Unternehmen erfinden sich neu

Krise? Nicht mit mir

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Leere Auftragsbücher, Kurzarbeit, mögliche Insolvenz – im Zuge der Corona-Pandemie sind viele Unternehmen schockgefroren. Mit der richtigen Idee und mit kreativer Energie muss es nicht zum Schlimmsten kommen: Faktor A hat zwei Unternehmer getroffen, die der Krise die Stirn bieten.

Einmal neu denken, bitte!

Sven Obert ist Geschäftsführer des Messebau-Unternehmens Fair Care! mit Sitz in Frankfurt am Main. Der 57-Jährige ist europaweit seit über 20 Jahren in der Branche tätig und beschäftigt sieben feste und 20 freie Mitarbeiter.

Sven Obert
© Maximilian von Lechner

Sven Obert, Inhaber von Fair Care!, hat sein Messegeschäft auf Plexiglasaufsteller umgestellt.

„Im Februar dieses Jahres riefen unsere Kunden plötzlich im Tagesrhythmus an und stornierten alle Aufträge für das erste Halbjahr 2020. Damit war mein Geschäft, das von Großveranstaltungen lebt, auf einen Schlag vorbei. Außerdem hatte ich einen Monat zuvor eine Holz verarbeitende Maschine für 100.000 Euro gekauft, um unser Portfolio für unterschiedliche Messestände zu vergrößern. Eigentlich könnte ich jetzt jammern, weil im Rückblick betrachtet der Zeitpunkt der Anschaffung unpassend war. Aber genau diese Investition brachte mir das Quäntchen Glück, um auf die Krise reagieren zu können.

Über meine Mutter erfuhr ich, dass eine Apothekerin in ihrem Bekanntenkreis eine behelfsmäßige Spucktrennwand auf dem Verkaufstresen errichtet hatte. Ich sah mir die Wand an, und da machte es klick – das kann ich auch und besser! Als Messebauer bin ich routiniert darin, schnell Räume und Konstruktionen zu errichten.

Die Serie: Firmen trotzen der Krise

Hinfallen, aufstehen, weitermachen: Das lernen wir von klein auf. Für unsere Serie haben wir Menschen getroffen, die sich in der schweren Zeit des Lockdowns aufgerappelt haben, und ihr Unternehmen ganz neu aufgestellt haben. Dabei haben sie oft nicht nur sich, sondern auch anderen auf dem Weg geholfen. Hier lesen Sie ihre Geschichten:

Der zweite Teil: „Wir haben es geschafft, Kurzarbeit zu vermeiden“

Ich bot der Apothekerin ein Muster an, das bei ihr sofort Anklang fand. Innerhalb von zwei Tagen justierte ich meine neue Holzmaschine, die nun statt Holzwänden große Plexiglasscheiben fräst und bohrt. Mit einem Sockelboden können diese durchsichtigen Wände ganz einfach aufgestellt werden.
Dann fuhr ich los und bot meine Trennwände weiteren Apothekenbesitzern an. Die Idee schlug ein wie eine Bombe: Aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet kommen jetzt Anfragen. Auch Arztpraxen, mittelständische Betriebe, Behörden und Ämter bestellen bei mir, um ihre Mitarbeiter und den Publikumsverkehr besser vor dem Coronavirus zu schützen. Ohne meine neue Fräsmaschine wäre das nicht möglich gewesen.

Das Geschäft läuft sehr gut. Die Krise werde ich locker überstehen – da bin ich optimistisch. Zum einen habe ich vor der Pandemie gut gewirtschaftet, zum anderen ist der Kostenapparat für die Herstellung der Trennwände niedriger als für den Messebau, der viel aufwendiger ist. Außerdem habe ich viele Ideen für den Gastrobereich und Hotels, wenn die Schutzmaßnahmen weiter gelockert werden sollten. Ob ich bis Ende des Jahres weiter Plexiglaswände produzieren werde, kann ich nicht sagen, denn der deutsche Markt könnte dann gesättigt sein. Aber ich führe schon Gespräche mit ausländischen Auftraggebern, die an meinen Konstruktionen interessiert sind.“

Dürfen wir uns die mal ausleihen?

Dr. Stephen Weich ist Geschäftsführer und Mitgründer des Münsteraner Start-ups Flaschenpost. Der 36-Jährige beschäftigt bundesweit rund 6.000 Mitarbeiter in seinem Lieferunternehmen.

Stephen Weich
© PR

Dr. Stephen Weich, Mitgründer von Flaschenpost

„Wir haben vor vier Jahren als Getränkelieferant angefangen. Bereits vor der Corona-Krise sind im Laufe der letzten Jahre weitere Produkte dazugekommen, wie Reinigungsartikel, Konserven und Toilettenpapier. Die Zahl der Bestellungen sind nach Beginn des Lockdowns stark gestiegen. Im Moment brauchen wir bis zu 1.000 neue Mitarbeiter, um mit den Lieferungen hinterherzukommen. Da kam mir eine Idee.

Es gab ein virtuelles Treffen mit dem nordrhein-westfälischen Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart und einigen Start-ups, und wir sprachen in der Runde über Möglichkeiten einer Zusammenarbeit: Wir ,leihen‘ uns Mitarbeiter von Unternehmen aus, die ihre Angestellten für eine gewisse Zeit freistellen müssen. Damit bieten wir den Menschen und den Unternehmern eine Perspektive – als temporäre Lösung, als Lagerarbeiter, Kurier oder in der Verwaltung. Besonders die Gastrobranche hat die Corona-Krise schwer getroffen, und diese Mitarbeiter bieten sich für unsere Branche genauso an.

Zurzeit sind wir in Gesprächen mit sechs Unternehmen, die von der Idee begeistert sind. Für uns alle ist das eine Win-win-Situation. Die einzige Hürde ist nur noch das schwierige Thema der Arbeitnehmerüberlassung: Die Zeiträume der ,Leihgabe‘ müssen arbeitsrechtlich genau geklärt werden, und auch die Höhe des Lohns ist noch unklar. Ich denke, dass wir schnell Lösungen finden, um die Krise zusammen zu meistern.“

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Alexander von Tomberg
Titelfoto: © iStock/PhotographyFirm