Innovationspreis Vereinbarkeit 2022

Sie suchen Ideen zur Vereinbarkeit? Diese sind ausgezeichnet!

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Stundenspenden in der Bank, eine Mitarbeitenden-App im Bergbau-Unternehmen, flexible Wahl der Arbeitstage beim Elektrobetrieb und finanzielle Förderung von Teilzeit beim Pharmakonzern: Ideen, um Familie und Beruf für ihre Mitarbeitenden in Einklang zu bringen, beschäftigen derzeit viele Unternehmen in Deutschland. Eine bessere Work-Life-Balance anzubieten, ist ein wichtiger Teil der Strategien, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Vier Unternehmen haben für ihre Konzepte jetzt den „Innovationspreis Vereinbarkeit“ des Bundesfamilienministeriums bekommen – wir stellen sie vor. Was sie alle gemeinsam haben? Die Ideen wurden während der Coronapandemie umgesetzt, als das Managen des Familien- und Berufsalltags herausfordernd war. Doch nun sollen sie beibehalten werden, um auch in Zukunft Fachkräfte zu bekommen.

Die 3-4-5-Tage-Woche: Wie viel darf’s denn sein?

Das Unternehmen:

e-koris ist ein Familienunternehmen im bayerischen Friedberg nahe Augsburg. Der Elektroinstallationsbetrieb wird von Daniel Brandstädter und seiner Frau Claudia geführt, die Eltern einer Tochter sind. Sie haben 14 Mitarbeitende.

Das Konzept:

Alle Mitarbeitenden können ihr Arbeitszeitmodell frei wählen und sich zum Beispiel für eine Drei-Tage-Woche entscheiden, in der er oder sie am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag arbeitet. Wenn sich die Lebensumstände ändern, können die Mitarbeitenden mit einem Vorlauf von vier Wochen zum Monatsanfang das Modell wechseln und zum Beispiel den Montag dazunehmen, um eine Vier-Tage-Woche zu haben. Sie haben auch jederzeit die Möglichkeit, wieder weniger zu arbeiten, wenn privat mehr Zeit benötigt wird.

Wie und wann kam es zu der Idee?

Ende 2019 startete das Projekt. Durch die Schulschließungen und Ausgangsbeschränkungen standen Claudia und Daniel Brandstädter wie viele andere vor dem Problem, die Kinderbetreuung der damals neunjährigen Tochter zu organisieren. Durch Gespräche mit den Mitarbeitenden wurde ihnen schnell klar, dass einige ähnliche Herausforderungen hatten – die Arbeitszeit sollte also individuell freier gestaltet werden.

© e-koris

Daniel Brandstädter

Wie wird das Angebot angenommen?

„Wir hatten einen Mitarbeiter, der über eineinhalb Jahre eine Drei-Tage-Woche hatte und dann in Vollzeit gewechselt ist“, sagt Daniel Brandstädter. Von 14 Mitarbeitenden haben aktuell sieben eine Vier-Tage-Woche gewählt und einer eine Fünf-Tage-Woche in Teilzeit.

Wie beeinflusst das Konzept die Innovationsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit des Unternehmens?

Laut Daniel Brandstädter sind die Mitarbeitenden motiviert, ausgeglichen und empfinden eine starke Loyalität zum Unternehmen. „Die Freude, hier aktiv mitzuarbeiten, wird gefördert. Da kommt die Wirtschaftlichkeit ins Spiel: Glückliche Mitarbeitende arbeiten effektiver und effizienter, was sich im Unternehmenserfolg widerspiegelt.“

Wie wichtig ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei der Suche nach Fachkräften?

Daniel Brandstädter sagt: „Arbeit sollte zum Familienleben passen. Das ist uns sehr wichtig. Wir wollen unsere gut ausgebildeten Fachkräfte halten und neue Mitarbeitende gewinnen. Flexible Arbeitszeitmodelle anbieten zu können, wird ein zentraler Aspekt sein, um beim aktuellen Arbeitskräftemangel noch gutes Personal zu gewinnen.“

© e-koris

Tim Pankratz

Was sagen die Mitarbeitenden?

Tim Pankratz, leitender Obermonteur und Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik:

„Wir haben vor Kurzem Nachwuchs bekommen. Ich nutze aktuell die Vier-Tage-Woche, um mehr Zeit mit meiner Familie zu haben. Mit mehr Freizeit steigt auch meine Motivation, in der Arbeit mein Bestes zu geben.“

Sie wollen Teilzeit? Da gibt’s einen Bonus

Das Unternehmen:

Die Roche Diagnostics GmbH ist Teil des Schweizer Pharmakonzerns Roche und beschäftigt knapp 16.000 Mitarbeitende in Deutschland.

