Nadine Fochler absolviert eine Ausbildung zur Baugeräteführerin bei Hagedorn

Strukturwandel im Baugewerbe

Mit Frauenpower gegen den Fachkräftemangel

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In kaum einem anderen Wirtschaftszweig sind so wenig Frauen beschäftigt wie im Baugewerbe. Dabei können sie ein Teil der Lösung in Sachen Fachkräftemangel sein. Die Hagedorn Unternehmensgruppe aus Gütersloh setzt sich aktiv für mehr Frauen auf dem Bau ein.

Die Baubranche ist wie viele andere hart vom Fachkräftemangel getroffen. Es fehlt an Nachwuchs, noch dazu wird ein Viertel der Baufacharbeiter in den kommenden zehn Jahren in Rente gehen. Düstere Aussichten. Oder doch nicht? Denn eine Beschäftigtengruppe wurde von der Branche bislang nahezu komplett ignoriert: Frauen. Der Anteil weiblicher Beschäftigter im Baugewerbe liegt bei gerade einmal 13 Prozent.

Die Hagedorn Unternehmensgruppe will das ändern und Frauen für die Arbeit auf dem Bau begeistern. „Es gibt keinen Job auf dem Bau, den eine Frau nicht auch machen könnte. Dank neuster Technik zählt heute weniger die pure Muskelkraft, sondern vielmehr der Umgang mit komplexen Maschinen – und das können Frauen mitunter sogar besser als Männer“, sagt Barbara Hagedorn, Geschäftsführerin der Hagedorn Unternehmensgruppe. Sie ist sicher, dass sich viele Frauen für die Jobs auf den Baustellen interessieren, sich aber nicht trauen, sich zu bewerben. „Was der Branche fehlt, sind echte Vorbilder. Wir müssen dringend mit den typischen Vorurteilen aufräumen!“

„Die Baubranche braucht einen Strukturwandel“

Wie fest die noch in den Köpfen verankert sind, zeigt eine Online-Umfrage, die Hagedorn Anfang 2021 unter mehr als 800 Mitarbeiter:innen verschiedener Unternehmen der Baubranche durchführte. Rund 80 Prozent der Mitarbeiter:innen empfinden Sexismus und geschlechterspezifische Vorurteile nach wie vor als Problem auf Deutschlands Baustellen. Zudem haben etwa 70 Prozent der Frauen den Eindruck, dass sie es in der Branche schwerer haben als Männer. Die würden bei gleichen beruflichen Qualifikationen eher befördert werden als Frauen.

„Frauen arbeiten in Büros, sie fahren keine Bagger.“Barbara Hagedorn

Das alles kommt nicht von ungefähr. Bis 1994 galt in den alten Bundesländern sogar noch ein Beschäftigungsverbot für Frauen im Bauhauptgewerbe. Die Arbeit auf einer Baustelle sei für sie zu schwer und zu schmutzig. „Die Branche braucht einen Strukturwandel, und zwar dringend“, mahnt Barbara Hagedorn. „Ich glaube nicht einmal, dass heute alle bewusst gegen Frauen auf dem Bau sind. Die meisten denken einfach nicht daran, dass auch Frauen die Jobs machen können. Weil es eben noch nie so war. Frauen arbeiten in den Büros und in den Verwaltungen der Unternehmen, ja. Aber sie fahren keine Bagger.“

Plakat-Kampagne zeigt Wirkung

Um das endlich zu ändern, initiierte Hagedorn 2020 die Kampagne „Strukturwandler:in“. Im Dezember 2020 plakatierte das Unternehmen den Großraum Gütersloh mit Plakaten und Postern, darauf eine Frau aus dem Hagedorn-Team. „Die Botschaft, die wir senden wollten, war: Trau dich und komm zu uns ins Team. Du kannst das, und wir sind für dich da“, sagt Barbara Hagedorn. Ziel der Kampagne war, 2021 drei weibliche Auszubildende außerhalb der Verwaltung einzustellen. Am Ende wurden es sogar vier. Drei angehende Baugeräteführerinnen und eine Tiefbaufacharbeiterin starteten im August 2021 ihre Ausbildung bei Hagedorn. Das hatte es in der 25-jährigen Firmengeschichte noch nie gegeben.

Das Experiment glückt bislang auch im Arbeitsalltag. „Es gibt keinerlei Probleme. Unsere Auszubildenden sprühen vor Energie, das Feedback ist durchweg positiv, die Mädels werden immer mutiger“, freut sich Barbara Hagedorn. Sie ist überzeugt: „Wir müssen Frauen einfach machen lassen. Sie bringen neue Ideen und Perspektiven mit, und das bringt am Ende alle weiter. Mit Frauen herrscht eine andere Stimmung auf den Baustellen, die Kolleginnen und Kollegen ergänzen sich gegenseitig wunderbar.“

Branchennetzwerk für gemeinsame Fachkräftesuche

Inzwischen hat Hagedorn das Branchennetzwerk „Wir.Können.Bau“ gegründet, dem sich bereits 25 Unternehmen aus der Bau- und Handwerksbranche angeschlossen haben. „Es haben ja alle dasselbe Problem wie wir“, sagt Barbara Hagedorn. „Über unser Netzwerk können sich die Unternehmen austauschen, präsentieren und ganz gezielt Bewerberinnen ansprechen. Die Resonanz ist super.“

