Warum Pendeln für viele ein Stressfaktor ist und wie Arbeitgeber Pendler unterstützen können

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Immer mehr Deutsche leiden unter dem weiten Anfahrtsweg zur Arbeit. Oft lässt sich das Pendeln nicht vermeiden – doch Arbeitnehmer und Arbeitgeber können viel dafür tun, dass es nicht zur psychischen Belastung wird.

André Winkler fährt jeden Tag 110 Kilometer zur Arbeit. Morgens steigt er um 6:00 Uhr am Hamburger Hauptbahnhof ein und um 7:15 Uhr in Bremen wieder aus. Am Abend fährt er zurück. Verspäten sich die Züge, ist er erst gegen 20:30 Uhr zu Hause. Dann streichelt er seinen schlafenden Kindern nur noch kurz über den Kopf.

Winkler, der in Wahrheit anders heißt, lebt gern in Hamburg. Die Großeltern sind da, die Ehefrau arbeitet dort in Teilzeit, die Kinder haben Freunde und fühlen sich wohl in ihrem Haus, für welches das Ehepaar einen hohen Kredit aufnehmen musste. Damals, als Winkler noch für einen anderen Arbeitgeber tätig war, hatte er einen zehnminütigen Anfahrtsweg. Leider meldete das Unternehmen Konkurs an.

Seit fünf Jahren pendelt er regelmäßig zu seiner Firma. Es ist ein Traumjob, der ihm Kraft gibt, sagt er, doch die ist vollkommen aufgebraucht, wenn er spätabends die Haustür aufschließt. Manchmal träumt er nachts von den Bremsen einfahrender Regionalzüge.

Wenn Pendeln krank macht

Winkler gehört zu den vielen Pendlern in Deutschland, die täglich einen Arbeitsweg von über 50 Kilometern in Kauf nehmen. Ihre Anzahl ist im vergangenen Jahr auf einen Rekordwert gestiegen: 2016 pendelten bundesweit 60 Prozent aller Arbeitnehmer zum Job in eine andere Gemeinde, 2000 waren es 53 Prozent. Zwar gehört auch ein großer Anteil von ihnen zu denen, die nur 14 Kilometer zur Arbeit fahren, aber wer einmal versucht, im Morgenverkehr vom Münchner Umland in die Innenstadt zu kommen, fährt auch eine Weile.

Berufspendler leiden häufiger als Nichtpendler an psychosomatischen Beschwerden wie Kopfschmerzen. Auch Magen-Darm-Erkrankungen, Ängste, grippale Infekte, eine ständige Müdigkeit, Stress und Konzentrationsmangel gehören dazu. All das wirkt sich negativ auf die Arbeitsmotivation und die Produktivität aus.

Auch Winklers Arbeitgeber merkt nach ein paar Monaten, dass sein einst so motivierter Angestellter nicht mehr so voller Elan ist. Es kommt zu Spannungen. „Ich hatte immer den Eindruck, er hält das Pendeln für eine Lappalie“, sagt Winkler, „er verlangte immer 100 Prozent.“ Die gibt er, so gut er kann. Doch am Wochenende ist seine Energie so verbraucht, dass er sich nicht mal mehr mit Freunden treffen mag. Er ist niemand, der viel jammert. Aber nach etwa einem Jahr Pendeln setzen bei ihm Kopfschmerzen ein, die sich zu Migräneattacken entwickeln. Meistens schläft er sich am Wochenende aus, um wieder fit für den Montag zu sein. „Das Schlimmste war“, sagt der Familienvater, „dass sich meine Kinder immer mehr von mir entfremdet haben.“

Neue Perspektiven für Pendler

Pendler leiden enorm darunter, wenn ihre Vorgesetzten kein Verständnis für ihre Situation haben. Wer die Angestellten in ihrer Belastung nicht wahrnimmt, riskiert, dass sie sich nicht mehr mit dem Unternehmen identifizieren. Zu einem guten betrieblichen Gesundheitsmanagement gehört es, Pendlern Möglichkeiten zu bieten, mit der Belastung besser umgehen zu können. Sonst haben auf lange Sicht beide Seiten wenig von dem Arbeitsverhältnis. Klar ist: Die verkürzte Schlafdauer halten meistens nur „Abendtypen“ durch, „Morgentypen“ geben das Pendeln im Schnitt nach zehn Jahren auf, weil es zu sehr mit ihrem Schlaf-Wach-Rhythmus kollidiert.

