Kochen macht Laune: Gäste in der Kochgarage

Haus­be­such in der Koch­ga­ra­ge Mün­chen

Team­buil­ding am Herd

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Graciela Cucchiara betreibt eine der ungewöhnlichsten Gastronomien Münchens: 
In ihrer Kochgarage bereitet sie mit Gästen aus der Wirtschaft individuelle Gerichte zu. 
Beim Brutzeln offenbaren Teams, ob sie zusammenarbeiten können. Ein Hausbesuch.

Es regnet wie verrückt, aber Graciela Cucchiara öffnet mit einem strahlenden Lächeln die Tür. „Komsu rein, mein Lieber!“, ruft sie aus dem Inneren des geklinkerten Industriebaus. Cucchiaras dunkle Augen blitzen hinter ihrer eckigen Brille auf. „Komm gleich in die Küche, wir kochen zusammen!“ Sie wirft einem eine Kochschürze über, schnell die Hände waschen, schon steht man mit einem Klumpen Teig und einem Beutel Mehl vor einer Nudelpresse. Ob nur ein einziger Gast oder 167 wie zuletzt, ob mit Dax-Vorständen, mit TV-Sternchen oder mit Leuten aus der Nachbarschaft: Wenn jemand da ist, wird gekocht. Das Motto der 56-Jährigen mit der schwarzen Latzhose und den umherfliegenden Händen: „Am Herd sind alle gleich.“

Zwischen Nudelholz und Rührbesen zählen die Statussymbole der Außenwelt nichts. So ist das in Cucchiaras „Kochgarage“. Seit fast vier Jahren führt die gebürtige Argentinierin dieses Münchner Unikum. Die Glasbausteine, der Betonboden, die Kupferrohre, die Industrielampen – alles in dem Raum, der zugleich Küche und Gastraum ist, wirkt wie anno dazumal. An dem sieben Meter langen Kirschholz-Tisch („Platz für 26 Esser!“), den die Chefin einst gebraucht von einem schwäbischen Gemeinderat erstanden hat, schließt sich auf einem Podest eine moderne Kochinsel an. Mit mehreren Öfen und Kochplatten, mit viel Platz zum Schnippeln und Rühren. Direkt daneben: ein Bartresen für jene, die eine Pause brauchen, „damit jeder in der Küche bleiben kann“.

Die Kochgarage ist so etwas wie Graciela Cucchiaras zu groß ausgefallene Wohnküche, aus der in den vergangenen vier Jahren ein umsatzstarkes Gastronomiekonzept mit fünf Angestellten wurde. Weder Speisekarten noch Restaurant-Öffnungszeiten oder professionelle Küchenteams hat die Hausherrin im Angebot. Stattdessen zeigt sie anderen Leuten, wie Essen Spaß machen kann, wenn man zusammen kocht und improvisiert.

Graciela Cucchiara
@ Sabine Höroldt

"Rezepte lesen kann jeder", meint Graciela Cucchiara.

Kochen ohne Anleitungen

Seit Eröffnung im Herbst 2009 fanden in dem Hinterhof mitten in München unzählige Firmen-Events, Workshops, Pressekonferenzen, Seminare und sogar Hochzeiten statt. Jeden Abend kommt eine andere geschlossene Gesellschaft und zahlt 85 Euro pro Person – zusätzlich zu einer Raummiete von 420 Euro. Das ist nicht wenig. Aber insbesondere für Firmen, welche die Motivation ihrer Mitarbeiter fördern wollen, scheint ein Besuch in der alten Käserei ein lohnendes Investment zu sein. Unternehmen wie Sony, BMW, Sky, Unicredit oder Audi sind Stammgäste. Die Firmenabteilungen besuchen die Kochgarage gerne, weil sich hier in einer lockeren Atmosphäre Teambuilding praktizieren lässt. Wenn der Praktikant und der Abteilungsleiter gemeinsam Nudeln pressen, entsteht Nähe. Das gemeinsame Kochen wird zum Rollenspiel, in dem jeder Teilnehmer seine eigene Position neu definieren muss. Diese Eindrücke halten länger als der beliebige Besuch eines Restaurants.

