Strenge Kontrolle der Arbeitszeiten oder Vertrauensarbeitszeiten - was ist besser?

Ver­trau­ens­ar­beits­zeit vs. Ar­beits­zeit­kon­ten

Je­de Mi­nu­te zählt

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Stechuhren und Arbeitszeitkonten sind für die eine unverzichtbar: Mitarbeiter sollen jede Überstunde ausgleichen können. „Das geht nur mit einer genauen Dokumentation“, sagt sie. – „Wir vertrauen unseren Mitarbeitern“, die andere. „Solange die Arbeitsziele erreicht werden, ist es egal, wie lange und wo unsere Mitarbeiter arbeiten.“ Zwei Meinungen.

Pro Lebensarbeitszeitkonten

Als Bauhandwerksbetrieb fällt bei uns die meiste Arbeit traditionell im warmen Halbjahr zwischen April und Oktober an. In dieser Zeit leisten unsere Angestellten oft viele Überstunden, die dann im Winter durch Freizeit abgegolten werden – das ist bei den meisten Betrieben in unserer Branche so üblich und ich kenne nur wenige Unternehmen, die die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter nicht erfassen.

Der Arbeitsmarkt im Handwerk ist mittlerweile sehr umkämpft und wir können es uns nicht leisten, gute Fachkräfte an Konkurrenten zu verlieren. Deshalb haben wir im vergangenen Juni Lebensarbeitszeitkonten eingeführt. Dabei galt es, die Vorgaben der Sozialkassen der Bauwirtschaft zu beachten. Schon deshalb sind wir gehalten, die Arbeitszeiten der Mitarbeiter zu dokumentieren.

Wir machen dies noch ganz klassisch: Die Zeiten werden von den Mitarbeitern händisch erfasst und dann in unser EDV-System eingepflegt. Die Regelarbeitszeit beträgt acht Stunden, im Sommer sammeln die Zimmerer fast täglich eine Überstunde auf ihrem Arbeitszeitkonto an. Ein Teil davon kann auf ein Lebenszeitarbeitskonto übertragen werden, wird dort mit drei Prozent verzinst und kann bei Bedarf in Anspruch genommen werden: wenn Angehörige krank oder pflegebedürftig sind, wenn ein Mitarbeiter eine Auszeit braucht oder wenn er früher in Rente gehen möchte. Ein Kollege hat das ganz genau ausrechnen lassen: Wenn er monatlich zwei oder drei Überstunden einzahlt und zusätzlich 100 Euro von seinem Brutto-Gehalt, kann er mit 60 in Rente gehen.

„Schon Auszubildende können Freizeit ansparen.“

Pauline Norrenbrock

Der Mindestbetrag pro Monat sind 25 Euro oder die entsprechende Arbeitszeit, sodass schon Auszubildende anfangen können, Freizeit anzusparen, ohne allzu große Lohneinbußen hinnehmen zu müssen. Da die Verwaltung der Konten und die Absicherung über einen externen Dienstleister abgewickelt werden und das Unternehmen die Kosten übernimmt, wird das Modell von der Belegschaft gut angenommen: Etwa die Hälfte unserer Mitarbeiter – insbesondere die älteren – haben sich beraten lassen und sammeln nun Überstunden.

Ich glaube, dass solche Modelle die Zukunft des Handwerks sichern. Mit unserer Initiative haben wir gezeigt, dass auch kleine Betriebe ohne viel Aufwand solche Lebensarbeitszeitmodelle umsetzen können – aber das alles ist nicht möglich ohne eine genaue Zeiterfassung.

 

Pauline Norrenbrock ist Geschäftsführerin des Norrenbrock Abbund-Centers.
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Zur Person

Pauline Norrenbrock

Pauline Norrenbrock ist Geschäftsführerin des Norrenbrock Abbund-Centers. Das Norrenbrock Abbund-Center beschäftigt im niedersächsischen Vrees, 20 Kilometer westlich von Cloppenburg, insgesamt 20 Mitarbeiter, die meisten von ihnen Handwerker. Das Leistungsspektrum umfasst den privaten Wohnungsbau, die Errichtung landwirtschaftlicher Gebäude als auch Bauvorhaben von Kommunen, Gemeinden und öffentlichen Einrichtungen wie beispielsweise Schulen und Kindergärten.

