Das Projekt Chance für München gibt Schwerbehinderten eine Chance auf dem Arbeitsmarkt

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Die Integration Schwerbehinderter in den ersten Arbeitsmarkt war nie leicht. Ein Team aus München hat sich überlegt, wie sich diese Menschen besser vermitteln lassen. Seit August 2015 existiert ihr Projekt „Chance für München“ – mit großem Erfolg.

Hier funktioniert etwas nicht, dachte Mario Wierick. Der Leiter der Fachstelle für berufliche Wiedereingliederung im Jobcenter München erkannte vor ein paar Jahren, dass bei der Vermittlung behinderter Arbeitsloser etwas nicht stimmt. Im gängigen Verfahren wurden die Bewerber des Jobcenters über eine Vielzahl von Angeboten, Maßnahmen und Förderungen wieder an den Arbeitsmarkt herangeführt. Trotz dieser Bemühungen und der finanziellen Unterstützung für Arbeitgeber kamen sie jedoch kaum an Jobs und Praktika. „Wie kann das sein“, fragte sich Wierick, „da haben wir einen guten Arbeitsmarkt in München, aber die Schwerbehinderten profitieren kaum davon.“ Daher überlegte er sich etwas. Zusammen mit seinen Mitarbeitern und dem Berufsförderungswerk München (BFW) rief er das Pilotprojekt „Chance für München“ ins Leben. Ein Jahr lang arbeiteten sie am Konzept, seit August 2015 wird es umgesetzt – und ist mittlerweile so erfolgreich, dass es Vorbildcharakter für andere Bundesländer hat.

„Die Menschen, die zu uns kommen, bringen körperliche, geistige oder seelische Einschränkungen mit, sie haben oft keine Berufsausbildung, viele nur schlechte Deutschkenntnisse“, sagt Mario Wierick. „Jemand, der physisch behindert ist, leidet zudem nicht selten noch an psychischen Beeinträchtigungen, wie Suchterkrankungen oder Depressionen.“ Mit seinem Projekt fördert er diese Menschen mit einem ganzheitlichen Ansatz. Nicht nur ein Coaching oder eine Umschulung seien wichtig, die Rahmenbedingungen müssten stimmen.

Dauerhafte Begleitung statt einmaliger Förderung

Die Förderung zieht sich wie ein roter Faden durch die berufliche Karriere des Mitarbeiters. Braucht er an seinem Arbeitsplatz eine Rampe als Rollstuhlfahrer oder eine Bürohilfe, weil er in seinen haptischen Fähigkeiten eingeschränkt ist? Dann erhält der Arbeitgeber eine Förderung, genau wie für Qualifizierungsmaßnahmen und Kosten für eine Weiterbildung. Integrationsmanager des BFW kommen bei Problemen auch mal direkt in die Firma und helfen vor Ort.

Immer wieder bestätige ihm das Projekt, dass die intensive Auseinandersetzung mit den Fähigkeiten des Arbeitnehmers zielführend ist, sagt auch David Riedel, Integrationsmanager und Projektleiter im BFW. Jeder habe Potenziale, die im Arbeitsmarkt verwertbar seien. Manchmal seien die Talente sogar besonders ausgeprägt: „Autisten etwa werden von Firmen wie SAP gern genommen.“ Diese Mitarbeiter könnten stundenlang Zahlen prüfen und erfüllten damit eine wichtige Nische. Andere Unternehmen suchten sogar gezielt nach Menschen mit einer Höreinschränkung, etwa in der Bildbearbeitung. „Personen, die vor allem auf optische Signale anspringen, sind ihnen wichtig – man kann sich kaum mit ihnen verständigen, aber sie wissen, dass eine Bildkopie fertig ist, wenn ein bestimmtes Licht aufleuchtet.“

Überdurchschnittlich loyale Mitarbeiter

Noch haben Menschen mit sogenannten multiplen Vermittlungshemmnissen meistens geringe Chancen auf einen Arbeitsplatz. „Die Firmen denken erst mal: Der hält mich auf!“, sagt Riedel. Viele Personaler scheuten die Unkündbarkeit. „Dabei gilt der besondere Kündigungsschutz erst ab sechs Monaten Betriebszugehörigkeit.“ Danach müsse das Integrationsamt zustimmen, aber das tue es in der Mehrheit der Fälle. Es spiele oft keine Rolle, ob ein Mitarbeiter im Rollstuhl sitzt, wenn sein Verhalten oder seine Leistung nicht passt. „Die Kündigung wird dann trotzdem wirksam.“

