Halim Yagci hat eine Weiterbildung zum Tiefbautechniker absolviert, nachdem er drei Bandscheibenvorfälle erlitten hatte. Jetzt arbeitet er im Büro und kann so seinen Rücken entlasten.

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Kno­chen­job am Gleis

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Gleisbau und die Herstellung von Betonfertigteilen sind die Hauptgeschäftsbereiche von Hering Bau im nordrhein-westfälischen Burbach. Der 100 Jahre alte Familienbetrieb hat ein Konzept entwickelt, um Mitarbeiter in dem körperlich anstrengenden Job bis zur Rente halten zu können. Nicht unwichtig für ein Unternehmen, bei dem viele Mitarbeiter in der Region kaum Job-Alternativen haben.

Sie haben nur 20 Minuten: Prüfen, ob die Schienen noch richtig auf den Schwellen festsitzen, wenn nein, Hakenschrauben, Federringe und Klemmplatten anziehen oder austauschen. Immer im Team eins-eins-vier – ein Vorarbeiter, ein Maschinist, vier Facharbeiter. Jeder Handgriff muss sitzen, denn der nächste Zug kommt pünktlich. Dann müssen die Männer fertig sein. Nach einer guten Viertelstunde können sie das Gleis freigeben, das Team von Hering Bau war wieder einmal in der Zeit. Jetzt geht es zum nächsten Gleisabschnitt, wieder warten auf die Lücke im Fahrplan, dann haben sie erneut 20 Minuten Zeit. Streckenposten passen auf, dass nichts passiert. Doch der Zeitdruck bleibt, die Arbeit geht in die Knochen, auch wenn die Gleisbauer Kräne und Maschinen haben.

Halim Yagci hat die Arbeit von der Pike auf gelernt. Direkt von der Hauptschule kam er zur Firma Hering Bau. „Wir sind das fahrende Volk des Unternehmens“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Die Baustellen liegen bundesweit verstreut, im Umkreis von gut 100 Kilometern um den südwestfälischen Firmensitz in Burbach fahren die Männer jeden Tag hin und zurück, ist die Gleisbaustelle weiter weg, suchen sie sich eine Unterkunft. Das frühe Aufstehen, die Fahrt zur Baustelle, den ganzen Tag auf dem Schotter stehen, gehen und arbeiten, Zeitdruck, wechselndes Wetter – das stresst.

Yagic hatte den Job mehr als 20 Jahre gemacht, als der erste Bandscheibenvorfall kam, zwei Jahre später der zweite, wenige Monate später noch einer. Die Ärzte rieten ihm, die Arbeit aufzugeben. Sein Rücken halte das nicht mehr aus. Arbeitsunfähig mit knapp 40 Jahren? Das gefiel ihm nicht, und der Firma ebenso wenig.

Gesundheitsfürsorge schafft Vertrauen

Sein Wissen und seine Erfahrung wollte Hering Bau nicht so einfach aufgeben. Das Unternehmen suchte nach einer Lösung. „Wir schauen in solchen Fällen, ob wir unsere Mitarbeiter auf einen Arbeitsplatz umgruppieren können, der nicht so anstrengend ist“, sagt Firmenchefin Annette Hering. Bei Halim Yagci war es eine Weiterbildung zum Tiefbautechniker, die ihn für seinen neuen Job qualifizierte. Er arbeitet jetzt im Büro, ist zuständig für technische Kalkulation, Arbeitsvorbereitung und Bauleitung. Seit kurzem hat er auch die Ausbildungsleiter-Befähigung und kümmert sich um die zehn Gleisbauer-Azubis. Die Ausbildungskosten hat zwar ein Träger übernommen, doch Hering Bau hat ihn die ganze Zeit unter Vertrag gehalten, ihm im wahrsten Sinne den Rücken gestärkt. Auch in anderen Produktionsbereichen versucht die Firma, Mitarbeitern den Wechsel ihres Einsatzortes zu ermöglichen – dorthin, wo es weniger anstrengend ist.

