Das Atelier Spiegelburg im Hafen von Münster ist eine Fundgrube von edlen Materialien und Stoffen.

Prin­zes­sin Lil­li­fee, Fe­lix & Co.

Krea­tiv-Un­ter­neh­me­rin Sig­gi Spie­gel­burg

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Mein Faktor A

Siggi Spiegelburg ist der Inbegriff von Kreativität: Die Unternehmerin aus der C&A-Familie betreibt ihr eigenes Mode-Atelier und ist im Coppenrath-Verlag die Schöpferin für Kinder-Accessoires zu Bilderbuch-Helden wie Prinzessin Lillifee oder Felix. Woher nimmt sie ihre Energie und ihre Ideen?

Als Siggi Spiegelburg das erste Mal geschäftlich auf eigenen Füßen steht, handelt ihr das mächtigen Ärger mit ihrem Vater ein. Im Alter von nur 21 Jahren eröffnet sie ihren eigenen Laden: Sie verkauft teure italienische Schuhe und selbst genähte Accessoires. Schon mit 14 hatte sie Hosen und Röcke genäht. Außer ihrem Abitur kann sie allerdings keine Ausbildung vorweisen. Trotzdem stellt sie sogleich einen Verkäufer und eine Aushilfe ein.

Ihr forscher Stil zahlt sich schon bald nach der Gründung aus: Der Laden in der Königstraße in Münster schlägt ein „wie eine Bombe“ – doch ihrem Vater gefällt das nicht: „Er wollte nicht, dass ich ausgerechnet in eine Boutique investiere“, sagt sie. Denn Spiegelburg ist Spross der C&A-Textil-Dynastie, eines von neun Kindern, ihre Mutter ist eine gebürtige Brenninkmeyer. Ihr Vater kennt sich als Geschäftsführer verschiedener C&A-Standorte im Markt aus. Er weiß, wie groß die Konkurrenz im Modeeinzelhandel ist und wie schnell Gründer pleitegehen. Daher gibt es für Spiegelburg zum Start keine Mitgift von zu Hause. Aber sie bekommt auch keine Chance, im konservativen C&A-Reich Karriere zu machen, das ist den männlichen Nachkommen vorbehalten.

Also leiht sich die Autodidaktin einen Gründungskredit über 300.000 DM bei der früheren Amro-Bank – mit Unterstützung ihres Freundes und jetzigen Ehemannes Wolfgang Hölker, damals ein kleiner Verleger für Kochbücher. Heute macht sein Coppenrath-Verlag 72 Millionen Euro Umsatz, hauptsächlich mit Kinderbüchern. Treiber des Geschäfts sind Merchandising-Artikel, etwa von Prinzessin Lillifee und Felix. Kreativer Kopf dahinter: Siggi Spiegelburg.

Die blonde 53-Jährige ist eine Power-Frau: Auf der einen Seite verhilft sie dem aufstrebenden Verlag mit ihrer Kreativität zum Erfolg, auf der anderen Seite lebt sie weiter ihren Mädchentraum mit ihrem kleinen, aber feinen Modeunternehmen mit 17 Mitarbeiterinnen und einem Umsatz von 1,5 Millionen Euro. Und ganz nebenbei zieht sie zwei Töchter groß. Damals, im Alter von 21 Jahren, ist ihre Erfolgsgeschichte jedoch nicht abzusehen. „Es war sehr schwer, als junge Gründerin von Geschäftspartnern und Bankern ernst genommen zu werden“, sagt sie. Doch schon im vierten Jahr nach der Gründung kommt eine eigene Schneiderei mit den ersten Näherinnen dazu. Heute gehören 500 Stammkundinnen zu ihrer Klientel – sie kommen aus allen Teilen der Republik, um sich Mode maßschneidern zu lassen. 2.000 Euro für ein Kleid ist dabei ein gängiger Preis, den die Damen, oft Unternehmerinnen und Sportlerinnen, zahlen. Ann Kathrin Linsenhoff, Olympiasiegerin im Dressurreiten, trägt nur Spiegelburg.

Kreativer Freiraum für die Angestellten

An diesem warmen Spätsommertag sitzt die Kreativ-Unternehmerin für das Interview mit Faktor A in ihrem Atelier im Hafen von Münster. Die gebürtige Wuppertalerin erzählt bereitwillig, ihre Gedanken sprudeln aus ihr heraus, untermalt von ihren Armen, die ihre Worte energisch unterstreichen. Spiegelburg ist gerade von einer Geschäftsreise nach Washington und Riga zurückgekehrt. Die gertenschlanke Chefin ist alle paar Wochen unterwegs. Auf den Reisen spürt sie die Mode und das Design von morgen auf: Entworfen und geschneidert wird ausschließlich in Münster. Allerdings legt die Chefin Wert auf Teamarbeit – regelmäßig nimmt sie eine ihrer erfahrenen Schneiderinnen mit, um sie mit einzubeziehen. „Ich zeige ihnen inspirierende Geschäfte und mache mit ihnen gemeinsam durch, wie anstrengend es ist, auf Messen das Richtige einzukaufen.“