Pro Vertrauensarbeitszeit

In deutschen Unternehmen herrscht noch immer eine Anwesenheitskultur. Die Stechuhr ist das Kontrollinstrument, es herrscht bei vielen Angestellten und Chefs noch immer der Irrglaube: Wer besonders viel Zeit im Büro verbringt, ist besonders wertvoll für das Unternehmen. Das setzt falsche Anreize, ist familienfeindlich und deshalb überholt. Wir haben deswegen 2009 die sogenannte Vertrauensarbeitszeit eingeführt: Es zählt das Ergebnis, nicht die Arbeitszeit.

Unsere Führungskräfte sprechen fortlaufend mit den Mitarbeitern, legen gemeinsam mit ihnen Ziele fest, kontrollieren und besprechen die Ergebnisse. Natürlich birgt dieser Ansatz die Gefahr, dass Arbeitnehmer überfordert werden, dass sie unbezahlte Überstunden machen müssen und ständig unter Stress stehen. Deshalb fördern wir die Kommunikation und werben bei den Vorgesetzten dafür, immer wieder das Gespräch mit den Mitarbeitern zu suchen. Ist die Arbeit zu schaffen? Wie sind die Abläufe? Was hat sich geändert? Gehört diese konkrete Arbeit wirklich zum Aufgabenbereich des Mitarbeiters?

Um die Akzeptanz des neuen Arbeitsmodells zu erhöhen, haben wir in der Verwaltung die Vertrauensarbeitszeit auf freiwilliger Basis eingeführt. Wer weiter die Stechuhr nutzen möchte, arbeitet mit Arbeitszeitkonto. Anfangs war die Belegschaft skeptisch. Nur 60 Prozent haben die Vertrauensarbeitszeit gewählt. Heute arbeiten nur noch drei von etwa 50 Beschäftigten in der Verwaltung mit der Stechuhr.

„Es zählt das Ergebnis, nicht die Arbeitszeit.“

Beatrice Bracklo

Seitens des Unternehmens gibt es wenige Vorgaben: Es soll in jeder Abteilung immer mindestens ein Mitarbeiter erreichbar sein, zu bestimmten Kernzeiten gibt es höhere Mindestbesetzungen in den Abteilungen. Ansonsten verhandeln die Mitarbeiter Freizeitausgleich und Heimarbeit individuell. Flexibilität ist so für unsere Mitarbeiter zur gelebten Praxis geworden.

Eine Einschränkung muss ich allerdings nennen: In der Produktion konnten wir die Vertrauensarbeitszeit noch nicht einführen, da wir hier in einem Drei-Schichten-Modell arbeiten. Ich bin aber überzeugt davon, dass auch in der Schichtarbeit Vertrauensarbeitszeit möglich ist und sich die Mitarbeiter selbst organisieren können. Das Thema ist deshalb noch nicht ad acta gelegt und wir suchen mittelfristig auch für diese Beschäftigten flexiblere Arbeitszeitmodelle.

 

Beatrice Bracklo ist Personalleiterin der Essel Deutschland GmbH
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Zur Person

Beatrice Bracklo

Beatrice Bracklo ist Personalleiterin der Essel Deutschland GmbH. Die Essel Deutschland GmbH fertigt und bedruckt in Dresden Laminat-Tuben, die Lebensmittel- und Kosmetikfirmen als Verpackung für Zahnpasta, Shampoo und Senf dienen. Insgesamt 150 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen, das als deutsch-indisches Joint Venture gegründet wurde. Etwa 50 davon arbeiten in der Verwaltung und dürfen die Vertrauensarbeitszeit wählen.

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Pauline Norrenbrock, Beatrice Bracklo
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