Gunz bezeichnet sich als Enfant terrible. In Großunternehmen fühlt er sich nicht wohl, er schätzt es, wenn er seine Individualität ausleben kann.

Me­dia-Markt-Grün­der Gunz

Er ist doch nicht blöd!

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Er ist der Gründer von Media Markt, dem größten Elektromarkt Europas. Er steht für Unternehmenskultur, die von Freiheit und Verantwortung geprägt ist, Walter Gunz ist ein typischer Macher, aber einer mit Vogel.

Umständlich rückt er den Stuhl aus dem Tischkreis, zischelt für alle hörbar: „Als Schüler saß ich auch in der letzten Reihe, da hat man Überblick und kommt nicht so oft dran.“ Walter Gunz ist zur Startveranstaltung einer Initiative für Firmengründer eingeladen. Auch wenn die Strähne, die ihm über die wachen Augen fällt, angegraut ist und Gunz sich mit 64 Jahren und als Multimillionär, nicht mehr um Übersicht sorgen muss – man kann sich ihn immer noch gut vorstellen, wie er damals lieber den Vögeln auf dem Schulhof hinterherguckte und selten auf dem Laufenden war, wenn der Lehrer ihn aufrief.

Zwischen der Schulbank damals und dem Konferenzraum der Technischen Universität München, wo das Gründer-Event stattfindet, liegen eine Karriere als Verkäufer bei Karstadt, eine visionäre Unternehmensgründung, ein Philosophiestudium, einige Araberhengste, ein Haus in Marrakesch, Enttäuschungen, Scheitern, Erfolge, viele markige Sprüche – und angeblich der Kauf eines Nilpferds. Wenn es um pfiffige Slogans ging, schaute das Marketing-Talent „dem Volk auf’s Maul“, und wenn es darum ging, in riesigen Hallen Elektrogeräte zu verkaufen, hielt er sich auch als Chef an vorderster Front. Ansonsten hält sich Gunz gern an Zitaten fest: von Seneca über Goethe, Karl Valentin, Saint-Exupéry bis zum Dalai Lama.

Ein bisschen verrückt soll er sein. Wahrscheinlich, weil er gerne damit kokettiert, dass er anders ist als die meisten in der Branche. Er sagt, dass er sich „bemüht, nicht in den Bewertungsmustern zu leben, in die man so leicht fällt.“ Dass er die Dinge aus ungewöhnlicher Perspektive betrachtet, dafür auch mal „auf den Tisch steigt“ wie beim „Club der toten Dichter“. Gunz hat Ideen gehabt, die seltsam erschienen, weil sie so simpel waren. Schon bei Karstadt, wo er in der Elektroabteilung verkauft hat, so erzählt Gunz gern, habe es geheißen: „Der Walter, der macht es anders.“ Aber am Ende habe die Henne immer drei Eier gelegt, sagt Gunz. Mit anderen Worten: Er war überdurchschnittlich erfolgreich. „Individualität war nicht so gefragt. Es war wie bei Mao Tse-Tung: Liebt man das System, kann man was werden.“

Walter Gunz vor der Keimzelle des Media-Markt-Imperiums, seinem ersten Elektromarkt im Europapark in München.
© Robert Brembeck

Walter Gunz vor der Keimzelle des Media-Markt-Imperiums, seinem ersten Elektromarkt im Europapark in München.

Die Geburtsstunde von Media Markt

Gunz war nie Systemmensch. Er wollte mehr Kreativität und Verantwortung. Für alle! „Alle Menschen haben etwas Schöpferisches. Da sind wir dem lieben Gott – wenn es ihn gibt – am ähnlichsten.“ Er hat damals die „Todsünde“ begangen und nicht gelistete Waren eingekauft und in Zeiten, in welchen Beschäftigte dazu angehalten waren, ihr Pausenbrot verstohlen hinter den Regalen einzunehmen, schaffte Gunz auf eigene Kosten einen Kühlschrank mit Getränken an. „Das war im Geiste der Beginn des Media Markts.“ 1979 folgte der Jungmanager seinem Abenteuerinstinkt, kündigte und machte sich selbständig mit dem Gegenkonzept zur konservativen Elektro-Abteilung bei Karstadt: Tausend Quadratmeter Verkaufsfläche mit ganz „viel Elektrozeugs zum Greifen und Fühlen“. Die Hersteller-Vertreter lud er in das Ein-Zimmer-Appartement seiner Freundin, die direkt neben Karstadt wohnte, sodass jene gleich weiterspazieren konnten. Seine Start-Truppe bestand aus zwölf Wagemutigen, zehn Kollegen hatte er Karstadt abgeworben. Von seiner Großmutter hatte sich der 33-jährige Gunz 20.000 Mark geliehen und ein Darlehen über 500.000 Mark bei der Hypo-Bank aufgenommen, wofür er seine Eigentumswohnung verpfänden musste – enorme Beträge für das Jahr 1979. Jeden Tag musste sein Laden 200.000 Mark einnehmen, damit er sich rechnete. Nach dem ersten Tag zählte er 365.000 Mark in der Kasse.

