Langzeitarbeitslose auf Jobsuche Illustration

Job­su­che nach Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit

„Oft wer­den die Fal­schen aus­ge­sieb­t“

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Unternehmer geben Langzeitarbeitslosen eher selten eine Chance. Dabei bringen gerade sie oft Eigenschaften mit, über die andere Arbeitnehmer nicht verfügen. Der Arbeitspsychologe Thomas Rigotti über das Risiko – und die Chance –, Langzeiterwerbslose einzustellen.

Faktor A: Ein Jobverlust ist ein schwerer Schlag. Vor allem, wenn der nächste Arbeitsplatz auf sich warten lässt. Was macht die jahrelange Abstinenz vom Job mit einem Menschen?

Thomas Rigotti: Aus der Forschung weiß man, dass diese Menschen überdurchschnittlich häufig an Depressionen erkranken. Auch Angsterkrankungen und die Verstärkung von Suchterkrankungen können Folgen einer langen Erwerbslosigkeit sein. Unsere Gesellschaft ist auf wirtschaftlichem Erfolg gegründet, der Einzelne definiert sich stark über Arbeit und Beruf. Diese Menschen fühlen sich im Vergleich zu anderen wertlos und verlieren nach und nach soziale Kontakte, Wertschätzung, Struktur und Status.

Wann gilt man als langzeitarbeitslos?

Wenn man länger als ein Jahr erwerbslos war.

Ist das wirklich so lang?

Na ja, die ersten Wochen in der Erwerbslosigkeit empfinden manche sogar als angenehm, vielleicht nach einer langen Phase der Arbeitsplatzunsicherheit. Nach sehr stressigen Arbeitsjahren und viel Unzufriedenheit im Job ist die neue Freiheit ganz erholsam, ähnlich wie ein ausgedehnter Urlaub. Danach geht es dann bergab. Studien belegen, dass der Höhepunkt der Unzufriedenheit nach neun Monaten erreicht ist. Dann leidet das Selbstbewusstsein unter der gefühlten Nutzlosigkeit.

Was unterscheidet einen Kurzzeit- von einem Langzeitarbeitslosen?

Der Kurzzeitarbeitslose hat die größere Chance, wieder eingestellt und schneller in den Arbeitsmarkt integriert zu werden. Er weiß mehr über Inhalte und Methoden seines Fachgebiets Bescheid. Das für den Job relevante Wissen des Langzeitarbeitslosen ist nicht mehr ganz aktuell. Unternehmer fürchten zudem, es mangle ihr oder ihm an Motivation. Das ist eines der größten Vorurteile. Zwei Drittel der Arbeitgeber in Deutschland geben Langzeiterwerbslosen deshalb gar nicht erst eine Chance. Ich denke, da werden oft die Falschen ausgesiebt.

Thomas Rigotti, Arbeitspsychologe an der Universität Mainz
© Privat

Thomas Rigotti

Zur Person

Dr. Thomas Rigotti

hat in Leipzig Psychologie studiert. Seit 2013 ist der 42-Jährige Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Welches Risiko müssen Unternehmer in Kauf nehmen?

Qualifikation und Stellenanforderungen müssen auch bei Langzeitarbeitslosen zusammenpassen. Daran führt kein Weg vorbei. Aber wenn die Grundbedingungen stimmen, ist das Risiko nicht größer als bei einem normalen Arbeitsuchenden.

Warum sollten Arbeitgeber Langzeitarbeitslosen eine Chance geben?

Weil sie oft gute Erfahrungen mit ihnen machen. Die meisten Arbeitgeber, die Langzeiterwerbslose beschäftigen, bestätigen, dass gerade sie besonders motiviert sind. Diese Menschen sind durch tiefe Täler gegangen, haben auf dem Weg aber Widerstandskraft bekommen und sind letztendlich lebenskräftig und gestärkt aus der Krise hervorgegangen. Wenn man ihnen eine Chance gibt, sind sie nicht nur dankbar, sondern auch arbeitsamer und loyaler dem Unternehmen gegenüber. So einen engagierten Mitarbeiter bekommt man aber nur, wenn man ihn fördert.

Wie fördert ein Arbeitgeber Langzeiterwerbslose am besten?

Ähnlich wie Berufseinsteiger: genau fragen, ob sie oder er sich eine bestimmte Aufgabe zutraut und wo Unterstützung gebraucht wird. Aber bloß nicht in Watte packen! Dann entsteht der Gedanke, dass einem nichts zugetraut wird. Am besten einen Kollegen zur Seite stellen, der im Team arbeitet und gefragt werden kann. So muss nicht immer gleich die Führungskraft zurate gezogen werden. Es ist unbedingt wichtig, schnell Erfolgserlebnisse zu vermitteln und gerade in der ersten Zeit Feedback zu geben. Eines muss jedem Arbeitgeber klar sein: Der erste Arbeitstag eliminiert nicht gleich alle negativen Effekte einer Langzeitarbeitslosigkeit. Der Mitarbeiter muss neue Routinen entwickeln und in geregelte Strukturen kommen. Ein Neueinstieg ist körperlich anstrengend und erschöpfend. Aber das erste Gehalt, die Tatsache, gesellschaftlich wieder teilzunehmen, die Kontrolle über sein Leben zurückzubekommen – all das stärkt einen Menschen ungemein und bringt ganz viele Ressourcen zurück. Entwickeln Sie Einarbeitungspläne, und integrieren Sie den neuen Kollegen in soziale Prozesse. Achten Sie darauf, dass der Austausch mit anderen Kollegen stattfindet, dass er in der Mittagspause integriert wird und auch beim Firmenfußballturnier dabei ist.

„Die Gründe für Langzeitarbeitslosigkeit sind oft erstaunlich nachvollziehbar.“

Wie erkenne ich einen kompetenten Langzeitarbeitslosen?

Im Gespräch muss man solchen Bewerbern „anders“ zuhören. Ein frischer Uniabsolvent oder ein Festangestellter präsentiert sich selbstbewusster. Der Langzeiterwerbslose hatte vermutlich weniger soziale Kontakte in den letzten Jahren und wirkt im Gespräch reduzierter in Gestik und Mimik. Aber seine verhaltene Erscheinung ist eine Folge der Erwerbslosigkeit! Da sollte man auf das, was er sagt, hören und die Körpersprache ausblenden. Bewerber, die sich gut darstellen können, sind nicht immer die besten. Unter denen gibt es auch viele Blender.

Darf die Frage nach dem Grund der Erwerbslosigkeit gestellt werden?

Ja, natürlich! Oft sind das erstaunlich nachvollziehbare Gründe: Der Unternehmensstandort wurde ins Ausland verlegt, die Region, in der die Kinder aufwachsen, hatte nur wenig Industrie. Manchmal war es auch eine Lebenskrise, der Tod eines Partners. Wenn die Person sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat, war das ein Riesenschritt in der Persönlichkeitsentwicklung. Auch das ist eine wichtige Eigenschaft, um kompetent und stark im Job zu sein. Man sollte sich die Gründe genau anhören.

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Text: Esther Werderinghaus
Titelfoto: Getty Images/Ikon Images
Titelfoto: © Getty Images