Hintergrund

Beschäftigte im Baugewerbe

Beschäftigte insgesamt*: 1.975.842
Davon Männer: 1.713.719
Davon Frauen: 262.123

*Beschäftigte in Hochbau, Tiefbau, vorbereitende Baustellenarbeiten, Bauinstallation und sonstiges Ausbaugewerbe
Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Stand 6/21

Die beliebtesten Ausbildungsberufe in Deutschland

Top 10 der Frauen

  1. Medizinische Fachangestellte
  2. Kauffrau – Büromanagement
  3. Verkäuferin
  4. Kauffrau im Einzelhandel
  5. Zahnmedizinische Fachangestellte
  6. Friseurin
  7. Industriekauffrau
  8. Verwaltungsfachangest. – Kommunalverwalt.
  9. Tiermedizinische Fachangestellte
  10. Immobilienkauffrau

Top 10 der Männer

  1. Kfz-Mechatroniker – Pkw-Technik
  2. Kaufmann im Einzelhandel
  3. Verkäufer
  4. Kaufmann – Büromanagement
  5. Fachinformatiker – Anwendungsentwicklung
  6. Industriemechaniker
  7. Tischler
  8. Fachlagerist
  9. Fachinformatiker – Systemintegration
  10. Fachkraft – Lagerlogistik

Quelle: statistik.arbeitsagentur.de, Stand: 9/21

Dennoch: Der Weg ist noch weit. „Ein Strukturwandel passiert nicht über Nacht“, betont Barbara Hagedorn. „Du kannst nicht einfach zur HR gehen und sagen: Nun stellt mal mehr Frauen ein. Als Unternehmer:in braucht man einen langen Atem, muss das wirklich wollen und das Thema im Unternehmen immer und immer wieder platzieren und betonen. Bis jede:r es verstanden hat, dauert es.“ Es gilt, Überzeugungsarbeit zu leisten. Nicht nur bei den Männern im Unternehmen – auch bei den Familien der Bewerberinnen. „Die Familie hat bei vielen Mädchen einen erheblichen Einfluss auf die Berufswahl. Und für viele ist die Vorstellung befremdlich, dass die Tochter auf dem Bau arbeitet“, sagt Barbara Hagedorn. „Wir laden die Eltern deshalb zu uns ein, damit sie das Umfeld kennenlernen, in dem die Tochter arbeiten wird. Viele sind erstaunt und beruhigt, dass es ganz anders ist als in ihrer Vorstellung.“

Hagedorn sucht weiterhin gezielt nach weiblichem Nachwuchs für die Baustellen. „In der Baubranche tut sich so viel. Wir sind weit vorn, was Innovationen, Technologie oder auch die Digitalisierung angeht. Nur beim Frauenanteil hinken wir hinterher“, sagt Barbara Hagedorn. „Das will ich nicht akzeptieren. Wir können es uns nicht erlauben, nichts zu tun.“

Auszubildende Nadine Fochler

„Werde doch einfach Baggerfahrerin!“

Nadine Fochler ist eine der vier weiblichen Auszubildenden, die über die Kampagne zu Hagedorn kamen. Seit August 2021 macht die 21-Jährige eine Ausbildung zur Baugeräteführerin.

Nadine Fochler, Auszubildende bei Hagedorn
© Hagedorn

Nadine Fochler

„Ein Freund war es, der mich letztes Jahr auf die Kampagne von Hagedorn aufmerksam machte. Ich war auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz, und er sagte: ,Werde doch einfach Baggerfahrerin! Guck mal bei Hagedorn, die suchen gerade Frauen.‘ Erst fand ich die Idee merkwürdig. Aber ich habe mich schon immer für Technik interessiert. Und ich hatte ja nichts zu verlieren! Also bewarb ich mich und wurde genommen. Seit August 2021 mache ich jetzt meine Ausbildung zur Baugeräteführerin. Was soll ich sagen: Es macht unglaublich viel Spaß, und ich wurde sehr herzlich empfangen. Einige Kollegen waren zwar erst skeptisch, aber das hat sich schnell gegeben. Sie sagten zu mir: ,Eine Frau auf dem Bagger, wir hätten nicht gedacht, dass das so gut klappt!‘

Allein gelassen fühle ich mich nie, auch wenn die meisten Kollegen männlich sind. Jeder von uns Auszubildenden hat eine weibliche Patin im Unternehmen bekommen. Die ist bei Fragen oder Sorgen immer für mich da. Für meinen Beruf braucht es vor allem Fingerspitzengefühl, Konzentration und Verantwortungsbewusstsein. Was mir besonders gefällt, ist, dass ich mit kleinen filigranen Bewegungen so viele Tonnen an Gewicht bewegen kann. Und dass ich am Ende des Tages sehe, was ich geleistet habe!

Wenn ich anderen von meiner Arbeit erzähle, sind sie meistens beeindruckt, dass ich als junge Frau auf Baustellen arbeite, mit den großen Maschinen fahren kann und mit welcher Freude ich von meinem Job erzähle. Allen anderen Frauen, die ein Job auf dem Bau interessiert, kann ich nur sagen: Traut euch! Lasst euch nicht einschüchtern, nur weil einige meinen, es sei ein ,Männerberuf‘. Macht das, was euch glücklich macht. Ein bisschen Mut gehört dazu – aber es lohnt sich, den Schritt zu gehen. Je mehr wir werden, desto besser!“

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Wie lange dauert die ausbildung für bagerfahrer und wie stehe die möglischkeit für auslender

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Nicole Benke
Titelfoto: © Hagedorn

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