Schüler haben Spaß an der Gartenarbeit

Telg­ter Mo­dell

Wirt­schaft trifft Schu­le

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Das „Telgter Modell“ hilft Hauptschülern noch während der Schulzeit herauszufinden, was sie nach dem Abschluss machen wollen. Dafür kommen lokale Unternehmer in die Klassen. Viele finden dort künftige Praktikanten, manche auch Lehrlinge. Sogar beim Unkrautjäten.

Bitte das Unkraut jäten“, ruft Hildegard Theilmeier durch den Garten, „aber nicht mit der Harke, sondern mit den Händen!“ Die blonde Frau in der grünen Weste verteilt Eimer und Aufgaben an ihre acht Schützlinge, die zwischen Erdbeeren und Tulpen stehen und grüne Pflänzchen aus der feuchten Erde zupfen. Was wie eine Gärtnerkolonne anmutet, ist die achte Klasse der Clemensschule in Telgte bei ihrer wöchentlichen Unterrichtsstunde im Schulgarten. Für die Hauptschüler Dominik Makangu, 15, und Marcel Tegelbeckers, 14, gehört auch solche Praxis zum Alltag. Marcel greift sich eine Hacke, um die Erdbrocken zwischen den Stauden aufzulockern, seine Mitschülerin Dominik macht sich derweil bei den selbstgepflanzten Kräutern zu schaffen.

„Die Schüler fühlen sich tatsächlich für ihre Pflanzen verantwortlich“, sagt  Theilmeier und freut sich über ihren Unterrichtserfolg. Die 48-Jährige ist selbstständige Gartenbaumeisterin, keine Pädagogin. Die Unternehmerin unterrichtet immer Donnerstag nachmittags Hauptschüler im Schulgarten. Für die Chefin von acht Angestellten und Mutter von drei Kindern ist das ein gehöriger Extra-Zeitaufwand. „Ich mache das so, wie andere Leute ihren Sport treiben.“ Als Hobby sozusagen – und als Mission, wie sie hinzufügt.

Denn Theilmeier ist Pionierin des „Telgter Modells“, einer Initiative von knapp 100 kleinen und mittleren Unternehmen aus dem westfälischen Wallfahrtsstädtchen bei Münster. Auch die Agenturen für Arbeit des Münsterlandes unterstützen die Idee. Das Ziel der Unternehmer und der anderen Institutionen: Wirtschaft und Schule näher zusammenzubringen, Schülern Perspektiven aufzuzeigen und die Lust am Lernen zurückzugeben. Seit 2008 bieten Telgter Firmen Lehrern und Schülern ihre Erfahrungen aus der Praxis für den Unterricht an.

Zum Beispiel kommen Unternehmer und ihre Mitarbeiter in den Religionsunterricht, um über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder über Mobbing am Arbeitsplatz vorzutragen. Ein Optiker zeigt in der Projektwoche der Schule, wie das menschliche Auge funktioniert. Und auch die Gartenarbeit ist Pflichtbestandteil des Unterrichts. Über ein eigenes Internet-Portal schreiben die Firmen Praktikums- und Ausbildungsplätze aus. „Ich war von Anfang an von der Idee begeistert, dass wir mit unserem Angebot vor allem Hauptschüler ansprechen“, erläutert Theilmeier. Sie selber hat die Schule mit der mittleren Reife abgeschlossen, bevor sie eine Gartenbaulehre begann. „Denn neben denen, die gut in Theorie sind und das Abitur machen, gibt es eben auch die praktisch veranlagten Menschen.“

Schulleiter Kneilmann-Uekötter
© Iris Friedrich

Hubertus Kneilmann-Uekötter, Leiter der Clemensschule.

Hubertus Kneilmann-Uekötter, Leiter der Hauptschule, sieht das Engagement der Unternehmer für seine Schüler als „große Bereicherung“, er will die Zusammenarbeit in diesem Jahr sogar noch ausbauen. Den Klassen sollen einzelne „Kooperationsbetriebe“ zugeordnet werden, sodass die Schüler einen direkten Draht zu den Ausbildungsleitern der Firmen aufbauen können. „Wir bringen an der Hauptschule in der Regel nicht die großen intellektuellen Leistungen hervor, aber wir bieten Talente.“

Jens Gronhoff gehört zu den Schülern, die auf die Schule keine Lust mehr haben. Eine Klasse musste er bereits wiederholen. Bei dem Gedanken, bis zum vollwertigen Hauptschulabschluss weiter im Unterricht sitzen zu müssen, verzieht er angeödet das Gesicht. Dennoch hält der 16-Jährige das in Händen, wovon tausende Schulabgänger träumen: einen festen Ausbildungsvertrag.

