Mann macht Sport im Homeoffice

Mitarbeitergesundheit während Corona

„Gesundheit interessiert gerade alle“

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Gesunde Mitarbeitende sind eine wichtige Säule des Unternehmenserfolges. Doch wie funktioniert Betriebliches Gesundheitsmanagement, wenn alle im Homeoffice sind? BGM-Experte Jan-Frederik Kolthoff klärt auf.

Faktor A: Viele Angestellte in Deutschland sind seit Monaten im Homeoffice. Wie geht es ihnen dort?

Jan-Frederik Kolthoff: Nach über einem Jahr Corona macht sich zunehmend die soziale Isolation bemerkbar. Der Austausch mit den Kollegen und Kolleginnen in der Kaffeeküche fehlt, hinzu kommen die vielen schlechten Nachrichten. Die Work-Life-Balance, wie es sie vor Corona gab, ist aufgelöst. Arbeit und Freizeit sind keine getrennten Welten mehr, Sorgen bleiben nicht mehr im Büro, der Abstand zum Job fehlt. Auch die Möglichkeiten, einen Ausgleich in der Freizeit zu finden, sind extrem eingeschränkt. Die mentale Belastung ist inzwischen enorm.

Was heißt das fürs Betriebliche Gesundheitsmanagement?

Durch die Arbeit im Homeoffice entsteht neuer Bedarf in jedem der vier Bereiche des Betrieblichen Gesundheitsmanagements: Bewegung, Ernährung, mentale Gesundheit und Sucht. In Sachen Bewegung ist jetzt etwa der Arbeitsplatz zu Hause wichtig: Wie gestaltet man ihn ergonomisch? Und wie bringt man die Mitarbeitenden in Bewegung, wenn der Arbeitsweg wegfällt? Im Bereich der mentalen Gesundheit sind Stress und Depressionen zusehends ein Thema, die Burn-out-Quote steigt seit Corona. Viele Angestellte haben Ängste und sind gestresst. Sie arbeiten im Homeoffice eher mehr als weniger, weil sie dort effizienter sind, auch die Meeting-Quote ist dank digitaler Tools höher. Gleichzeitig beschäftigen sich durch die Pandemie viele deutlich mehr mit dem Thema Gesundheit.

Was bedeutet das für Arbeitgeber?

Arbeitgeber haben jetzt bessere Chancen, ihre Mitarbeitenden mit Maßnahmen aus dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement zu erreichen. Das Thema Gesundheit interessiert gerade alle. Mehr noch: Viele Angestellte fordern explizit Maßnahmen ein. Sie suchen gezielt nach Ruhe-Oasen und sehnen sich nach Techniken, die ihnen helfen, besser mit der aktuellen Situation umzugehen. Wer jetzt als Arbeitgeber entsprechende Angebote macht, schafft echte Highlights im Alltag seiner Angestellten.

„Wer jetzt als Arbeitgeber entsprechende Angebote macht, schafft echte Highlights im Alltag seiner Angestellten.“

Wie können solche Maßnahmen aussehen?

Derzeit findet natürlich alles digital statt. Denkbar sind etwa 1:1-Video-Coachings, bei denen eine Expertin oder ein Experte dabei hilft, den Arbeitsplatz ergonomisch zu gestalten, zeigt, wie man richtig sitzt, welche Übungen für Entlastung sorgen. Das kann auch als Video-Workshop umgesetzt werden, an dem gleich mehrere Mitarbeitende teilnehmen. Solche Workshops funktionieren in jedem Bereich und zu vielen Themen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Man kann darüber hinaus digitale Sprechstunden anbieten, bei denen die Mitarbeitenden ihre Sorgen vertraulich mit einem Mental Coach besprechen können. Auch in sich abgeschlossene Video-E-Learning-Programme erzielen in der Regel eine tolle Resonanz. Zum Beispiel eine Resilienz-Academy: ein mehrwöchiger Kurs, in dem man alles über Stressmanagement, Achtsamkeit und gesunden Schlaf lernt. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Was sind die Vorteile von digitalen Maßnahmen?

Digitale Maßnahmen sind besser messbar und bewertbar als analoge Maßnahmen, und man erreicht mit ihnen deutlich mehr Mitarbeitende. Wer seinen Angestellten vor Corona einmal pro Woche um 17 Uhr einen Yoga-Kurs im Büro angeboten hat, hat Teilzeitkräfte, die um 13 Uhr gehen, nicht erreicht. Digitale Angebote können in einer Mediathek gesammelt werden und sind dann dauerhaft, jederzeit und für jeden abrufbar. Damit sinken die Investitionen pro Maßnahme teils deutlich.

Was sollten Arbeitgeber beachten?

