Neue Herausforderungen dank Energiewende: Jahrelang schütze Holger Bartels Stahlwände vor Korrision. Jetzt beschichtet er Windräder.

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Strako aus Bremerhaven war über 30 Jahre lang Spezialist für den Korrosionsschutz gewaltiger Stahlwände. Dann stagnierte die Branche. Doch Geschäftsführer Holger Bartels entdeckte die Energiewende, stellte Offshore-Experten ein, schulte seine Leute. Heute beschichtet Strako Windräder.

Vor Extremen fürchtet sich Holger Bartels nicht. Im Gegenteil. Weder das fünfzig Meter lange und tonnenschwere Stahlrohr in seiner Werkshalle schockiert ihn – noch der Lehrgang, den er sich aufgehalst hat: Notfallmanagement für Arbeiter auf einer Offshore-Windkraftanlage. Der 49 Jahre alte Geschäftsführer und Inhaber der Firma Strako aus Bremerhaven musste sich kopfüber, im Überlebensanzug, unter Wasser aus einer nachgebauten Hubschrauberkanzel befreien. „Ich mache grundsätzlich alle Lehrgänge auch selbst, in die ich meine Mitarbeiter schicke“, sagt der Schifffahrtskaufmann.

In der Küstenstadt glättet und beschichtet seine Firma seit vielen Jahren erfolgreich Stahlwände, eigentlich an Land – vom Leuchtturm bis zum Tiefseewasserterminal. Das Problem: Der Markt dafür stagnierte und damit auch das Auftragsvolumen. Offshore zu arbeiten schien Bartels deswegen als unternehmerische Lösung. Für seine dreißig Mitarbeiter bringt sie allerdings Veränderungen im Betriebsalltag mit sich. Denn die gewaltigen Bauteile der Windkraftanlagen passen selbst in die riesigen Werkshallen am Hafenbecken nicht mehr. Bartels schickt jetzt sein Team vor Ort, zum Beraten, zur Inspektion, oder um im Klettergurt mit Akkuschleifer und Pinsel in der Hand nachzubessern, was die See draußen vor der Küste gefressen hat.

Der Ausbau der Offshore-Windenergie in Deutschland soll vor allem dem Mittelstand erhebliche Umsatz- und Beschäftigungszuwächse bringen. Im Jahr 2021 werden über 33.000 Arbeitsplätze von der Offshore-Windkraft abhängen. Der Umsatz der Wertschöpfungskette wird auf 22 Milliarden im Jahr 2021 steigen. Dafür brauchen die Firmen qualifiziertes Personal. Bis 2021 werden Tausende zusätzliche Fachkräfte gesucht. Und ein paar davon sollen auch zu Bartels kommen.

Warum Strako ein neues Geschäftsfeld erschließt

2010 beschloss er, Pionier sein zu wollen. Die Stahlbeschichtungsbranche stagnierte, die Konkurrenz wurde immer härter. Also setzte Bartels auf die Energiewende, bevor ihm andere zuvorkamen. „Die Windkraft steht noch am Anfang. Deswegen will ich dabei sein, meine Erfahrungen und mein Wissen einbringen.“ Die Politik spielt ihm in die Hände: Niedersachsens ehemaliger Ministerpräsident David McAllister nannte Windkraft eine „Jahrhundertchance“ für die Nordseeküste. 2.000 Windräder sollen sich in zehn Jahren vor den deutschen Gestaden drehen, bis 2030 sollen 25.000 Megawatt aus Meereswindstrom generiert werden.

Das schafft Arbeit. Der Korrosionsschutz, die Pflege von Stahlteilen, das Abschleifen und die Schutzbeschichtung sind teuer und aufwändig. „Aber notwendig. Nicht der kleinste Fehler wird verziehen von der Nordsee.“ An Land kostet ein Quadratmeter Korrosionsschutz 60 Euro, vor der Küste 6.000. Bartels fährt prüfend mit dem Daumen über das Rohr, das einige Meter weiter bereits schwarz glänzt, als sei es mit Pech übergossen. In der Werkshalle geht es sehr sauber zu. Keine Rostflatschen am Boden und kaum Staub auf dem Schutzanzug seines Mitarbeiters, der gerade mit Schutzmaske und Sprühpistole Epoxidharz aufträgt.

„Noch tragen die Offshore-Aufträge zum Umsatz nur fünf Prozent bei“, sagt Bartels, und um den ersten Auftrag musste er lange kämpfen. Der Anteil steigt aber stetig, und die Konkurrenz ist noch überschaubar. „Je schneller sich die Expertise meiner Leute herumspricht, desto mehr Aufträge kann ich bekommen“, sagt er. Der Geschäftsführer engagiert sich in verschiedenen Ausschüssen und Diskussionsgruppen zum Thema Windkraft an der Küste. „Wer sich auskennt, macht das Rennen.“

Den richtigen Mitarbeitermix finden

Er knüpft Netzwerke. Seit 2011 veranstaltet er die Messe „Technik und Mee(h)r“ mit Ausstellern aus der Windenergie. Zulieferer, Fortbildungsinstitute und die Wissenschaft präsentieren sich und gewähren den Besuchern einen Blick hinter die Fassade. Bartels wiederum profiliert seinen Betrieb als Vorreiter und potenziellen Geschäftspartner.

In der Branche trauen sich das nur wenige. Offshore kann man aus Wettergründen nur vier Monate im Jahr arbeiten. „Viele Unternehmen denken über das Geschäft im Meer gar nicht erst nach“, sagt Bartels. Nicht nur logistisch ist der Job eine Herausforderung. Bartels braucht auch die richtigen Fachkräfte. „Da draußen ist es nicht gemütlich“, sagt er. Zwei Mitarbeiter hat er inzwischen weitergebildet, sie regelmäßig nach Holland geschickt zu zeitintensiven Lehrgängen. Die Arbeit vor der Küste unterliegt strengen Auflagen, Berechtigungen müssen regelmäßig erneuert werden.

Bartels bildet jährlich zwei Azubis zum Bauten- und Objektbeschichter aus. „Mein Haupt-problem ist es, den richtigen Altersschnitt zu schaffen. Erst hatte ich zu viele ältere Kollegen, nur Junge sind aber auch nicht gut.“ Zumal für die Sonderausbildung zum Offshore-Inspektor Erfahrung hilft. „Bei entsprechender Nachfrage werde ich mich auf die Suche nach zusätzlichen Experten machen.“ Die Offshore-Spezialisten müssen mit Sicherungstechniken in luftiger Höhe umgehen können, körperlich fit sein, sich nicht davor scheuen, mindestens zwölf Stunden im Einsatz zu sein. Und sie müssen sehr konzentriert planen: Hat einer sein Werkzeug vergessen, ist schnell ein Tag und viel Geld verloren. Einige Facharbeiter lockt das abenteuerliche Image geradezu an.

Strako verwandelt sich, die Mitarbeiter merken das, manche fürchten, nicht Schritt halten zu können. Alle sechs Wochen trifft sich Bartels mit seinen Vorarbeitern, zum gegenseitigen „Auskotzen“, wie er es nennt. Manchmal sind die Kollegen noch skeptisch. Bartels hört dann zu, beantwortet Fragen und beschwichtigt. Beirren lässt er sich nicht. „Die Energiewende? Das ist unsere Chance.“

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Agnes Fazekas
Titelfoto: © PR