Personalchef Klaus Hofer bewies Fingerspitzengefühl: 900 Fachkräften musste er kündigen. 70 Prozent haben inzwischen einen neuen Job.

Trans­fer­ge­sell­schaft bei Per­so­nal­ab­bau

Die zweit­bes­te Lö­sung

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Die Heidelberger Druckmaschinen AG musste 900 Fachkräfte entlassen. Statt sie ohne Alternative vor die Tür zu setzen, gründete die Firma eine Transfergesellschaft und half ihnen bei der Jobsuche.

Personalchef Klaus Hofer hatte keinen leichten Start, als er Ende 2008 seinen neuen Job antrat: Er begann mit der Entlassung von 900 Beschäftigten. Die Heidelberger Druckmaschinen AG erlebte infolge der Finanzkrise ihren bislang schwersten Umsatzeinbruch. Printmedien und die Werbebranche waren stark gebeutelt, die Absatzzahlen von Druckanlagen-Herstellern sanken rapide. Heidelberg, wie die Firma intern genannt wird, musste reagieren, um die Insolvenz abzuwenden. Anfangs führte Hofer nahezu flächendeckend Kurzarbeit ein, bald darauf entließ er fast 20 Prozent der Belegschaft – ein schwerer Schlag für die Mitarbeitenden, die eine niedrige Fluktuationsrate in Höhe von zwei Prozent gewohnt waren. Dennoch spricht Hofer von einem vernünftigen Trennungsprozess: „Die Kommunikation über den erheblichen Personalabbau erfolgte sehr behutsam.“ Die Übermittler der Kündigungen wurden eigens in sensibler Gesprächsführung geschult.

Den Betroffenen wurden zwar Entlassungspapiere ausgehändigt, sie bekamen aber auch Perspektiven aufgezeigt. Heidelberg bot allen neben einer Abfindungszahlung den Wechsel in eine Transfergesellschaft an. Ziel war es, alle Entlassenen so schnell wie möglich in neue Jobs zu vermitteln und, soweit erforderlich, vorab zu qualifizieren. In der maximal einjährig befristeten Beschäftigung in der Transfergesellschaft gelten die Betroffenen nicht als arbeitslos und ihr Anspruch auf Arbeitslosengeld I bleibt bestehen. Doch bei allen Pluspunkten: Nicht immer finden sie eine vergleichbare Arbeit. Sie bekommen indes verschiedene Beschäftigungsperspektiven aufgezeigt.

Heidelberger Druckmaschinen wurde 1850 gegründet. Heute gehören sie zu den weltweit führenden Herstellern von Bogenoffset-Druckmaschinen.
© Martin Leissl

Heidelberger Druckmaschinen wurde 1850 gegründet. Heute gehören sie zu den weltweit führenden Herstellern von Bogenoffset-Druckmaschinen.

So mancher Arbeitgeber, der im großen Stil Personal abbaute, hat eine Transfergesellschaft gegründet, etwa Opel, Telekom oder die ehemalige Siemens-Tochter BenQ. Rund 382 Millionen Euro flossen 2010 für Transfer-Kurzarbeitergeld, 29.000 Arbeitnehmer und 1.100 Betriebe profitierten davon. Bei den Heidelberger Druckmaschinen nahm die Transfergesellschaft im Februar 2010 ihren Dienst auf. Sie wurde betrieben von dem Personaldienstleister Weitblick aus Erkrath bei Düsseldorf. Wie üblich in solchen Fällen beauftragte man eine private Vermittlung, die über alle Entlassenen ein Profil mit Arbeitsmarktchancen und erforderlichen Weiterbildungsmaßnahmen erstellte. Finanziert wurde die Gesellschaft über einen Transfer-Sozialplan, der die Mittel eines herkömmlichen Sozialplans vieler Firmen übersteigt. Neben den Abfindungszahlungen an die Ausscheidenden hat Heidelberg ein Aufstockungsbudget auf das Kurzarbeitergeld kalkuliert – im Schnitt 85 Prozent des vorherigen Nettoeinkommens. Zusätzlich verpflichtete sich die Firma, Mittel für einen Qualifizierungs-Etat bereitzustellen.

