Das Rad fahren, statt es neu zu erfinden

Moderne Mobilität am Arbeitsplatz

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Die steigenden Energie- und Benzinpreise, die unsichere Versorgungslage und nicht zuletzt der Klimawandel: Es gibt genug Gründe, die betriebliche Mobilität neu zu gestalten. Dabei denken viele Menschen zuerst an E-Autos, die oft mit zusätzlichen Kosten für die Arbeitgebenden verbunden sind. Doch eine Mobilitätsforscherin kennt Wege, die die betriebliche Mobilitätswende auch ohne großen finanziellen Mehraufwand voranbringen – und die damit auch für kleine und mittelständische Betriebe einfach umsetzbar sind.

„Wichtig ist erst einmal, dass Firmen das betriebliche Mobilitätsmanagement als ihre Aufgabe begreifen“, sagt Anne Klein-Hitpaß. Sie ist Leiterin des Forschungsbereichs Mobilität am Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin. Ist diese Grundlage gegeben, gebe es viele verschiedene Konzepte, die Arbeitswege der Angestellten nachhaltiger zu gestalten. Sie weist darauf hin, dass vor allem der Pendelverkehr ein großes Problem darstelle, denn er macht einen beträchtlichen Teil des CO2-Ausstoßes aus. Deshalb liege dort auch der wichtigste Anknüpfungspunkt: „Anstelle des Autos gibt es andere Möglichkeiten, zur Arbeit zu kommen. Und wo das Auto unbedingt nötig ist, lassen sich Wege durch Mitfahrgelegenheiten bündeln.“

Diese anderen Wege sind für Klein-Hitpaß vor allem der ÖPNV und Fahrräder. Das Argument, dass es in ländlichen Regionen oft nur einen unzureichenden ÖPNV gibt, lässt sie gelten – nicht jedoch, dass man deshalb automatisch auf das Auto angewiesen sei. Denn 29 Prozent der Arbeitswege seien kürzer als fünf Kilometer, 20 Prozent lägen zwischen fünf und zehn Kilometern – zusammengerechnet ist das also fast die Hälfte aller Arbeitswege. Und hier könnten elektrisch unterstützte Fahrräder wie Pedelecs ein Gamechanger sein, sagt Klein-Hitpaß: „Selbst bei Wegen bis 15 Kilometern wird das Pedelec so zu einer attraktiven Alternative zum Pkw – denn ich habe so immer Rückenwind.“

Mobilitätsgutschein statt Dienstwagen

Anne Klein-Hitpaß leitet den Forschungsbereich Mobilität am Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin
© Sibylle Wenke-Thiem

Anne Klein-Hitpaß

Wo es einen ÖPNV gibt, können Arbeitgeber:innen ein Job-Ticket als Incentive bei Neuanstellungen oder Lohnerhöhungen anbieten. So haben Arbeitnehmer:innen die Möglichkeit, kostenlos und mit nachhaltigen Alternativen zur Arbeit zu kommen. Und vor allem schlägt Klein-Hitpaß vor, neben dem Dienstwagen auch andere Möglichkeiten aufzuzeigen: „Oft ist der Aufstieg in eine bestimmte Gehaltsstufe mit einem Dienstwagen verbunden. Stattdessen könnten Arbeitgeber:innen einen Mobilitätsgutschein ausstellen.“ Diesen könnten die Arbeitnehmer:innen dann frei für ein Beförderungsmittel ihrer Wahl verwenden. „Statt des Autos kaufen sich die Menschen dann vielleicht das teure E-Bike, das sie sonst nicht angeschafft hätten. Oder sie buchen eine BahnCard 100.“ Diese Möglichkeiten überhaupt zu eröffnen, könne schon viel bewirken, sagt Klein-Hitpaß.

Gerade beim Fahrrad spielt neben den ökologischen Aspekten auch die Gesundheit eine große Rolle. „Wer häufig mit dem Rad fährt, ist seltener krank“, sagt Klein-Hitpaß. Und wenn ein niedriger Krankenstand herrscht, wirkt sich das auch betriebswirtschaftlich positiv aus.

