Stephan Wrage, der Gründer von Skysails

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Ein Spin­ner und sein Dra­chen

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Stephan Wrage will mit seiner Geschäftsidee eine erzkonservative Branche umkrempeln. Ein Zugdrachen soll die Handelsschifffahrt revolutionieren und gleichzeitig die Umwelt schützen. Noch hat der Hanseat einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten – an allen Fronten.

„Spinnerei, absoluter Schwachsinn.“ Wenn Stephan Wrage an seine ersten Präsentationen vor potenziellen Investoren und Kunden denkt, fallen ihm solche Äußerungen ein. Rund zehn Jahre ist es her, dass Wrage von der Uni kam und sein Unternehmen Skysails gründete. Seine Idee war innovativ – und sehr unkonventionell: Er wollte mittels eines Zugdrachen-Systems tausende Tonnen schwere Schiffe über die Meere schleppen lassen. Auf diese Weise sollen die Frachter massenhaft Treibstoff sparen und gleichzeitig Emissionen vermeiden.

Heute sitzt der Visionär im Nadelstreifenanzug im Besprechungsraum seiner Firma in Hamburg-Harburg. Gerade ist er von einem Termin zurückgekommen, hat sich aus seinem Büro noch schnell etwas zu essen geholt und geht gleich in die Vollen: „Mit dem Skysail lassen sich jährlich 100 Millionen Tonnen CO2 einsparen.“ Das Modell seiner Vision steht vor ihm: Ein etwa achtzig Zentimeter langes Abbild der „Michael A“. Ein Frachtschiff der Reederei Wessels, das mit seiner Erfindung – dem Skysail – fährt und beweist, dass Wrages Idee bei weitem kein Schwachsinn ist. Mit 160 Quadratmetern ist der Kite, der Zugdrachen, im Original ungefähr so groß wie ein Tennisplatz. Er bewegt sich in bis zu 300 Metern Höhe und fliegt eine programmierte Figur ab. Über ein Seil ist er mit dem Schiffsbug verbunden, so zerrt er mit gewaltigen acht Tonnen an dem Frachter. Das spart bis zu 35 Prozent Treibstoff. Vier Schiffe fahren heute mit Wrages Zusatzantrieb – sie gehören zu den Reedereien Wessels aus Haren an der Ems, Beluga aus Bremen und Parlevliet & Van der Plas B.V. aus den Niederlanden. Im Dezember 2011 wird ein Boot hinzukommen, das der Nahrungsmittelproduzent Cargill gechartert hat.

Natürlich sollen es noch viel mehr werden. Das Potenzial ist riesig: Ein Großteil der 60.000 Handelsschiffe, die über die Weltmeere kreuzen, könnte mit einem Zugdrachen ausgerüstet werden. Die internationale Schifffahrtsorganisation hat in einer ihrer Studien zur Eindämmung von Emissionen aus der Schifffahrt berechnet, dass sich mit Hilfe des Skysails – als einzigem Anbieter dieses Produktes – jährlich rund 100 Millionen Tonnen CO2 vermeiden ließen. Theoretisch. Denn die Branche ist erzkonservativ. Reeder wollen handfeste Beweise, sonst geben sie kein Geld aus. Was sich nicht seit 40 Jahren bewährt hat, taugt nicht, lautet ein Bonmot der Branche. „Wir sind noch nicht zur Überzeugung gelangt, dass das Skysail unter den alternativen Antriebssystemen das Nonplusultra ist“, sagt Olaf Mager vom Germanischen Lloyd, der als weltweiter Schiffszertifizierer einen guten Marktüberblick hat. Und dann ist da noch die Investition. Inklusive Installation kosten die Kites zwischen 500.000 und zwei Millionen Euro. Nach drei Jahren hat sich die Anschaffung amortisiert.

2004 stach "Jan Luiken" in See, das erste Schiff mit einem Skysail.
© Iris Friedrich

2004 stach "Jan Luiken" in See, das erste Schiff mit einem Skysail.

Die Idee für seinen revolutionären Segelantrieb kam dem 38-Jährigen während seines Studiums: Er begriff früh, dass der Treibstoff knapp wird und der Klimawandel kommt. 2001 gründete er von einem Sperrholzschreibtisch in seinem Wohnzimmer in Hamburg-Ottensen aus Skysails, gemeinsam mit seinem Partner Thomas Meyer, einem Schiffsbauingenieur aus Berlin. Inzwischen ist Meyer ausgestiegen, bleibt jedoch Gesellschafter und steht Skysails beratend zur Seite. Bei aller Euphorie und Überzeugung bekommt Wrage, der als Hamburger Jung begeisterter Segler und Drachenlenker ist, oftmals Gegenwind. Weder Investoren noch Kunden rennen ihm die Türen ein. Hinzu kommen immer mal wieder unvorhergesehene technische Probleme. Die Fragen ungeduldiger Wegbegleiter wehrt er mit einer Gegenfrage ab: „Wie esse ich einen Elefanten?“, will er dann mit einem Grinsen im Gesicht wissen. „Stück für Stück.“ Wrage hätte mit seinem Prädikatsexamen zwar auch in die Industrie gehen können, „doch mein Lebenswerk wäre es nicht, dazu beizutragen, dass Pampers pro Windel fünf Cent mehr verdient“, sagte er einmal der „Zeit“. Für ihn war immer klar, dass er Unternehmer sein würde. Schon seine Urgroßeltern hatten einen Feinkostladen. Und so tüftelte er Anfang der 2000er Jahre am Antrieb seines Drachens. Heute hat er nur noch selten mit der Entwicklung zu tun. Seine Zuständigkeiten sind Marketing, Vertrieb, Investor Relations und die Geschäftsentwicklung. Gespräche führen und überzeugen – das ist sein Job. Neben ihm gibt es drei alleinvertretungsberechtigte Geschäftsführer, Unterstützung bietet ein fünfköpfiger Beirat.

