Startups wie Etsy, betterplace.org und Devugees leiden unter dem Fachkräftemangel. Sie wollen vermehrt Personal mit Hilfe der Arbeitsagentur finden.

Un­ter­neh­mens-Sa­fa­ri durch Ber­lin

Wenn Start-ups Mit­ar­bei­ter su­chen

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Start-ups bieten schnelle Aufstiegschancen und flache Hierarchien – und sie sind auf der dringenden Suche nach qualifizierten Mitarbeitern. Bei einer Safari durch Berliner Start-ups erfahren Arbeitsvermittler der Bundesagentur für Arbeit, worauf es den jungen Firmengründern bei der Personalsuche wirklich ankommt.

Der Tag beginnt mit einem Klischee: Als sich die Arbeitsvermittlerinnen und Arbeitsvermittler in den Konferenzraum von betterplace.org drängen, steigt der Altersdurchschnitt bei dem Berliner Internetunternehmen. 44 Männer und Frauen arbeiten für das vor knapp zehn Jahren gegründete Start-up, das gemeinnützigen Organisationen eine Plattform bietet, um online Spenden zu sammeln. Die meisten von ihnen tragen an einem heißen Sommertag in der nicht klimatisierten ehemaligen Fabriketage in Berlin-Kreuzberg kurze Hosen und Röcke und sind zwischen 25 und 40 Jahre alt.

Die Arbeitsvermittler tragen keine Shorts – und sind ein paar Jahre älter als die 31-jährige Personalchefin Claudia Gallus, die ihren Vortrag so beginnt: „Ich hoffe, es ist okay für euch, wenn ich Du sage. Wir duzen uns hier alle.“ Neben dem für alle Start-ups obligatorischen Kicker-Tisch wird sie den Arbeitsvermittlern in der nächsten halben Stunde berichten, wie schwer es betterplace.org und anderen Berliner Internetunternehmen derzeit fällt, qualifiziertes Personal zu finden. Von der Berliner Initiative „Tech in the City“ organisierte „Start-up-Safaris“ sollen jetzt dazu beitragen, dass Internetunternehmer und Arbeitsvermittler sich besser kennenlernen und freie Stellen in Zukunft schneller und besser besetzt werden können.

Kununu-Chef Steffen Zoller als Reiseführer

„Hallo. Ich bin Steffen, Ossi und 35 Jahre alt.“ Schon eine halbe Stunde bevor die Arbeitsvermittler bei betterplace.org geduzt werden, gibt Steffen Zoller den Ton des Tages vor. Die Start-up-Safari beginnt in einem Reisebus vor der Bundesagentur für Arbeit in Berlin-Mitte, in unmittelbarer Nähe des Checkpoint Charlie. Womit der bescheidene Reiseleiter aus Leipzig erst später rausrückt: Er ist nicht nur Ossi und 35 Jahre alt, sondern auch ein äußerst erfolgreicher Internetunternehmer. Mit 25 Jahren gründete er die Plattform Betreut.de, die unter anderem Pflegepersonal und Babysitter vermittelt. Seitdem baute er weitere Start-ups auf und stellte Hunderte Beschäftigte ein. Mittlerweile ist er Geschäftsführer der Arbeitgeber-Bewertungsplattform kununu. Für die Start-up-Safari ist der Mann mit dem verschmitzten Jungengesicht, dem über die Jeans hängenden Hemd, den Laufschuhen und dem Fahrradkurier-Rucksack extra aus Wien angereist. Denn die Berliner Internet-Start-up-Szene liegt dem Unternehmer am Herzen.

Gründer Steffen Zoller führt Arbeitsvermittler Peggy Jasper und Martin Zaja zum Start-up Etsy.
© Lêmrich

Devugees-Gründer Steffen Zoller (Mitte) führt die Arbeitsvermittler Peggy Jasper und Martin Zaja in den Innenhof des Unternehmens Etsy.

„In Berlin gibt es mittlerweile mehr als 7000 Digital-unternehmen mit mehr als 70.000 Angestellten. Und jedes Jahr kommen 500 neue Start-ups hinzu. Ich habe die Vision, dass aus diesen Firmen echte Weltunternehmen entstehen können. Aber dafür brauchen sie natürlich die richtigen Mitarbeiter. Und ich hoffe, dass die Bundesagentur für Arbeit helfen kann, sie zu finden“, spricht Zoller ins Mikrofon, während der Reisebus sich auf dem Weg zu betterplace.org durch den Berliner Berufsverkehr quält.

