Brigitte Felden ist Professorin an der HRW Berlin und Vorstand der Unternehmensberatung TMS.

Kom­men­tar

Gu­te Nach­fol­ge­pla­nung ist ein Ma­ra­thon

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Was es für einen Betrieb bedeutet, wenn der Chef von einem Tag auf den anderen nicht mehr da ist, kann einer meiner Kollegen an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin auf sehr persönlicher Ebene erzählen. Joachim Gerwin wollte gerade sein Promotionsstudium beginnen, als plötzlich sein Vater starb und er binnen Tagen die Geschäfte der Familienfirma übernehmen musste. Der Stress, völlig unvorbereitet in die Rolle des Chefs eines Drehteile-Herstellers, der Safa GmbH, zu schlüpfen, war enorm: für ihn, für die Mitarbeiter, die Kunden, die Banken. Selbstredend lässt sich nicht jedem Schicksalsschlag vorbeugen, doch in meiner Beratungstätigkeit bin ich oft erstaunt, wie fahrlässig selbst versierte Firmenlenker bei der Frage agieren, wie sie ihr Zepter weiterreichen. Die Zahl derer, die denken, sie könnten im Juli spontan entscheiden, zum Jahresende alle Aufgaben an einen anderen zu übertragen, ist immer noch hoch.

Tatsächlich kenne ich keinen Fall, bei dem eine reibungslose Übergabe in sechs Monaten geklappt hätte. Dafür weiß ich von Beispielen, bei denen dieser Prozess mehr als sechs Jahre dauerte. Der Grund: Ein Nachfolger muss nicht nur sorgfältig aufgebaut und eingeführt, sondern zuerst einmal gefunden werden. Das dauert – und bedarf guter Planung. Allerdings wollen Unternehmer, die zwar die Investition in Maschinen oder Gebäude auf Drei- oder Fünf-Jahres-Basis angehen, das bei der wichtigsten Schaltstelle des Humankapitals, der Chefposition, oft partout nicht einsehen. Warum?

Die Nachfolge lässt sich nicht in kurzer Zeit abwickeln

Das hat vor allem psychologische Gründe. Kein Mensch plant gern für die Zeit nach ihm. Deshalb schiebt er das Thema auf die lange Bank, um dann, wenn offensichtlich wird, dass Weitermachen nicht mehr (lange) geht, in rasanter Geschwindigkeit einen Nachfolger zu finden. Allerdings lässt sich das Zepter nicht wie in einer olympischen Kurzstrecke übergeben, die Realität erfordert einen akribisch geplanten Marathonlauf. Kommt ein Familienmitglied als Nachfolger in Frage, finden erste Einschätzungen über das Ob und Wie einer Übergabe meist schon zu Hause statt. Wird ein bestehender Mitarbeiter ausgewählt, kann ein Chef ebenso zwanglos vorgehen: den Auserkorenen in neue Aufgaben einführen, ihm vermehrt Verantwortung übergeben. Ist hingegen eine externe Lösung nötig, scheint die Sache von Anfang an delikat.

„Nutzen Sie ihr Netzwerk.“

Birgit Felden

Denn auch durch einen Komplett- oder Teilverkauf lässt sich der Nachfolgeprozess nicht in sechs Monaten „abwickeln“. Selbst wenn in Windeseile ein Käufer oder geschäftsführender Gesellschafter gefunden würde, darf die Belegschaft nicht mit einer Hauruck-Aktion überfordert werden. Als ein Metallbauer in Baden-Württemberg genau diesen Weg einschlug und bei der spontan einberufenen Mitarbeiterversammlung einen Fremden mit den Worten „Jungs, das ist jetzt euer Chef“ vorstellte, erntete er Empörung und Enttäuschung.

Doch wie lässt sich ein Externer behutsam einführen? Vorerst: Nutzen Sie Ihr Netzwerk. Erzählen Sie Ihren Bankern, Vertrauten im Branchenverband oder der Kammer, dass Sie jemanden suchen. Dass ein Mitarbeiter davon erfährt, kommt viel seltener vor als gedacht. Die Belegschaft spürt ohnehin, wenn die Weichenstellung für eine neue Ära ansteht. Ist ein externer Kandidat gefunden, muss er freilich sorgfältig geprüft werden. Durch die Eignungsdiagnostik lässt sich zwar schon einiges vorab feststellen. Doch eine Bewährung im Betrieb bleibt unerlässlich.

Für eine nahtlose Nachfolge ist eine stufenweise Übertragung der Aufgaben meist der beste Weg. Sich sofort und komplett zurückzuziehen mag für einen „Altgedienten“ leichter sein, doch in der Regel ist es für den Betrieb nicht besser.
Und was passiert, wenn Sie einen Fünf-Jahres-Plan zur Nachfolge aufstellen und nach zwei Jahren eine reibungslose Übergabe möglich wird? Zunächst: Das ist so selten wie ein Sechser im Lotto. Tritt der Fall trotzdem ein, können Sie sich als Glückskind wähnen und guten Gewissens „adieu“ sagen. Sie werden rasch feststellen: Es gibt auch ein Leben nach dem Betrieb.

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