Handwerk und Digitales

Der Metzger und das Internet

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Noch vor ein paar Jahren war die Zukunft seiner Metzgerei, wie die so vieler Nahversorger auf dem Land, ungewiss. Heute macht Claus Böbel aus dem fränkischen Rittersbach die Hälfte seines Umsatzes über seinen Onlineshop. Sein Erfolgsrezept: „Nicht lange nachdenken, einfach machen.“

Als am 6. August 1991 im Europäischen Kernforschungszentrum CERN die erste Webseite online ging, stand Claus Böbel wahrscheinlich gerade in seiner Metzgerei und machte Salami. Hätte jemand dem Metzgermeister aus Franken damals erzählt, dass diese Erfindung einmal das Fortbestehen seines Familienbetriebs sichern würde – er hätte es wohl nicht geglaubt.

Böbels Großvater Georg gründete die Metzgerei in den 1950er-Jahren, seit 2008 betreibt Claus Böbel sie mit seiner Frau Monika und acht Angestellten. Die Geschäfte laufen gut – vor allem dank des Internets. „Ohne das könnten wir an diesem Standort, in einem kleinen Dorf mitten auf dem Land, nicht mehr überleben“, sagt der 51-Jährige. Die Hälfte des Umsatzes erzielt er mittlerweile über den Onlineverkauf seiner Produkte.

Rund 95 Prozent der Bestellungen kommen aus Deutschland, die restlichen Prozent aus dem Ausland. Viele der Kunden sind „Exilfranken oder -bayern“, die sich damit ein Heimatgefühl nach Hause liefern lassen. Der Laden an der Hauptstraße des 350-Einwohner-Dorfs ist zu einer Art Flagship-Store geworden. Immer wieder machen Onlinekunden oder andere Interessierte, die über Social Media von ihm gehört haben, im Urlaub auf einen Zwischenstopp in der Metzgerei halt. Sie schätzen das Regionale, das romantisch Fränkische und die authentische Art des Betriebs, die mittlerweile zu einem Teil des Gesamtkonzepts geworden sind.

„Ein Apfelbaum muss auch wachsen“

Vor der Idee mit dem Onlineshop gab es für den Familienbetrieb eigentlich nur zwei Möglichkeiten: irgendwann mit der alten Kundschaft aussterben – oder neue Wege gehen. 1997 ließ sich Böbel für 50 DM seine erste Webseite mit Adresse, Telefonnummer und Kontaktformular ins Netz stellen. 2004 folgte der erste Onlineshop mit selbst erfundenen „Wurstbriefen“, Grußkarten mit zu Blumen gefalteten Salamischeiben oder Herzen aus gepressten Pfefferstechern. Warum nicht mal was Ungewöhnliches, dachte er sich. Seine Devise damals wie heute: „Nicht lange nachdenken, sondern einfach mal machen.“

Doch erst weitere drei Jahre später, nachdem der Verkauf über das Internet mit neuer Technik professionalisiert worden war, ging der Shop richtig los. „Ein Apfelbaum muss auch wachsen, bis er Früchte trägt“, lautet seine Antwort auf all jene, die lieber schnelle Erfolge sehen wollen.

Vom Wurstseminar bis zum Bratwursthotel

Heute gibt es online alles zu bestellen, wonach es Wurst- und Fleischliebhaber nur gelüsten kann: von fränkischen Spezialitäten wie Bratwurst oder Blutwurst bis zum Dry Aged Beef, von Wurstkonserven bis zum Spanferkel. Neben seinem Shop hat Böbel sein Angebot stetig erweitert, der Mut für Ungewöhnliches ist ihm dabei geblieben. Er gibt Wurstseminare für Laien, betreibt im Ort ein Bratwursthotel, führt Wurstwanderungen und hält Marketingvorträge über seine Erfahrungen als Internetunternehmer, womit er noch einmal rund 15 Prozent seines Umsatzes macht. Mittlerweile hängen fast alle Umsätze irgendwie mit dem Internetauftritt zusammen, schätzt er. Und sei es nur, weil jemand auf der Webseite die Öffnungszeiten oder die Produktpalette einsieht oder eine Onlinebewertung liest und daraufhin im Laden oder im Hotel vorbeikommt. Einige seiner Events hat er sogar auf Englisch und Chinesisch übersetzen lassen. Vor der Corona-Pandemie kamen bis zu 25 Prozent der Touristen aus dem Ausland, nach einem Einbruch steigt ihr Anteil nun langsam wieder an.

