Ständige Erreichbarkeit - Pro und Contra

Aus­zeit – ja oder nein

Zeit ist kost­bar

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Die eine schreibt in ihrem Unternehmen eine voll bezahlte Auszeit nach fünf Jahren in jeden Arbeitsvertrag. „Die Erfahrung zeigt, dass die Mitarbeiter motivierter denn je aus diesem Sabbatical kommen“, sagt sie. Den anderen stört der vermeintliche Trend zur Auszeit: „Wenn ich einen Mitarbeiter für Wochen freistelle, fehlt er im Betriebsablauf.“

Faktor A: Frau Groß, in Ihrer Agentur hat jeder Mitarbeiter nach fünf Jahren das Recht auf vier Wochen bezahlte Auszeit. Warum?

Alexandra Groß: Unsere Branche ist sehr dynamisch: Kreativität und Flexibilität fordern unsere Mitarbeiter auf Dauer. Wir möchten ihnen die Möglichkeit geben, sich nach fünf Jahren für ein paar Wochen zurückzuziehen. Sie sollen Eindrücke sammeln, neue Horizonte entdecken. Wer an die vier Wochen noch Jahresurlaub dranhängt, kann auf diese Weise bis zu sechs Wochen aussteigen.

Michael Scheiding: Wir bieten unseren Kunden Systemlösungen und sind als mittelständisches Unternehmen auf das Fachwissen der Mitarbeiter angewiesen. Auszeiten, die über das Maß des üblichen Jahresurlaubs hinausgehen, belasten das Unternehmen. Wir entwickeln Hightech-Produkte und können Fehlzeiten unserer Ingenieure, Facharbeiter und Forscher nicht einfach mit einer Urlaubsvertretung ersetzen. Dafür sind die Aufgaben in unserer Firma zu komplex.

„Unsere Mitarbeiter sollen neue Kraft tanken.“

Alexandra Groß

Groß: Aber Sie müssen doch auch Urlaubszeiten und Krankheitstage auffangen. Bei uns gibt es für jeden Projektmitarbeiter eine Vertretung. Es ist doch kein großer Unterschied, ob ein Angestellter zwei Wochen nicht da ist oder vier Wochen. Es ist mir sogar lieber, einmal vier oder sechs Wochen auf einen Mitarbeiter zu verzichten, als dreimal im Jahr zwei Wochen.

Scheiding: Das ist bei uns anders. Urlaub können wir über Vertretungen auffangen. Aber wenn ein Problem anliegt, das nur ein einziger Spezialist im Unternehmen lösen kann, kann ich meinem Kunden nicht sagen: „Warte mal sechs Wochen ab, der Mitarbeiter ist gerade im Sabbatical“. Längere Krankheitsphasen sind bei uns zum Glück selten. Wir investieren fortlaufend in die Gesundheit unserer Mitarbeiter, bezuschussen beispielsweise Massagen. Außerdem: Wer eine längere Erholungspause braucht, kann selbstverständlich auch bei uns seinen Jahresurlaub vier Wochen am Stück nehmen.

Frau Groß, Sie bezeichnen das Sabbatical auch als bewusst gesetzten Einschnitt ins Arbeitsleben…

Groß: Ja, wir möchten, dass unsere Mitarbeiter in dieser Zeit auch ihren Job reflektieren. Wir geben ihnen den Raum, sich in dieser Zeit bewusst wieder für unser Unternehmen zu entscheiden. Insofern ist dieses Angebot ein wichtiges Instrument zur Mitarbeiterförderung.

Scheiding: Unsere Mitarbeiter bleiben im Unternehmen, weil sie bei uns an Projekten mitwirken können, die andere Arbeitgeber nicht bieten können. Mich nervt die wachsende Zahl an Ratgebern, die den Leuten suggerieren, sie seien ausgebrannt und arbeitsmüde und bräuchten nun endlich einmal eine Pause. Wer mit seinem Arbeitsplatz nicht länger zufrieden ist und neue Herausforderungen sucht, der muss sich eben neu orientieren. Warum soll ich die Arbeitskraft des Auszeiters auf meine Kosten ersetzen? Und wenn ich ohnehin eine Vertretung einarbeiten muss, bin ich doch sehr dafür, lieber einen klaren Schnitt zu machen.

Das heißt, bei Ihnen gibt es nicht mehr als die vertraglich festgelegten Urlaubstage?