„Wir bringen an der Hauptschule nicht die großen intellektuellen Leistungen hervor, aber wir bieten Talente“

Hubertus Kneilmann-Uekötter, Hauptschulleiter

2011 hatten 11.600 gemeldete Bewerber in Deutschland keinen Ausbildungsplatz oder eine andere Alternative gefunden. Davon waren häufig leistungsschwache Schüler wie Jens betroffen. Der Junge ist durch und durch ein Praktiker: „Es liegt mir, mit Metall zu arbeiten, zu schweißen, zu sägen, am Ofen zu stehen.“ Wenn der Schüler von seinem Praktikum beim Anlagenbauunternehmen Bernd Münstermann spricht, wirkt er gar nicht mehr gelangweilt. Vorigen Winter hatte er sich aus der Internet-Praktikumsliste des Telgter Modells den Platz ausgewählt und ins Schwarze getroffen. „Ich wusste sofort, dass ich jetzt arbeiten will.“ Seine Klassenlehrerin unterstützte ihn und setzte sich bei seiner Bewerbung für ihn ein.

Den einzelnen Schüler in den Vordergrund stellen

Magdalena Münstermann, Initiatorin des Telgter Modells
© Iris Friedrich

Magdalena Münstermann (l.), Initiatorin des Telgter Modells, das unter anderem Jens Gronhoff (r.) zu einem Ausbildungsvertrag verhalf.

Magdalena Münstermann, Prokuristin der Firma und Initiatorin des Telgter Modells, gab Jens eine Chance: Der Jugendliche verlässt im Sommer die Schule mit einem sogenannten einfachen Abschluss und beginnt eine Ausbildung. Währenddessen kann er seinen normalen Hauptschulabschluss erwerben. „Das wollen wir doch erreichen: den einzelnen Schüler mit seinen Stärken und Schwächen in den Vordergrund stellen“, sagt Münstermann. Azubi- oder Fachkräftemangel war für die Firma mit 200 Mitarbeitern dabei noch nie ein Thema: „Bewerber für unsere sieben Ausbildungsplätze pro Jahr haben wir immer genug.“

Beim Telgter Modell geht es vielmehr um Unternehmenskultur, Wertschätzung und Vertrauen in junge Menschen. Die Prokuristin hatte sich vor einigen Jahren geärgert, dass die Öffentlichkeit Haupt- und Realschüler abstempelte. „‚Hauptschüler können wir nicht mehr gebrauchen‘, hieß es – da stimmt doch etwas nicht“, sagt die 58-Jährige, „die Zeit ist reif, dass wir uns um alle Schüler kümmern.“  Und das nicht aus Nächstenliebe, sondern weil es immer weniger ‚perfekte Bewerber‘ gibt. Chefs müssen lernen, vorhandenes Potenzial von Jugendlichen für sich zu nutzen.

Praxis-Check

Telgter Modell macht Schule

Der Leitgedanke des „Telgter Modells“ ist einleuchtend: Warum sollen sich Firmen nicht schon während der Schulausbildung einbringen, damit sie später bei den Auszubildenden nicht mehr so viel nachzuholen haben? Die Pädagogin und Unternehmer-Ehefrau Magdalena Münstermann rief die Kooperation zwischen lokaler Wirtschaft und Schulen 2008 ins Leben. Gemeinsam mit sieben Firmen aus Telgte machte sie sich an die Arbeit. Die Wirtschaftsförderung der Stadt entwickelte die passende Internetplattform.

Inzwischen sind alle Schulen am Ort, auch das Gymnasium und die Grundschulen, eingebunden. Die Idee wirkt: Die Bezirksregierung Münster bietet das Telgter Modell seit vorigem Jahr für alle Kommunen an. Auf der Internetplattform „Wirtschaft und Schule als Partner“ machen bereits 13 Städte mit. Auch Gemeinden außerhalb des Münsterlands haben Interesse an dem Projekt.


Petra Schäfer