Bei Schmaus arbeiten Gehörlose mit Datenbrillen

In­klu­si­on in Un­ter­neh­men

Ge­hör­lo­se ar­bei­ten mit Da­ten­bril­le

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A

Die Schmaus GmbH mit Sitz im sächsischen Hartmannsdorf vertreibt bundesweit Büroartikel, Verbrauchs- und Werbematerialien. Für seine Vorreiterschaft im Bereich Inklusion von Mitarbeitern mit Handicaps hat das familiengeführte Unternehmen schon mehrere Auszeichnungen erhalten, darunter auch den Inklusionspreis für die Wirtschaft 2018. Wir haben mit Prokuristin Daniela Schmaus darüber gesprochen, was es heißt, Menschen mit Handicaps in den Arbeitsalltag zu integrieren.

Faktor A: 12 von 48 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Schmaus GmbH haben eine schwere Behinderung. Ihr Unternehmen ist ein Vorreiter im Bereich Inklusion und hat schon mehrere Auszeichnungen erhalten. Wie ist es dazu gekommen?

Daniela Schmaus: Die Schmaus GmbH wurde 1990 kurz nach der Wende gegründet und hatte die ersten zehn Jahre keine Mitarbeiter mit Behinderungen. Im Jahr 2000 hatten wir dann eine sehr interessante Bewerbung für eine Stelle im Vertrieb von einem Interessenten, der nur einen Arm hatte. Damals ist man in unserer Branche noch mit schweren Musterkoffern und Präsentationsmaterialien zu den Kunden gefahren. Das wäre für ihn schwierig geworden. Aber er passte so gut in unser Team, dass wir ihn eingestellt und an anderer Stelle eingesetzt haben. Mittlerweile arbeitet er in der Codierabteilung, wo unter anderem Überweisungsbelege für unsere Kunden personalisiert werden. Die erfolgreiche Inklusion dieses ersten Mitarbeiters mit Behinderung hat es uns leicht gemacht, den Schritt zu weiteren Einstellungen zu gehen. Für diese Entscheidungen war es jedes Mal hilfreich, zuverlässige Partner wie die Bundesagentur für Arbeit an der Seite zu haben, die bei der Eingliederung von Menschen mit Behinderung individuelle Unterstützungsleistungen ermöglichen.

Welche anderen Behinderungen haben Ihre Mitarbeiter?

Ein Großteil der Mitarbeiter mit Behinderungen hat eine sehr schwere oder völlige Hörbeeinträchtigung. Es gibt auch Mitarbeiter mit Organstörungen infolge von schweren Krankheiten. Und einer unserer Mitarbeiter ist Autist. Autisten haben ja die Eigenschaft, dass sie sehr genau arbeiten und sich auf bestimmte Aufgaben extrem konzentrieren können, was uns sehr zugute kommt.

Und wie funktioniert die Kommunikation untereinander?

Wir achten bei jedem Mitarbeiter mit Behinderung, der neu zum Team kommt, darauf, sehr klar zu sagen, welche Hilfen zur Kommunikation er oder sie braucht. Als viele hörbehinderte Kollegen dazu kamen, haben alle Mitarbeiter bei uns im Haus ein so genanntes Kollegenseminar unter der Leitung der Landesdolmetscherzentrale in Zwickau gemacht. Die Mitarbeiter arbeiteten mehrere Tage in gemischten Gruppen, was dazu geführt hat, dass die Hörenden sich besser in die Gehörlosenkultur einfühlen und eindenken konnten. Natürlich haben auch alle einige Gebärden gelernt, manche haben das später auf eigene Initiative noch ausgebaut.

Daniela Schmaus, Schmaus GmbH
© Schmaus GmbH

Daniela Schmaus

Wie oft ist eine Gebärdensprachdolmetscherin bei Ihnen im Unternehmen?

Im Durchschnitt haben wir ein bis zweimal pro Monat Gebärdendolmetscher im Haus. Bei der Einführung größerer Neuerungen achten wir immer darauf, dass eine Gebärdendolmetscherin oder ein Gebärdendolmetscher vor Ort ist, damit wirklich alle den gleichen Wissensstand haben. Vieles andere geht natürlich auch über Email oder Stift und Zettel. Doch wenn es mal eilt, machen die Gebärdendolmetscher/-innen vieles möglich. Sie gehören bei uns mittlerweile quasi zur Familie, kennen unsere Abläufe sehr gut und sind auch bei den Weihnachtsfeiern dabei.