Inzwischen beschäftigt Skysails 75 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Großteil arbeitet in Hamburg, in Wismar 30 Kräfte in der Fertigung. Wrage weiß um die Bedeutung von zuverlässigem Personal: „Gute Leute finden ist die entscheidende Arbeit beim Aufbau eines Unternehmens“, sagt er. Der Techniker sucht Überzeugungstäter, Leute, die hinter seiner Vision stehen:„Wer für Geld kommt, geht auch für Geld.“ Dennoch hat er sein Team mit einem kleinen Anteil von acht Prozent an der Firma beteiligt. Die ersten 25 Mitarbeiter hat Wrage persönlich eingestellt – und dabei „den einen oder anderen Fehlgriff“ gemacht: „Gerade am Anfang mussten die meisten Mitarbeiter oft drei, vier, fünf verschiedene Rollen wahrnehmen. Dafür braucht es spezielle Typen, das kann nicht jeder“, sagt der Chef. 2004 hat er die Personalverantwortung an einen Geschäftsführer-Kollegen übergeben. „Aber bis heute lese ich jeden Lebenslauf, der für eine Stellenbesetzung in die engere Wahl kommt, intensiv. Ich mache Anmerkungen und notiere Fragen für das Personalteam.“

Wrages Blick aus dem Fenster: Skysails hat seinen Sitz im schmucklosen Teil des Hamburger Hafens in Harburg. Dicht an potenziellen Drachen-Kunden.
@ Iris Friedrich

Wrages Blick aus dem Fenster: Skysails hat seinen Sitz im schmucklosen Teil des Hamburger Hafens in Harburg. Dicht an potenziellen Drachen-Kunden.

Wrage ist vom Ingenieur zum Vorzeige-Unternehmer aufgestiegen. Er wurde zigfach geehrt, ist Mitglied bei den Young Global Leaders im Weltwirtschaftsforum. Mag sein, dass sein guter Ruf ihm inzwischen hilft, Geld für seine Idee aufzutreiben. Teils hat er selbst investiert, nach und nach konnte er aber auch Investoren gewinnen und Fördergelder eintreiben. Klamme Kassen kennt er dennoch. Zuletzt wurde es in der Wirtschaftskrise Ende 2008 eng: Im September des Krisenjahres holte Wrage noch Aufträge – im Januar 2009 waren von 120 zum Teil angedachten Projekten nur noch fünf übrig. Trotzdem hat Skysails überlebt. „Wir hatten keine Entlassungswelle, eher einen Umbau, und nur wenige Leute verloren.“ Wrage senkte Kosten und überzeugte im  vergangenen Januar einen neuen Investor, den niederländischen Technologiekonzern DSM. So und dank weiterer Gelder kamen 15 Millionen Euro in die Kasse. Break-Even hofft Wrage nun 2013 zu erreichen. Zurücklehnen kann und will er sich aber noch lange nicht: „Bis dieses Unternehmen finanziell ein Erfolg ist, ist noch sehr viel Arbeit zu tun.“

Auf die Frage nach Vorbildern aus der Geschichte antworte Stephan Wrage: "Einstein, weil er seiner Zeit voraus und revolutionär war."
© Iris Friedrich

Vorbilder? "Einstein, weil er seiner Zeit voraus und revolutionär war", sagt Stephan Wrage.

Profil

Querdenker Stephan Wrage

1972 wird Stephan Wrage in Hamburg geboren. Schon als Jugendlicher ist er begeisterter Segler und Lenkdrachenflieger.

1993 macht er sich als Berater für EDV- und Chipkartenlösungen selbstständig, hört aber bald wieder auf.

1994 beginnt er sein Studium zum Wirtschaftsingenieur mit den Schwerpunkten Maschinenbau, Logistik, Innovationsmanagement und Controlling. Er studiert an der TU Kaiserslautern und der TU Dresden und schließt mit Prädikatsexamen ab.

1997 arbeitet er im Rahmen seines Studiums an einem Fabrikneubau der SAD GmbH in Dresden, einem Unternehmen, das Antriebe fertigt.

2001 gründet Stephan Wrage Skysails.

2004 sticht „Jan Luiken“ in See, das erste Schiff mit einem Skysail.

2009 rüstet Skysails eine erste Serie von drei Frachtschiffen mit dem Drachenzug-System der neuesten Generation aus. Stephan Wrage lebt mit seiner langjährigen Lebensgefährtin in Hamburg.


Daniel Hautmann
Titelfoto: © Iris Friedrich

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