Für Riedel ist klar, dass die intensive Beschäftigung mit Schwerbehinderten auch in Zukunft von hohem Mehrwert sein kann. „Chance für München“ beweist, dass es für praktisch jeden eine Tätigkeit gibt, die in einem Unternehmen von Nutzen sein kann. Der Erfolg des Projekts zeigt: Knapp zwei Jahre nach dem Startschuss haben über 50 Prozent der ausgeschiedenen Teilnehmer eine sozialversicherungspflichtige Stelle bekommen. Für Riedel ist das kein Wunder. „Neben ihrer hohen Motivation haben diese Arbeitskräfte viele weitere Vorteile“, sagt er. Immer wieder höre er es von Unternehmern. Ein Aspekt wiederhole sich besonders oft: „Sie seien einfach überdurchschnittlich loyal.“

Praxisbeispiel

Der Schwerbehinderte Lensen Arkalios und seine Arbeitgeberin

Lensen Arkalios arbeitet bei der AGIP-Tankstelle in München-Bogenhausen.
© Privat

Der Arbeitnehmer

Lensen Arkalios, 57, aus dem Irak, seit Juni 2017 Verkäufer in einer Tankstelle in München-Bogenhausen

„Ich habe ein Riesenglück. Es ist nicht leicht, einen Job zu finden, wenn ein Bein aufgrund einer Kinderlähmung zunehmend an Muskelkraft verliert, wenn die Sprachkenntnisse nicht gut sind und man ein gewisses Alter erreicht hat. Durch das Projekt „Chance für München“ stehe ich nun – mit 57 Jahren – wieder in Lohn und Brot! 30 Stunden die Woche arbeite ich an der Kasse einer Tankstelle. Ich liebe das. Im Irak hatte ich BWL studiert, doch meine Zeugnisse konnte ich auf der Flucht nicht mitnehmen. Es war das Jahr 2000, ich war 40, schwerbehindert, ohne Deutschkenntnisse, ohne Ausbildung.

Im Irak hatte ich mit meiner Familie ein Restaurant. In Deutschland jobbte ich nun als ambulanter Pflegehelfer und Betreuungsassistent, die Arbeitsverhältnisse waren aber befristet. Dann kam ein weiterer Schicksalsschlag: Nach einem Fahrradsturz brach ich mir den Oberschenkel und konnte lange nicht weiterarbeiten. Doch ich wollte nicht herumsitzen und bewarb mich trotzdem regelmäßig. Aber nichts klappte. Die Gründe waren sicher auch die Sprache, die Behinderung, der Mangel an Erfahrung in anderen Bereichen. Als das Jobcenter mich im Februar 2016 zum Projekt „Chance für München“ im BFW schickte, besuchte ich meine Integrationsmanagerin Jana Schulz fast jede Woche. Mehr als 50 Bewerbungen schickten wir zusammen ab. Als Urlaubsvertretung bei einem Bäcker merkte ich dann, dass es mir liegt, mit Kunden zu sprechen. Auch ein Praktikum im Drogeriemarkt machte mir Mut. Ich hatte so lange nicht gearbeitet und merkte, dass ich alles schaffen kann, wenn ich es nur in Ruhe mache. Als ich dann ein Stellenangebot einer Tankstelle entdeckte, fuhr ich hin.

Die Chefin stellte mich ein: 30 Stunden die Woche, sechs Monate Probezeit. Die Hälfte meines Gehalts wird über einen Eingliederungszuschuss vom Jobcenter finanziert. Heute sortiere ich die Flaschen im Kühlschrank, backe Brötchen, höre meinen Stammkunden zu, lese Lottoscheine ein und mache ab und zu einen Witz. Für die körperliche Arbeit hilft mir ein Kollege. Wir sind immer zu zweit. Wenn meine Schicht um 6 Uhr beginnt, komme ich lieber um 5.15 Uhr. Das macht mir nichts aus, und so habe ich mehr Zeit. Das Wichtigste für mich ist das Gefühl, wieder gebraucht zu werden. Das kann ich gar nicht beschreiben. Nur weil ich nicht aufgegeben habe, bin ich jetzt da, wo ich stehe. Nun gebe ich alles dafür, es auch zu halten.“