Das Konzept:

Wenn Eltern innerhalb der ersten vier Lebensjahre ihres Kindes beide gleichzeitig für mindestens zwölf Monate in vollzeitnahe Teilzeit gehen – also wöchentlich zwischen 28 und 32 Stunden arbeiten –, erhalten sie eine einmalige Förderung von 10.000 bis 15.000 Euro. Dieses Angebot gilt auch dann, wenn nur ein Elternteil im Unternehmen beschäftigt ist.

Wie und wann kam es zu der Idee?

Im Unternehmen wurde beobachtet, dass viele Mütter mit einer deutlich reduzierten Arbeitszeit in den Beruf zurückkehren, auch wenn sie sich etwas anderes wünschen. Sie haben dadurch geringere Chancen auf Stellen mit Potenzial zur Karriere-Entwicklung. Viele andere Angebote von Roche konnten den „Karriereknick Kind“ nicht auffangen – und weil auch gesellschaftlich Teilzeit immer noch Frauensache ist, wollte Roche an diesem Punkt ansetzen und startete im September 2021 das Projekt „DasElternPlus“.

Wie wird das Angebot angenommen?

Stand Oktober 2022 nahmen fünf Prozent der Berechtigten das Angebot an. In vielen Fällen geht der zweite Elternteil, der nicht bei Roche arbeitet, bei seinem Arbeitgeber ins Gespräch, sodass das Projekt über das Unternehmen hinauswirkt.

© Roche

Marie-Luise Stallecker

Wie wirksam ist das Projekt?

Das Projekt ist als Pilot für zwei Jahre gestartet worden, anschließend wird es auf seine Effektivität geprüft. „Die bisherigen Rückmeldungen stimmen uns positiv, dass die Maßnahme viel Anklang findet und dazu führt, dass die Eltern auch über die zwölf Monate hinaus die Care- und Erwerbsarbeit gleichberechtigt aufteilen“, sagt Marie-Luise Stallecker, Mitinitiatorin des Programms.

Wie beeinflusst das Konzept die Innovationsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit des Unternehmens?

„Um führend in unserem Gebiet zu bleiben, benötigen wir die besten Talente“, sagt Stallecker. „Gleichzeitig wächst die Konkurrenz um Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt stetig.“ Deshalb seien auch in diesem Bereich unbedingt innovative Lösungen nötig.

© Roche

Boris Hansch

Was sagen die Mitarbeitenden?

Boris Hansch, People & Culture Insights and Compliance Partner:

„Bereits nach der Geburt meines ersten Kindes habe ich mich immer intensiver mit dem Gedanken eines ‚Daddy in Teilzeit‘ auseinandergesetzt. Fragen wie finanzielle Rückschritte auf der einen, aber mehr freie Zeit für Familie, Freunde und Hobbys standen auf der anderen Seite. Dann kam das zweite Kind und zugleich die Möglichkeit von ‚DasElternPlus‘. So kann ich weiter an spannenden Themen arbeiten, gleichzeitig mehr Zeit mit der Familie verbringen und bin in beiden Bereichen motivierter, zufriedener und kreativer.“

Vereinbarkeit? Dafür gibt’s eine App!

Das Unternehmen:

Die Wismut GmbH kümmert sich um die Sanierung ehemaliger Bergbaubetriebe in Sachsen und Thüringen. Das bundeseigene Unternehmen sitzt in Chemnitz, die rund 800 Mitarbeitenden sind an unterschiedlichen Standorten tätig.

Das Konzept:

Wismut hat die App „wi2go“ ins Leben gerufen. Die Beschäftigten können darüber kommunizieren und erhalten Informationen. So bietet die App den orts- und zeitunabhängigen Einblick in das eigene Arbeitszeitkonto. Unter anderem die Projektgruppe „berufundfamilie“ informiert in der App über aktuelle Themen.

Wie und wann kam es zu der Idee?

Durch den Corona-Lockdown waren die meisten Beschäftigten nicht im Betrieb – gleichzeitig wuchs die Informationsmenge, und die üblichen Kommunikationskanäle reichten nicht aus. Mit der App „wi2go“, die Wismut seit Juli 2020 einsetzt, wurde ein schnellerer Informationsfluss erreicht.

Wie genau hilft die App, Beruf und Familie zu vereinbaren?

Alle Beschäftigten werden standortübergreifend und zeitgleich über die Angebote und Möglichkeiten zum Thema Beruf und Familie und über die Umsetzung der familienfreundlichen und lebensphasenorientierten Maßnahmen informiert. Beispiele sind Kontakthalteprogramme während der Familienzeit oder auch Gesprächsrunden zur Vereinbarkeit. Wismut geht es nicht nur um die Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung – auch die Balance zwischen Job und der Pflege alter oder kranker Verwandter steht im Fokus: „Jüngstes Beispiel ist die Suche nach Pflegelots:innen innerhalb des Unternehmens“, erklärt Gleichstellungsbeauftragte Elke Schmid. Diese wurden mit großer Resonanz auch über die App gesucht – und sie geben auch dort ihre Erfahrungen weiter und leisten unbürokratisch Hilfe.

