Ohne den Zufall würde es diese Erfindungen nicht geben

Zu­fäl­li­ge Er­fin­dun­gen

Cle­ve­re For­scher und das Quänt­chen Glück

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Auch wenn manche Zufallserfindungen schon Jahrzehnte alt sind, wer sich mit Innovation und Kreativität beschäftigt, kann von Penicillin, Mikrowelle, Teflon oder Viagra noch eine Menge lernen.

Bei der Entdeckung einiger heute fast alltäglicher Dinge hat der Zufall eine große Rolle gespielt. Aus diesen Glückstreffern der Vergangenheit sind aber nicht einfach so gängige Haushaltsgeräte oder lebensrettende Medikamente geworden: Der Zufall hat sich emsige Forscher und aufmerksame Zeitgenossen gesucht, die die unerwarteten Ereignisse richtig eingeordnet haben und clever genug waren, ihr Potential zu erkennen. Unser Best-of der Zufallserfindungen:

  • Penicillin: Ein schlampig-schlauer Forscher

    Schlau muss er gewesen sein, dieser Alexander Fleming aus Schottland. Aber daneben galt er als faul und schlampig. Er nahm sich ein paar Tage frei, ohne vorher seinen Schreibtisch aufzuräumen. Die mit Krankheitserregern, Staphylokokken, gefüllten Petrischalen blieben einfach stehen. Nach seiner Rückkehr entdeckte Fleming, dass die Bakterien sich verflüchtigt hatten und ein Pilz an ihrer Stelle in den Schalen war. Er folgerte, dass die jetzt vorhandene Substanz die Bakterien getötet hatte. Auf diese Weise hatte Fleming das Penicillin entdeckt, das bis heute Millionen Menschen das Leben rettet. Der Schotte wurde für seine Entdeckung mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Hat er die Entdeckung denn nur seiner Schlampigkeit zu verdanken? „Nein“, meint Olov Amelin, der Direktor des Stockholmer Nobelmuseums dazu, „Fleming war zwar nicht rund um die Uhr im Labor, aber ein cleverer Kerl, der die richtigen Schlüsse ziehen konnte.“

    Alexander Fleming 1943 in seinem Labor
    © Getty

    Alexander Fleming 1943 in seinem Labor.

  • Arthur L. Fry hatte die Idee zu den weltberühmten Haftnotizen Post-it
    © obs/3M Deutschland GmbH

    Arthur L. Fry hatte die Idee zu den weltberühmten Haftnotizen

    Post-it: Dieser Kleber bleibt haften

    Einen Kraftkleber sollte Spencer Silver, der beim heute als 3M bekannten Unternehmen Minnesota Mining and Manufacturing Company als Chemiker angestellt war, 1968 entwickeln. Doch die durch den Kleber verbundenen Materialien ließen sich wieder voneinander lösen. Eine mit der Substanz bestrichene Pinnwand, auf der Notizzettel kurzzeitig angebracht und spurlos wieder entfernt werden konnten, blieb ein Ladenhüter. Sechs Jahre später kam Silvers Kollege Arthur Fry der unzufriedenstellende Kleber wieder in den Sinn. Weil Hobbychorsänger Fry sich ärgerte, dass ihm die Lesezeichen ständig aus seinen Gesangsbüchern fielen, strich er sie mit dem Kleber ein. Das Post-it, heute eine eingetragene Marke von 3M, war erfunden.

  • Mikrowellenherd: Das Küchengerät auf dem Radar

    Einem Schokoriegel mit Erdnüssen und einem neugierigen amerikanischen Ingenieur verdanken wir die Möglichkeit, unser mitgebrachtes Essen schnell in der Büroküche warm zu machen: den Mikrowellenherd. Eigentlich arbeitete Percy Spencer bei der Firma Raytheon in Massachusetts am Magnetron mit, einer Röhre, die den Grundstein für Radarsysteme legte. An so einem Magnetron stand Spencer, als der Schokoriegel in seiner Hosentasche zu schmelzen begann. Spencer probierte seine Entdeckung an vielen weiteren Lebensmitteln aus, alle wurden heiß, ganz wie in einem Ofen.

