Zwei Generationen: Unternehmensnachfolge im Hotel Schindlerhof

Un­ter­neh­mens­nach­fol­ge im Ho­tel

Wenn der Nach­wuchs er­folg­reich an­beißt

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Sie schimmern in Gold, Türkis und Feuerrot. Wer im Gebäudeteil Ryokan des Schindlerhofs ein Zimmer am hoteleigenen Teich erwischt, kann die Kois vom Bett aus sehen. Andere der 24 im Japan-Stil und nach Feng-Shui eingerichteten Zimmer bieten erschöpften Tagungsgästen Kontemplation in einem Steingarten oder Bambushain. Mit ihrem schlichten Bauhausstil stechen die grauen Würfel gegenüber den übrigen Gebäudeteilen mit ihren weinberankten Spitzdächern und blumengeschmückten Holzbalkonen hervor und verleihen dem Hotel eine ganz neue Facette. „Das hat Nicole clever gemacht. Ein ganz anderer Stil, mit dem wir neue Zielgruppen erreichen“, meint Klaus Kobjoll, Seniorchef und Gründer des Hotels. „Obwohl mir damals phasenweise schwummerig war ob ihrer Pläne.“

„Damals“ war im Jahr 2000 und der Bau des Ryokan-Komplexes für Tochter Nicole so etwas wie der Testballon im elterlichen Unternehmen. Denn dass die damals 26-Jährige einmal in die Fußstapfen ihrer Eltern treten würde, war für sie keine ausgemachte Sache. „Mein Vater hat mir seit meiner Kindheit vorgeschwärmt, dass dies der beste Beruf der Welt sei. Das hat mich zwischenzeitlich sogar abgeschreckt“, erinnert sich Nicole Kobjoll.

Als sie nach dem Abitur Französisch an einer Sprachschule lernen wollte, schlug der Vater die Schweiz vor und zog nebenbei einen Platz an der renommierten Hotelfachschule in Lausanne aus dem Ärmel. „Wir hatten Nicole prophylaktisch ohne ihr Wissen angemeldet, als sie noch ganz jung war“, berichtet der heute 64-Jährige und räumt ein, dass dieser Schachzug haarscharf an der Manipulation vorbeischrammt. Die überrumpelte Tochter akzeptierte, machte ihren Sprachkurs und büffelte schließlich für die Aufnahmeprüfung, da das Gros ihrer neuen Sprachschul-Freunde ebenfalls dorthin gehen wollte.

Nachfolgerin konnte sich beim Neubau einbringen

Tatsächlich verlor die Tochter ihr Herz an die Hotellerie, sie verdiente sich ihre Sporen aber im Ausland: im Tessin, in Dublin, Lausanne und London. Ködern konnten ihre Eltern sie schließlich mit einem Angebot, das sie nicht ablehnen konnte, weil es mit ihrem Faible für Innenarchitektur spielte: dem Neubau des Gebäudekomplexes. „Sie versprachen mir völlig freie Hand. Und sie haben mir tatsächlich kein einziges Mal reingeredet“, sagt die 38-Jährige.

Ein Jahr später stand Ryokan – und der Schindlerhof-Funke war übergesprungen. „Trotz sieben Jahren im Ausland konnte ich mir plötzlich die Rückkehr ins Hotel meiner Eltern sehr gut vorstellen.“ Allerdings unter der Bedingung, dass das Prozedere geregelt und Schritt für Schritt die Verantwortung übergeben würde. „Meine größte Befürchtung war, dass ich zum Nachlassverwalter meiner Eltern verkomme und die beiden goldgerahmt in sämtlichen Ecken hängen“, erinnert sie sich lachend.

Damit nahm der Prozess im Jahr 2001 mit Prokura und der Verantwortung für Marketing und PR seinen Anfang und wird dieses oder nächstes Jahr abgeschlossen sein. Ihren Einstieg über ein vom Tagesgeschäft losgelöstes Projekt sieht sie als Ideallösung für jeden Nachfolger an.

