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Ohne den täglichen Einsatz der Anti-Schmutz-Armee sähe die Welt ganz anders aus. Doch die Suche nach Azubis und Fachkräften ist für viele Reinigungsfirmen eine Herausforderung. Um die Zukunft ihrer Betriebe zu sichern, geht die Gebäudereiniger-Innung in Sachsen-Anhalt einen innovativen Weg.

Mit 600.000 Beschäftigten ist das Reinigungsgewerbe Deutschlands beschäftigungsintensivster Handwerkszweig, doch viele Reinigungsfirmen haben Schwierigkeiten, Auszubildende und Fachkräfte zu finden. Um die Betriebe zu unterstützen, eröffnet am 1. August die erste private Landesfachschule für Gebäude-Dienstleister in Halle. Hier erhalten nicht nur Azubis künftig ihre überbetriebliche Praxisausbildung, auch für Quereinsteiger gibt es eine Vielzahl von Lehrgängen. Initiator Matthias Stenzel (57) ist seit 1990 Geschäftsführer der Saubermann Reinigungsgesellschaft mbH mit Sitz in Salzmünde und seit 2013 Obermeister der Gebäudereiniger-Innung Sachsen-Anhalt Süd.

Faktor A: Herr Stenzel, wie war Ihr eigener Werdegang?

Matthias Stenzel: Ich bin eigentlich Jurist. Aber damit konnte ich nach der Wende nichts mehr anfangen. Und da ich schon kurz vor der Wende in das Gebäudereinigungs-Geschäft eingestiegen bin und da richtig Spaß dran gefunden habe, bin ich dabei geblieben.

Matthias Stenzel
© Privat

Matthias Stenzel ist Geschäftsführer der Saubermann Reinigungsgesellschaft mbH und Obermeister der Gebäudereiniger-Innung Sachsen-Anhalt Süd.

Ihre Firma hat über 100 Mitarbeiter und nur einen Auszubildenden. Warum?

Weil wir nicht mehr Auszubildende gefunden haben. In unserem Gewerbe hatten wir es immer schon etwas schwerer, Azubis zu gewinnen. Heute leiden wir zudem unter dem demografischen Wandel und der immer stärkeren Konkurrenz. Wir haben hier Industriebetriebe wie Porsche und BMW sowie große Handelsketten. Deren Angebote sind auf den ersten Blick einfach attraktiver.

Was verdient ein Gebäudereinigungs-Lehrling im ersten Lehrjahr?

Im ersten Jahr sind es ca. 600 Euro, im dritten dann ca. 900 Euro. Das ist gar nicht so schlecht, wenn ich es mit anderen Gewerken vergleiche. Aber ich habe das Problem der Darstellung gegenüber den Interessenten. Das merken wir zum Beispiel bei unserer lokalen Ausbildungsmesse. Wir können sehr gut erklären, was der Auszubildende alles vermittelt bekommt – von Krankenhausreinigung über Tauben-Vergrämung bis zum Schleifen von Parkett und der Fähigkeit, unzählige Materialien zu bestimmen. Es gibt allein über 500 Fußbodenbeläge. Darüber hinaus bieten wir jetzt den Erwerb der Fahrerlaubnis mit an. Und trotzdem steht der junge Mensch da und sagt: „Drei Jahre lernen, und dann heiße ich Reiniger.“ Wobei der Begriff „Gebäudereiniger“ das eigentliche Tätigkeitsfeld gar nicht mehr wirklich trifft. Deshalb gehen wir ja immer mehr in Richtung „Gebäudedienstleister“. Aber die Handwerksordnung ist da rigide. Für die ist und bleibt das die Ausbildung zum Gebäudereiniger-Gesellen.

Was hat Sie bewogen, den Anstoß zur Gründung der privaten Landesfachschule zu geben?

Die Handwerkskammer in Halle wollte wegen der stark gesunkenen Ausbildungszahlen im Gebäudereinigerhandwerk das lokale Kompetenzzentrum zur Vermittlung der Praxis schließen. Da haben wir als Innung beschlossen, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Wir haben viele Gespräche geführt, wie das gehen könnte. Dann haben wir eine Umfrage gestartet unter den Betrieben in Sachsen-Anhalt und in Thüringen, welche Fähigkeiten dringend gebraucht werden und welche zusätzlichen Lehrgänge wir deshalb anbieten sollten. Und da kam sehr viel zusammen, vor allem bei der Weiterqualifizierung von Quereinsteigern. Davon gibt es in der Gebäudereinigung sehr viele. Die meisten haben schon einen Berufsabschluss und wollen nicht eine weitere Ausbildung absolvieren. Oder sie können es aus familiären oder anderen Gründen nicht. Deshalb werden wir für sie verschiedenste maßgeschneiderte Lehrgänge anbieten. In der Grünpflege braucht man Leute, die eine Kettensäge oder eine motorbetriebene Sense bedienen können, deshalb bieten wir diese Scheine an. Oder wir qualifizieren jemanden so, dass er als Hausmeister nicht nur Türen auf- und zuschließen und Glühbirnen wechseln, sondern auch mal eine Heizung warten kann. Aus dieser Bedarfsanalyse heraus haben wir Lehrgänge entwickelt und sind jetzt in der Zertifizierungsphase. Außerdem wollen wir den Zugang zu diesen Lehrgängen komplett auf den Kopf stellen. Bislang hat die Handwerkskammer Lehrgänge aufgelegt, und die Betriebe haben Leute hingeschickt. Wir wollen aber auch und vor allem Leute vom freien Markt ausbilden.

