Als Unternehmer muss er manchmal auch über den Dingen stehen: Felix Schäfer auf dem Dach der Bürgerwerke in Heidelberg.

Un­ter­neh­mer Fe­lix Schä­fer

Der Öko­strom-Pio­nier mit Weit­blick

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Mit 25 Jahren leitet Felix Schäfer einen bundesweit aktiven Ökostrom-Anbieter. Dass er sich auf dem Weg dahin fast übernommen hat, war dabei die beste Schule.

Zwischen den vielen Existenzgründern in Jeans und Turnschuhen fällt er sofort auf. Felix Schäfer trägt Sakko und ein gebügeltes Hemd, den Bart ordentlich gestutzt, er ist schmal und hochgewachsen. Mit festem Händedruck begrüßt er einen. Dann führt er in den Besprechungsraum. Es folgen lange, geschliffene Sätze.

Obwohl er gerade mal 25 Jahre alt ist, wirkt er wie ein erfahrener Kapitän, der so manchen Sturm durchsegelt hat. Immer auf Kurs mit seiner Firma „Die Bürgerwerke“, hier in einem schlichten weißen Bürokomplex im Westen von Heidelberg.

Der Ökostrom-Anbieter ist seit knapp zwei Jahren auf dem Markt. Mit acht anderen Energiegenossenschaften hat Schäfer den Verbund Ende 2013 gegründet. Das Konzept ist neu in Deutschland. Bisher errichten und betreiben Energiegenossenschaften gemeinschaftliche Wind- oder Solaranlagen mit Bürgerkapital. Diesen Strom speisen sie gegen Vergütung in das öffentliche Netz ein. Doch die wird durch die Bundesregierung zunehmend gekürzt. „Wir Genossenschaften müssen uns unseren eigenen Absatzmarkt für Strom schaffen, wenn wir auch in Zukunft Anlagen errichten wollen“, erklärt Schäfer. Die Bürgerwerke sind eine fixe Idee aus langen grüblerischen Nächten in Schäfers Studentenwohnung. Das Unternehmen bündelt Stromgenossenschaften in einem Netzwerk und ermöglicht es ihnen, ihren Strom direkt an Endverbraucher zu liefern. Die Bürgerwerke fungieren als eine Art Dachorganisation und kümmern sich um das Marketing, liefern neue Geschäftsstrategien – und machen damit still und leise E.ON und Co. Konkurrenz.

Schäfer hat nichts gegen komplizierte Vorgänge. Er wollte schon als 18-Jähriger ein bisschen die Welt retten. Damals schrieb er einen 70-seitigen Aufsatz darüber, wie man einen Landkreis mit erneuerbaren Energien versorgen kann. „Was kann ich tun, um die Ressourcen der Erde zu schonen?“

Im Thema erneuerbare Energien steckte viel Potenzial, erinnert sich Schäfer. Solarenergie war für den Unternehmer schon damals ein Weg, um gleich mehrere Probleme zu lösen: „Man wirkt dem Klimawandel entgegen, ermöglicht es auch Entwicklungsländern, einfach und günstig an Energie zu kommen, und vermeidet ganze Kriege um fossile Energien.“  Schließlich verwandelte Schäfer die Theorie in Praxis und setzte sich dafür ein, auf dem Dach der benachbarten Realschule eine Solaranlage zu installieren. Die versorgt die Schule bis heute mit Strom. „Vielleicht war es mir da noch nicht bewusst, aber das war die Initialzündung auf dem Weg in die Selbstständigkeit.“

„Wir Genossenschaften müssen uns unseren eigenen Absatzmarkt für Strom schaffen.“

Felix Schäfer, Gründer Bürgerwerke

100.000 Euro von Investoren

Als Schäfer nach seinem Abitur 2009 nach Heidelberg ging, um Physik zu studieren, tat er sich mit einigen Kommilitonen zusammen, um an der Uni Geld für eine weitere Anlage zu sammeln. Die Idee dafür präsentierten sie auf einem von ihm und seinen Kollegen veranstalteten Event. Dabei sammelten sie über 100.000 Euro von Investoren ein. Ein Jahr später stand die Anlage auf dem Dach der Pädagogischen Hochschule. „Da habe ich erkannt, dass ich Menschen von einer Idee überzeugen kann“, sagt Schäfer, „das hat mich ermutigt weiterzugehen.“ Mit seinem Team gründete er eine Genossenschaft für Solaranlagen, HEG, die Heidelberger Energiegenossenschaft. Alles lief gut – inzwischen betreibt sie zwölf Anlagen in Heidelberg und Umgebung, speist den produzierten Strom ins öffentliche Stromnetz ein und versorgt damit rund 800 Menschen.

