Ein Kommentar von Kathrin Wickenhäuser über Integration am Arbeitsplatz

Kom­men­tar Aus­bil­dungs­chan­cen

Mit B-Spie­lern zum A-Team

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Wer Mitarbeiter mit Migrationshintergrund oder aus schwierigem sozialen Umfeld einstellt, fürchtet oft Probleme. In der Tat ist deren Integration aufwendig und schlägt auch mal fehl. Doch am Ende kann der Betrieb dabei gestärkt werden.

Kathrin Wickenhäuser Hotel Cristal
© PR

Kathrin Wickenhäuser ist geschäftsführende Gesellschafterin des Hotel Cristal in München.

Arbeitgeber klagen häufig, dass sie nicht mehr die „richtigen“ Leute finden: Mitarbeiter, die allen Anforderungen des Jobprofils sofort entsprechen; die „A-Player“ sozusagen. Als Tochter eines Unternehmers muss ich nur den Anekdoten meines Vaters lauschen, um die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt zu verstehen. Er konnte bei der Mitarbeiterwahl aus dem Vollen schöpfen. Ich hingegen muss auch verborgene Talente entdecken und es wagen, Menschen mit schwierigen Ausgangsbedingungen einzustellen; die „B-Spieler“ also.

Unter solchen Vorzeichen den reibungslosen Betrieb eines 4-Sterne-Hotels sicher zu stellen, ist nicht einfach. Trotzdem behaupte ich, dass unser aktuelles Team in manchen Belangen besser ist als vor zehn Jahren. Menschen mit schlechten Startbedingungen eine Chance zu geben, ist schwierig, doch es kann enorme Befriedigung stiften.

Dass das nicht nur für die Chefin gilt, sondern auch für langgediente Mitarbeiter, merkte ich bei der Einführung unseres Auszubildenden aus Sierra Leone, Michael Abbey. Michael kam vor vier Jahren mit seiner Familie als Flüchtling nach Deutschland. Nach seinem Hauptschulabschluss und dem qualifizierten Abschluss an der Volkshochschule absolvierte er bei uns ein Pflichtpraktikum, mit 22. Er hatte damals immer noch Sprachdefizite und war mit vielen Feinheiten unserer Kultur nicht vertraut. Kein Top-Kandidat für einen Hotelbetrieb also.

Doch Michael war enthusiastisch – und dankbar. Selbstverständlichkeiten wie ein gemeinsames Frühstück mit den Vorgesetzten an einem Tisch überraschten ihn derart positiv, dass es seine Motivation zusätzlich steigen ließ; sein Fleiß und seine Lernbereitschaft stifteten wiederum seine Kollegen an. Bereitwillig unterstützten sie ihn, sogar bei der Vorbereitung auf Prüfungen. Zusätzlich vermittelte ich ihm einen Platz beim privaten Träger Adolf Kolping, wo er sich mit nur fünf Mitschülern auf die Prüfung zum Fachwirt zur Gastronomie vorbereitete. Im Sommer wird er seinen Abschluss machen, danach werden wir ihn übernehmen. Ohne Zweifel hat Michael unsere Unternehmenskultur gestärkt. Doch Sie mögen sich fragen: Gehen solche Experimente nicht auch mal schief?

 

 

Selbstverständlich tun sie das! Ich musste schon schmerzhaft erfahren, dass man machtlos ist, wenn die Kooperationsbereitschaft des Neuen zu gering ist. Bevor Michael zu uns kam, hatten wir einen anderen Lehrling aus Westafrika. Er schien Potenzial zu haben, doch bald zeigte sich: Es mangelte an Lernbereitschaft, dafür war er um Ausreden nie verlegen. Bis zuletzt gelang es ihm nicht, Vorgesetzte als Respektpersonen anzuerkennen oder die Regelmäßigkeit eines Schulbesuchs zu akzeptieren. Über zwei Jahre versuchten wir, im Gespräch mit Betreuern eine Lösung zu finden. Schließlich mussten wir uns eingestehen, dass unsere Mühen keine Früchte trugen. Geblieben sind Kosten für die wiederholten Prüfungen und Freistellungszeiten für Mitarbeiter, die ihn bei den Vorbereitungen unterstützt haben.

Auch andere Azubis aus schwierigen familiären Verhältnissen haben oft Probleme, wenn es darum geht, pünktlich und regelmäßig zur Arbeit zu erscheinen. Ihnen beizubringen, dass Einsatz und Verlässlichkeit unerlässlich sind, ist ein großes Investment. Trotzdem werde ich solche Anstrengungen weiter tätigen. Nicht nur, weil sie aufgrund der Lage auf dem Arbeitsmarkt unabdingbar sind oder weil ich die soziale Verantwortung als Unternehmerin gerne trage. Vielmehr glaube ich, dass der Mehrwert der gelungenen Integrationsfälle bei uns weit höher ist als die Kosten der schiefgegangenen Fälle. In puncto Loyalität, was für kontinuierliche Arbeitsqualität sorgt. In puncto Diversität, was uns bei der Betreuung unserer internationalen Gäste hilft.

Ich bin mir sicher, dass auch Betriebe außerhalb der Hotellerie solch positive Bilanzen ziehen könnten, wenn sie in ihrer Personalarbeit den – zugegeben harten – Weg der Integration wagen.

Ihre Meinung: Jetzt kommentieren!
Kommentare

Teilen Sie Ihre Meinung zum Thema und Erfahrungen aus Ihrem Unternehmen mit anderen Nutzern! Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.


Kathrin Wickenhäuser