Das Prinzip ist immer gleich: „Wir kochen acht, neun, zehn Gerichte, kombinieren die Zutaten nach Lust und Laune und am Ende kosten alle von allem“, erklärt Cucchiara und bestreut gepresste Nudeln mit Mehl. Im Unterschied zu Kochschulen werden in der Kochgarage keine Kurse veranstaltet. Es gibt nicht mal Anleitungen. „Rezepte lesen kann jeder“, sagt Cucchiara, „besser, man lernt riechen.“

Küchenpsychologie

Was Kochen über Kollegen verraten kann

Die Übereifrigen wollen besonders glänzen, „zeigen, was sie zu Hause gelernt haben“, meint Cucchiara. Dieser Typus sieht den Besuch als Chance, sich firmenintern zu profilieren, glaubt, dass sein Standing steigt, wenn er vermeintlich kluge Fragen stellt („Aus welchem Land stammen die Cashews?“).
Die Eitlen erscheinen gerne mit Stöckelschuhen und langen Fingernägeln und sind damit nicht unbedingt auf den Einsatz in der Kochgarage vorbereitet. Häufig warten sie mit Unverträglichkeiten oder schrägen Geschmäckern auf („Tomaten nur, wenn sie gehäutet sind“ oder „nur Kräuter, die zu Neumond gepflückt worden sind“). Cucchiara beauftragt diese Spezies gerne mit dem Decken der Tische.

Die Faulen weichen während des Abends nur von der Theke, um sich ein frisches Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Mit jeder Flasche kommentieren sie das Tun ihrer schnippelnden und bratenden Kollegen etwas lauter. Damit die Biertrinker trotzdem Teil des Geschehens bleiben, hat die Chefin die Theke direkt neben die Herdplatten bauen lassen.

Die Überforderten bieten sich an allen Fronten an, um dann zu scheitern. Die Keule lösen? Fliegt quer über die Kochinsel. Das Risotto? Brennt an. Der zu filetierende Fisch? Endet als Fisch-Ragout. Trotz seines großen Unterhaltungswerts versucht Cucchiara, gerade diesen Typus mit einfachen Aufgaben wieder in die Gruppe zu integrieren.

Zufällig entstand die Geschäftsidee

Das geht in der Kochgarage ausgezeichnet. Cucchiara zieht zwei Schubladen auf, die gefüllt sind mit getrockneten Gewürzen. Frische Gewürze wachsen in Töpfen im Hof.„Wir machen hier Koch-Events“, sagt sie. Ein paar Tage vor dem vereinbarten Termin überlegt sie mit den Veranstaltern des Abends, was in den Topf soll. Die Argentinierin hat 15 Menüvorschläge verschiedener Landesküchen ausgearbeitet, von „Hungrige Cowboys“ über „Cuba Libre“ bis zur „Bosporus Party“. Alle können individuell verändert werden. Jeden Morgen kaufen Graciela und ihre Schwester Monica die Zutaten frisch ein, in kleinen Geschäften um die Ecke.

Am eigentlichen Kochabend dann ist der Ablauf stets der Gleiche: Zu Beginn begrüßt die Chefin die Gäste, sie stellt das Thema des Abends vor, schreibt die einzelnen Gerichte an die Wandtafel und verteilt die Aufgaben – und dann machen alle, was sie wollen. Meist übernimmt jeder der Anwesenden einen Bereich. Der Chef schält Gemüse, die Sekretärin löst die Knochen aus einer Keule, der Abteilungsleiter schneidet Möhren – oder andersrum. Graciela gibt den Takt an und brutzelt mit. Zwischendurch bedient sich jeder am Kühlschrank. Die Gäste dürfen so viel trinken und essen, wie sie möchten. „Wie zu Hause“, ruft Cucchiara.