Das Netz als Kommunikationskanal

Doch wie der erwähnte Apfelbaum muss auch das Onlinegeschäft gepflegt werden – und das braucht Zeit. In seinem Blog, auf Facebook und Instagram geben Böbel und seine Frau ihren Kunden fast täglich Einblicke in den Metzgereialltag. Auch Privates wie ein Kurzurlaub oder der Besuch bei der Tochter ist ab und zu dabei.

Im Endeffekt müsse jeder Kleinbetrieb im Netz das machen, was er auch offline macht, fasst der digitale Metzger seine Strategie zusammen: Small Talk, Kundenpflege, den Leuten zeigen, was man so macht. „Das Internet ist ein Kommunikationskanal, nicht per se ein Verkaufskanal“, ist er überzeugt. Um die Onlineaktivitäten kümmert er sich allein, um alles andere vor allem seine Mitarbeiter. Er sei nach wie vor der Kopf, aber nicht immer die ausführende Hand, so Böbel.

Small Talk statt Big Data

Von Auswertungstools wie Google Analytics und Co. hält er persönlich nicht viel. „Beim geschäftlichen Small Talk auf dem Volksfest wurde früher ja auch nicht analysiert.“ Lieber verlässt er sich auf sein Menschengefühl, geht mit den Leuten ins Gespräch, offline und online – Small Talk statt Statistiken. Eine richtige Strategie dahinter gibt es nicht. „Ich sehe, dass mein Jahresonlineverkauf steigt, das reicht mir als Analyse.“ Das, was er da sieht, scheint seiner Devise recht zu geben: Manchmal muss man „einfach mal machen“.

Expertentipps

Onlinemarketing in kleinen Betrieben

Virtueller Small Talk, Posts aus der Wurstküche und neue, originelle Angebote: Was für Claus Böbel passt, muss nicht bei allen Kleinunternehmen funktionieren. Hier gibt Christopher Zerres, Professor für Marketing an der Hochschule Offenburg, Tipps, wie kleine Betriebe ihr Onlinemarketing richtig angehen können.

  1. Zeit und Aufwand: Pflegen der Webseite, regelmäßig Inhalte erzeugen, verschiedene Kanäle bespielen – das alles kostet viel Zeit. Fragen Sie sich vorher: Für welche Aspekte brauche ich Unterstützung? Dann für Bereiche wie Technik, Datenschutz oder Gestaltung Hilfe suchen. Es lohnt sich!
  2. Planung: „Meine Konkurrenz ist auf Instagram, dann mache ich das auch.“ Besser nicht! Sie brauchen nicht zwangsläufig eine umfassende Strategie, aber klären Sie für sich: Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihren Onlinemarketing-Aktivitäten? Erreichen Sie damit Ihre Zielgruppe? Welche Inhalte sind für diese wichtig? Schlechte Fotos und alter Content machen keinen guten Eindruck.
  3. Priorisierung der Kanäle: Webseite zuerst – ansprechende Gestaltung, klare Navigationsstruktur, gute Texte, zwei bis drei Unterseiten. Überlegen Sie sich vorher, was Sie auf der Seite zeigen wollen und vor allem für wen sie gemacht ist. Und wann soll ich mich auf Instagram und Co. blicken lassen? Erst dann, wenn die Webseite gut ist, und nur, wenn es Ihre Zielgruppe anspricht und authentisch ist.
  4. Webanalysetools: Wie viele Leute und wer besucht meine Webseite und wie lange bleiben sie? Analysetools sind verhältnismäßig simpel, und Sie sehen sofort, wer Ihre Nutzer sind und ob Ihre Aktionen zu etwas führen – und können dann Ihr Angebot gegebenenfalls anpassen.
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Barbara Domschky
Titelfoto: © iStock/AlexRaths

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