Monatelange Verhandlungen über Transfergesellschaft

Über die Ausgestaltung der Transfergesellschaft hat Personalchef Hofer monatelang mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft IG Metall verhandelt. Die Ergebnisse wurden allen Betroffenen in einer Broschüre ausgehändigt. Jeder sollte lesen können, wie sich das Übergangs-Nettoeinkommen nach der Kündigung errechnet und welche Qualifizierungsmöglichkeiten angeboten werden. Neunzig Prozent der „Heidelberger Transfermenge“, wie es sich nüchtern in den Aktenvermerken liest, waren ausgebildete Industriemechaniker. Sie können in vielen Branchen eingesetzt werden, was die Chancen auf eine schnelle Vermittlung steigerte. In manchen Fällen war dennoch eine einfühlsame Betreuung erforderlich, um sie von der Notwendigkeit einer Weiterqualifizierung zu überzeugen, berichtet Bettina Rademacher-Bensing, Geschäftsführerin der zuständigen Agentur für Arbeit in Heidelberg. Aus ihrer Sicht liefen die Vermittlungen zufriedenstellend: Die unbürokratische Zusammenarbeit zwischen der Firma Weitblick und den Arbeitsagentur-Beratern führte zu gut vorbereiteten Anträgen für Qualifizierungsmaßnahmen und positive Bescheide ohne Zeitverlust, sagt sie. Darüber hinaus führte die engagierte Unterstützung der Arbeitsagentur zu zwei Finanzierungen: Ausschüttungen aus dem Europäischen Sozialfonds und dem Europäischen Globalisierungsfonds. Den erforderlichen Antrag legten Hofer und Rademacher-Bensing persönlich in Berlin vor. „Personalabbau ist eine sehr unerfreuliche Sache und für alle Beteiligten schmerzhaft. Auch für die Überbringer dieser Botschaft war es eine anstrengende Zeit“, sagt Hofer. Im Rückblick ist er zufrieden mit der Abwicklung, soweit man das überhaupt sagen kann. Es gab bei den bundesweit 1.200 Trennungen fünf Kündigungsschutzklagen. Hofer führt diese verhältnismäßig geringe Zahl auf die gute Betreuung und Kommunikation zurück.

„In manchen Fällen war eine sehr persönliche und einfühlsame Betreuung erforderlich.“

Bettina Rademacher-Bensing, Arbeitsagentur Heidelberg

Maßgeblich beteiligt an der sanften Abwicklung war der Betriebsrat von Heidelberg. Zwei der Betriebsräte wurden zweimal pro Woche freigestellt, um bei der Vermittlung in neue Jobs mitzuhelfen. Ihre Kontakte zu anderen Firmen waren hilfreich, meint Rainer Wagner, der Betriebsratsvorsitzende. Er nahm federführend an den Verhandlungen teil und gehörte außerdem zum Beirat der Transfergesellschaft. Diese Kontrollinstanz setzte sich aus Abgesandten der Personalabteilung, der Gewerkschaft, des Vermittlers und der Arbeitsagentur zusammen. Nach Meinung von Hofer und Wagner hat die ausgewogene Zusammensetzung des Gremiums maßgeblich dazu beigetragen, dass die Betroffenen Vertrauen in die vorgeschlagenen Lösungen entwickelten.

„Mit dieser Transfergesellschaft wurde die zweitbeste Lösung gefunden“, urteilt Wagner. Die beste Lösung wäre der Erhalt aller Jobs gewesen, aber die Auftragslage ließ dies nicht zu. Mittlerweile konnte der Konzern wieder Luft holen. Bei der vorigen Verkündung der Unternehmensergebnisse meldete er einen Auftragsanstieg. Wie hoch die Kosten der Transfergesellschaft tatsächlich waren, will Hofer nicht sagen. Für die Abfindungen, die sich aus dem Sozialplan ergeben, wurde ein zweistelliger Millionenbetrag bereitgestellt. Der Personalchef zieht ein positives Fazit: „Wir haben eine professionelle und unbürokratische Unterstützung von der Arbeitsagentur bekommen. Am Ende konnten wir mehr als siebzig Prozent der Betroffenen in neue Jobs vermitteln.“

Europäischer Sozialfonds

Unterstützung aus Brüssel

Über das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) beantragten die Heidelberger Druckmaschinen Hilfe vom ESF. Aus diesem Topf wurden Weiterbildungskosten bewilligt, die im Einzelfall bei bis zu 10.000 Euro pro Kopf lagen. Aus Brüssel kam zudem eine Finanzierung aus dem Europäischen Globalisierungsfonds. 2,1 Mio. Euro wurden bislang bundesweit für 1.181 Beschäftigte bewilligt. Neben Heidelberg erhielten Nokia, BenQ und Karmann Unterstützung.

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Jochen Brenner
Titelfoto: © Martin Leissl