur und flexiblen Arbeitszeiten ihren Beitrag leisten. Zum anderen sind Bund und Länder weiterhin in der Pflicht. Wir benötigen in Deutschland mehr qualitativ hochwertige Ganztagsangebote bei Kinderbetreuung und Schule sowie flexiblere Öffnungszeiten – gerade bei Angeboten für unter Dreijährige. In manchen Regionen fehlen noch immer Betreuungsplätze. Das liegt auch daran, dass qualifiziertes Personal knapp ist. Neben einer größeren Wertschätzung für den Erzieherberuf oder gezielten Qualifizierungsmaßnahmen wäre es wichtig, dass mehr männliche Fachkräfte in diesem Bereich arbeiten.

 

Christina Ramb, 42, leitet die Abteilung Arbeitsmarkt bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände BDA in Berlin. Seit 2012 ist die Juristin zudem stellvertretendes Mitglied im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit.
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Christina Ramb, 42, leitet die Abteilung Arbeitsmarkt bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände BDA in Berlin. Seit 2012 ist die Juristin zudem stellvertretendes Mitglied im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit.

Sie sind also eher gegen eine lange Elternzeit?

Eltern einen gewissen Schutzraum zu geben, ist richtig. Für Einkommens- und Karriereperspektiven ist es jedoch wichtig, möglichst schnell in den Beruf zurückzukehren. Erwerbsunterbrechungen, die länger als 18 Monate dauern, führen zu Karrierebrüchen und Einkommenseinbußen. Die Elterngeld Plus-Reform, die nächstes Jahr in Kraft treten soll, begrüße ich insofern, als dass sie für Eltern positive Anreize setzt, schneller in den Job zurückzukehren und die Betreuung gleichmäßiger auf beide Elternteile zu verteilen.

Die aber auch den Arbeitgebern einiges abverlangt – zum Beispiel mehr Angebote für Teilzeit. Wie engagiert sind hier die deutschen Unternehmen?

Die deutschen Unternehmen engagieren sich gerade bei der Arbeitszeitflexibilisierung vielfältig, um es ihren Beschäftigten einfacher zu machen, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren.  Das aktuelle IHK-Unternehmensbarometer belegt, dass inzwischen fast 90 Prozent der Betriebe familienfreundliche Arbeitszeiten anbieten – das sind zehn Prozentpunkte mehr als vor zwei Jahren. In mehr als jedem zweiten Betrieb ist Home Office zumindest gelegentlich möglich und auch bei der Kinderbetreuung gibt es heute viel betriebliche Unterstützung.

Laut Mikrozensus ist der Anteil weiblicher Chefs in kleineren Unternehmen deutlich höher als bei größeren. Wer hat beim Thema Familienfreundlichkeit die Nase vorn – Mittelständler oder große Konzerne?

Das kann man nicht so pauschal sagen. Sicherlich ist in großen Unternehmen eher ein umfassendes Diversity-Management mit vielen Maßnahmen möglich. Allerdings heißt das noch nicht automatisch, dass Frauenförderung und Familienfreundlichkeit wirklich fest in der Unternehmenskultur verankert sind. Das muss auch von allen Führungskräften gelebt werden. In KMU herrschen angesichts begrenzter personeller Ressourcen vielfach eher pragmatische Ansätze. Unternehmerinnen und Unternehmer in kleinen oder mittelständischen Unternehmen sind sich manchmal gar nicht bewusst, dass sie besonders familienfreundlich handeln, sondern sie finden einfach im gegenseitigen Interesse gemeinsam einvernehmliche Lösungen für den optimalen Einsatz.

Thema Chancengleichheit: Genügen flexible Arbeitszeiten und mehr Betreuungsangebote oder muss sich noch mehr ändern, damit Frauen und Mütter leichter Karriere machen können?

Wir müssen an unterschiedlichen Stellen ansetzen: Zum Beispiel setzt die Familienpolitik mit Instrumenten wie dem Ehegattensplitting bis heute Fehlanreize. Außerdem brauchen wir eine bedarfsgerechte qualitative Ganztagskinderbetreuung und Ganztagsschulen. Das Thema Frauenförderung ist auch eine Frage der Berufswahl. Die Arbeitgeberverbände engagieren sich in vielen Initiativen dafür, dass mehr Frauen und Mädchen sich für einen gut bezahlten MINT-Beruf entscheiden. Unternehmen sollten im eigenen Interesse noch mehr auf Vielfalt setzen. Gemischte Teams bringen unterschiedliche Sichtweisen ein, das führt zu besseren Ergebnissen.

Zumal die Zahl der Fachkräfte in Deutschland stetig abnimmt. Wie schätzen Sie die Situation ein?

In bestimmten Berufen beobachten wir heute schon Engpässe, insbesondere in den technischen Berufen, aber auch in Gesundheits- und Pflegeberufen. Kleinere, weniger bekannte Unternehmen haben oft die größeren Schwierigkeiten, offene Stellen zeitnah zu besetzen. Nach unseren Prognosen könnten bis 2035 rund vier Millionen Fachkräfte fehlen.

Was bedeutet das für die Personalsuche?

Um den Fachkräftebedarf auch in Zukunft noch decken zu können, brauchen wir eine Gesamtstrategie: Zum einen müssen wir inländische Potenziale noch besser aktivieren, also die Erwerbsbeteiligung von Frauen, älteren Menschen, Menschen mit Behinderung oder Migrationshintergrund erhöhen. Wir müssen aber auch mehr Fachkräfte aus dem Ausland anwerben und so willkommen heißen, dass sie sich bei uns zu Hause fühlen.

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