Unternehmer Franz-Josef Fischer mit einem seiner Azubis

Schlech­te No­ten zäh­len nicht

Mo­ti­va­ti­on ist al­les

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Die Schullaufbahn verrät selten, ob ein junger Mensch ein fähiger Auszubildender wird. Unternehmer wie Franz-Josef Fischer interessieren sein Engagement viel mehr. Für den Rest hat er eine erfolgreiche Strategie entwickelt.

Zeugnisse interessieren Franz-Josef Fischer wenig: „Wir schauen auf den Menschen und seine Talente.“ Sein Unternehmen produziert im Odenwald Kabel, Schalter und alles andere, was Elektroinstallateure brauchen. Die Palette von Jäger Direkt wird immer vielfältiger. Längst platzt das Werk in Reichelsheim aus allen Nähten, vorn und hinten wurde angebaut, in der Halle sogar eine Zwischendecke eingezogen und zuletzt wurden noch Zelte aufgestellt. Es reicht nicht. Wenn im Sommer die neue Fabrik fertig wird, zieht die Produktion ins 20 Kilometer entfernte Heppenheim. Fischer sagt: „Dann legen wir richtig los.“

Zum Durchstarten braucht er Leute, die mitziehen, deshalb zieht er sie am liebsten selbst heran. Die Hälfte der 220 Mitarbeiter hat Jäger Direkt selbst ausgebildet, und deren Anteil wächst: Peu à peu werden die meisten der derzeit 34 Lehrlinge übernommen. Täglich liegen neue Bewerbungen im Briefkasten, auch weil sich herumspricht, dass bei Jäger Direkt nicht nur auf Abschluss und Noten geguckt wird.

„Sondern vor allem, ob der junge Mensch will“, sagt Fischer, „und ob er zu uns passt.“ Dafür reichen drei Tage Praktikum. Anschließend greift Fischers Credo: Jeder hat eine Chance verdient. „Deshalb ist es nicht relevant, ob jemand vorher drei Ausbildungen abgebrochen hat, ob er behindert ist oder Flüchtling, ob er sein Studium geschmissen oder vorher von Hartz IV gelebt hat.“

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Ein Mentor für jeden

Damit die Auszubildenden ihre Chance tatsächlich nutzen, steht Jäger Direkt ihnen unablässig zur Seite. Jeder bekommt einen persönlichen Mentor, außerdem gibt es Ausbildungsbeauftragte, die bei Problemen angesprochen werden können – und irgendwelche Schwierigkeiten tauchen immer mal auf während der drei Lehrjahre, sagt Personalleiterin Kristin Thamm. „Nur wenn wir nah dran sind an den Azubis, erzählen sie uns, wo der Schuh drückt.“ Passgenaue Unterstützung ist wichtig, damit es mit der Lehre klappt – und anschließend mit einem festen Job bei Jäger Direkt. „Wir ziehen da schon einige Schleifen“, sagt Thamm, „leichtfertig trennen wir uns nie.“ Aber, das betont auch Firmenchef Fischer, wer sich nicht helfen lasse, dem könne auch Jäger Direkt nicht helfen.

Wenn Hilfe wirkt, dann oft langfristig. Fischer erzählt von einem angehenden Elektroanlagenmonteur, der sich in der Berufsschule schwer tat. Vor allem in Mathe haperte es, daran änderte auch die Nachhilfe im Betrieb nichts – „wer in der Schule schlechter ist als 3, kriegt bei uns verpflichtend Nachhilfe.“. Der Lehrling versemmelte die Prüfung und trotz weiterer Nachhilfe durch den Produktionsleiter auch die Nachprüfung. Im letzten Versuch bestand er, mit knapper Not. Fischers Pointe: „Zehn Jahre später haben wir ihn ausgezeichnet als ,Mitarbeiter des Jahres‘ – weil er sich so vorbildlich engagiert und loyal eingesetzt hat.“

„Nur wenn wir nah dran sind an den Azubis, erzählen sie uns, wo der Schuh drückt.“