Wer viele Mitarbeitende zum Mitmachen bewegen möchte, muss die Maßnahmen positiv formulieren, auf den Mehrwert hinweisen, sie als etwas verkaufen, was mich als Mitarbeitenden besser und gesünder macht. Dabei hilft es, in abgeschlossenen Kampagnen zu denken. Der „4-Wochen-Yoga-Kurs gegen Rückenschmerzen“ wird mehr Mitarbeitende ansprechen als der normale, wöchentliche Yoga-Kurs. Weil der Nutzen klarer ist. Es darf keine Einstiegsbarriere geben. Jeder muss sofort verstehen, worum es geht, und mitmachen können. Bestenfalls integriert man noch ein Punkte- oder Belohnungssystem, das fördert die Motivation – gleichzeitig sind die Maßnahmen so noch besser zu tracken. Und: Corona überflutet uns mit News und Wissen. Es braucht deshalb kurze, kurzweilige Inhalte. Kürzere Trainings sind nachweislich nachhaltiger und besser. 15 Minuten reichen – danach steigt die Abbruchquote rapide an.

© Kolthoff

Was sind die größten Herausforderungen?

Am wichtigsten ist das Thema Kommunikation. Es gilt, den richtigen Kanal und die richtige Ansprache zu finden. Das Problem: Nach Monaten im Homeoffice setzt so langsam eine Zoom-Müdigkeit ein. Ein bewusster Kanalbruch kann daher durchaus Sinn machen. Unternehmen müssen sich überlegen, wie sie ihre Mitarbeitenden zu Hause am besten erreichen. Ein kurzes 20-Sekunden-Video mit News zum BGM-Angebot, das man auf dem Handy anschauen kann, kriegt vielleicht mehr Aufmerksamkeit als eine E-Mail. Die Maßnahmen selbst müssen optisch ansprechend aufgearbeitet sein und digital funktionieren. Gerade wenn komplexes Wissen vermittelt werden soll, kommt man an Videos eigentlich nicht vorbei. Dafür müssen die technischen Voraussetzungen geschaffen werden. Wenn es hakt, macht keiner ein zweites Mal mit. Auch das Thema Datenschutz ist natürlich wichtig.

Wie startet man am besten?

Schon kleine Maßnahmen reichen. Wie eine bewegte Pause pro Woche. Oder ein digitaler Kochkurs als Team-Event, bei dem alle zusammen gesund kochen und dann gemeinsam essen. Das kostet nicht viel und wird einiges bewirken. Denn solche Angebote werden immer als Benefit wahrgenommen. Das löst was bei den Mitarbeitenden aus, sie blühen auf. Man kann so eine völlig neue Unternehmenskultur schaffen. Deshalb rate ich, einfach mal klein anzufangen und vielleicht nach und nach die Maßnahmen auszubauen. Wer nicht weiß, was er tun soll, kann ruhig direkt im Team fragen: Was wünscht ihr euch eigentlich in diesem Bereich von uns?

„Fragen Sie Ihr Team: Was wünscht ihr euch im Bereich Gesundheit von uns?“

Was hat das Unternehmen selbst vom Betrieblichen Gesundheitsmanagement?

Betriebliches Gesundheitsmanagement steigert die Performance, macht Mitarbeitende effizienter und hält sie gesünder. Dadurch werden Ausfälle vermindert oder gar verhindert – und das spart natürlich Kosten. Wenn jemand mit Burn-out für sechs bis zwölf Monate fehlt, ist das richtig teuer fürs Unternehmen. Außerdem ist Betriebliches Gesundheitsmanagement ein wichtiger Bestandteil des Employer Brandings. Denn die Maßnahmen sind immer positiv behaftet.

Geht es heute überhaupt noch ohne Betriebliches Gesundheitsmanagement?

Mittelfristig kommt kein Unternehmen mehr daran vorbei. Gerade wenn man immer wieder neue, gute Mitarbeitende gewinnen will. Für junge Menschen ist das Thema Gesundheit heute sehr relevant. Was ein Arbeitgeber in dem Bereich bietet, ist für viele Young Talents sogar wichtiger als das Gehalt. Betriebliches Gesundheitsmanagement muss also selbstverständlich in der Arbeitskultur manifestiert werden. Unternehmen wie Google und Facebook machen es vor – da kann man sich einiges abgucken.

Wie geht es nach Corona mit dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement weiter?

In vielen Unternehmen werden sich Hybridmodelle aus der Arbeit im Homeoffice und der Präsenz im Büro etablieren. Die BGM-Strategie muss auch zukünftig immer zu einem Teil digital sein. Die Maßnahmen, die jetzt entwickelt werden, haben auch nach Corona Bestand und können dann gezielt mit analogen Angeboten kombiniert werden. Es lohnt sich also auf jeden Fall, jetzt etwas zu tun.

Jan-Frederik Kolthoff ist Geschäftsführer von move UP Gesellschaft für Gesundheitsmanagement mbH mit Standorten in Hamburg, Berlin und München. Move UP unterstützt Unternehmen wie Edeka, Fielmann und Otto beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement.

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Die Initiative Neue Qualität der Arbeit INQA hat mit „Gesunde Mitarbeiter – gesundes Unternehmen. Eine Handlungshilfe für Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)“ einen kostenlosen Leitfaden erstellt, der bei den ersten Schritten zu einem Betrieblichen Gesundheitsmanagement unterstützen kann.


Nicole Benke
Titelfoto: © iStock/Visualspace

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