Warum viele Unternehmen nach Deutschland zurückkehren

Global denken, lokal produzieren

Services der Bundesagentur für Arbeit
Mein Faktor A
Zum Lesen scrollen

Die Globalisierung ist eine Erfolgsgeschichte. Doch nachdem Unternehmen jahrzehntelang Aufgaben ins Ausland verlagert haben, holen viele jetzt sowohl Arbeitsplätze als auch Produktion zurück nach Deutschland. Für welche Arbeitgeber:innen lohnt sich das?

Es ist teuer, in Deutschland zu produzieren. Zu teuer, sagten viele Unternehmen und verlagerten diese Aufgaben ins Ausland. Dieses Offshoring mochte Arbeitsplätze in Deutschland kosten, infrage gestellt wurde es nicht. Das ändert sich jetzt, seitdem die Warenströme in der globalisierten Welt nicht mehr problemlos fließen. Weil in chinesischen Häfen coronabedingt wochen- und monatelang alles stillsteht. Weil bestimmte Ersatzteile nirgendwo zu kriegen sind. Und nicht zuletzt, weil ein Land ein anderes überfällt und damit nebenbei demonstriert, dass der „Wandel durch Handel“-Ansatz Grenzen hat. 

Globale Warenströme sind anfällig: Diese Botschaft ist angekommen bei deutschen Unternehmen. Sie müssen reagieren auf Lieferengpässe, auf wegbrechende Märkte und Handelspartner. Was lange Jahre berechenbar erschien, erweist sich heute als unberechenbar. „Wir müssen ein paar Paradigmen auflösen, die bisher immer galten“, sagt beispielsweise Andreas Schick in einem Interview mit der Branchenzeitschrift MaschinenMarkt. Schick ist Vorstand für Produktion und Supply Chain Management beim Autozulieferer Schaeffler. „Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir kürzere Lieferketten schaffen.“ Je länger und komplexer die Lieferketten, desto schwieriger werde es, schnell auf Probleme zu reagieren. 

Die deutschen Unternehmen reagieren – und das schnell –, indem sie auf „Reshoring“ und „Nearshoring“ setzen. Das Netz der Liefernden wird nicht mehr global, sondern nur über Deutschland (Reshoring) und die benachbarten Staaten (Nearshoring) gespannt. „Wer ins Nearshoring geht, hat vor allem den Wunsch, dass die Lieferketten flexibler sind“, erklärt Monika Eigenstetter, Professorin für Arbeitspsychologie an der Hochschule Niederrhein, gegenüber Deutschlandfunk Kultur. Dieser Wunsch ist keineswegs neu, doch heute kann Flexibilität überlebenswichtig sein – wenn sonst das Geschäft zum Erliegen kommt.

Mehr Flexibilität für Lieferketten

Bereits im Sommer 2020, also im ersten Corona-Jahr, suchten laut einer DIHK-Umfrage 38 Prozent der international ausgerichteten Unternehmen nach neuen Liefernden. „Ich halte es für richtig, dass man für bestimmte Produkte auch heimische Produktion braucht, um sich nicht komplett abhängig zu machen von Lieferungen aus aller Welt“, sagte die Wirtschaftsweise Veronika Grimm schon damals. Und der Ökonom Bert Rürup sagte voraus: „Teile von Wertschöpfungsketten dürften renationalisiert werden.“ 

Heute ist es so weit. Jeder fünfte Industriebetrieb sortiert sich neu. Zwölf Prozent setzen verstärkt auf deutsche Zulieferer, um unabhängiger von ausländischen Liefernden zu werden. Und weitere sieben Prozent, schreibt Dalia Marin, Professorin an der TU München, für Project Syndicate, verabschieden sich von Liefernden und erledigen diese Aufgaben im eigenen Haus. 