Und was erwartet die Absolventen nach Abschluss der Lehrgänge?

Wir unterstützen sie intensiv dabei, Arbeit zu finden, indem wir einen Arbeitskräftepool gründen. Die Absolventen bekommen so die Chance auf praktische Erfahrungen in Betrieben und entschließen sich dann vielleicht, eine richtige Ausbildung zu machen. Wir sehen das als vielversprechenden neuen Weg, unser Gewerbe interessant zu machen. Und für die Innungsbetriebe ist es natürlich toll, dass sie dort flexibel Arbeitskräfte abrufen können.

Das ist dann eine Art Zeitarbeitsmodell?

Ganz genau. Wir haben eine eigene, professionell geführte Zeitarbeitsfirma gegründet, die ausschließlich Arbeitskräfte für Gebäudedienstleistungen vermitteln wird. Für die Firmen ist das sehr attraktiv, wenn sie einmalige oder saisonale Aufträge haben – z. B. für die Glasreinigung an einem großen Gebäudekomplex oder den Winterdienst. Und für die Arbeitskräfte gibt es eine große Chance, fest übernommen zu werden. Wir schaffen damit eine echte Win-win-Situation.

Wie viele Auszubildende werden ihre Schule durchlaufen?

Alle Auszubildenden in Sachsen-Anhalt und Thüringen kommen für die überbetriebliche Ausbildung nach Halle. Das sind ca. 55 pro Jahr. An der Privat-Fachschule verbringen sie im Laufe der Lehrzeit sieben Wochen. Der Rest teilt sich hälftig auf die Berufsschule und den Betrieb auf.

Und wie viele Teilnehmer erwarten Sie bei den zusätzlichen Lehrgängen?

Bei den zusätzlichen Lehrgängen fangen wir bereits im Mai mit 60 Leuten an.

„Wir machen auch Schädlingsbekämpfung, wir haben Fassadenkletterer, und wir reinigen Reinräume in Laboren und Industriebetrieben. Wir wollen, dass das bekannter wird.“Matthias Stenzel, Obermeister der Gebäudereiniger-Innung Sachsen-Anhalt Süd

Müssen die Teilnehmer die Lehrgänge selbst bezahlen?

Wir arbeiten daran, das über Fördermittel einerseits und privatbetriebliche Mittel andererseits abzudecken. Und wir sind auf dem besten Weg, das zu realisieren. Menschen, die arbeitslos sind, können natürlich auch die bestehenden staatlichen Förderungen nutzen.

Welchen Herausforderungen mussten Sie sich bei der Schulgründung stellen?

Man muss mit sehr vielen Leuten reden und immer aufpassen, dass man keinem auf die Füße tritt. Die Handwerkskammern sind natürlich besorgt, dass wir Teilberufsabschlüsse anbieten wollen, aber das ist nicht so. Wir wollen das duale System nicht unterwandern. Aber was wir wollen, ist, gut geschultes Personal in den Arbeitsmarkt zu bringen. Das ist für unsere Betriebe unheimlich wichtig. Wir wollen auch erreichen, dass das Berufsbild insgesamt aufgewertet wird. Wenn Sie den Begriff Gebäudereiniger hören, denken die meisten Leute nur an Fensterputzer oder die nette ältere Dame, die durchs Büro huschelt. Aber das Spektrum umfasst viel mehr. Wir machen auch Schädlingsbekämpfung, wir haben Fassadenkletterer, und wir reinigen Reinräume in Laboren und Industriebetrieben. Wir wollen, dass das bekannter wird.

Wie lang hat die Gründung der Schule gedauert?

Ein Jahr vom ersten Gedanken bis zur Umsetzung. Aber da hat ein richtig gutes Team gearbeitet – Leute aus der Bildung, Anwälte, Firmeninhaber usw., die alle schon mit der Innung verbandelt waren.

Was müssen andere Innungen beachten, wenn sie einen ähnlichen Weg gehen wollen?

Wir haben erst mal eine SWOT-Analyse gemacht und dann einen Businessplan aufgestellt, um klar zu sehen, ob und wie der Hase laufen kann. Für die Umsetzung sind starke Partner absolut unabdingbar: die Handwerkskammer und die Behörden, die Agentur für Arbeit und die Jobcenter. Und alle müssen es wollen. Wenn irgendeiner das partout nicht will, wird es fast unmöglich.

Gab es ein Vorbild für die Schulgründung?

Nein. So ein Modell, wie wir es gestrickt haben, gibt es noch nicht.

Und wie werben Sie für das neue Angebot?

In erster Linie präsentieren wir uns auf Messen, aber auch im Internet, in sozialen Netzwerken und bei Auftritten in Schulen und Betrieben. Momentan hab’ ich eher ein bisschen Angst, dass wir zu viele Anfragen bekommen.

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Anne Reis
Titelfoto: © Chodyra Mike / AdobeStock

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