Häftlinge werden von vielen Unternehmen als Mitarbeiter geschätzt, weiß man in den Berliner Arbeitsagenturen.

Pünkt­lich, zu­ver­läs­sig, mo­ti­viert

Häft­lin­ge sind ge­frag­te Mit­ar­bei­ter

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Wegen des Fachkräftemangels stellen viele Arbeitgeber Häftlinge ein – und machen damit gute Erfahrungen. Worauf es bei der Vermittlung ankommt, erzählen vier Resozialisierungsarbeiter von der Arbeitsagentur Berlin.

Wie kommt ein Häftling nach seiner Entlassung wieder erfolgreich in Lohn und Brot? Das weiß niemand besser als die Mitarbeiter der Berliner Arbeitsagentur. Nirgendwo anders in Deutschland ist die Dichte an Gefängnisinsassen höher als in der Hauptstadt. Drum kümmern sich vier Resozialisierungsberater in Vollzeit darum, Insassen noch während ihrer Haftstrafe eine berufliche Perspektive zu geben.

Welches Angebot können Sie Häftlingen machen?

Wir beraten jeden, der arbeiten oder eine Ausbildung machen möchte. Der Insasse – unser Kunde – macht einfach einen Termin mit uns. Wir sind ein Mal pro Woche in jeder Berliner Anstalt und haben dort sogar unsere eigenen Schreibtische. Ist ein Häftling im geschlossenen Vollzug, beschränkt sich das Spektrum an Ausbildungen und Jobs natürlich auf das Angebot der Anstaltsbetriebe und der Bildungsträger, die sich auf dem Gefängnisgelände befinden. Freigänger hingegen können auch eine Berufsschule besuchen oder einer Arbeit im Großraum Berlin nachgehen, solange sie sich nur abends wieder rechtzeitig in der Anstalt melden.

Wie finden Sie eine passende Ausbildung oder Stelle für Ihren Kunden?

Zuerst fragen wir nach seinen Vorstellungen und Voraussetzungen, also nach Schulabschluss, Ausbildungen, Fähigkeiten, Interessen und so weiter. Die Erstgespräche können langwierig sein, weil sich so mancher noch nie Gedanken über seine berufliche Orientierung gemacht hat. Dann schauen wir, wie bei jedem anderen Kunden auch, ob wir etwas Passendes in der Jobbörse haben. Werden wir fündig, bewirbt sich der Häftling. Dabei unterstützen wir ihn: Wir geben Tipps, korrigieren Rechtschreibfehler, achten auf Formalitäten, üben mit ihm für das Bewerbungsgespräch. Das Inhaltliche aber macht er selbst.

Was motiviert einen Arbeitgeber, einen Häftling einzustellen?

Viele haben zurzeit Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden. Dazu gehören die Reinigungsbranche, die Gastronomie und viele Bereiche im Handwerk. Aber das ist nicht der einzige Anreiz: Unsere Kunden sind in der Regel pünktlich, zuverlässig, motiviert und kommen auch mit einem Schnupfen zur Arbeit. Denn ihre Alternative wäre, im Gefängnis zu bleiben. So aber haben sie bis zu 16 Stunden Freigang. Ganz selten gibt es schwarze Schafe, die sich nicht an die Regeln halten. Deshalb haben wir in Berlin mittlerweile eine ganze Reihe von Arbeitgebern, die keinerlei Vorbehalte mehr gegenüber Häftlingen haben. Im Gegenteil.

Resozialisierungsarbeiter der Arbeitsagentur Berlin: v.l.n.r. Dennis Dötzel, Christian Oberfeld, Michael Heuseler, Uwe Topfstedt
© Agentur für Arbeit

Resozialisierungsarbeiter der Arbeitsagentur Berlin: Dennis Dötzel, Uwe Oberfeld, Christian Heuseler, Michael Topfstedt (v. l. n. r.).

Gibt es finanzielle Anreize für Firmen, Häftlinge zu beschäftigen?

Nein. Sie können lediglich einen Eingliederungszuschuss beantragen, wenn sie einen überdurchschnittlichen Aufwand damit haben, den Mitarbeiter einzuarbeiten, weil dieser keine Branchenkenntnisse mitbringt. Oder wenn ein anderes sogenanntes Vermittlungshemmnis vorliegt, weil der Bewerber – und das trifft bei den Freigängern zu – nicht in anderen Städten eingesetzt werden kann, wie das etwa von Montagefirmen gewünscht wird. Das hat aber nichts mit einem Sonderstatus für Häftlinge zu tun, sondern kann für jeden Vermittelten in Anspruch genommen werden.