Kristin Thamm, Personalleiterin bei Jäger direkt

An solchen Beispielen mangelt es nicht bei Jäger Direkt. Da gibt es den zu 90 Prozent sehbehinderten Lehrling, der im Sommer übernommen wird. Den Kandidaten mit der chronischen Krankheit Morbus Krohn, „der fast geweint hat, als wir ihm zusagten – er hatte vorher 600 Absagen gesammelt“. Auch Dilges Arslan hat länger als zwei Jahre nach einer Lehrstelle gesucht, jetzt wird er in Reichelsheim zum Kaufmann für Büromanagement ausgebildet. „Das ist genau mein Ding – obwohl ich das vorher nie gedacht hätte.“

Zahl der Lehrlinge sinkt

Jungen Menschen eine Chance geben – und ihnen helfen, diese Chance zu nutzen: Mit diesem Ansatz weist Jäger Direkt den Weg aus dem Nachwuchsmangel. Die Statistik zeigt, wie stark die Zahl angehender Lehrlinge sinkt. Zum einen, weil es weniger Schüler gibt: Zur Jahrtausendwende waren es noch 12,6 Millionen, heute sind es zwei Millionen weniger. Zweitens, weil diese Schüler eher an die Hochschulen als in die Betriebe streben: Jeder Dritte macht mittlerweile Abitur. Der dritte Grund: Die Azubis wissen wenig von dem Beruf, den sie anstreben, und brechen oft ernüchtert ab. Jeder zweite angehende Koch und Friseur und jeder fünfte Bäckerlehrling steigt vor der Gesellenprüfung aus.

Gleichzeitig meldet jeder dritte Betrieb freie Lehrstellen. Die Bewerberzahlen sind seit 2005 um ein Viertel gesunken, notiert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag DIHK. In mittlerweile 12.000 Firmen verstaubt der Eingangskorb für Bewerbungen – es gibt schlichtweg keine.

„Darauf zu warten, bringt ja auch nichts“, sagt Mareen Koch. Sie führt drei Sanitätshäuser in Berlin, direkt in Neukölln. In diesem Bezirk leben drei Viertel der Kinder in von Arbeitslosigkeit geprägten Haushalten, und die Hälfte spricht kaum Deutsch, wenn sie eingeschult wird. Dennoch geht Koch auf die Neuntklässler in den Neuköllner Schulen über das „Berliner Netzwerk für Ausbildung“ zu, das Schüler auf die Lehre vorbereitet. An ihr bleibt trotzdem viel Aufwand hängen. Nicht nur, weil es oft beim Schreiben und Rechnen hapert. „Auch weil vielen nicht bewusst ist, dass Kunden sich über ein ,Guten Tag‘ und ein freundliches Lächeln freuen.“ Und weil pünktliches Erscheinen zur Arbeit keine „Kann“-Option ist.

Das richtige Leben beginnt

Aber das lässt sich ja alles lernen. Da denkt Koch in Berlin genauso wie Fischer im Odenwald: Jeder hat eine Chance verdient. Deshalb sind letztendlich weder Noten noch Fehlzeiten entscheidend. Das war Schule. Mit der Lehre beginnt das wirkliche Leben: „Viele entdecken den Sinn im Lernen, wenn sie sehen, wofür sie dieses Wissen konkret einsetzen können.“

Koch kommt den Jugendlichen deshalb entgegen. Stellt einen jungen Mann ein, der die Schule ohne Abschluss abgebrochen hat. Bildet eine junge Mutter in Teilzeit aus. „Wir versuchen, den Menschen zu sehen und sein Potenzial.“ Das schützt nicht vor Enttäuschungen, aber es beschert auch unerwartete Erfolgserlebnisse. Neun Auszubildende hat das Koch Sanitätshaus derzeit, bei insgesamt 46 Angestellten. „Was den Aufwand angeht, stoßen wir an unsere Grenzen.“

