Renate Herre steht seit 2012 an der Spitze des Carlsen-Verlages.

Por­trät Re­na­te Her­re

Le­se­rin zwi­schen den Zei­len

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Renate Herre hatte nicht von vornherein den Plan, eine Führungs­position zu übernehmen. Die Chefin des Carlsen Verlags ist in die Rolle hineingewachsen und hat viel gelernt – gerade auch, warum es wichtig ist, seinen Angestellten zuzuhören.

Irgendwann wollte sie nicht mehr. Wollte weg von der Routine, Veränderung wagen. Renate Herre war 40, kündigte ihren Job in einer Führungsposition beim Verlag Ravensburger, nahm ihren Rucksack und flog für sechs Monate nach Indien. „Diese Zeit hat viel mit mir gemacht“, sagt sie und erinnert sich, wie klein und unbedeutend sie sich in dem faszinierenden und bedrückenden Land fühlte. Und wie weit sie diese Monate in ihrer Entwicklung gebracht haben – und in ihrer Vorstellung davon, was ihr Traumberuf ist.

Sie hat ihn gefunden – in einer alten Maschinenfabrik in Hamburg Ottensen. Kinderbücher werden hier verlegt, die weltweit bekannt sind, darunter J. K. Rowlings Harry-Potter-Romane, Stephenie Meyers Vampirgeschichten, die Pixi- und Petzi-Bücher. Renate Herre ist hier die Verlagsleiterin.

Die 51-Jährige hat bei Carlsen ein schweres Erbe angetreten. Als sie 2012 an die Spitze rückte, hatte sich ihr Vorgänger die Rechte an Harry Potter gesichert, den Jahresumsatz auf mehr als 53 Millionen Euro vervier- und die Zahl der Mitarbeiter auf 115 verdreifacht. Herre traf auf eine eingespielte und erfahrene Mannschaft. Und nun kam sie, die Neue, die nicht alles neu, aber vieles anders machen wollte.

Herre macht Carlsen digital

Sie hat etwas Warmes an sich, man kann sie sich als Vorleserin für Kinder vorstellen, doch eine gemütliche Märchentante ist sie nicht. Die Betriebswirtin war Spieleentwicklerin, 20 Jahre lang Geschäftsführerin des Kinder- und Jugendbuchverlags Ravensburger und Verlagsleiterin von Coppenrath. Ihr Anspruch: Carlsen ins digitale Zeitalter navigieren. Apps und E-Books entwickeln, mit Self-Publishern im Internet kooperieren.

Die Anfangszeit war geprägt von einem intensiven Austausch. Herre traf sich mit jedem Programmleiter, hörte zu, fragte nach den Besonderheiten, Schwierigkeiten, Stärken. Mangas etwa waren ganz neu für sie. „Um etwas zu verändern, darf man sich nicht zu schade sein zuzugeben, dass man dazulernen muss“, sagt Herre.

„Um zu verändern, darf man sich nicht zu schade sein zuzugeben, dass man dazulernen muss.“

Renate Herre

Neben allen Fakten und Zahlen ist ihr das Zwischenmenschliche sehr wichtig. „Mich interessiert, was für ein Typ Mensch jemand ist, wie er arbeitet, was ihn auszeichnet.“ Ernüchternd war in ihrem Antrittsjahr 2012, dass es zu etlichen Budgetkürzungen kam. Herre musste viel Überzeugungsarbeit leisten. „Diese Gespräche können auch mal sehr hitzig sein“, sagt sie. „Es war ein anstrengendes erstes Jahr.“

Sie weiß, wie wichtig es ist, ein gutes Verhältnis zu den Angestellten zu haben. Als Führungskraft wird man nicht geboren, sagt sie und erinnert sich, wie sie vor vielen Jahren von der Spieleredakteurin Ravensburger zur Geschäftsführerin aufstieg. „Das war toll – und auch schwer. Ich musste die Ziele des Vorstands erfüllen und konnte nicht mehr so offen mit den Kollegen sein, das war unvermeidbar, fühlte sich aber unangenehm an.“ Als der Verlag restrukturiert wurde, musste sie auch Leute entlassen. „Da hatte ich schlaflose Nächte, in denen ich mich fragte, ob ich nicht etwas ganz anderes machen soll.“ Bei Ravensburger blieb sie 20 Jahre. Dann kam Indien.