Weniger Parkplätze als effektives Mittel

Dass auf dem Land oft kürzere Wege mit dem Auto zurückgelegt werden als in der Stadt, setzt Klein-Hitpaß auch mit den Parkmöglichkeiten in Verbindung: „In der Stadt muss ich vielleicht noch lange einen Parkplatz suchen und von dort ein paar Minuten gehen. Auf dem Land finde ich immer eine Abstellmöglichkeit.“ Daher schlägt sie vor, das Angebot an Firmenparkplätzen zu reduzieren und stattdessen Fahrradstellplätze zu errichten. Studien hätten gezeigt, dass schon das einen großen Einfluss auf die Wahl des Verkehrsmittels hat. Ein anderes Modell sei die Bepreisung der Parkplätze: „Wenn Arbeitnehmer:innen für ihren Stellplatz zahlen müssen, nehmen sie deutlich häufiger das Rad.“

„Wer häufig mit dem Rad fährt, ist seltener krank.“Anne Klein-Hitpaß, Mobilitätsforscherin

Neben den Anfahrtswegen zur Arbeit gibt es natürlich noch die Dienstfahrten während der Arbeit. Weil Arbeitgeber:innen häufig Dienstfahrten mit ihrem privaten Pkw abrechnen können, kommen sie auch mit diesem zur Arbeit. Ein Modellprojekt der Kommune Dortmund hat gezeigt, dass deutlich mehr Menschen mit dem Rad fahren, wenn sie für Dienstfahrten keine privaten Fahrzeuge mehr nutzen dürfen und stattdessen nur mit den Wagen aus den Flotten der Arbeitgebenden fahren können.

Ein solches Modell ist selbstverständlich mit Mehrausgaben verbunden – diese lohnen sich aber. Wenn die Flotte elektrifiziert wird, sollte aus klimapolitischen Erwägungen ein rein elektrischer Antrieb gewählt werden: „Nur dann hat es den vollen Effekt“, so Klein-Hitpaß.

Fahrradwettbewerbe für zusätzliche Motivation

Falls es aber nicht die kostspielige Umrüstung sein soll, gibt es neben den bereits angesprochenen Incentives und den Fahrradstellplätzen noch andere Wege. Das kann zum Beispiel ein Wettbewerb sein, den viele Unternehmen bereits veranstalten. Dabei suchen sie den fittesten Radfahrer und schreiben dafür einen Preis aus. Daneben fasst die Mitmachaktion „Stadtradeln“ des Klima-Bündnisses die zurückgelegten Kilometer aller Kommunen zusammen. Am Ende werden die Gemeinden mit der größten Distanz in unterschiedlichen Größenklassen nach Einwohnerzahl prämiert. Diese Aktion können Arbeitgebende aktiv im Unternehmen bewerben und so die Mobilität des ganzen Landkreises fördern.

Am Ende führen viele Wege zur Arbeit – wichtig ist laut Klein-Hitpaß vor allem, dass sich moderne Mobilität langfristig manifestiert. Denn der Verkehr sei eine zentrale Stellschraube der Klimawende. Durch ein Umdenken, das bei den Autoparkplätzen beginnt und bis hin zu Mobilitätsgutscheinen geht, kann dieser Wandel auch bei kleinen und mittelständischen Unternehmen gelingen. Und Betriebe, die sich um Nachhaltigkeitsthemen bemühen, beweisen, dass sie modern sind – und können damit bei der Suche nach Mitarbeiter:innen punkten.

Zur Person

Mobilitätsforscherin Anne Klein-Hitpaß

Anne Klein-Hitpaß leitet seit Juli 2021 den Forschungsbereich Mobilität beim Deutschen Institut für Urbanistik (Difu). Von 2017 bis 2021 war sie Projektleiterin für Städtische Mobilität bei der Agora Verkehrswende. Zuvor forschte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Difu, am Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB).

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Per Horstmann
Titelfoto: © Francesco Rizzuto/iStock