Die heutige Küchenmeisterin lebt seit 20 Jahren in München. Schon als Kind hat sie in ihrer Heimat Argentinien mit ihrer Oma am Herd experimentiert. In Deutschland heiratete die gelernte Grafikerin später einen Unternehmer. Als die Ehe nach 18 Jahren zerbrach, wollte sie sich etwas Eigenes aufbauen. Nur was? Anfangs hatte Cucchiara keine Ahnung, nur ein Gefühl: „Irgendwas mit kochen.“ Sie richtete einfach die Küche in der von ihr gemieteten alten Käserei ein. Dann kam zufällig ein Manager von Pro7 vorbei – und lieferte ihr nebenbei die eigentliche Geschäftsidee. Dem Abteilungsleiter gefiel der Raum mit den Kupferrohren und den Glasbausteinen, wollte ihn sofort mieten für einen Workshop des TV-Senders. Cucchiara schlug vor, anschließend noch gemeinsam zu kochen. Als die Pro7-Mitarbeiter nachts um vier Cucchiaras Küche noch immer nicht verlassen wollten, wusste sie, was ihre Firmenidee sein sollte.

Unternehmerin Graciela Cucchiara in ihrer Münchner Kochgarage.
© Sabine Höroldt

Ein Lachen, wache Augen und immer eine Rezeptidee im Kopf: Unternehmerin Graciela Cucchiara in ihrer Münchner Kochgarage.

Die Hausherrin behandelt alle Gäste gleich

Schnell kamen Abteilungen von Mini, Siemens, Eon und O2 und vielen kleineren Unternehmen vorbei. Drei Monate nach Geschäftseröffnung war die Kochgarage erstmals ausgebucht. Die Modemarke Viktor & Rolf präsentierte eine Parfümkollektion – und ließ die anwesenden Journalisten deren Duftkomponenten nachkochen. Afrikanische Reiseagenturen nutzten die Räume, um Interessierte ihre Landesküche zubereiten zu lassen. Als eine Gruppe Jäger vorbeikam, brachte die ihr eigenes Reh mit.Heute ist die Kochgarage an sechs Tagen in der Woche ausgebucht. Nächster freier Termin? „Irgendwann im Herbst“, meint Cucchiara.

„Die Leute können hier ihre Probleme vergessen.“

Warum kommen all die Gruppen nur? Liegt es daran, dass alles in Cucchiaras Küche eine Geschichte hat? Nichts sieht aus wie gerade von einem Designer entworfen, im Gegenteil: Die Espressomaschine steht auf einer antiken Kommode. Cucchiara verwertet, was sie im Keller der ehemaligen Käserei findet. Alte Waschbecken fungieren als Tresen, von der Decke strahlen Lampen, die früher in der Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ hingen. Alte Sport-Wimpel dekorieren die Männertoilette. Backformen hängen an der Wand. Dass Cucchiara all das auch benutzt, um als junge Unternehmerin Geld zu sparen, scheint sie in den Augen ihrer Kunden noch authentischer werden zu lassen.
Ist es das, was die Kochgarage aus dem Stand weg zu einem wirtschaftlichen Erfolg werden ließ? Cucchiara hat ihre eigene Antwort auf diese Frage. Während sie etwas Gemüsebrühe über den Risottoreis kippt, sagt sie: „Die Leute können hier ihre Probleme vergessen.“

Die Hausherrin behandelt alle Gäste gleich. Den Vorstandschef eines Autoherstellers sieht man hier mit Brot die Pfanne auswischen. Wo sonst kann er so etwas tun? Oder die beiden Personaler einer Unternehmensberatung, die nur vorbeikommen wollten, um die Location in Augenschein zu nehmen – die sich dann aber wiederfanden zwischen hektischen Mitarbeitern eines Fernsehsenders beim Zubereiten von 70 Tiramisu. Die Berater blieben die ganze Nacht. Es sind Geschichten wie diese, die die Runde machen unter Münchens Unternehmern.