Die Aussicht auf Alternativen im Unternehmen wirkt sich auf die Arbeitsmoral aus und damit auch auf die Gesundheit, davon ist Firmenchefin Annette Hering überzeugt: „Junge Mitarbeiter machen sich bereits  Gedanken, ob sie ihr gesamten Berufsleben in dem anstrengenden Job überstehen.“ Das sorgt für Stress, Fehlzeiten, schlechte Motivation – wenn die Mitarbeiter nicht das Gefühl haben, dass es tatsächlich anderen Möglichkeiten im Betrieb gibt. Und das etwas für ihre Gesundheit getan wird.

Bereits vor 15 Jahren begann das Unternehmen, eine Strategie zu entwickeln. Der hohe Krankenstand gab damals des Ausschlag: Rückenbeschwerden, Erkältungen, die Firmenleitung musste etwas tun. Mittlerweile gibt es einen regelmäßig tagenden Arbeitskreis im Unternehmen, dem die Geschäftsführung, der Betriebsrat, das Personalmanagement und Vertreter aus jedem Unternehmensbereich angehören. Außerdem wird ein örtlicher Arbeitsmediziner zu den Treffen eingeladen.

„Mittlerweile haben die Vorgesetzten ein Auge dafür, wer stressgefährdet ist, wer vielleicht Unterstützung benötigt“

Annette Hering, Firmenchefin Hering Bau

Eine der ersten Maßnahmen war, den Mitarbeitern eine Rückenschulung anzubieten. Doch die Kooperation mit einem etwa zehn Kilometer entfernten Fitnessstudio schlug fehl – das Interesse war eher mau. Mittlerweile ist direkt am Firmengelände ein Fitnessstudio mit physiotherapeutischer Fachkompetenz angesiedelt worden, das besser angenommen wird. Hering Bau zahlt seinen Mitarbeitern die Hälfte der Gebühren, ein benachbartes Unternehmen schickt ebenfalls seine Mitarbeiter dorthin.

Gemeinsam nach Lösungen suchen

Doch Hering Bau geht es nicht nur um Rückenschulung und Muskelaufbau, sondern auch um Vermeidung von Krankheiten im Betrieb: Die Arbeitshöhen bei den Produktionstischen, auf denen die Betonfertigteile hergestellt werden, können individuell an die Körpergröße angepasst werden. Und im Gleisbau gibt es altersgemischte Teams: „Ältere, erfahrene Mitarbeiter und Jüngere, die Kraft haben“, wie es Firmenchef Annette Hering ausdrückt. Auf die Zusammenstellung der Teams achten die Disponenten und Bauleiter. Das ist ein wichtiger Punkt im Gesundheitsmanagementkonzept der Firma.

Die Chefs werden geschult, um ihren Blick für körperlichen und psychischen Stress ihrer Mitarbeiter zu schärfen. 80 Führungskräfte wurden in zwölf Gruppen aufgeteilt, ein externer Berater engagiert, der die Schulungen durchführte. „Mittlerweile haben die Vorgesetzten ein Auge dafür, wer stressgefährdet ist, wer vielleicht Unterstützung benötigt“, sagte Annette Hering. Dabei geht es viel um Kommunikation: Miteinander reden, wenn Dinge nicht so laufen wie geplant, gemeinsam nach einer Lösung suchen. Das entlastet einzelne Mitarbeiter, vermindert Stress.

Dabei sucht der regelmäßig tagende Arbeitskreis nach immer neuen Ansatzpunkten. Zum Beispiel wurden bessere Vertretungsregeln besprochen: Vorgesetzte haben Stellvertreter, die auf demselben Informationsstand  sein sollen. Das nimmt den Druck von Vorarbeitern, Bauleitern und anderen Chefs auch auf der mittleren Ebene, immer funktionieren zu müssen – ein Stressfaktor weniger.

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