In welchen Abteilungen sind die 12 Menschen mit Behinderungen bei Ihnen beschäftigt?

Die meisten der gehörlosen Kollegen sind in der Kommissionierung tätig, wo sie ihre Fähigkeit, besonders gut zu sehen und zu beobachten, voll ausspielen können. Sie arbeiten dort mit modernen Datenbrillen, über die sie auch Nachrichten versenden können, falls ein Artikel, den sie kommissionieren sollen, nicht mehr vorhanden ist. Auch die hörenden Mitarbeiter in der Kommissionierung nutzen die Datenbrillen. Das ist sehr schön, weil die gehörlosen Mitarbeiter so keinen Sonderstatus haben und Inklusion wirklich zum Tragen kommt. Andere Mitarbeiter mit Handicaps arbeiten im Verpackungsbereich, in der Codierung und in der Auftragsbearbeitung im Büro.

Seit wann nutzen Sie diese Datenbrille?

Das Forschungsprojekt „Work-by-Inclusion“, das wir in Zusammenarbeit mit der TU München und dem Fürstenfeldbrucker Lagerverwaltungssoftware-Anbieter CIM GmbH durchführen, startete vor vier Jahren. Wir haben damit begonnen, aus 80 am Markt erhältlichen Datenbrillen die geeignetsten auszuwählen und sie unseren Kollegen in der Kommissionierung zur Verfügung zu stellen. Sie testeten, mit welchen sie am besten zurecht kommen, bis wir schließlich das für unsere Zwecke beste Modell herausgefiltert hatten. Wir waren hier sehr sorgfältig, da die Kollegen die Datenbrillen ja für mehrere Stunden am Tag auf der Nase haben. Sie dürfen also zum Beispiel nicht zu schwer sein und auch nicht so geformt, dass man darunter schwitzt. Seit Ende 2017 wird die Datenbrille in unserem Unternehmen eingesetzt.

Gehörlose Mitarbeiter hatten sie aber schon lange vorher?

Ja, damals mussten wir uns noch anders behelfen. Das war umständlicher, da die Kommissionierung anhand von Papierbelegen erfolgte. Auch für die autistischen Mitarbeiter war das schwieriger, da auf dem Beleg beispielsweise sieben Positionen auf einmal standen. In der Datenbrille wird nun immer ein Arbeitsschritt nach dem anderen angezeigt, sodass es keine Verwechslungen von Positionen und Mengen mehr gibt. Das resultiert in einer recht großen Zeitersparnis.

Wie und von wem wird die Einstellung von Menschen mit Handicap gefördert?

Förderungen gibt es insbesondere, wenn man für Mitarbeiter mit Handicap eine spezielle Arbeitsausstattung benötigt. Da hilft etwa der Integrationsfachdienst. Zudem fördert die Bundesagentur für Arbeit über Eingliederungszuschüsse die Einarbeitung von Menschen mit Behinderung. Wenn man sich entschlossen hat, einen Menschen mit Handicap einzustellen, kann man davon ausgehen, dass man für speziell benötigte Arbeitsmittel, auch eine teilweise Förderung bekommt.

Guido Squarra arbeitet bei Schmaus in der Logistik
© Schmaus GmbH

Guido Squarra arbeitet bei Schmaus in der Logistik

Mitarbeiter Guido Squarra

„Mein Handicap spielt keine Rolle“

„Im Jahr 2000 war ich der erste Mitarbeiter mit einem Handicap bei der Firma Schmaus.
Im Bereich Logistik wurden für mich Aufgabenbereiche gefunden, die ich ohne Hilfe anderer Kollegen selbständig ausführen kann. Schnell hat sich herausgestellt, dass ich für meine Kollegen und das Unternehmen aufgrund meiner Fähigkeiten eine große Unterstützung bin.
Mein Handicap spielt dabei gar keine Rolle. Das ist für mich Inklusion“.

Sie würden anderen Firmen also Mut machen, diesen Weg ebenfalls zu gehen?