Denn der Aufwand beginnt nicht erst bei der Ausbildung, sondern vorher – beim Knüpfen und Pflegen der Netzwerke. Bei Koch ist es das „Berliner Netzwerk für Ausbildung“, während Fischer sich bei der „Talent Company“ stark engagiert. Denn dieses Engagement lohnt sich. Fischers und Kochs Botschaft ist unmissverständlich: Es gibt gute Leute da draußen. Manchmal reicht es, kräftig zu winken, um gesehen zu werden. Mitunter muss man als Arbeitgeber auf die künftigen Mitarbeiter zugehen. Und immer hilft die Bundesagentur für Arbeit. „Ein großartiger Partner“, sagt Koch, „ich profitiere sehr von seinem geballten Wissen.“ Auch der DIHK konstatiert: Den Arbeitsagenturen kommt „die zentrale Rolle für das Matching von Unternehmen und Jugendlichen zu“. Deren Angebote können für Firmen eine wichtige Unterstützung sein, etwa die „Ausbildungsbegleitenden Hilfen“, die „Einstiegsqualifizierungen“, „Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen“ und „Assistierte Ausbildung“.

Wie die BA hilft

  • Einstiegsqualifizierung
    Betriebe können junge Menschen über eine Einstiegsqualifizierung an die Ausbildung heranführen. Während dieses Langzeitpraktikums haben sie die Möglichkeit, Bewerber über sechs bis zwölf Monate kennenzulernen – und festzustellen, wie sich ihre Kenntnisse und Fähigkeiten entwickeln. Arbeitgeber erhalten einen Zuschuss zur Praktikumsvergütung. Mehr als 60 Prozent der Teilnehmer wechseln anschließend in eine reguläre Ausbildung.
  • Assistierte Ausbildung
    Die Assistierte Ausbildung schließt die Kluft zwischen den Anforderungen der Betriebe und den Kenntnissen und Fähigkeiten, die die Jugendlichen mitbringen. Sie flankiert die reguläre Berufsausbildung durch passgenaue Vorbereitung und Unterstützung und geht gleichermaßen auf die Bedürfnisse der Auszubildenden und der Betriebe ein. Zu den Dienstleistungen für Jugendliche gehören Bewerbungstrainings und Praktika in der Vorbereitungsphase, Nachhilfe, Beratung, Hilfen zur Lebensbewältigung in der Ausbildung. An die Betriebe richten sich Angebote wie Bewerbungs- und Ausbildungsmanagement, Beratung und Information in Hinblick auf spezifische Zielgruppen sowie Unterstützung bei der Kooperation mit der Berufsschule.
  • Ausbildungsbegleitende Hilfen
    Wenn Jugendliche merken, dass der Abschluss der Ausbildung gefährdet ist, können sie mindestens drei Stunden pro Woche Hilfe bekommen, und zwar genau dort, wo die Probleme liegen. Manchmal kann Nachhilfe die Angst vor Prüfungen nehmen, gelegentlich sind Deutsch-Kenntnisse ein Problem, mitunter liegen die Probleme außerhalb des Betriebs. Jede Förderung wird mit dem Berufsberater besprochen und vereinbart. Für Auszubildende und ihre Lehrbetriebe ist dieser Service kostenlos.

Aus dem Raster gefallen – eigentlich

Über die Assistierte Ausbildung ist Luis Ludewig in seinen Traumjob als Maler gerutscht. Der 17-Jährige konnte schulisch nicht so recht überzeugen, hat mit Mühe seinen Hauptschulabschluss nachgeholt. „Eigentlich wäre er damit bei uns durchs Raster gefallen“, sagt Malermeister Thorsten Bialke. Aber Ludewig hatte schon als Achtklässler ein Praktikum bei ihm gemacht, nach der Schule noch mal für ein paar Wochen im Malerbetrieb Mundt mitgearbeitet – und zum Schluss gefragt, ob er als Lehrling anfangen könne. „Ich habe gemerkt: Der hat richtig Lust auf die Aufgabe“, sagt Bialke. Und stimmte zu.