Was die Arbeitsvermittler von Start-ups wie betterplace.org erfahren

Der 30-Sitzer ist bis auf den letzten Platz gefüllt, einige Teilnehmer müssen sogar stehen. Das Interesse der Jobvermittler, einen besseren Einblick in die boomende Berliner Internetszene zu bekommen, ist groß. In der ersten Reihe sitzt Arbeitsvermittler Martin Zaja und hört aufmerksam zu. „Gerade im Bereich der Internet-Start-ups ändern sich die Anforderungsprofile an die Jobsuchenden schnell. Deshalb bin ich sehr daran interessiert, aus erster Hand zu erfahren, wer und was jetzt am dringendsten gebraucht wird“, sagt der Sozialpädagoge, der als Vermittler im bewerberorientierten Arbeitgeber-Service seit mehr als zehn Jahren sowohl die Ansprüche und Bedarfe der Arbeitgeber als auch die Wünsche und Qualifikationen der Arbeitssuchenden im Blick hat.

Bei betterplace.org lernt Zaja unter anderem, dass die Spendenplattform gerne auch Mitarbeiter jenseits der 40 einstellen würde, auch wenn die unter den hippen Turnschuh- und Flip-Flop-Trägern im coolen Großraumbüro bislang kaum zu finden sind. „Unser Team ist zwar verhältnismäßig jung, aber natürlich suchen wir auch nach älteren Mitarbeitern. Als gemeinnützige Organisation können wir vielleicht nicht die Gehälter zahlen, wie sie in anderen Branchen und Großkonzernen üblich sind. Aber dafür bieten wir unter anderem eine sinnvolle und befriedigende Tätigkeit, ein einzigartiges Arbeitsklima, flache Hierarchien, tolle Weiterbildungsmöglichkeiten und eine eigenverantwortliche Arbeitsgestaltung“, erklärt Claudia Gallus, die bei betterplace.org offiziell Personal- und Feel-Good-Managerin ist.

Etsy: mit selbst gehäkelten Topflappen zum Weltkonzern

Nach dem Besuch bei betterplace.org zieht die Start-up-Safari weiter zur Berliner Filiale des Online-Marktplatzes Etsy. Auf der vor zwölf Jahren in Brooklyn gegründeten Plattform verkaufen weltweit 25 Millionen Menschen Selbstgemachtes und Vintage-Artikel. Rund 2,8 Milliarden Dollar setzt das Unternehmen so jährlich um und wächst derzeit jedes Jahr um 25 bis 30 Prozent. In New York ist Etsy bereits das gelungen, wovon Steffen Zoller in Berlin noch träumt. „Aus einer genialen Idee, den richtigen Gründern, motivierten Mitarbeitern und selbst gehäkelten Topflappen ist ein Weltkonzern entstanden“, so Zoller.

In der Etsy-Küche, die jede gut situierte Hipster-WG schmücken würde, schlingen die Arbeitsvermittler schnell ein weitgehend vegetarisches, exotisches Buffet hinunter, bevor ihnen Etsy-Country-Manager Arne Erichsen berichtet, was die Arbeitsvermittler schon befürchtet hatten. Dem schnell wachsenden virtuellen Marktplatz fällt es schwer, das so dringend gesuchte Personal zu finden, um weiter wachsen zu können.

„Den Unternehmen fehlt es nicht an Geld, sondern an Leuten“

Steffen Zoller, Gründer

„Ob Online-Marketer, Data-Analysts, Entwickler oder Product-Manager – die Leute, die auf dem Schulhof früher niemand angesprochen hat, sind heute schwer zu bekommen. Der Fachkräftemangel in der Digitalwirtschaft ist in ganz Deutschland, aber vor allem Berlin, auf einem historischen Höchststand und bremst das Wachstum aus. Den Unternehmen fehlt es nicht an Geld, sondern an Leuten“, berichtet Steffen Zoller im hip eingerichteten Etsy-Büro.