Absolut. Auch Seminare, in denen sich Kollegen mit und ohne Behinderungen besser kennenlernen können, werden unterstützt. Natürlich muss man als Unternehmen für Inklusion etwas investieren, aber man bekommt sehr viel zurück. Viele Menschen mit Handicap hatten es auf dem Arbeitsmarkt immer schwer, sie hatten etwa noch nie einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Wenn wir ihnen einen sicheren Arbeitsplatz bieten, zahlen sie es mit sehr hoher Motivation und Loyalität zurück.

Was war die größte Herausforderung bei der Inklusion?

Wir hatten einen Mitarbeiter, der absolut nicht mit Menschen mit Behinderungen zusammenarbeiten wollte. Er sagte ganz kategorisch „Ich kann und will nicht mit denen“. Letzten Endes mussten wir uns deshalb trotz seiner ansonsten hervorragenden Arbeitsleistung von ihm trennen.

Worauf müssen Firmen, die einen ähnlichen Weg gehen wollen, hauptsächlich achten?

Man muss schon einiges an zeitlichen Ressourcen einplanen, um einen Integrationsplan zu erstellen, ein Integrationsteam zu implementieren und sich mit allen relevanten Stellen zu vernetzen. Obwohl wir schon 18 Jahre mit Menschen mit Handicaps arbeiten, haben wir bei der Verleihung des Inklusionspreises 2018 noch ganz neue, engagierte Menschen kennengelernt, mit denen wir seither in engem Kontakt stehen. Es macht sehr viel Freude zu sehen, wie das Netzwerk, zu dem man gehört, immer größer wird und man immer mehr Know-how im Bereich Inklusion erwirbt.

Gibt es in Ihrer Branche einen Fachkräftemangel?

Das kann man so sagen. Es ist nicht einfach, gute und engagierte Fachkräfte zu bekommen. Deshalb ist es für uns ein großer Vorteil, dass wir die Voraussetzungen geschaffen haben, um auch Mitarbeiter mit Handicap zu beschäftigen. Wir sind sehr gerne bereit, interessierten Führungskräften vor Ort zu zeigen, wie es aussieht, wenn 25 Prozent der Belegschaft ein schweres Handicap haben. Natürlich beeinflusst das auch die Unternehmensphilosophie.

„Je mehr Menschen am Arbeitsplatz mit Kollegen mit Handicaps konfrontiert werden, desto einfacher wird das Miteinander in der Gesellschaft.“

Arbeiten Sie auch mit Quereinsteigern – egal ob behindert oder nicht?

Ja, das tun wir. Einer unserer gehörlosen Mitarbeiter ist zum Beispiel gelernter Fliesenleger. Eine andere ist technische Zeichnerin. Wir stellen gerne Quereinsteiger ein, wenn die Leistungsbereitschaft da ist und sich der Mitarbeiter mit seinem neuen Aufgabengebiet identifizieren kann.

Und wie sieht es mit Ausbildungsplätzen in der Schmaus GmbH aus?

Wir bilden seit 1995 aus und haben zur Zeit drei Azubis. Momentan ist kein Auszubildender mit Handicap dabei, aber wir haben Menschen mit Behinderung bereits zur Fachkraft für Lagerlogistik ausgebildet.

Wie waren die Reaktionen auf den Gewinn des Inklusionspreises 2018?

Der Bürgermeister von Hartmannsdorf unterstützt die Gewerbetreibenden sehr und hat uns gleich gratuliert. Auch von den Kunden kam sehr viel positives Feedback. Sie finden es offensichtlich sehr gut, von einem Anbieter zu kaufen, der sozial engagiert ist – und haben teilweise auch nachgefragt, was wir da in Sachen Inklusion eigentlich genau machen. Wir selbst freuen uns sehr, dass das Thema in der Gesellschaft immer größere Bedeutung gewinnt. Je mehr Menschen am Arbeitsplatz mit Kollegen mit Handicaps konfrontiert werden und feststellen, dass man mit ihnen problemlos zusammenarbeiten kann, desto einfacher wird das Miteinander in der Gesellschaft.

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Inklusionspreis für die Wirtschaft 2019

Bewerbungen für den Inklusionspreis für die Wirtschaft 2019 werden noch bis zum 31. Oktober 2018 entgegen genommen. Die Initiatoren des Preises, der zum siebten Mal vergeben wird, sind die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, die Charta der Vielfalt und das UnternehmensForum. Weitere Informationen und die Bewerbungsunterlagen: www.inklusionspreis.de

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Anne Reis
Titelfoto: © Zeichensetzen/Harms

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