Assistierte Ausbildung ist eine Chance für Betriebe und Azubis.

Auf Azu­bi-Su­che

Der zwei­te Blick auf die Be­wer­ber

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Nicht ausbildungsfähig? Von wegen! Warum es sich für Unternehmen auf Nachwuchssuche lohnt, nicht nur auf Schulnoten zu achten und genauer hinzusehen, erklärt Bildungsexperte Reinhold Weiss im Interview.

Faktor A: Sind Lehrlinge heutzutage wirklich Mangelware?
Reinhold Weiss: Nicht in allen Betrieben. Es gibt Branchen wie Banken und Versicherungen, da herrscht – obwohl die Zahl der Bewerber abnimmt – kein Mangel. Anderswo sieht es schlimmer aus, vor allem im Hotel- und Gaststättengewerbe. Auch Handwerks- und kleine Betriebe, die zudem abseits der Ballungsräume liegen, haben es schwer.

Wie kommen diese Arbeitgeber trotzdem an Auszubildende?
Sie müssen selbst aktiv werden und auf mögliche Bewerbergruppen zugehen – durch Präsenz auf Messen, durch Kooperationen mit Schulen, durch eine attraktive Website im Internet. Das haben die Unternehmen auch begriffen. Sie setzen auf persönlichen Kontakt, etwa über Mitarbeiter, Kunden oder Nachbarn. Sie laden mögliche Kandidaten für zwei, drei Wochen „zum Testen“ ein. Das hat sich etabliert und funktioniert – auch für Schulabgänger mit schlechten Noten.

Haben schlechte Schüler in Zeiten des Lehrlingsmangels bessere Chancen?
Da ändert sich gerade etwas in den Unternehmen. Sie stellen fest: Die Auszubildenden mit den guten Noten wollen an die Universität oder schnell Karriere machen. Wer diese Leute binden will, muss die entsprechenden Angebote machen können, sonst werden die unzufrieden und sind schnell weg. Andererseits beweist sich im Arbeitsalltag, dass Fähigkeiten wie Leistungsbereitschaft oder Teamfähigkeit nichts mit Schulnoten zu tun haben. Junge Leute entwickeln sich ja noch – gerade in der Berufsausbildung, wenn das entsprechend unterstützt wird. Was junge Leute mit schlechten Noten brauchen, ist – eine Chance.

Wenn die Jugendlichen diese Chance nutzen, haben die Unternehmen fähige Mitarbeiter, die ihnen treu bleiben.
Ja, die bleiben. Deshalb hat beispielsweise der Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf seine Suchmuster geändert und setzt mehr auf – auch praktische – Tests als auf Zeugnisse. Die haben jetzt eine neue Klientel – die ist anders, aber nicht schlechter.

Obwohl sie oft als „nicht ausbildungsfähig“ gelten.
Diese Kritik bezieht sich auf schulische Leistungen in Deutsch oder Mathematik, manchmal auch auf das soziale Verhalten. Da kann man schimpfen – oder selbst etwas ändern. Indem die Betriebe die Jugendlichen unterstützen und fördern, sie begleiten und führen beim Einstieg in den Beruf. Das scheuen einige Unternehmen, denn das ist nicht nur aufwendig, sondern auch mit Risiko verbunden.

Was passiert, wenn Unternehmen lieber auf „Nummer sicher“ setzen?
Nichts. Dann gibt es im Zweifelsfall eben keine Lehrlinge.

Reinhold Weiss ist Experte des Bundesinstituts für Berufsbildung
© PR

Reinhold Weiss, 63, ist seit 2005 ständiger Vertreter des Präsidenten und Leiter des Forschungsbereichs im Bundesinstitut für Berufsbildung. Im Zentrum seiner Forschungsarbeiten stehen betriebliche und berufliche Aus- und Weiterbildung.