Werden auch außerhalb von Berlin Firmen und Häftlinge zusammengebracht?

Ja. Im Grunde ist jeder Arbeitsvermittler im Bundesgebiet auch für die Resozialisierung von Gefangenen zuständig. Der Unterschied ist nur: Wir machen nichts anderes, weil hier in Berlin der Bedarf so hoch ist. Wir betreuen rund 4300 Strafgefangene.

Nehmen die Häftlinge das Angebot der Agentur auch wahr?

Wir führen keine Statistik, aber wir können sagen, dass die Nachfrage sehr hoch ist. Im geschlossenen Vollzug haben wir mehr Bewerber als Angebote. Die Gründe liegen auf der Hand: Jeder Häftling hat ein Interesse daran, rascher in den offenen Vollzug verlegt zu werden oder vorzeitig entlassen zu werden. Kann er seine berufliche Perspektive während der Haft verbessern, steigen auch seine Chancen, verlegt oder früher entlassen zu werden.

„Wir haben in Berlin eine Reihe von Arbeitgebern, die keine Vorbehalte mehr gegenüber Häftlingen haben – im Gegenteil.“

Wie lernen sich Arbeitgeber und Bewerber kennen?

Das läuft ab wie bei allen Vermittlungen: Man lernt sich beim Bewerbungsgespräch kennen. Dabei achten wir darauf, dass der Arbeitgeber sich ein vorurteilsfreies Bild vom Bewerber macht, sprich: Er erfährt erst im Laufe des Gesprächs, dass der Bewerber eine Haftstrafe verbüßt. Über das Delikt kann der Bewerber Auskunft geben, er muss es aber nicht. Wir raten unseren Kunden davon ab, in die Details zu gehen, dafür interessiert sich der Arbeitgeber meist gar nicht. Wenn beide Seiten Gefallen aneinander finden, wird eventuell noch vereinbart, dass der Bewerber für ein, zwei Tage zum Probearbeiten kommt. Für das weitere Kennenlernen gibt es die Probezeit.

Verfolgen Sie, was aus Ihren Kunden später wird?

Nicht aktiv. Aber durch unsere Präsenz in den Haftanstalten laufen wir unseren Kunden oft über den Weg. So erfahren wir schon, wie ihnen der neue Arbeitsplatz gefällt. Auch nach der Haftentlassung hören wir hin und wieder von ihnen: Wir kriegen Dankes-E-Mails oder Fotos von groß gewordenen Kindern, mit denen uns die Kunden zeigen wollen, dass sie im Leben angekommen sind.

Wie empfinden Sie Ihre Arbeit?

Wir machen diesen Beruf alle mit viel Hingabe und Verantwortung, denn wir sehen, dass wir einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten können. Sehr häufig entstehen Straftaten aus prekären Beschäftigungsverhältnissen. Gelingt es, die Haftzeit so zu nutzen, dass der Kunde später ein festes Einkommen und eine sinnvolle Beschäftigung hat, sinkt das Risiko, dass er rückfällig wird. Welche Rolle Arbeit spielen kann, beobachten wir vor allem unter den inhaftierten Frauen: Viele haben bislang beruflich nichts erreicht, weil ihnen der Zugang verwehrt wurde. Eine Ausbildung oder Arbeit kann ihnen helfen, ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln. Sie erkennen auf einmal, dass sie ihr Schicksal selbst bestimmmen können und viel mehr vom Leben haben können als bisher.

Die Fragen beantworteten Dennis Dötzel, Christian Heuseler, Uwe Oberfeld und Michael Topfstedt von der Arbeitsagentur Berlin Nord Spandau. Sie arbeiten alle als Resozialisierungsarbeiter, haben aber verschiedene Einsatzorte: Dennis Dötzel, Uwe Oberfeld und Michael Topfstedt arbeiten in verschiedenen Justizvollzugsanstalten für Männer, Uwe Oberfeld betreut darüber hinaus Häftlinge, die eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen. Christian Heuseler ist im Frauenvollzug, in der Jugendstrafanstalt Berlin und in der Untersuchungshaftanstalt in Moabit tätig.

Weitere Informationen zum Resozialisierungsprojekt erhalten interessierte Firmen vom Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur.

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Esther Werderinghaus
Titelfoto: © Jennifer A. Smith/Getty Images