„Ich konnte mich über die Aufgabe profilieren, musste keinem Vergleich standhalten und konnte mich den Mitarbeitern außerhalb des Fahrwassers meiner Eltern vorstellen.“ Sehr hilfreich für die Übergabe waren, da sind sich alle Kobjolls einig, die klaren Verantwortlichkeiten, die sich durch die ISO-9001-Zertifizierung ergeben: Alle Mitarbeiter arbeiten mit Hauptaufgabenlisten, die ihre Zuständigkeiten abstecken. Größere Entscheidungen fallen im erweiterten Führungskreis. „Und wenn wir einen Bereich an jemanden übertragen, hat derjenige dort das Sagen. Gar keine Diskussion“, erklärt der Seniorchef.

Kein ständiger Druck, keine Beobachtung

Absolute Transparenz bei Zahlen, Zielen und Vorgängen und das Vertrauen in die Eigenverantwortung der Belegschaft haben die Kobjolls seit jeher groß- und in ihrer Firmenvision festgeschrieben. Womöglich sind es diese Offenheit und das Vertrauen, die ihrer Tochter die Nachfolge erleichtert haben. Das zumindest glaubt auch Elke Fischer, langjähriges Mitglied der Geschäftsführung und Beauftragte für das Qualitätsmanagement: „Nicki konnte nahtlos übernehmen, ohne ständig unter Druck und Beobachtung zu stehen.“ Mittlerweile verantwortet sie fast alle Bereiche, lediglich auf die strategische Langfristplanung hat der Senior noch ein Auge. Renate Kobjoll managt die Finanzen und Steuern der Firma noch so lange, bis der zweieinhalbjährige Sohn ihrer Tochter aus dem Gröbsten raus ist.

„Wenn mein Vater etwas in seinem Bereich festlegte, hatte sich jeder danach zu richten. Ich beziehe gern Meinungen und Ideen anderer in meine Überlegungen ein.“

Nicole Kobjoll

Einen Motivationsschub hat der Vater seiner Tochter vor einigen Jahren gegeben, als er ihr einen weiteren seiner Anteile übertrug, sodass sie nun 51 Prozent an der Firma hält: „Seit ich die Mehrheit halte, fühlt es sich noch mehr wie das eigene Unternehmen an. Das war für die Psyche ein wichtiger Schritt“, sagt sie. Um wichtige Zukunftsfragen zu besprechen, trifft sich die Familie weiter alle zwei Monate mit ihrem langjährigen Wirtschaftsprüfer zum Jour fixe. Nicht immer hat sich Nicole Kob-joll wohl dabei gefühlt; als etwa die Frage aufkam „Was passiert, wenn der Partner nicht passt?“. Den damals noch als Single mit den Eltern verabredeten Ehevertrag nimmt ihr Mann ihr zum Glück nicht krumm. Er ist selbst Unternehmer und weiß um die Notwendigkeit berechenbarer Verhältnisse.

Ihre eigene Handschrift erkennt Nicole Kobjoll in  der Kommunikation: „Wenn mein Vater etwas in seinem Bereich festlegte, hatte sich jeder danach zu richten. Ich beziehe gern Meinungen und Ideen anderer in meine Überlegungen ein.“ Renate Kobjoll schätzt vor allem die Mischung aus Bewährtem und den Neuerungen, die ihre Tochter sukzessive einführt. „Auf manche Ideen wäre ich gar nicht gekommen.“
Es bleibt die Frage, was gewesen wäre, wenn sich die Tochter partout gegen den Schindlerhof entschieden hätte? Einen Plan B gab es immer, betonen beide Gründer. Man hätte einen Geschäftsführer aufgebaut und vielleicht später irgendwann das Unternehmen an einen der vielen Interessenten verkauft. „Aber den Gedanken daran habe ich eigentlich nie so recht an mich herangelassen“, gibt Klaus Kobjoll zu. Lieber war ihm immer die Idee vom Aufbau einer neuen Familiendynastie im Schindlerhof – obwohl er nur ein einziges Kind hat. Es scheint, dass sich sein Vertrauen in die Fähigkeiten guter Leute ausgezahlt hat.

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Ulrike Heitze

Titelfoto: © Stephan Minx