Mit Kreativität und Gelassenheit

Einmal während ihrer sechsmonatigen Auszeit saß sie in einem bis zum Dach überfüllten Zug nach Delhi, als ein Mann ins Abteil stieg und eine wuchtige Tasche unterm Sitz verstaute. „Ich fragte, ob das Ware sei“, erzählt Herre. Das ganze Abteil fing an zu lachen. „Meine tote Mutter, wollen Sie sie kaufen?“, fragte er. Wie viele Inder hatte auch er nicht das Geld für eine Bestattung. Ein ganzes Leben in einer Tasche. „Man fragt sich in Indien ständig, wer man ist und was man will“, sagt Herre.

Als sie nach Deutschland zurückkam, wusste sie, dass sie nie mehr nur die betriebswirtschaftliche Verantwortung tragen, sondern kreativ tätig sein wollte: ein bisschen von der Freiheit einer Spieleentwicklerin und Programmmacherin zurückgewinnen.

Das Angebot zur Leitung des Coppenrath-Verlags kam im rechten Moment. Dem Münsteraner Verleger ging es nicht immer nur ums Budget, sondern um das Potenzial einer Geschichte. Herre blieb trotzdem nur anderthalb Jahre. Denn als Carlsen bei ihr anfragte, konnte sie nicht widerstehen. „Das war für mich die Erfüllung eines Traums.“

Herre wirkt, als hätten die Erfahrungen ihr Gelassenheit gebracht. Genau die ist es, die Kollegen an ihr schätzen, wenn sie ihren Punkt deutlich macht, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen. „Da muss man schon mal gegen die Meinung anderer entscheiden“, sagt sie.

Die See im Carlsen-Verlag ist heute deutlich ruhiger als 2012, Herre treibt Weiterentwicklung und Innovation voran. Apps und E-Books werden immer wichtiger, der Verlag pflegt Fan-Communitys im Netz und baut sein Digitalgeschäft aus. Er publiziert Bilderbücher, deren Inhalte sich mit einer App scannen lassen, um die Details zu vertiefen. Alles geht seinen Gang. Wenn wieder zu viel Routine einkehrt, weiß Renate Herre, was zu tun ist.

Fragebogen

Renate Herre über…

Routine
gibt es bei mir selten und das ist gut so.

Risikobereitschaft
ist sehr hoch und auch das ist das Spannende an meinem Job.

Vertrauen
ist die absolute Voraussetzung für eine Zusammenarbeit mit Kollegen – und Kreativen.

Telefonkonferenzen
sind eine schöne und unkomplizierte Art der Kommunikation. Funktionieren aber nicht bei jeder Art von Verhandlung.

Selbst geschriebene Briefe
finde ich schön, weil sie so persönlich sind. Bekomme ich heute noch manchmal von Autoren.

Geschäftsessen
braucht man unbedingt, weil ein Essen nach intensiven Verhandlungen immer etwas Lösendes hat.

Unternehmerporträts

Die geheimen Stars der deutschen Wirtschaft

Was hat Renate Herre mit Online-Händler Hans Thomann oder Westwing-Gründerin Delia Fischer gemeinsam? Sie alle haben den mutigen Weg ins Unternehmerdasein gewählt. Noch mehr inspirierende Porträts von Gründern und Führungskräften finden Sie unter „Mehr zum Thema“.

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Esther Werderinghaus
Titelfoto: © Ulrich Perrey

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