Meryem Demirtas ist Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt.

Chan­cen­gleich­heit im Job

An­wäl­tin für Al­lein­er­zie­hen­de

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Meryem Demirtas berät Arbeitgeber zu Beschäftigungsmodellen, um offene Stellen mit Müttern und Vätern besetzen zu können.

Faktor A: Frau Demirtas, wie lautet Ihr Berufstitel?
Meryam Demirtas: Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt.

Das klingt nach einem Mandat. Doch was erwidern Sie einem gestressten Arbeitgeber, der sagt, für so etwas habe er keine Zeit, weil er in seinem Betrieb genug andere Personalprobleme hätte?
Demirtas: Ich sage ihm: „Vielleicht kann ich Ihnen helfen, einige Ihrer Personalprobleme zu lösen.“

Wie?
Demirtas: Betriebe klagen darüber, dass sie nicht genügend gute Arbeitskräfte finden, Stichwort: Fachkräftebedarf. Tatsächlich gibt es aber talentierte Personen, die in Frage kommen, nämlich Alleinerziehende. Die Krux liegt darin, dass sie durch ihre familiären Aufgaben solche Jobs oft nur übernehmen können, wenn ihnen Arbeitgeber zeitliche und/oder örtliche Flexibilität einräumen. Das ist aber noch viel zu selten der Fall. Deshalb beraten wir Arbeitgeber unter anderem zu verschiedenen Arbeitszeitmodellen wie Gleit- oder Teilzeit, Home-Office oder Telearbeit und zeigen auf, wie sie damit ihren Fachkräftemangel lindern könnten.

Und, wie wird dieser Rat aufgenommen?
Demirtas: Zunächst überwiegt die Skepsis. Durch Informations- und Netzwerkarbeit versuchen wir aber, Vorurteile abzubauen. Das trägt erste Früchte. Manche Betriebe erkennen, dass sie davon profitieren, wenn sie sich als attraktiver Arbeitgeber für Alleinerziehende positionieren. Um das als Mehrwert zu verstehen, muss aber oft eine mentale Barriere durchbrochen werden.

Wie durchbricht man sie?
Demirtas: Oft überzeugen Statistiken: Etwa solche, dass Alleinerziehende im Schnitt nicht öfter krank sind als Mitarbeiter, deren Kinder von beiden Elternteilen großgezogen werden. Viele Arbeitgeber sind dankbar für konkrete Tipps und Denkanstöße, wie kürzlich ein Schreinerei-Betrieb. Er suchte jemanden für die Buchhaltung. In der Beratung kristallisierte sich heraus, dass die ideale Lösung ein Telearbeitsplatz ist.

Klaffen Modell und Realität da nicht auseinander? Mobile Arbeitsplätze oder flexible Zeiten führen zu einem höheren Abstimmungs- und Organisationsaufwand, sprich: Das birgt Zusatzkosten.
Demirtas: Unsere Erfahrung ist komplett anders. Alleinerziehende oder Mütter, die den Beruf mit der Kinderbetreuung vereinbaren, arbeiten enorm selbstständig und sind sehr gut organisiert. Auch zeigen sich Erziehende, die eine Chance auf den Wiedereinstieg bekommen, überdurchschnittlich loyal. All das macht etwaigen anfänglichen Zusatzaufwand bei der Organisation schnell wett.

Was raten Sie den Chefs, die skeptisch bleiben?
Demirtas: Erste Erfahrungen in kleinen Schritten zu sammeln, indem man Erziehende zur Erprobung der Eignung einlädt. Ausbildungsbetrieben empfehle ich, sich das Modell der Teilzeitberufsausbildung anzusehen. Azubis arbeiten dann nicht volle 40 Stunden, sondern 25 oder 30. Arbeitgeber bestätigen, dass Erziehende in der Regel genauso produktiv sind und das gleiche Leistungspotenzial erbringen wie Vollzeit-Azubis.

Zur Person

Beauftragte für Chancengleichheit Meryam Demirtas

Die 39-Jährige ist seit 2008 bei der BA und seit Mitte 2011 Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt im Jobcenter Köln. Zuvor arbeitete die Wirtschaftsjuristin freiberuflich als Beraterin für Studierende, als Dolmetscherin für Türkisch sowie als Mentorin. Als Tochter türkischer Migranten ist Meryem Demirtas zweisprachig aufgewachsen.

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Titelfoto: © David Klammer

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