Bei Datev gibt es keine Altersgrenze für Weiterbildung.

Wei­ter­bil­dung für Äl­te­re

Wis­sen macht bei Da­tev süch­tig

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Datev aus Nürnberg ist eine Ausnahmeerscheinung in der IT-Szene: 58-Jährige zählen hier längst noch nicht zum alten Eisen. Viel eher starten Fachkräfte in dem Alter ihre zweite, dritte oder vierte Karriere.

Rudolf Berthold Gerhard wirkt nicht wie einer, der kurz vor dem Ruhestand steht. Mit vor Begeisterung leuchtenden Augen doziert der 60-Jährige über seine aktuelle berufliche Mission: die Daten deutscher Steuerzahler vor unbefugten Zugriffen zu schützen. Gerhards Arbeitgeber, der Nürnberger IT-Dienstleister Datev entwickelt und vertreibt Software für Steuerberater, Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und deren Mandanten. Jeden Monat werden rund zehn Millionen Lohnabrechnungen über Datevs Programme abgewickelt. Bis vor zwei Jahren arbeitete Gerhard noch als Manager im Produktionsbereich und half, das hauseigene Datennetz auf dem neuesten Stand zu halten.

Statt diesen Job bis zur Rente durchzuziehen, sattelte der studierte Mathematiker mit 58 Jahren um und wurde zum Datenschutzbeauftragten befördert – beim IT-Giganten eine Schlüsselposition. Mit seinem beruflichen Schwenk steht Gerhard nicht alleine da. Viele der 5.800 Datev-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter haben im Laufe ihrer Karriere Aufgaben und Geschäftsbereiche gewechselt. Wo andere auf geradlinige Lebensläufe und eng abgestecktes Fachwissen setzen, propagiert Datev das Prinzip des lebenslangen Lernens – und richtet die gesamte Unternehmenskultur darauf aus. „Wir sind ein Dienstleistungshaus, das sehr stark wissensgetrieben ist“, erklärt Personalchef Jochen Kurz die Philosophie. „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind unser Kapital, und das müssen wir erhalten.“ Statt alte Hasen wie Gerhard frühzeitig auszumustern, fordert und fördert das Unternehmen gezielt seine Wissensträger. Und das im eigenen Interesse. Schon heute sind Datevs Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Schnitt 44 Jahre alt, zwei Jahre älter als im deutschlandweiten Mittel. 2020 dürften sie durchschnittlich knapp 50 Lenze zählen.

Mit Weiterbildung dem Bewerbermangel trotzen

Längst stellen Demografie und Fachkräftemangel auch die junge IT-Branche vor Nachwuchsprobleme. Wie in anderen Sektoren gilt: Nur durch gezielte Aus- und Weiterbildung können Unternehmen ihre Flexibilität erhalten und sich wandelnden Kundenwünschen anpassen. Und nur wer seinen guten Ruf als Arbeitgeber pflegt, kann im Wettbewerb um fähige Kräfte punkten – bei Neueinstellungen, rund 260 Kräfte sollen es 2011 sein, ebenso wie bei der langfristigen Bindung des Personals. Datev zumindest klagt bisher nicht über Bewerbermangel. Gleichzeitig verlassen jedes Jahr nur zwei Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den IT-Dienstleister. Deutschlandweit liegt die Quote nach Einschätzung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung etwa zehnmal so hoch.

Um das Personal ein ganzes Berufsleben lang fit zu halten, unterhalten die Nürnberger ein eigenes Schulungszentrum. Dieses organisierte 2010 rund 2.000 Veranstaltungen, vom Telefontraining für Service-Kräfte bis hin zu Fachschulungen in Steuerrecht für Softwareentwickler. Bei der Teilnahme wird Transparenz und Eigeninitiative großgeschrieben: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhalten im Intranet einen Überblick über das Angebot und buchen ihre Kurse nach Rücksprache mit dem Vorgesetzten selbst“, sagt Datev-Weiterbildungsleiter Knut Eckstein. Wer an Schulungen außerhalb seines Fachgebiets interessiert ist oder an einem Sprach- oder Fitnesskurs teilnehmen will, kann eines der vielen kostenfreien Freizeitangebote nutzen. Eine Altersgrenze für die Teilnahme gibt es nicht: „Wer neues Sachwissen benötigt, erhält es. Egal ob er 30 oder 60 Jahre alt ist“, sagt Datenschützer Gerhard. Ihm selbst wurde vor Antritt seiner neuen Stelle ermöglicht, eine externe Qualifikation zum betrieblichen Datenschutzbeauftragten zu erwerben. Gerhard wollte sich noch einmal einer neuen beruflichen Herausforderung stellen, so wie nicht wenige seiner Kollegen.

Rechenbeispiel Datev

Welche Kosten verursacht die Weiterbildung?