Wand mit selbst gemachten Produkten von Etsy
© Lêmrich

Etsy entstand als kleiner Online-Marktplatz für selbst gemachte Produkte. Heute setzt das Unternehmen jährlich fast drei Milliarden Dollar um.

Internetbranche trifft Arbeitsagentur

Die von Zoller mitgegründete Initiative Devugees – eine Verbindung aus Refugees und Developer – will unter anderem Flüchtlinge in einem einjährigen Kurs zu Programmierern ausbilden. Und auch bei „Tech in the City“ mischt Zoller mit. Um den Fachkräftemangel in der IT-Branche zu bekämpfen, möchte das Projekt Firmen, Verbände, Jobcenter und Arbeitsagenturen enger zusammenbringen. Dass es dabei zwischen der großen Agentur und den oft (noch) sehr kleinen Unternehmen zu einem „Clash of Cultures“ kommen kann, ist dem Unternehmer, der immer wieder in die in der Internetbranche gebräuchlichen Anglizismen abgleitet, klar.

Doch wenn die von ihm mitorganisierten Betriebsbesuche anfängliche Berührungsängste abgebaut haben, wird die Zusammenarbeit gut funktionieren. Davon ist der aufgeschlossene Leipziger fest überzeugt. „Mir und den anderen Arbeitgebern in der Branche ist es egal, wie wir gutes Personal finden. Hauptsache, wir bekommen die richtigen Talente. Und zwar möglichst schnell“, so der Manager, der stets auf der Suche nach neuen Mitarbeitern ist.

Mitarbeiter finden, die ins Start-up passen

In den letzten Jahren ist Zoller dabei allerdings kaum über die Bundesagentur gegangen. „Früher haben wir oft im Bekanntenkreis und über Mundpropaganda gute Mitarbeiter gefunden, aber jetzt ist der Markt weitestgehend leer gefegt. Da wären wir doch schön doof, wenn wir nicht die flächendeckende Infrastruktur, die jahrzehntelange Erfahrung und die guten Kontakte der Bundesagentur für Arbeit nutzen würden“, so der Unternehmer, der glücklich über die neu geknüpften Kontakte und den intensiven Austausch mit den Arbeitsvermittlern ist. In einer Evaluierung am Ende der fast siebenstündigen Tour gaben alle Teilnehmer an, dass die neu gewonnenen Erkenntnisse und Einblicke ihnen helfen werden, geeignete Kandidaten vermitteln zu können.

„Natürlich können wir den Start-ups nicht den perfekten Arbeitnehmer backen. Aber wir wissen jetzt viel besser, wen die Unternehmen suchen und welche Chancen sie unseren Kunden bieten können. Wir verstehen uns als Dienstleister für Arbeitssuchende und Unternehmen, und dieser Aufgabe können wir jetzt noch besser gerecht werden“, sagt Arbeitsvermittler Zaja, als die Start-up-Safari in einem Gründerhaus der Berliner Humboldt-Universität zu Ende geht. Auch seine Kollegin Peggy Jasper, die arbeitssuchende Geisteswissenschaftler vermittelt, ist zufrieden: „Die Tour wird sicher dazu beitragen, dass wir den Arbeitgebern in Zukunft noch passgenauer Mitarbeiter vermitteln können. Wenn die Start-ups das erkennen, werden sie in Zukunft auch noch lieber und häufiger auf unseren Service zurückgreifen.“

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Kommentare

Hoch interessante und reizvolle Veranstaltung. Nur schade, das solche Veranstaltungen bzw. Ausflüge nicht für alle Arbeitsvermittler (der Dienststelle) transparent ausgeschrieben werden, geschweige denn die erlangten Infos und Mehrwerte in die breite gestreut werden. Wenn man die Bilder begutachtet staunt man auch, über die Altersstruktur der "Reisegruppe Arbeitsvermittler". Es wird von den jungen Start Ups , jungen Gründern und neusten digitalen Arbeitsweisen geschrieben und eine Gruppe mit einem Altersschnitt über 40 entsandt. Warum nicht die jungen potential Kräfte mit den jungen Gründern interagieren durften ist mir unerklärlich. Vielleichte sollte man im Bereich Personalmanagement noch ein paar "Nachhilfe-Safaris" für die Organisatoren auf BA Seite durchführen.... Weiter So !

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Philipp Hedemann

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