Cola ohne Kommerz

Corona-Fazit eines New-Work-Pioniers

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Das Premium-Kollektiv bringt seit über 20 Jahren erfolgreich Erfrischungsgetränke auf den Markt: Cola, Mate, Bier, Saftschorle. Darüber hinaus ist es eines der eindrucksvollsten Unternehmens-Experimente der jüngeren deutschen Geschichte. Wie hat das Unternehmen die Pandemie überlebt?

Wir erinnern uns: Im Frühling 2020 kommt die Corona-Pandemie mit voller Wucht in Deutschland an. Was noch wenige Wochen zuvor undenkbar schien, wird von einem Tag auf den anderen Realität: Veranstaltungen werden abgesagt, Gastronomie-Betriebe und Geschäfte bleiben geschlossen. Als Folge bleiben bei unzähligen Unternehmen auf einmal die Einnahmen aus. Für sie gilt es nun, schnell schwierige Entscheidungen zu treffen, um das eigene Überleben zu sichern. 

In genau derselben Situation befindet sich damals auch das Hamburger Premium-Kollektiv. Dem Hersteller von Erfrischungsgetränken brechen im März 2020 auf einen Schlag 95 Prozent seiner Abnehmer weg – und damit ein ebenso großer Teil seiner Einnahmen. Die finanziellen Rücklagen, welche die Firma in den Jahren zuvor bilden konnte, reichen für drei Monate Regelbetrieb. Wenn sie weg sind, droht die Pleite. 

Als erfahrener Unternehmer weiß auch Uwe Lübbermann, der Gründer des Premium-Kollektivs, dass Entlassungen jetzt die effektivste Art und Weise wären, kurzfristig den Druck rauszunehmen. Und er wäre keineswegs allein mit dieser Entscheidung: Damals gehen viele andere Unternehmen genau diesen Weg, der zwar als schmerzhaft, aber eben oft auch als alternativlos gilt.

Nur ist das Premium-Kollektiv schon seit vielen Jahren dafür bekannt, fast alles anders zu machen als andere Unternehmen. Denn lange bevor New Work als Buzzword allgegenwärtig wurde, verstand sich das Unternehmen als gelebter Beweis, dass eine andere Arbeitswelt möglich ist: Ohne Hierarchien, ohne Wachstumsstreben, ohne feste Arbeitszeiten, ohne Kontrolle und sogar ohne klassische Anstellungsverhältnisse, die laut Firmenphilosophie automatisch zu Ungleichheit führen. Dafür mit gleichem Gehalt für alle, mit basisdemokratischen Beschlüssen zu allen wichtigen Themen und mit einem Team an Freelancer:innen, die nur durch den Konsens aller anderen irgendwie am Unternehmen beteiligten Personen entlassen werden können. 

Dieser Versuch, die „Wirtschaft“ zu „hacken“, wie Uwe Lübbermann sein Prinzip in seinem gleichnamigen Buch nennt, funktionierte so gut, dass Premium zur Inspiration für Startups und Unternehmen im ganzen Land wurde. Es folgten Anfragen für Vorträge und Beratung sowie Interviews in großen deutschen Zeitungen. Heute gilt Premium als ein Unternehmen, das alles anders macht – und damit Erfolg hat. 

Und darum akzeptiert Lübbermann auch während der ersten Welle der Pandemie nicht die vermeintliche Alternativlosigkeit eines drastischen Stellenabbaus. Er beschließt stattdessen, einen ganz und gar anderen Weg zu gehen: Statt in der Krise sich selbst und sein Unternehmen an erste Stelle zu setzen, will er alles tun, um das gesamte Premium-Kollektiv durch die Pandemie zu bringen. 

Lübbermanns Plan ist dabei so einfach wie ungewöhnlich: „Ich habe einfach alle Betroffenen gefragt, ob wir ihre Bezahlung aufschieben, kürzen oder sogar ganz streichen dürfen“, erzählt er. „Im selben Moment habe ich aber auch gefragt: ‚Brauchst du Hilfe? Hast du vielleicht an anderer Stelle eine Einkommensquelle verloren? Brauchst du eine Schulung? Eine Vorauszahlung? Solange wir das leisten können, bekommst du das auch.’“  

Während Lübbermann selbst mit Existenzängsten kämpft, verwaltet er ein halbes Jahr lang den Mangel und verteilt Geld um – von denen, die ein paar Monate ohne Bezahlung auskommen oder sogar Geld in die Gemeinschaftskasse einzahlen können, zu denen, die gerade mehr davon brauchen, um über die Runden zu kommen. Es ist ein radikaler Gegenentwurf zum Krisenmanagement der meisten anderen Unternehmen. Und einer, der funktioniert: Alle Mitarbeiter:innen tragen das Konzept mit, Premium entgeht der Pleite.

Erst als dann die lang ersehnten Staatshilfen eintreffen, droht die Stimmung zu kippen. Denn jetzt sehen einige der Premium-Mitarbeiter:innen ihre Gelegenheit gekommen, den Spieß umzudrehen. Sie beginnen, für dieselben Tätigkeiten mehr Stunden in Rechnung zu stellen, so erzählt es Lübbermann. Als er daraufhin zum ersten Mal in der Geschichte des Unternehmens darum bittet, besonders auffällige Rechnungen in der Runde zu erklären, stößt das nicht nur auf Zustimmung. Das solidarische Miteinander der vergangenen Monate ist in Gefahr. „Das hatte ich nicht kommen sehen,“ gibt Lübbermann heute zu. „Darum hat mich die Sache ziemlich fertig gemacht.“

Insgesamt jedoch ist das Premium-Kollektiv nach Lübbermanns Einschätzung sogar gestärkt aus der Krise hervorgegangen. Die Unstimmigkeiten wurden im Konsens gelöst, das Unternehmen hat bis heute keinen einzigen Job gestrichen. Und auch der Umsatz liegt inzwischen wieder bei zwei Dritteln des Levels vor der Pandemie, Tendenz steigend. Man kann also sagen: Auch in der Corona-Pandemie konnte Premium eindrücklich beweisen, dass ein radikal anderes Wirtschaften möglich ist.

Was nicht heißt, dass es nicht auch weiterhin schwierig sein wird, die moralischen Prinzipien des Unternehmens mit der wirtschaftlichen Realität zu vereinen. So verlangt eine Förderbank inzwischen einen Teil ihrer Finanzhilfen von Premium zurück. Woher Lübbermann dieses Geld nehmen soll, weiß er noch nicht. Denn viele der Mitarbeitenden, die das Geld vor Monaten in Form von Boni bekommen haben, wollen oder können es nun nicht zurückzahlen. 

„Diese Momente bringen mich dann schon ins Grübeln,“ sagt Lübbermann. Er plant, in Zukunft auch mal einen Kompromiss eingehen zu müssen, etwa „dass wir eine Probezeit einführen, bevor Leute bei uns voll einsteigen können. Oder verbindliche Regelungen über die Rückzahlung von Boni.” Aber eigentlich wolle er das nicht. „Wenn ich das anfange, dann ist es ganz schnell nicht mehr mein Spiel, das ich spiele.“

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Viktor Szukitsch
Titelfoto: ©iStock/Bet Noire

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