Die Arbeitgeberin

Karin Kürschner, Tankstellenleiterin in München-Bogenhausen

„Für meine Tankstelle brauche ich flexible und aufgeschlossene Mitarbeiter, die motiviert zur Sache gehen und keine Arbeit scheuen. Da rief Herr Arkalios an, um sich vorzustellen. Direkt am nächsten Tag kam er persönlich vorbei und hat sofort einen sehr positiven Eindruck bei mir hinterlassen. Wir haben auch über seine Einschränkungen gesprochen und ein Probearbeiten ausgemacht, um zu schauen, ob er den Aufgaben gerecht wird und ihm die Arbeit Spaß macht.

 

Frau Kürschner, Leiterin der AGIP-Tankstelle in München-Bogenhausen.
© Privat

Für mich hat sich schnell herausgestellt, dass er genau die Person ist, die ich gesucht habe! Er ist engagiert, immer zuverlässig und freundlich zu den Kunden. Für mich spielten das Alter, die etwas holprige Sprache und die Behinderung keine große Rolle. Meine Erfahrungen waren da bisher immer positiv. Herr N., ursprünglich aus Ägypten, leistet bei mir schon seit einigen Jahren tolle Arbeit, und auch Mitarbeiter über 50 habe ich als sehr fähig und fleißig erlebt. So ist es auch bei Herrn Arkalios. Dass er für bestimmte Arbeiten mal etwas mehr Zeit benötigt, sehe ich gar nicht. Ich sehe ihn als einen freundlichen und aufgeschlossenen Mitarbeiter, der sowohl mit den Kollegen als auch den Kunden super auskommt und zuverlässig die anfallenden Aufgaben erledigt. Er hat sich in die neuen Aufgaben schnell und selbstständig eingearbeitet und kann nun problemlos mit der Kasse umgehen.

Da immer zu zweit gearbeitet wird, können sich beide Kollegen unterstützen, dann muss Herr Arkalios auch keine schweren Zeitungen oder andere Waren tragen. Durch den Kontakt mit Frau Schulz vom BFW und der Integrationsfachkraft vom Jobcenter wurde ein Eingliederungszuschuss gewährt, der für mich als Arbeitgeber eine schöne Sache ist. Aber Herr Arkalios wird natürlich über die Probezeit weiterbeschäftigt. Ich plane langfristig mit ihm und will ihn nicht mehr missen. Es ist toll, so einen Mitarbeiter gefunden zu haben.“

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Kommentare

Eine wunderschöne Geschichte, die mir, als Betroffene sehr nahe geht. Man spricht ja immer davon, dass in unserem Land Behinderte völlig gleichgestellt werden sollen und das die Würde des Menschen unantastbar ist. Wenn man von der Masse abweicht, merkt man schnell, dass dies ganz und gar nicht der Realität entspricht. Ich persönlich kann nicht gut sehen, habe aber dennoch einen ordentlichen Werdegang mit Ausbildung, Studium und Auslandsaufenthalt absolviert. Trotz allem gestaltete sich meine Jobsuche schwer. Es scheint so als ob viele potentielle Arbeitgeber lediglich Kosten und eingeschränkte Leistungsfähigkeit mit dem Wort Behinderung assoziieren. Das ist so traurig, denn um ein Handicap kompensieren zu können, braucht man sehr viele Fähigkeiten und überdurchschnittliche Stärke. Anstatt dafür etwas Anerkennung zu erhalten, wird man einfach grundsätzlich schlechter eingestuft.
Ich persönlich habe hohe Ansprüche an meine Leistung und möchte mich stetig weiterentwickeln, genau wie viele Andere auch.
Dadurch wird man am Ende doppelt und dreifach für etwas betraft, wofür man nichts kann.
Ich finde Arbeitgeber sollten sich besser informieren über Kündigungsschutz und den Konditionen bezgl.. Behinderter. Jeder kann theoretisch morgen auch Behindert sein, auch Chefs sind davor nicht sicher.

Den Beteiligten dieser märchenhaft schönen Geschichte möchte ich große Dankbarkeit aussprechen. Menschen wie Sie hat die Welt so bitter nötig!

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Esther Werderinghaus
Titelfoto: © Stocksy

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