Doch Felix Schäfer wollte mehr. Um eine neue Vision zu verfolgen, legte er sein Amt für die HEG nieder. Er wollte für die Verbraucher eine Möglichkeit schaffen, an regionale erneuerbare Energien zu kommen. Die Idee der Bürgerwerke war geboren. Auf genau dem gleichen Überzeugungsweg wie schon bei den Investoren für die Solaranlagen gelang es ihm, die Genossenschaften von einem Zusammenschluss zu überzeugen. „Gerade weil das Geschäft einen Zusammenschluss mehrerer Kunden bedeuten würde, sprangen die meisten darauf an“, erinnert sich Schäfer.

Heute steht er regelmäßig vor den 40 Vorständen der Genossenschaften. Sie reisen aus allen Teilen Deutschlands nach Heidelberg. Viele der Anwesenden sind so alt wie sein Vater. Doch das schüchtert ihn nicht ein. „Ich habe keinen ausgeprägten Obrigkeitsrespekt“, sagt Schäfer, „vielleicht weil ich so früh gelernt habe, Ältere zu überzeugen, und in meinen Eltern gute Ratgeber habe, wenn es um Führungsfragen geht.“ Seine Mutter ist selbstständige Logopädin, sein Vater Chefingenieur in einem Konzern. „In einer Genossenschaft ist es wichtig, die Interessen verschiedener Mitglieder zu berücksichtigen. Wenn die Meinungen vieler aufeinanderprallen, kommt es schon mal zu Spannungen“, sagt er. „Ich versuche dann immer, diplomatisch zu handeln.“ Es ist nicht schwer, sich Schäfer vor einer Gruppe von Autoritäten vorzustellen. Er hat etwas Verbindliches an sich, hört zu, überlegt, reagiert erst dann. Er wirkt kontrolliert, aber nicht unnahbar.

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Nur keine Fehler machen

Schäfers Großvater war Sudanese und Diplomat. Er vermittelte zwischen politischen Fronten, aber auch in der Familie. Ein bisschen, glaubt Schäfer, kommt die Fähigkeit, ruhig und gelassen in Konfliktsituationen zu bleiben und schlichten zu können, von seinem Großvater. Er hat gleich einen Termin. Er sagt das ganz freundlich, aber den regelmäßigen Blick auf die Uhr kann er sich schon eine halbe Stunde vorher kaum verkneifen. Er will keine Fehler machen, niemanden vor den Kopf stoßen, wenn er unpünktlich ist. Dieser Perfektionismus hat Vorteile in seinem Geschäft. Früher stand er ihm auch ein wenig im Weg.

Vor seiner Zeit bei den Bürgerwerken gab es Phasen, da vergrub er sich regelrecht in seiner 25 Quadratmeter kleinen Souterrain-Wohnung am Rande von Heidelberg. Eine große Weltkarte hing damals an seiner Wand. Eine Sehnsucht nach anderswo? Eher eine Erinnerung an das, was ihm seine engsten Freunde rieten, als er vor lauter Arbeitseifer oft wochenlang nichts von sich hören ließ. Er solle Zahlen und Konzepte auch mal beiseitelegen und versuchen, den Sinn des Lebens nicht aus den Augen zu verlieren. Schäfer nahm sich das zu Herzen. Einmal in Jahr fährt er jetzt in den Urlaub, liest dann viel und macht auch mal tagelang gar nichts. „Meine Freunde sind mindestens so wichtig für mich wie mein Beruf “, sagt er.

Und das Studium? „Ich weiß nicht, ob ich noch meinen Master abschließe. Physik ist eher ein Hobby für mich.“ Es macht ihm ja immerhin noch Spaß, sich mit seinen ehemaligen Kommilitonen darüber zu unterhalten, „was die Welt im Inneren zusammenhält“. Manchmal, so wie jetzt, bricht das Jugendliche aus ihm heraus, dann lacht er über das ganze Gesicht. Seine neue Rolle als Manager will er gut umsetzen. Deshalb liest er Bücher über gute Führung und schreibt sich vieles aus seinem Alltag auf, um noch einmal über alles nachzudenken: seine Position, seine Fehler, seine Kollegen. „Führen lernen ist ein Balanceakt“, sagt er.

Wenn es spannungsreiche Phasen gibt, spielt er gern Klavier. Meistens braucht er dafür Noten, „das Improvisieren liegt mir nicht so.“

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Felix Schäfer über …

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Als Unternehmer muss ich regelmäßig mit Risiken umgehen. Dabei ist es wichtig, die größeren Risiken im Voraus zu erkennen und sie – wenn möglich – zu verringern. Um diese möglichst gut einschätzen zu können, nutze ich die verschiedenen Blickwinkel im Team.

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Esther Werderinghaus
Titelfoto: © Vanja Vukovic

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