Scheiding: Nein, das ist mir zu pauschal. Natürlich kann es Situationen geben, in denen ich einen Mitarbeiter für ein paar Wochen freistelle, vor allem wenn es ein konkretes Ziel gibt. Aber ich bin dagegen, die Auszeit in der Unternehmenskultur fest zu verankern. Das sollten Einzelabsprachen bleiben. Und wer so einen Langzeiturlaub antritt, muss sich bewusst sein, dass das für die Kollegen Mehrarbeit bedeutet oder Aufgaben liegen bleiben.

Groß: Ich selbst habe die Auszeit nach fünf Jahren in Anspruch genommen, war fünfeinhalb Wochen nicht im Büro, habe keine Anrufe entgegengenommen, keine Mails gelesen. Ich bin nicht einmal verreist, sondern war einfach zu Hause und habe gemacht, wozu ich sonst viel zu wenig Zeit habe: Fotos sortieren, Freunde treffen oder einfach einmal Zeit vergehen lassen. In unserer schnelllebigen Welt ist doch Zeit das kostbarste Gut. Wir haben seit 20 Jahren diese Regelung und sind damit sehr gut gefahren.

„Auszeiten belasten das Unternehmen.“

Michael Scheiding

Ist dieses Angebot auch für Bewerber ein Grund, sich für Ihre Firma zu entscheiden?

Groß: Nein, da liegt der Fokus der Bewerber auf den spannenden Projekten. Viele sind im Vorstellungsgespräch sogar überrascht, dass wir so ein Mini-Sabbatical anbieten.

Scheiding: Beim Vorstellungsgespräch sind doch dem Mitarbeiter Entwicklungsperspektiven, Arbeitsbedingungen und das Gehalt wichtiger. Wir haben Gleitarbeitszeit, Erziehungszeiten und lassen neue Mitarbeiter von Fachkräften in Rente einarbeiten. Und wer in einem Projekt Überstunden ansammelt, darf die natürlich auch in Freizeit ausgleichen. Wer viel arbeitet, soll auch Zeit zur Erholung haben.

Würden Sie einen Mitarbeiter für einen sechsmonatigen Australienurlaub freistellen?

Groß: Das haben wir in der Vergangenheit schon ermöglicht und werden es auch in Zukunft ermöglichen.

Scheiding: Nein, das wäre bei uns ausgeschlossen. Acht Wochen würden wir aber sicher auch hinbekommen.

Alexandra Groß ist seit 2011 im Vorstand der Wiesbadener Fink & Fuchs Public Relations AG.
© Holger Talinski

Pro

Alexandra Groß

Alexandra Groß, 42, ist seit 2011 im Vorstand der Wiesbadener Fink & Fuchs Public Relations AG. Sie stieß 1999 zu dem vor 25 Jahren gegründeten Unternehmen und ist für Kundenberatung, Personal und Vertrieb verantwortlich. In ihrer Agentur arbeiten derzeit rund 70 Mitarbeiter. Zu den wichtigsten Kunden zählen der Elektronikhersteller Samsung, Cisco Systems und die Schott AG.

Michael Scheiding ist Geschäftsführer der Astro- und Feinwerktechnik Adlershof GmbH in Berlin.
© Holger Talinski

Contra

Michael Scheiding

Michael Scheiding, 62, ist Geschäftsführer der Astro- und Feinwerktechnik Adlershof GmbH in Berlin. Das Unternehmen mit 70 Mitarbeitern ist seit fast 20 Jahren Dienstleister für die Entwicklung, Herstellung und den Test feinwerktechnischer Bauelemente und Geräte für die Luft- und Raumfahrt. Zu den wichtigsten Kunden zählen der Triebwerkehersteller Rolls-Royce, EADS und Astrium.

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Auf jeden Fall. Nach einer Pause kommt der Arbeitnehmer mit neuen Kräften zurück.
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Das geht auf keinen Fall, erst recht nicht im Mittelstand.
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Es kommt darauf an: Zur Weiterbildung ja, für die Weltreise nein.

37 Teilnehmer
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Kommentare

Wer viele Jahre in einem Unternehmen arbeitet, der steht jeden Tag seinem Arbeitgeber zur Verfügung. Der Arbeitnehmer hat jedoch auch eigene Wünsche und Vorstellungen vom Leben. Sich einen Traum zu verwirklichen um z. B. eine Auszeit in Australien zu nehmen und sich nur einmal für sich selbst Zeit zu nehmen, ist nur menschlich. Dann fühlt man sein Leben nicht gänzlich an den Arbeitgeber verkauft und kann sich selbst neue Horizonte eröffnen und mit neuer Kraft ins Unternehmen zurückkehren.

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Matthias Thiele