Spiegelburg ist großzügig zu ihren Angestellten. Azubis verdienen das Doppelte des von der Handwerkskammer vorgesehenen Gehaltes, eine Schneider-Meisterin steigt mit 3.000 Euro brutto im Monat ein, aber Spiegelburg erwartet auch einiges: Wer kreativ arbeitet, muss flexibel sein – und mit Stoßzeiten umgehen können. Denn natürlich kommt es in dem Modeatelier vor, dass Kundinnen zur Anprobe am Wochenende kommen oder dass in nur wenigen Tagen viele Modelle fertiggestellt werden müssen. Die Schneider-Meisterin Vera Prinze bestätigt, dass sie viel Herzblut in ihren Job investiert, weil sie sich ernst genommen fühlt. Seit zwölf Jahren arbeitet die alleinerziehende Mutter für Spiegelburg und leitet das Atelier. Auch sie ist am Wochenende gelegentlich im Einsatz und bringt dann ab und an ihre Tochter mit. „Wenn ich einen Vorschlag für eine Kreation mache, hört sich die Chefin meine Ideen an und lässt sie mich umsetzen“, sagt Prinze. „So viel Bestätigung für die eigene Kreativität bekommt man sonst kaum in der Modebranche.“

Der Riecher für das richtige Geschäft eint Spiegelburg und ihren Mann. Auch Hölker, 62, ist kein Firmenerbe, sondern ein Senkrechtstarter: Der gelernte Grafiker hatte den kleinen Coppenrath-Verlag 1977 gekauft und 1992 gemeinsam mit seiner Frau den Grundstein für das Geschäft neben Koch-, Landschafts- und Kinderbüchern gelegt. Die beiden Töchter des Paares, heute 19 und 23, hatten den Anstoß gegeben: „Es gab kaum schöne Kindergarten-Taschen“, sagt Spiegelburg, die damals kurzerhand welche nähte und so die ersten Ideen für die erfolgreiche Geschenkartikel-Linie des Verlags prägte. Heute sitzt sie, wann immer es geht, im kreativen Kreis der Verlagsbelegschaft. Sie gibt ihre Impulse zu Produkten, Farben und Mustern der nächsten Saison weiter. Unter dem Namen „Die Spiegelburg“ entwickelt der Verlag immer wieder neue Dinge, die Kinderherzen höher schlagen lassen: Säbel von Capt’n Sharky, Spangen von Prinzessin Lillifee oder Rollkoffer von Felix, dem Hasen.

Das Arbeitspensum schafft Spiegelburg nur, weil sie ein „Workaholic“ sei, sagt sie. Genau wie ihr Mann. Mag sein, dass das Atelier und der Verlag nebenan deshalb fast wohnlich wirken: Überall stehen antike Möbel, wertvoller Nippes und historisches Spielzeug zur Schau. Der Verleger lenkt 140 Angestellte, Coppenrath ist heute eine ernst zu nehmende Größe neben der börsennotierten Firma United Labels, die in Europa das Kinder-Merchandising mit Disney-Figuren beherrscht. Doch die Zeit, Kinderidole mitzugestalten, fehlt Spiegelburg immer mehr. Sie feilt daran, ihre Modemarke deutschlandweit bekannter zu machen, Modelle für große Labels zu entwerfen, sogar ins Internet-Geschäft einzusteigen. Siggi Spiegelburgs Ideen scheinen unendlich – wenn sie davon spricht, leuchten ihre Augen.

Profil

Siggi Spiegelburg – die Unternehmerin

1957 wird Siggi Spiegelburg in Wuppertal geboren. Sie hat acht Geschwister. Ihre Mutter ist eine geborene Brenninkmeyer (C&A), der Vater arbeitet als Kaufmann beim Textilhändler C&A in leitender Position.

1976 macht sie das Abitur in Münster und lernt ihren späteren Mann, den Verleger Wolfgang Hölker, kennen, der einen kleinen Kochbuch-Verlag hat.

1979 eröffnet Spiegelburg in Münster ein eigenes Modegeschäft. Sie verkauft italienische Schuhe, die es so in der westfälischen Stadt zuvor nicht gab.

1986 heiraten Siggi Spiegelburg und Wolfgang Hölker, der auch den kleinen Münsteraner Verlag Coppenrath übernommen hat. Sie gründen die Edition „Die Spiegelburg“ für Geschenkartikel. Im gleichen Jahr wird auch die erste Tochter geboren, die zweite folgt 1991.

2004 zieht Spiegelburg mit ihrem Atelier und dem Geschäft in den sanierten Hafen von Münster. Das Ehepaar hat dort denkmalgeschützte Speicherhäuser wieder nutzbar gemacht.

 

Siggi Spiegelburg – das Unternehmen

Seinen Ursprung hat das Unternehmen „Siggi Spiegelburg – Maßatelier Couture Mode“ in einem Münsteraner Schuhgeschäft, das die Designerin 1979 eröffnet. Vier Jahre später kommt eine Schneiderei hinzu. Spiegelburg designt Strick-Kollektionen für ein italienisches Mode-Label – sowie exklusive Abendmode unter ihrem eigenen Label. Alle Kleider, Blusen und Tops, die das Atelier verlassen, sind Einzelanfertigungen – made in Germany. Die Stoffe und Materialien kauft die Unternehmerin auf der ganzen Welt ein.

17 Mitarbeiter beschäftigt Spiegelburg heute. Sie erzielen einen Umsatz von 1,5 Millionen Euro – bei einem „kleinen Gewinn“, wie Spiegelburg sagt. Zur Klientel gehören in erster Linie Stammkunden, vor allem aus dem deutschen Adel. Künftig will Spiegelburg deutschlandweit bekannter werden und ins Internet-Geschäft einsteigen.

Was hat Siggi Spiegelburg mit W-Pack-Chefin Lencke Steiner oder dem Bäckermeister Wolfgang Springer gemeinsam? Sie alle haben den mutigen Weg in die Selbständigkeit gewählt. Noch mehr inspirierende Gründer-Porträts unter „Mehr zum Thema“. Übrigens: Bequem und kostenlos kommt der Faktor-A-Infodienst 14-tägig in Ihr E-Mail-Postfach, gleich anmelden!

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Petra Schäfer
Titelfoto: © Christian Schmid

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