Andere Umfragen zeichnen ein noch deutlicheres Bild. Eine aktuelle ABB-Umfrage unter deutschen Führungskräften besagt, dass 86 Prozent planen, ihre Lieferketten wieder auf Deutschland oder zumindest auf die Europäische Union zu konzentrieren, um widerstandsfähiger gegenüber Krisen zu werden. Besonders durchgeschüttelt wird die Logistikbranche. Wenn die nächste größere Krise komme, bestätigten Logistikmanager:innen für eine Umfrage des BME (Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik), sei das Überleben ihrer Arbeitgeber:innen existenziell gefährdet. 

… und dann noch diese Qualitätsfragen

Das Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung hat Rückkehrer schon vor einiger Zeit nach ihren Gründen befragt. Probleme mit der Qualität und „eingeschränkte Reaktionsmöglichkeiten auf Auftragseingänge“ benannten mehr als die Hälfte der zurückkehrenden Unternehmen als Motiv. Jedes vierte sagte, der Aufwand für die Koordination und Betreuung der ausländischen Standorte sei zu hoch. Besonders häufig kehren Unternehmen mit hohem Digitalisierungsgrad zurück. Laut Fraunhofer-Studie liegt das vor allem daran, dass IT-Expertise überall gefragt ist – und entsprechend teuer bezahlt werden muss. Das gilt auch in China, früher aufgrund der niedrigen Lohnkosten als „verlängerte Werkbank“ deutscher Firmen genutzt. „China ist kein flächendeckendes Niedriglohnland mehr“, sagt Steffen Kinkel von der Hochschule Karlsruhe gegenüber Deutschlandfunk Kultur. „Spezialisten sind teilweise genauso teuer oder sogar teurer als hier.“ Warum also nicht schauen, was in Deutschland geht?

Die Arbeitskosten, ursprünglich Auslöser für den Offshoring-Trend, sind jedenfalls nicht mehr so wichtig. Da immer mehr Aufgaben von Robotern erledigt werden können, argumentiert Ökonomie-Professorin Dalia Marin, können Werke in Deutschland zu ähnlichen Preisen produzieren wie ihre Pendants in Asien. Und das verlässlicher und flexibler. 

Maschinen ersetzen Fachkräfte

Zusätzliche Arbeitsplätze wird es also kaum geben – vielleicht ist das gar nicht so schlimm in Zeiten grassierenden Fachkräftemangels. Laut ABB-Studie wollen 84 Prozent der befragten deutschen Unternehmen jetzt in Robotik und Automatisierung investieren, damit sich Reshoring oder Nearshoring auch rentiert. Denn die grundlegende Basis hinter dem Offshoring-Gedanken stimmt ja weiterhin: Höhere Produktionskosten führen zu höheren Preisen, was sich auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit auswirkt. 

Ein Ende der Globalisierung wollen deshalb auch die Rückkehrer nicht ausrufen. Es wird bewusster geschaut, wo die Warenströme ins Stocken geraten könnten – und wie man dagegenhalten kann, um flexibel und handlungsfähig zu bleiben. Vielleicht kennen sie auch die Studie des ifo-Instituts, das durchgerechnet hat, wie sich die deutsche Wirtschaftsleistung bei einer kompletten Rückverlagerung der globalen Produktion entwickeln würde: Die Produktivität würde um etwa zehn Prozent einbrechen. Und damit wäre nun wirklich niemandem geholfen.

Immer gut informiert

Faktor A als Newsletter
Personalsuche, Qualifizierung, Führungsfragen – fundiert, auf den Punkt und kostenlos, alle zwei Wochen: Jetzt zum Faktor-A-Newsletter anmelden!

Faktor A als Podcast
Alle Folgen des Faktor-A-Podcasts können Sie über Deezer, Google Podcasts, Spotify, Apple Podcasts und Amazon Music hören.

Faktor A auf Facebook
Noch mehr Faktor A gibt es auf Facebook:
Zur Faktor-A-Facebookseite


Michael Prellberg
Titelfoto: ©iStock/Fokusiert