© Thomas Ackermann

Elke Schmidt

Wie wirksam ist das Projekt?

Elke Schmid berichtet: „Anfangs war auf Seiten der Belegschaft große Skepsis zu spüren, und die Aussage war: Ich möchte keine betrieblichen Informationen auf meinem privaten Smartphone.“ Diese Einstellung habe sich komplett gewandelt. Die zahlreichen Funktionalitäten sind aus dem Alltag vieler Beschäftigten nicht mehr wegzudenken. „Es ist eine komplett neue Informations-, Kommunikations- und damit auch Unternehmenskultur entstanden“, so Schmid.

Wie beeinflusst das Konzept die Innovationsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit des Unternehmens?

„Es geht ganz klar um Wertschätzung, aber auch um viel mehr: um Transparenz, Verständnis, Kommunikation auf Augenhöhe und einen guten Austausch untereinander. Wenn viele dieser Felder positiv besetzt sind, dann wirkt sich das unweigerlich auf Ideenvielfalt und Erfolg im Unternehmen aus“, erklärt Elke Schmid.

© Wismut GmbH

Maik Schramm

Was sagen die Mitarbeitenden?

Maik Schramm, Mitarbeiter in der Abteilung Genehmigung/Qualitätsmanagement am Standort Chemnitz:

„Die Möglichkeit des mobilen Arbeitens hilft mir, den Beruf und die Familie zu managen und Engpässe besser zu bewältigen. Das betrifft in meinem Fall nicht mehr die Kinder, sondern vielmehr die Hilfe und Unterstützung für die Eltern und Schwiegereltern. Deshalb gebe ich auch meine eigenen Pflegeerfahrungen bei der Tätigkeit als Pflegelotse in der Wismut GmbH gern an meine Kolleginnen und Kollegen weiter.“

Gleitzeitstunden? Gibt’s aus dem Spendenpool

Das Unternehmen:

Die DZ BANK ist das Spitzeninstitut der Genossenschaftlichen FinanzGruppe Volksbanken Raiffeisenbanken sowie Geschäfts- und Handelsbank. Sie hat 5.342 Mitarbeitende.

Das Konzept:

Seit Februar 2021 werden Mitarbeitende mit minderjährigen Kindern, familiären Pflegeaufgaben oder anderen besonderen Herausforderungen während der Coronapandemie mit der Vergabe von Stunden aus einem Stundenpool zeitweise freigestellt, um so eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Der Stundenpool wurde gefüllt, indem Mitarbeitende erarbeitete Überstunden spendeten – für jede gespendete Stunde leistete die Bank eine Aufstockung von ebenfalls einer Stunde. Die Vergabe der Poolstunden an Mitarbeitende erfolgt nach einem Antrag, in dem er oder sie die Situation darstellt. Eine Ombudsstelle, die mit Vertretern und Vertreterinnen aus dem Personalbereich und dem Betriebsrat besetzt ist, entscheidet.

Wie wird das Angebot angenommen?

Aktuell befinden sich circa 13.500 Stunden im Pool, rund 800 Stunden (plus 800 aufgestockte durch die Bank) wurden an rund 50 Mitarbeitende vergeben. Die Zuwendungen lagen zwischen 20 und 300 Stunden. Wenn der Stundenpool den Bestand von 3.000 Stunden unterschreitet, könnte es eine neue Spendenaktion geben.

Warum passte genau diese Maßnahme bei Ihnen so gut?

„Der Stundenpool ist Ausdruck unserer genossenschaftlichen DNA. Wir sind stolz, dass Mitarbeitende ihre Kollegen nicht alleine lassen und dadurch gelebte Vereinbarkeit möglich machen. Den Mitarbeitenden ist es extrem wichtig, sich nicht ganz aus dem Berufsleben zurückzuziehen. Durch die Stundenspende kann beides vereinbart werden, und die Bank verhindert, dass Mitarbeitende komplett ausfallen“, sagt Christiane Erbacher, HR-Expertin bei der DZ Bank.

Geht es um Wertschätzung oder beeinflussen solche Maßnahmen auch ganz klar Innovationsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit des Unternehmens?

„Maßnahmen dieser Art zahlen aus unserer Sicht auf die Wirtschaftlichkeit der Bank ein. Mitarbeitende wollen heute beides: berufliche Entwicklungschancen und eine ausgewogene Work-Life-Balance“, sagt Christiane Erbacher. Diese Faktoren seien für die Berufswahl und den Verbleib im Unternehmen entscheidend, und eine familienbewusste Personalpolitik lohne sich: „Während Mitarbeitende durch flexible Arbeitszeiten und Arbeitsorganisation Freiräume für ihre Familien schaffen, profitieren Unternehmen von einer größeren Mitarbeiterzufriedenheit, reduzierten Kosten und einem Wettbewerbsvorteil durch die Einstellung und Bindung von Fachkräften“, sagt Christiane Erbacher.


Maria Zeitler
Titelfoto: © iStock/Dilok Klaisataporn

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