„Ich war das Klimagerät, das dafür gesorgt hat, dass sich die Menschen wohlfühlen.“

Walter Gunz

Um die Gründung zu stemmen, holte er sich Partner: Die Einzelhändler Helga und Erich Kellerhals sowie Leo Stiefel, einen Radioverkäufer. Die Kombination der Charaktere war der Gewinn. „Erich war der vorsichtige Bremser, unser Dagobert Duck“, sagt Gunz mit einem Schmunzeln. Und Stiefel sei der Pragmatiker gewesen, der beispielsweise in den Laden kam und zuerst feststellte, dass die Regale zu hoch seien. Und er selbst? „Ich war vielleicht das Enfant terrible, der Visionär und das Klimagerät, das dafür gesorgt hat, dass sich die Menschen wohlfühlen.“

Die Philosophie der Elektromärkte

Man fühlt sich wohl neben Gunz. Er sprudelt und sprüht, packt im Gespräch am Arm, vermittelt tatsächlich, wie er sagt, die Gleichwertigkeit der Menschen. Er ist ein Macher, ein Motivator. Man nimmt ihm ab, dass er sein Unternehmen geliebt hat wie eine Familie. „Die Mitarbeiter bei Karstadt waren angstgesteuert, bei Media Markt sollten sie Fehler selbst korrigieren dürfen.“

Die Marktleiter sollten nicht wie er selbst damals für eigenmächtiges Handeln gerügt werden, stattdessen ließ Gunz ihnen sogar die Freiheit, die Preise selbst zu bestimmen. Jeder Marktleiter war mit zehn Prozent an seinem Markt beteiligt, bekam ein Zehntel des Gewinns. „Mit liebendem Blick – fordern und fördern!“, nennt Gunz das.

Tönt ein bisschen nach Eigenlob, aber vielleicht klingt es auch einfach nach einem, der immer offen durchs Leben gegangen ist, der das Glück hatte, schon als Fünfjähriger eine andere Welt kennen zu lernen neben dem konservativen München der 50er: Mit Gallenkoliken wurde er zu Dr. Schmitt gebracht, der damals schon Hatha Yoga praktizierte und per Augendiagnose erkannte, dass der Bub schlicht kein Schweinefett vertrug. Er wurde zu einer Art Ziehvater für Gunz und setzte womöglich die Initialzündung für das Interesse an anderen Weltanschauungen. Die Verbindung von Materie und Geist fasziniert ihn. Immer noch kommt er problemlos in den Yogasitz. Evangelisch getauft, konvertierte er zum Katholizismus, weil ihm die Rituale besser gefielen, feierte Sabbat mit seinem jüdischen Förderer, dem Philosophen Friedrich Weinreb, und macht sich in seiner Wahlheimat Marokko mit dem Islam vertraut. Während der Aufbauphase seiner Firma studierte er Philosophie. „Das Spannende war, dass ich meine Erkenntnisse direkt einbringen konnte.“ Das Geschäft sollte mit attraktiven Preisen locken, machbar durch sparsame, dezentrale Strukturen, viel Eigenverantwortung und lagerhallenartige Räume.

Der inzwischen verstorbene Philosophieprofessor Weinreb wurde sein Mentor. Aber nur einmal hat er sich getraut, ihn anzurufen: „Mein Laden ist abgebrannt, wir sind schlecht versichert“, jammerte er. Der erste Media Markt, eine Rußhöhle, zerflossene Fernseher wie abstrakte Skulpturen. „Abgebrannt?“, soll Weinreb gesagt haben: „Toll. Dann ist Platz für Neues!“ Gunz schaltete eine Anzeige, um wenigstens die Kartons mit Wasserschaden loszuwerden: „Brandheiße Preise bei Media Markt.“ Er war der Mann mit den Ideen. „In 99 Jahren feiern wir 100 Jahre Media Markt“ textete er im ersten Jahr und nicht mehr aus unseren Köpfen rauszukriegen: „Ich bin doch nicht blöd. Media Markt“. Der Brand wurde zum Brüller.

Walter Gunz startete 1979 das Gegenkonzept zu den damaligen konservativen Elektro-Abteilungen. Bei ihm durfte man alles anfassen, nichts versteckte sich hinter einem Tresen.
© Robert Brembeck

Walter Gunz startete 1979 das Gegenkonzept zu den damaligen konservativen Elektro-Abteilungen. Bei ihm durfte man alles anfassen, nichts versteckte sich hinter einem Tresen.