André Winkler zieht irgendwann die Reißleine. Nach etwa eineinhalb Jahren sucht er das Gespräch mit seinem Chef. Die Offenheit, mit der er es führt – er rechnet mit allem, auch mit seiner Kündigung –, löst einen Knoten zwischen den beiden. „Mein Chef versteht mich jetzt besser und sieht nicht jeden Flüchtigkeitsfehler als persönlichen Affront gegen ihn.“ Vor allem merkt sein Vorgesetzter, dass Winkler den Job liebt und nur deshalb bereit war, so viel Zeit zu entbehren. Was kann ihm lieber sein als ein motivierter und gut qualifizierter Mitarbeiter?

Die beiden einigen sich auf Teilzeit. Winkler kommt nun dreimal die Woche in die Filiale, einen Tag macht er Home Office, und am fünften Tag hat er frei. Winklers Entgegenkommen: Er verschiebt den freien Tag je nach Auftragslage auf den Anfang oder das Ende der Woche. Seine Frau stockt zum finanziellen Ausgleich ihre Teilzeit auf. Winkler hat gelernt, dass es eine Stärke sein kann, offen über die eigenen Grenzen zu reden. „Es ist schade, dass mir erst die gefühlte Ausweglosigkeit den Mut dazu gegeben hat“, sagt er.

Die Tage, an denen André Winkler weder in Hamburg noch im Home Office arbeitet, sind nun für seine Jungs reserviert. Er holt sie von der Schule ab und geht dann mit ihnen zum Fußball. Aber nicht in einen Verein: „Wir gehen auf unseren Bolzplatz hinterm Haus und spielen, bis wir nicht mehr können“, sagt er und lächelt. Seitdem er das tut, sind die Kopfschmerzen wie weggeblasen.

Leitfaden

Wie Unternehmer Pendlern das Leben leichter machen können

  • Flexible Arbeitszeiten anbieten
    Jeden Morgen fragen sich Pendler: Kommt mein Zug pünktlich, fällt er aus, gibt es einen Unfall? Das kostet Nerven. Wenn Arbeitnehmer über Arbeitsbeginn und -ende bestimmen dürfen, können sie zum Beispiel Autofahrten so legen, dass sie nicht in Staus geraten. Wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, brauchen sie kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn mal wieder ein Baum aufs Gleis fällt. Pendler bleiben einem Unternehmen länger treu, wenn sie sich weniger unter Zeitdruck fühlen.
  • Arbeiten im Zug ermöglichen
    Wer seinen Mitarbeiter digital ausrüstet – mit Laptop, Smartphone und Kopfhörern –, gibt ihm die Möglichkeit, schon im Zug mit der Arbeit loszulegen. Er ist dann beschäftigt und hat nicht das Gefühl, kostbare Lebenszeit mit Fahren zu verschwenden. Morgens sind viele Menschen zudem am produktivsten. Die Fahrtzeit effektiv zu nutzen ist also für beide Seiten von Vorteil. Mit solch flexiblen Arbeitsmodellen schafft man als Unternehmer auch mehr Gleichberechtigung zu Mitarbeitern, die es näher zum Betrieb haben.
  • Finanziell helfen
    Jahreskarten für öffentliche Verkehrsmittel oder Benzingutscheine entlasten Pendler finanziell – und diese Art von Hilfe stärkt auch das Verbundenheitsgefühl zum Unternehmen. Der Arbeitnehmer merkt, dass es seinem Arbeitgeber sehr wichtig ist, dass er kommt. Auch Mietentlastungen bei einem eventuellen Zweitwohnsitz helfen Pendlern bei der Überlegung, die lange Anreise zum Arbeitsplatz in Kauf zu nehmen.
  • Fahrgemeinschaften fördern
    Über das Firmen-Intranet oder das Schwarze Brett können Mitarbeiter andere Mitfahrer suchen. Arbeitgeber sollten das vorantreiben. Diese Fahrgemeinschaften schweißen zusammen, und ganz nebenbei netzwerken die Kollegen über alle Abteilungen hinaus. Arbeitgeber können per Intranet auch auf Pendlerportale aufmerksam machen. Die werden von Fahrgemeinschaft.de in Kooperation mit dem ADAC betrieben, und über sie kann man auch kostenfrei Fahrer und Mitfahrer suchen.
  • Dusche zur Verfügung stellen
    Manche Mitarbeiter legen die Strecke oder Teile der Strecke mit dem Fahrrad zurück. Sie brauchen unbedingt einen Ort, wo sie sich frisch machen können. Im besten Fall löst eine einfache Dusche eine sportliche Kettenreaktion unter Kollegen aus. Die Botschaft des Arbeitgebers lautet nämlich: Hier wird Sport und Radfahren gern gesehen. Hier legen wir Wert auf die Gesundheit unserer Mitarbeiter.
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Kommentare

Sehr guter Artikel. Prima Leitfaden.
Leider auf dem Bild nur "Männerarbeitnehmerfüsse" - auch Frauen pendeln und sind gestresst.

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Esther Werderinghaus