Gut eine Woche pro Jahr verbringen Datev-Beschäftigte mit Weiterbildung. Damit dürfte der Betrieb des Schulungszentrums mehr als eine Million Euro kosten. 18 Kräfte arbeiten dort, hinzu kommen Ausgaben für externe Referenten und die Infrastruktur. Doch selbst wenn man die ausgefallene Arbeitszeit kalkulatorisch mit einberechnet und die Gesamtkosten mit 5 Mio. Euro ansetzt – eine Annahme von Faktor A –, blieben die Ausgaben für Weiterbildung bei unter einem Prozent des Umsatzes.

Wer länger als zehn Jahre bei Datev ist, wird zu beruflichen Orientierungsseminaren eingeladen. Der Wechsel über Geschäftsbereiche hinweg wird bewusst gefördert, um die Lernfähigkeit zu erhalten. „Es stimmt nicht, dass Ältere schlechter lernen“, versichert Weiterbildungsleiter Eckstein. Entscheidend für den Unterrichtserfolg sei die Didaktik der Wissensvermittlung. Wer zum Beispiel auf Sitzkreise statt auf Frontalunterricht setze und Inhalte anhand konkreter Problemstellungen vermittle, erreiche auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren akademische Ausbildung schon lange zurückliegt.

Datev fördert die Lernkompetenz von Anfang an. So gibt es für Auszubildende die Übungsfirma Jubit. Dort übernehmen die Jugendlichen Projekte wie die Organisation des jährlichen Betriebsfestes, bauen den Intranetauftritt aus oder testen Softwareprogramme auf mögliche Fehler. Steffen Henne hat Jubit mehrere Jahre betreut. Der 41-Jährige hatte zunächst in der Aus- und Weiterbildung gearbeitet, übernahm dann das betriebliche Vorschlagswesen und wechselt schließlich in die strategische Unternehmensentwicklung. Inzwischen leitet er das Innovationsmanagement. „Ich habe auf dem Weg zur Führungskraft viele Weiterbildungskurse belegt“, sagt er.

„Unabhängig von den Kosten: Man muss der Weiterbildung einen hohen Stellenwert einräumen und sie präsent machen.“

Knut Eckstein, Leiter der Weiterbildung bei Datev

Gefördert werden bei Datev allerdings nicht nur angehende Manager. 2010 machten 15 Kräfte aus dem hauseigenen Druck- und Versandzentrum ihren IHK-Abschluss zum Maschinen- und Anlagenführer. Eine Aufstellung der Gesamtkosten des Schulungszentrums ist nicht einfach, denn ein wesentlicher Teil der Kosten liegt darin, dass jeder bei Datev im Schnitt über eine Woche pro Jahr in Schulungen ist. „Die ausgefallene Arbeitszeit ist der größte Kostenblock“, bestätigt Personalleiter Kurz. Doch allein der Betrieb des Schulungszentrums dürfte den Betrag von einer Million Euro übersteigen. Immerhin arbeiten dort 18 Kräfte, hinzu kommen Ausgaben für externe Referenten, Seminare, Unterlagen und Infrastruktur. Doch selbst, wenn man die ausgefallene Arbeitszeit kalkulatorisch mit einberechnet und die Gesamtkosten mit fünf Millionen Euro ansetzt – dieser Betrag ist eine Berechnung von Faktor A und wird von der Datev nicht bestätigt –, blieben die Ausgaben für Weiterbildung bei unter einem Prozent des Gesamtumsatzes, der zuletzt bei 672 Mio. Euro lag. Ein verhältnismäßig geringes Investment für eine deutliche Anhebung der Mitarbeiterloyalität und -produktivität, wie Fachleute wissen. „Ein Teil der Kosten wird mit den Fachabteilungen verrechnet, um ein angemessenes Kosten-Nutzen-Verhältnis sicherzustellen“, sagt Kurz. Für die Geschäftsführung von Datev ist ihre Einstellung zur Weiterbildung auch ein Grund, warum das Unternehmen – das in der Branche „SAP für den Mittelstand“ genannt wird – verhältnismäßig gut da steht: Die eingetragene Genossenschaft, die 1966 gegründet wurde und in erster Linie dem Dienst an seinen fast 40.000 Mitgliedern – Steuerberater, Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer – verpflichtet ist, erzielte 2009 einen operativen Gewinn von 43,5 Millionen Euro. Das entspricht einer Umsatzrendite von 6,5 Prozent. Sie ermöglicht die Investitionen in das Lebenslange Lernen.

Doch auch mit geringen Mitteln lässt sich erfolgreich weiterbilden: „Wichtig ist, dass man dem Thema einen hohen Stellenwert einräumt“, sagt Eckstein. So vermittelt eine Absolventenfeier bei längerfristigen Ausbildungsprogrammen die nötige Wertschätzung; besonders, wenn der gesamte Vorstand anwesend ist. Auch der direkte Vorgesetzte sollte den Lernerfolg anerkennen. Etwa indem sie oder er Zertifikate über absolvierte Schulungen ausstellt. Die hauseigene Firmenzeitschrift kann ebenfalls eine Rolle spielen und über Schulungen und erfolgreiche Absolventinnen und Absolventen berichten. „Man muss das Thema immer wieder präsent machen“, sagt Eckstein.

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Birga Teske