    Dass wir auch den Mikrowellenherd einem Zufall verdanken, wissen die wenigsten.
    © Plainpicture

    Dass wir auch den Mikrowellenherd einem Zufall verdanken, wissen die wenigsten.

  • Viagra: Hochgefühl statt Schmerzlinderung

    Männlich, älter als 50 Jahre, Herzbeschwerden: Probanden mit diesen Merkmalen suchte die Firma Pfizer in den 90er-Jahren, um den Wirkstoff Sildenafil zu testen. Doch gegen Angina Pectoris und Bluthochdruck kam die Substanz nicht an. Die Patienten berichteten aber von einer deutlich gesteigerten Potenz, sodass die Studie wiederholt wurde – aber diesmal mit Männern, die an Erektionsstörungen litten. Ein voller Erfolg. 1998 erhielt Pfizer die Medikamentenzulassung für Viagra, bis heute haben über 35 Millionen Männer das Medikament eingenommen, was dem Hersteller einen Umsatz von etwa 22 Milliarden US-Dollar beschert hat.

    Auf der Suche nach einem Herzmedikament entdeckte man bei Pfizer die Wirkung von Sildenafil für die Potenz.
    © Laif

    Auf der Suche nach einem Herzmedikament entdeckte man bei Pfizer die Wirkung von Sildenafil für die Potenz.

  • Röntgen-Strahlen: Physik? Setzen, sechs!

    Die Kathodenstrahlung war für viele Physiker Ende des 19. Jahrhunderts bestimmendes Thema. Auch Wilhelm Conrad Röntgen untersuchte diese Strahlung, die man durch den Transport elektrischer Ladung durch ein Vakuumrohr entstehen ließ. Röntgen wollte sie genau unter die Lupe nehmen und umhüllte das Rohr daher vollständig mit Pappe, sodass kein Licht nach innen oder außen dringen konnte. Als er den Versuch startete, leuchtete ein zufällig in der Nähe stehender Fluoreszenzschirm auf. Die für das menschliche Auge nicht sichtbare Strahlung bahnte sich ihren Weg also offenbar durch die Materie hindurch. Auf diese Entdeckung folgten sechs Wochen, die Röntgen fast ausschließlich im Labor verbrachte. Er erforschte die X-Strahlen, wie er sie nannte, weil er sich ihren Ursprung nicht erklären konnte. Schon bald machte er mithilfe der entdeckten Strahlen eine Röntgenaufnahme einer Hand und öffnete seiner Entdeckung so die Tür zur Medizin. Detail am Rande: Die schlechtesten Noten als Gymnasiast hatte Röntgen im Fach Physik. Der Abschluss blieb ihm verwehrt, weil er einen Lehrer beleidigt hatte und deshalb von der Schule flog. Nach einer Ausbildung zum Maschinenbauingenieur am Polytechnikum in Zürich absolvierte Röntgen sein Aufbaustudium in Physik. 1901 erhielt der vormals miserable Schüler den Nobelpreis – es kann sich lohnen, wenn man sich von Schulnoten nicht allzu sehr beeindrucken lässt.

    Das erste Röntgenbild der Welt zeigt die Hand der Frau des Erfinders Wilhelm Conrad Röntgen
    © Getty

    Die Hand seiner Frau hat Wilhelm Conrad Röntgen auf einem seiner ersten Röntgen-Bilder abgelichtet - und damit eine revolutionäre Erfindung in die Medizin gebracht.

  • Teflon: Vom Kühlmittel zur Pfannenbeschichtung

    Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) wurden als Kühlmittel eingesetzt und kurbelten die Verbreitung von Kühlschränken an. Das Patent dafür erlaubte der Mitentwickler-Firma DuPont nur einen Weiterverkauf an General Motors, den zweiten Patenthalter. Daher forschte man bei DuPont an anderen Kühlmethoden weiter. Damit beauftragt wurde der damals 27-jährige Roy Plunkett, der mit dem Gas Tetrafluorethylen experimentierte. Er lagerte die Substanz in kleinen Behältern bei minus 80 Grad. Eines Tages versuchte sein Assistent vergeblich, Gas zu entnehmen. Als er und Plunkett die Dose öffneten, fielen Krümel eines seltsamen weißen Pulvers heraus. Später erkannte man, dass sich die einzelnen Moleküle des Gases offenbar zu langen Polymerketten verbunden hatten. Aber „im ersten Moment waren wir uns der Bedeutung nicht im Mindesten bewusst“, wird Plunkett zitiert, „wir haben uns einfach nur geärgert, dass wir das teure Gas verloren hatten.“