Ludewig lernt seit Herbst nicht nur das Handwerk in Ahrensburg, er büffelt auch in der Berufsschule. Dabei hilft ein Coach, der ihm während der gesamten Ausbildung zur Seite gestellt wird als Ansprechpartner für alle möglichen Probleme – das ist der Sinn und Zweck der Assistierten Ausbildung.

„Wer die richtigen Azubis nicht findet, dem fehlt schlichtweg das passende Personalkonzept.“

Franz-Josef Fischer, Geschäftsführender Gesellschafter Jäger direkt

Unternehmer haben erkannt: Es genügt nicht, Chancen zu bieten – die jungen Menschen müssen sie auch nutzen können. Betriebe sind immer öfter bereit, ihre Lehrlinge beim Sprung in den Beruf zu unterstützen. „Rund 75 Prozent haben sich auf leistungsschwächere Jugendliche eingestellt“, heißt es in der DIHK-Umfrage „Ausbildung 2015“. Jede dritte Firma bietet ein eigenes Nachhilfeangebot. Der DIHK hält fest: „Mit der Offenheit ist der Anteil der Betriebe gestiegen, die sich weit über die Vermittlung von Ausbildungsinhalten hinaus für ihre Azubis engagieren und zusätzliche Lerngelegenheiten im Betrieb anbieten.“

„Die nehmen wir“

Wie diese Offenheit belohnt wird, erzählt Thomas Feik. Er bildet die 17-jährige Alisa Oevermann zur Feinwerkmechanikerin aus, obwohl sie wegen einer angeborenen neurologischen Erkrankung mit Folgeschäden leben muss, die sich in einer schulischen Lernschwäche bemerkbar machen. Trotzdem machte Oevermann ein Praktikum bei Maschinenbau Feik im westfälischen Bramsche. Anschließend entschied der Junior-Chef: Die nehmen wir. In der Praxis läuft es für Alisa Oevermann problemlos, „und das mit der Berufsschule kriegen wir irgendwie auch hin“.

Die Integration von Menschen mit Behinderung in die Arbeitswelt sei mehr und mehr als Selbstverständlichkeit zu betrachten, fordert Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. Die Firmen marschieren in die richtige Richtung: Deutschlandweit sind rund eine Million Menschen mit Behinderung sozialversicherungspflichtig beschäftigt – ein Viertel mehr als noch 2007. „Wir sollten die Potenziale dieser überwiegend gut qualifizierten Menschen zur Fachkräftesicherung nutzen“, fordert Becker.

Beim Gasthaus Krone in Staufen stößt er auf offene Ohren. Dort wird Jonas Benz zum Koch ausgebildet, obwohl er als Kleinkind bei einem Unfall seinen rechten Arm verloren hat. „Ich wollte schon immer Koch werden“, sagt der 20-Jährige, demnächst steht seine Gesellenprüfung an. Anfangs habe er gezweifelt, ob das mit dem einarmigen Lehrling gut gehen könnte, gesteht Seniorchef Kurt Lahn. Heute ist er zuversichtlich, dass der Azubi seinen Weg machen wird: „Die Motivation, mit der Jonas an die Sache geht, ersetzt mehr als einen fehlenden Arm.“

Zwölf Plätze, 400 Bewerbungen

Motivation ist alles, das gilt allerdings auch für die Arbeitgeber. „Es braucht viel Arbeit und Zeit, um die Netzwerke zu knüpfen und zu pflegen, die uns Auszubildende bescheren“, sagt Koch vom Sanitätshaus Koch in Berlin. Fischer im Odenwald pflegt den Kontakt zu den Schulen in der Nähe. Auch deshalb gehen für die jährlich zwölf Ausbildungsplätze bei Jäger Direkt rund 400 Bewerbungen ein. Da seien genügend Talente darunter, sagt Fischer. Über die Klagen anderer Firmenlenker schüttelt er den Kopf: „Wer die richtigen Azubis nicht findet, dem fehlt schlichtweg das passende Personalkonzept.“

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Michael Prellberg
Titelfoto: © Ramon Haindl