Vom Haben zum Sein

Vielleicht kam Gunz aber auch da zu einem Schluss, der ungewöhnlich scheint für jemanden, der einen Massen-Markt aufgebaut hat: Nämlich, dass Konsum nicht alles ist, dass man aus dem Haben nie zum Sein kommt. Imponiert hat ihm ein Schweizer Freund, der zu Gunz sagte, er habe auch einen schönen Garten, den Stadtpark von Luzern. „Das ist doch geil, oder?“, bricht es aus Gunz heraus: „Der muss das nicht haben, mir wird jetzt erst richtig klar, wie recht der hat!“ Die Gründer verkauften an Metro, aus den Unternehmern wurden Topmanager. Gunz konnte die grauen Anzüge nicht mehr sehen, vor denen er schon als 33-Jähriger geflohen war. Er stieg aus.

Rückblickend würde er einiges anders machen: „Ich würde meine Anteile nicht mehr an einen Konzern verkaufen. Wir waren groß, eigentlich immer gesund, aber trotzdem hieß es nur Wachstum, Wachstum, Wachstum.“ Wenn er heute einen der weltweit 850 Märkte besucht, um wie zuletzt einen Geschirrspüler zu kaufen, kann er loslassen. „Ich halte mich nicht für einen weisen Menschen, aber es gibt diesen Spruch: ‚Der Weise schafft Werke und fragt nicht nach der Frucht.‘ Das Unternehmen ist volljährig.“ Trotzdem bedauert er die aktuellen Streitereien zwischen Metro und seinen ehemaligen Kompagnons: „Sehr traurig, dass es so weit kommen musste.“

Gunz müht sich jetzt mit einer größeren Herausforderung, die so einfach klingt und doch so schwer zu erreichen ist: dem Sein im Jetzt. „Die meisten Menschen oszillieren zwischen Vergangenheit und Zukunft.“ Achtsam sein, wie es die Buddhisten nennen, sich permanent bemühen, Schönes zu erhalten, das hat er sich vorgenommen. Die Straßentiere in Marokko, einen verwahrlosten Gummibaum aufpäppeln oder eben ein namibisches Nashorn taufen, um es vor Jägern zu schützen. In der Presse hält sich übrigens immer noch hartnäckig die Ente, dass es sich bei dem Tier um ein Nilpferd für seinen Privatzoo handele. Dass der Gunz eben ein bisschen exaltiert sei. Das Nashorn lebt nun im Naturschutzpark – Gunz hat es Media getauft.

Fragebogen

Walter Gunz über …

Seinen Berufswunsch als Jugendlicher
Mit 14 Jahren sah ich mich als Mann mit Brille, als Archäologen.

Bewerbungsgespräche
Auf Bewerberseite saß ich nur einmal in einem Gespräch, bei Karstadt, mitten im Studium. Als Arbeitgeber hingegen waren es sich über tausend!

Seine Lieblingsfigur der Geschichte
Das ist Ghandi, weil er ein geistvoller Mensch war, der für seine Ziele eingetreten ist.

Ärgernisse am deutschen Arbeitsmarkt
Da ärgert mich nichts so recht, aber wir sollten die Möglichkeiten verbessern, Menschen wieder in Arbeit zu bringen. Die Menschen sollen mit 69 Jahren in Rente, aber mit 50 wird nicht mehr eingestellt. Das finde ich bescheuert.

Positives am Deutschen Arbeitsmarkt
Das sind die Dinge, die uns schon nach dem Krieg groß gemacht haben: Leistung, Ehrlichkeit und Disziplin.

Lebenslauf

Meilensteine des Media-Markt-Gründers

1946 Gunz wird in München geboren, wächst nach der Scheidung seiner Eltern bei der Oma auf. Noch als Student bewirbt er sich bei Karstadt und wird bald „Head of Consumer Electronics“.

1979 Er kündigt und gründet mit Leo Stiefel, Helga und Erich Kellerhals den Elektronikhandel Media Markt.

1985 Neun weitere Märkte nahe München werden eröffnet. Nebenbei studiert Gunz Philosophie.

1988 Der Kaufhof-Konzern beteiligt sich mit 54 Prozent an Media Markt.

1989 Die Expansion zunächst ins benachbarte Ausland beginnt. Heute gibt es mehr als 750 Media Märkte in 14 Ländern

2000 Gunz verkauft seine letzten Unternehmens-Anteile. Er ist nun als freier Berater für Softwareunternehmen und als Vorstandsvorsitzender der Bild T-Online AG tätig.

2009 Gunz startet seine Beratertätigkeit für Media Markt/Saturn.

2011 Seine ehemaligen Partner streiten mit dem Metro-Konzern vor Gericht um Stimmrechte.

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Agnes Fazekas
Titelfoto: © Adrian Vallejos