    Der Chemiker versuchte erfolglos, den Stoff mit anderen Säuren und Substanzen reagieren zu lassen, um ihm so irgendwelchen Nutzen zu verleihen. Auch die erfahrenen Kollegen bei DuPont, an die Plunkett seine Entdeckung weitergab, konnten nichts mit der Masse anfangen, und so wurde die Substanz ad acta gelegt. Bis 1943 die Konstrukteure der Atombombe nach einem Material suchten, in dem sie das aggressive Uranhexafluorid transportieren konnten: Der Aufruf ging an alle Chemiefirmen im Land, bei DuPont erinnerte man sich an die weiße krümelige Masse und produzierte fortan das Material für die Behälter. Nach dem Krieg wurde die Erfindung mit dem Kunstnamen Teflon zum Isolieren, Abdichten und Beschichten eingesetzt. Der Pariser Chemiker Marc Gregoire schließlich versah Pfannen mit Teflon, gründete die Firma Tefal und stellte die ersten Kochgefäße mit Antihaftbeschichtung her.

    "Wir haben uns einfach nur geärgert, dass wir das teure Gas verloren hatten", sagte Roy Plunkett über die Anfänge des Teflon.
    © DDP Images

    "Wir haben uns einfach nur geärgert, dass wir das teure Gas verloren hatten", sagte Roy Plunkett über die Anfänge des Teflon.

  • Vulkanisation: Ein Patzer mit Wirkung

    Chemiker Charles Goodyear war ein Fan von Kautschuk. Anfang des 20. Jahrhunderts ließ der Amerikaner beinahe jeden Alltagsgegenstand daraus anfertigen, auch seinen Gehstock. Dabei wurden ihm die Nachteile des Materials klar: Bei Hitze war es viel zu weich, bei Kälte wurde es brüchig. Daher setzte er allerhand chemische Substanzen zu, um den Härtegrad irgendwie zu stabilisieren. Aber selbst die Versuche mit Schwefel schienen nicht das gewünschte Ergebnis zu bringen. Als die erzeugte Kautschuk-Schwefel-Masse zufällig auf eine heiße Ofenplatte tropfte, hatte Goodyear plötzlich, wonach er jahrelang geforscht hatte: einen Gummi, der hart und widerstandsfähig, aber trotzdem flexibel war. Seine Entdeckung benannte er nach dem römischen Gott des Feuers und der Schmiedekunst Vulcanus.

    Charles Goodyear patzte - und entdeckte die Vulkanisation
    © DPA

    Charles Goodyear patzte - und entdeckte die Vulkanisation.

Der Zufallsmoment in Unternehmen heute

Diese Beispiele zeigen, dass scheinbare Misserfolge dann zu glücklichen Zufällen werden, wenn cleveres Personal ihnen Raum gibt und die in ihnen liegenden Chancen erkennt. Manchmal ist eine Entwicklung nur scheinbar in einer Sackgasse, und das schlechte Studienergebnis birgt ungeahnte Möglichkeiten. Eine offene Fehlerkultur und kreativer Freiraum sind essenziell, um diese Potenziale wahrzunehmen. Ein bisschen müssen Sie ihm schon auf die Sprünge helfen, dem Zufall.

Ihre Meinung: Jetzt kommentieren!
Kommentare

Teilen Sie Ihre Meinung zum Thema und Erfahrungen aus Ihrem Unternehmen mit anderen Nutzern! Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Infodienst

Was Führungskräfte wissen müssen

Mit dem Infodienst von Faktor A erhalten Sie alle 14 Tage per E-Mail spannende Reportagen aus der Arbeitswelt und wichtige Infos, die Arbeitgeber und Führungskräfte weiter bringen. Melden Sie sich gleich an!


Julia Holzapfel
Titelfoto: © Plainpicture