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Kommentare

Sehr geehrter Herr Weiss,

Ihre Einschätzung zum schrittweisen Umdenken im Unternehmen kann ich unterstreichen - ebenso dass Schimpfen auf Dauer niemanden weiterbringt. Welchen Ansatz unser Mitgliedsunternehmen Provadis dabei mit dem kompensatorischen Modell verfolgt, habe ich in diesem Artikel beschrieben: https://hessenchemie-blog.de/demografie/fachkraeftesicherung/neues-auswahlverfahren-fuer-azubis-provadis-eignungsdiagnostik/

Beste Grüße nach Bonn
Clemens Volkwein

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Assistierte Ausbildung

Nachwuchskräfte? Einfach selber sichern!

Kein Land der EU hat weniger arbeitslose junge Menschen als Deutschland. Gleichzeitig steigt der Fachkräftebedarf so stark, dass er in manchen Branchen nicht mehr zu decken sein wird. Trotzdem bleiben immer noch junge Menschen ohne Ausbildungsabschluss – auch, weil Betriebe sich scheuen, Jugendliche mit Startschwierigkeiten, etwa wegen schlechter Schulnoten, einzustellen. Hier setzt die Assistierte Ausbildung an.

Ziel ist es, mit umfassender Betreuung der jungen Menschen und Unterstützung der Ausbildungsbetriebe eine Hilfestellung zu geben, wo sie nötig ist: Assistierte Ausbildung ist eine Chance für Betriebe und Azubis, Ausbildung zu ermöglichen – gerade wenn eine Förderung mit den ausbildungsbegleitenden Hilfen nicht intensiv genug ist.

Wie sich Betrieb und Azubi finden

Die Assistierte Ausbildung richtet sich an junge Menschen, die lernbeeinträchtigt oder sozial benachteiligt sind, keine berufliche Erstausbildung haben und unter 25 Jahre alt sind. Die Begleitung und Betreuung während der Ausbildung hat die Stabilisierung des Aus­­­bil­dungsverhältnisses und den erfolg­reichen Berufsabschluss zum Ziel. Vorgeschaltet werden kann eine ausbildungsvorbereitende Phase, in der die jungen Menschen einen Ausbildungsplatz und die Betriebe einen Auszubildenden finden können. Methoden sind dabei Standortbestimmung, Berufsorientierung, Profiling, Bewerbungstraining und berufspraktische Erprobung.

Unterstützung für Jugendliche

Über alle Phasen hinweg wird der ­Jugendliche anhand eines Förderplans individuell sozialpädagogisch begleitet und betreut. Er soll mit den unterschiedlichen Lebenslagen und Anforderungen im Rahmen der Ausbildung gut zurechtkommen. Dafür werden Alltagshilfen, Krisenintervention, Konflikt­bewältigung und die Förderung persönlicher, sozialer und lebenspraktischer Fertigkeiten angeboten. Während der Ausbildung erhält der Jugendliche ­zusätzlich Stütz- und Förderunterricht einschließlich der Vorbereitung auf die Zwischen- und Abschlussprüfung.

Unterstützung für den Betrieb

Förderungsfähig ist jeder Betrieb, der einen benachteiligten jungen Menschen ausbilden möchte oder bereits ausbildet. Betriebe können bei allen Fragen unterstützt werden, die Ausbildungsvoraussetzungen betreffen. Dazu gehören z. B. die Auswahl geeigneter Azubis, die ­Zulassung als Ausbildungsbetrieb, ­Fragen der Ausbildereignung und die Vorbereitung der Ausbildungsverträge. Darüber hinaus können die Betriebe bei der Organisation und Administration der Ausbildung unterstützt werden (bspw. Coaching der Ausbilder und zielgruppengerechte Ausbildungsmethoden). Die Rechte und Pflichten aus dem Ausbildungsverhältnis bleiben unberührt. Der Unterschied zu einem normalen Ausbildungsverhältnis besteht in der intensiven Unterstützung des Jugendlichen und des Ausbildungsbetriebes.

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