Beim Zwiebelschneiden fließen bei jedem die Tränen. Wenn dem Chef die Kartoffeln runterfallen und er laut „Scheiße“ ruft, fallen Masken, die im Büroalltag noch so fest sitzen. In der Kochgarage wird jeder Manager weich gekocht. Wenn die Gruppen hier gemeinsam kochen, ist Cucchiara nie alleine. Sie beschäftigt fünf feste und bis zu zehn freie Mitarbeiter. Die müssen kochen können, sollten aber kein Koch sein, wie die Chefin sagt. Denn es geht nicht darum, eine perfekte Crème Brûlée zu flambieren. Es geht darum, die Leute zu integrieren, niemanden alleine, ohne Aufgabe und Gesprächspartner stehen zu lassen. Wenn Firmen zu Gast sind, ist Cucchiara nicht nur Küchenchefin, sondern auch Entertainerin und Psychologin. „Unbewusst therapieren wir hier die Menschen“, sagt sie.

Bald kommt die „Kochgarage 2“

Dann plötzlich helle Aufregung an der anderen Herdplatte: Das Erdbeer-Risotto kocht! Es bildet Blasen! Schnell noch mehr Brühe rein! Weiterrühren! Man fühlt sich ertappt, wie unaufmerksam. Böse ist man Cucchiara dennoch nicht. Eher dankbar, selbst wenn man eine halbe Stunde Pesto mörsern musste.

Graciela Cucchiara wirkt viel jünger als 56. Ihre Fingernägel sind hellblau lackiert, unter ihrem schwarzen T-Shirt blitzt eine Tätowierung hervor: eine silberne Gabel auf rotem Grund, das Logo der Kochgarage. Ihr Neffe hat ihr das in die Haut geritzt, mit einem Kugelschreiber und einem Rasierer, noch so ein Selfmade-Ding. Typisch Cucchiara. Manche ihrer Mitarbeiter nennen sie einen Duracell-Hasen, weil sie immer einer neuen Idee hinterher jage – wie die mit den Kochreisen. Gerade war sie mit zahlenden Gästen in der Türkei. Oder die  Idee, dass an manchen Abenden Männer für Frauen kochen sollen, die sie gar nicht kennen. Klingt wie Dating – natürlich ebenfalls ausgebucht. Oder die neue Geschäftsidee, das Nachbargebäude dazu zu mieten. Dort wird sie bald die „Kochgarage 2“ eröffnen. Etwas kleiner ist der Raum, „sieht aus wie Omas Küche“, erklärt Cucchiara, „kleine Gruppen wollen es kuschelig.“

Und dann ist da noch Cucchiaras großes Anliegen, ihr Kampf für die Reste. Ausgerechnet in Deutschland, wo 50 Prozent aller Lebensmittel weggeworfen werden, bringt sie ihren Gästen bei, nichts zu verschwenden. Als kürzlich die Moderatoren eines Homeshopping-Senders zu Gast waren, alle herausgeputzt, platzte Cucchiara mit dem Vorschlag in die Runde, mit den Resten des Vorabends einen Appetizer zuzubereiten. Aus dem, was übrig blieb, lässt sich fast immer etwas Leckeres zaubern, meint Cucchiara, Salate etwa, Kroketten, Suppen oder Dips.

Die Moderatoren runzelten die Stirn. „Reste? Ernsthaft?“ Cucchiara ließ sich nicht beirren. Ganz am Ende überreichte die Chefin den Leuten Pappschachteln mit den Resten des Abends. „Sie freuten sich“, meint Cucchiara. Sie hatten gemeinsam gekocht, gegessen und jetzt sogar noch etwas gelernt.

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Stefan Sailer